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analyse

Markus Virgil Hoehne

Al Shabaab in Somalia (1)

Al Shabaab entstand in der Zeit zwischen 2002 und 2003 vermutlich in Mogadischu, ohne dass der Name der Gruppe schon bekannt gewesen wäre. Die Entstehungszeit war von dem von USPräsident George W. Bush zwar 2001, nach den Anschlägen vom 11. September offiziell erklärten, in diesem Fall aber verdeckt geführten Krieg gegen den Terrorismus geprägt, den die amerikanische und äthiopische Regierung ab 2002 in Somalia führten.


Washington und Addis Abeba bezahlten Warlords und ihre Milizen dafür, somalische und ausländische Terrorverdächtige gefangen zu nehmen und an die Auftraggeber auszuliefern oder zu liquidieren. Eine ganze Serie von Übergriffen auf islamische Führer brachte die lokale Bevölkerung gegen die USA und Äthiopien auf und steigerte die Popularität der Islamisten. Extremistische Elemente unter den Islamisten nutzen diese Situation aus, um Gegenschläge gegen die Warlords und ihre Truppen zu führen und potenzielle Gegner eines militant- islamistischen Kurses in Somalia auszuschalten. 2003 und 2004 führten militante Extremisten mehrere Anschläge auf ausländische Helfer in Somaliland in Nordwestsomalia durch; auch im Süden wurden einzelne Ausländer getötet. Dieses war die „Aufwärmphase“ von Al Shabaab. Internationale Aufmerksamkeit erregte die Schändung eines aus der Kolonialzeit stammenden italienischen Friedhofs in Mogadischu im Jahr 2005 durch eine Gruppe unter der Führung von Aden Hashi Ayro. Diese Tat wurde von der überwiegenden Mehrheit der Somalis verabscheut. Allerdings brachte die Aktion den Extremisten die Bewunderung und die finanzielle Zuwendung einzelner somalischer Geschäftsmänner ein. Zudem floss angeblich Geld seitens der italienischen Regierung, um die Gebeine der ehemaligen Kolonialherren zurückzubekommen. Ab Anfang 2006 trat Al Shabaab offiziell als „Jugendorganisation“ der Union of Islamic Courts (UIC) in Erscheinung. Die UIC war ein Zusammenschluss von mehreren schon länger in Mogadischu und Umgebung existierenden Schari’a- Gerichtshöfen, die lokal für Ruhe und Ordnung sorgten. Die UIC war direkt gegen ein Bündnis von Warlords gerichtet, das sich Alliance for Restoration of Peace and Counter-Terrorism (ARPCT) nannte. Die ARPCT war 2005 geschaffen worden und wurde von den USA bezahlt. Im Februar 2006 griffen UIC-Einheiten die Truppen der Warlords an, um einem Schlag der Warlords zuvorzukommen. Nach monatelangen heftigen Gefechten in Mogadischu, bei denen sich besonders die nun einige hundert Kämpfer umfassenden Al Shabaab- Truppen unter Aden Hashi Ayro hervortaten, hatten die Gerichtshöfe im Juni die ARPCT besiegt. Die Legitimität der UIC wuchs schnell, da die Gerichtshöfe die Kontrollpunkte der Warlord- Milizen in der Hauptstadt und im Umland auflösten, den Müll aus Mogadischus Straßen entfernten sowie für Ruhe und Ordnung sorgten. Viele Gemeinden Südsomalias luden die UIC daraufhin ein, die Macht in ihrem Ort zu übernehmen. Somalis aus der europäischen und nordamerikanischen Diaspora kehrten zurück, da sie einen generellen Aufschwung in Südsomalia erwarteten. Bis Mitte 2006 konsolidierte die UIC ihre Kontrolle über Mogadischu und weite Teile Südsomalias. Der Machtzuwachs der Islamisten bedrohte die 2004 eingerichtete Übergangsregierung namens Transitional Federal Government (TFG). Das TFG unterstand dem ehemaligen Warlord und früheren Präsidenten von Puntland, Abdullahi Yusuf, der die Unterstützung Äthiopiens genoss. In Somalia war das TFG allerdings schwach. Es konnte sich nicht in Mogadischu etablieren, da ihm dort mächtige Klans und auch die Islamisten feindlich gesinnt waren. Es musste deshalb seinen provisorischen Sitz in der Stadt Baydhabo, rd. 240 km nordwestlich der somalischen Hauptstadt einrichten. Eritrea, der Erzfeind Äthiopiens seit Mitte der 90er Jahre, stellte sich auf die Seite der UIC. Die USA waren mit Addis Abeba verbündet. Dies war die Ausgangslage für zwei mögliche „Stellvertreterkriege“ in einem: Erstens stand „der Westen“ „den Islamisten“ gegenüber; zweitens bahnte sich eine Konfrontation zwischen Eritrea und Äthiopien an. Zunächst versuchte man jedoch, unter Vermittlung der Arabischen Liga Friedensverhandlungen zwischen TFG und UIC in Khartum voranzutreiben. Diese Verhandlungen scheiterten im Oktober 2006. Das Scheitern war auch ein „Erfolg“ von Al Shabaab, deren Mitglieder nicht nur die externen Mächte wie Äthiopien oder die USA, sondern auch führende Mitglieder der UIC provozierten. Al Shabaab nahm in Kooperation mit den Ras Kambooni Brigades unter Hassan Abdullahi Turki im September 2006 die wichtige Hafenstadt Kismayo südlich von Mogadischu ein. Dies war das erste Mal seit Juni 2006, dass Teile der UIC gewaltsam in Somalia agierten. Zudem riefen der Al Shabaab nahestehende Mitglieder der UIC internationale Jihadisten auf, nach Somalia zu kommen, um den Kampf gegen Äthiopien zu unterstützen. Dies verhärtete die Fronten und führte schließlich zu einer äthiopischen Militärintervention, die offiziell am 13.12.2006 begann und ungefähr 14.000 Soldaten sowie Luftunterstützung und Panzereinheiten umfasste.

