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wehrpolitik

Bgdr DDr. Harald Pöcher

Arbeitsmarkt und Rekrutierung sowie Freisetzung von Berufssoldaten

Im vorliegenden Aufsatz wollen wir uns mit der Frage der Rekrutierung von Soldaten in den unterschiedlichen Wehrsystemen auseinandersetzen.
Zusammensetzung der einzelnen Typen von Streitkräften

Bei Wehrpflichtstreitkräften herrscht ein Mischsystem aus Wehrpflichtigen und Berufssoldaten vor. Während die Wehrpflichtigen durch Gesetz eingezogen werden und für eine bestimmte Dauer – in Österreich sechs Monate – Dienst zu versehen haben, dienen die Berufssoldaten und Soldaten auf Zeit auf der Rechtsgrundlage eines Dienstverhältnisses.


Die letztgenannten beiden Gruppen sind Freiwillige, die offensichtlich den Lohn, die Arbeitsbedingungen und auch die Pensionserwartungen als Anreiz sehen, um in den Streitkräften Dienst versehen zu wollen.

In den Freiwilligenstreitkräften gibt es nur Freiwillige, die auf bestimmte Zeit bei den Streitkräften Dienst versehen wollen. Die erforderliche Anzahl von Freiwilligen muss am Arbeitsmarkt rekrutiert werden. Je nach personellem Umfang der Streitkräfte müssen sich jährlich mehrere 1.000 junge Männer und Frauen für den Dienst bei den Streitkräften interessieren und auch tatsächlich ein vertragliches Dienstverhältnis eingehen.

Arbeitsmarkt und Streitkräfte
Freiwilligenstreitkräfte sind den Kräften des Arbeitsmarktes ausgesetzt und müssen die Vorgänge am Arbeitsmarkt richtig deuten können. In Freiwilligenstreitkräften kommt daher den akademisch ausgebildeten Militärökonomen ein besonderer Stellenwert zu. Neben den hauseigenen Militärökonomen kommt auch der Expertise von Wirtschaftsforschungsinstituten zur Entwicklung des Arbeitsmarktes eine große Bedeutung zu, die genutzt werden muss, um das bestmögliche Ergebnis bei der Rekrutierung erzielen zu können.

Freisetzung von Personal
Der wohl kritischste Moment bei Freiwilligenstreitkräften ist die Freisetzung von Personal nach dem Ablauf des Verpflichtungszeitraums. Die Qualität von Freiwilligenstreitkräften wird auch an der Fähigkeit beurteilt, wie es ihnen gelingt, ehemalige Berufssoldaten wieder in den zivilen Arbeitsprozess zu integrieren. Die Streitkräfte müssen daher eigene Konzepte entwickeln, wie sie das nicht mehr benötigte Personal bestmöglich für einen Wiedereinstieg in das zivile Berufsleben vorbereiten. Gelingt es den Streitkräften, eine große Anzahl an ehemaligen Berufssoldaten reibungslos in das zivile Berufsleben zu entlassen, so werden sich genügend Freiwillige für den Dienst melden, da sie das Gefühl haben, bei der Entlassung ohne größere Schwierigkeiten wieder eine Arbeit in der zivilen Wirtschaft oder in anderen Bereichen des öffentlichen Dienstes zu finden.

Rekrutierungsbüros
Freiwilligenstreitkräfte benötigen zur Rekrutierung des Personalbedarfes eine wirksame und ansprechende Werbelinie und Rekrutierungsbüros, in denen interessierte Bürger Informationen über den Dienst bei den Streitkräften erhalten können. Die Rekrutierungsbüros werden damit zur wichtigsten Verbindungsstelle der Streitkräfte zur zivilen Gesellschaft, insbesondere zu den regionalen Behörden und Arbeitsämtern. Es liegt daher auch auf der Hand, dass diese Büros nur mit den besten und kommunikativsten Kadersoldaten besetzt sein dürfen. Die Rekrutierungsbüros haben viele Aufgaben im Rahmen der Rekrutierung zu erledigen. Das Personal in den Rekrutierungsbüros sollte aber auch als Informationsoffiziere im klassischen Sinn herangezogen werden, etwa zu Werbevorträgen an Schulen. Rekrutierungsbüros sollten sich in alle Landeshauptstädten und in sonstigen Ballungszentren befinden. Im Fall von Österreich sollten, um eine gewisse Flächendeckung sicherstellen zu können, in den kleinen Bundesländern zwei, in den mittelgroßen Bundesländern drei und in den großen Bundesländern fünf derartige Rekrutierungsbüros eingerichtet werden. Die Rekrutierungsbüros in den Landeshauptstädten könnten auch als wichtige Verbindungsstelle zu den obersten Landesbehörden genutzt werden. Neben den Rekrutierungsbüros sollte auch in allen Kasernen die Möglichkeit gegeben sein, sich über den Dienst bei den Streitkräften informieren zu können. Insgesamt kann mit den Rekrutierungsbüros in Verbindung mit den Kasernen ein engmaschiges Informationsnetz mit einem hohen Wirkungsgrad in Zusammenhang mit der Rekrutierung aufgezogen werden.
Neben den oben genannten Aufgaben sollten Rekrutierungsbüros freigesetzte Berufssoldaten beim Wiedereintritt in das zivile Berufsleben unterstützen. Hiezu haben sie eng mit den Arbeitsämtern, aber auch mit den Interessensvertretungen der Wirtschaft zusammenzuarbeiten.

Werbemaßnahmen
Werbung in seinen mannigfaltigen Ausprägungsformen beeinflusst unser Leben. Je besser die Werbestrategien angelegt sind, desto besser gelingt bspw. der Absatz von Gütern. Genauso wie zivile Unternehmen um die Gunst der Konsumenten in ihrer Werbelinie buhlen, müssen Streitkräfte bemüht sein, möglichst viele Interessenten für den Soldatenberuf auf Zeit anzusprechen, um die besten Kandidaten auswählen zu können. Neben dem klassischen Plakat werden auch Postwurfsendungen, Sonntagsbeilagen zu Tageszeitungen, direct mails sowie Kino- und Fernsehspots zu berücksichtigen sein. Ferner ist von Bedeutung ein attraktiver Internetauftritt der Streitkräfte und Leistungsschauen der Streitkräfte zu besonderen Anlässen, etwa zum Nationalfeiertag oder zu bestimmten Feiertagen in den Bundesländern. Es liegt auf der Hand, dass die gesamten Werbemaßnahmen von Freiwilligenstreitkräften wesentlich mehr Finanzmittel erfordern als dies bei Wehrpflichtigenstreitkräften der Fall ist.

Schnuppertage bei den Streitkräften
Neben den bisher genannten Maßnahmen zur Information über den Dienst in den Streitkräften kommt auch den Schnuppertagen bei den Streitkräften eine große Bedeutung zu. Während dieser Schnuppertage ist den Teilnehmern ein Einblick in die Arbeitsweise von Streitkräften und das Tätigkeitsprofil von Soldaten zu geben.

DER SOLDAT-Ausgabe Nr. 21/2010 vom 3. November

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