Die Entwicklung zu einer starken Guerillagruppe
Innerhalb von nur einer Woche war die UIC militärisch besiegt. Die Führung der Gruppe war aus Mogadischu tief in den Süden Somalias und von dort aus zum Teil weiter nach Kenia und Eritrea geflohen. Splittergruppen militanter Islamisten organisierten jedoch schon ab Anfang 2007 den Widerstand gegen die äthiopischen Besatzer und das TFG, das mit Hilfe der Äthiopier nach Mogadischu gekommen war. Anfang 2007 entsandte die Afrikanische Union (AU) eine von der UNO mandatierte „Friedenstruppe“ namens AMISOM (African Union Mission in Somalia). Insgesamt sollten 8.000 Soldaten in Mogadischu stationiert werden, zum Schutz des TFG. Im März 2007 stellte jedoch zunächst nur Uganda 1.700 Mann. Ein Jahr später kamen 850 burundische Soldaten dazu. In Südsomalia, v.a. in Mogadischu, eskalierte der Krieg zwischen den Aufständischen auf der einen Seite und der Übergangsregierung sowie den Äthiopiern auf der anderen Seite. Auch die AMISOM-Truppen wurden als Verbündete des TFG ins Kampfgeschehen involviert. Al Shabaab trat schnell als wichtiger Akteur unter den Aufständischen in Erscheinung. Die Gruppe hatte sich unter Aden Hashi Ayro gesammelt und agierte nun weitgehend unabhängig von der ehemaligen Führung der UIC, der es gelungen war, sich nach Asmara in Eritrea abzusetzen. Zwischen Januar 2007 und Dezember 2008 kam es in Südsomalia zu extrem brutalen Kampfhandlungen aller beteiligten Parteien. Bei diesen Kämpfen, die auf Mogadischu konzentriert waren, starben innerhalb von zwei Jahren ungefähr zehntausend Menschen, meist Zivilisten. Zehntausende wurden verletzt; Hunderttausende mussten zumindest zweitweise aus ihren Häusern fliehen und suchten Schutz außerhalb Mogadischus. Das Kampfpotenzial von Al Shabaab erhöhte sich im Laufe des Aufstandes, besonders im Jahr 2008, merklich. Die Gruppe richtete Trainingslager für Rekruten ein, in denen die neu angeworbenen Mitglieder auch ideologisch geschult wurden. Als Hauptfeind wurden die Äthiopier in Somalia identifiziert, gegen die ein Jihad geführt wurde. Aber auch das TFG und AMISOM wurden angegriffen. Die Besetzung Mogadischus durch äthiopische Truppen und das brutale Vorgehen der Äthiopier gegen somalische Zivilisten erhöhten die Legitimität des Aufstandes und besonders von Al Shabaab in den Augen vieler Somalis. Selbst im relativ friedlichen Nordsomalia, wo mit Somaliland und Puntland zwei staatsähnliche politische Gebilde existieren, die nicht unmittelbar von den Kriegswirren des Südens betroffen waren, genoss Al Shabaab bis Mitte 2008 zumindest die heimliche Bewunderung vieler Menschen. Mehrere Dutzend junger Männer verließen Somaliland, um sich dem Jihad gegen die Äthiopier anzuschließen; nicht wenige von ihnen starben in Mogadischu. In der Diaspora, gerade in Europa und Nordamerika, schlossen sich dutzende junge Somalis Al Shabaab an. Viele verließen heimlich ihre Familien und wurden von einem Unterstützernetzwerk nach Mogadischu geschleust. Al Shabaab verfügte im Jahr 2008 über etwa 2.000 Kämpfer. Zudem hatte die Gruppe auch die Aufmerksamkeit ausländischer (nicht-somalischer) Jihadisten erregt. Deren genaue Zahl ist nicht bekannt. Insgesamt waren es in dieser Zeit jedoch wohl nicht mehr als 200 externe Jihadisten, von denen die meisten aus Ostafrika sowie aus Pakistan, Bangladesch und Indien kamen. Am 29.2.2008 setzte die Administration von Präsident Bush Al Shabaab auf die Liste terroristischer Gruppen. Zwei Monate später, am 1.5.2008, wurde der Führer der Gruppe, Aden Hashi Ayro, zusammen mit rd. 40 anderen Somalis von einer amerikanischen Rakete getötet, die auf ein Dorf in Zentralsomalia abgefeuert worden war. Ahmed Abdi Godane übernahm daraufhin die Führung von Al Shabaab. Er bemühte sich sogleich, die Gruppe auf den Kurs von Al-Qaida zu bringen. Am 4.9.2008 eröffnete er eine Ansprache mit Grüßen an Osama Bin Laden und bekräftigte ein Eintreten für den globalen Jihad. Während Al Shabaab in Somalia weiterkämpfte, bemühte sich die internationale Gemeinschaft um eine Vermittlung zwischen Teilen des TFG in Somalia und Teilen der islamistischen Opposition im eritreischen Exil. Mehrere Treffen zwischen Sheikh Sharif Sheikh Ahmed und Nuur Hassan Hussein, dem Premierminister des TFG, fanden in Djibuti statt. Ein Abkommen wurde Mitte 2008 erreicht. Im November beschloss das somalische Parlament, die Zahl seiner Sitze auf 550 zu verdoppeln, um moderate Islamisten integrieren zu können. Im Dezember begannen die Äthiopier, ihre Truppen aus dem andauernden blutigen Konflikt in und um Mogadischu abzuziehen. Präsident Abdullahi Yusuf reichte auf externen Druck seinen Rücktritt ein und Ende Januar 2009 wurde Sheikh Sharif Sheikh Ahmed zum neuen Präsidenten des TFG gewählt.

Al Shabaab als zunehmend regierungsähnlicher Akteur
Das neue TFG sah sich sogleich mit der Ablehnung seiner Regierung durch die militanten Islamisten konfrontiert. Sheikh Sharif Sheikh Ahmed wurde als „Marionette des Westens“ angesehen. Im April 2009 wurde unter der Führung von Sheikh Hassan Dahir Aweys (einem ehemaligen Anführer von AIAI [Al-Itihaad al-Islamiya] und hochrangigem Mitglied der UIC) Hizbul Islam gegründet. Hizbul Islam und Al Shabaab begannen ihren Kampf gegen das TFG im Mai 2009. Das TFG verfügte kaum über ausreichend ausgebildete eigene Truppen. Es war auf den Schutz der inzwischen auf etwa 5.000 ugandische und burundische Soldaten angewachsenen AMISOMTruppe angewiesen. Allerdings kontrollierten die somalische Regierung und die afrikanischen „Friedenstruppen“ gemeinsam nicht mehr als einen Bruchteil Mogadischus. Der größte Teil der Hauptstadt sowie weite Teile Südund Zentralsomalias waren von Mitte 2009 bis Anfang 2011 unter der Kontrolle der militanten Islamisten, die gemeinsam bis zu 8.000 Kämpfer aufbrachten, von denen rd. 6.000 Al Shabaab angehörten. Zwischen Al Shabaab und Hizbul Islam kam es zu Konflikten über die Kontrolle der Hafenstadt Kismayo und anderer strategisch wichtiger Punkte. Al Shabaab setzte sich durch und Ende 2010 wurde Hizbul Islam in Al Shabaab integriert. In den Jahren 2009 und 2010 wandelte sich Al Shabaab. Die Gruppe war nun nicht mehr nur in den Kampf gegen TFG und AMISOM, sondern zunehmend in die Verwaltung der Territorien unter ihrer Kontrolle involviert. Dies hatte Auswirkungen auf die Organisationsstruktur der Gruppe.

Organisationsstruktur
Über die Organisationsstruktur von Al Shabaab ist wenig bekannt. Klar ist jedoch, dass die Gruppe anfangs ein Zusammenschluss einer kleinen Gruppe überzeugter Extremisten war, in der die Hierarchien locker und militärische, politische sowie andere Zuständigkeiten nicht klar getrennt waren. Das einzige offizielle Gesicht der Gruppe war ihr Anführer, Aden Hashi Ayro. Mit steigendem Erfolg und zunehmenden Territorialgewinnen wandelte sich die Struktur. Für die Jahre 2009 bis 2011 lässt sich sagen, dass Al Shabaab eine klare hierarchische Gliederung aufweist, wobei sich drei Kategorien von Gruppenmitgliedern unterscheiden lassen: Die Qiyadah (die Anführer), die Muhaajiruun (die ausländischen Kämpfer inklusive der Somalis mit ausländischen Pässen) und die Ansar (die einheimischen Kämpfer). Unter den Anführern sind Somalis wie Ahmed Abdi Godane, der Amir oder „Oberbefehlshaber“, Ibrahim Haji Jama Al Afghani, Mukhtar Roobow und Fuad Mohamed Khalaf Shangole (ein Somali mit schwedischem Pass), aber auch nicht somalische Jihadisten wie Abu Mansur Al Amriki. Die ausländischen Anführer sind vermutlich für die weitere Radikalisierung der Gruppe verantwortlich, die sich z.B. in Form mehrerer extrem zerstörerischer Selbstmordattentate in Mogadischu, aber auch im Ausland, in Kampala, manifestierte.
wird fortgesetzt 

Dieser Beitrag erschien in der Schriftenreihe Nr. 3/2012 der Landesverteidigungsakademie/„Privatisierte Gewalt“. Der Nachdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung des IFK/LVAk und des Autors.

DER SOLDAT-Ausgabe Nr. 21/2012 vom 7. November

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