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sicherheitspolitik

Obst iR Kurt Gärtner

Asymmetrische Bedrohung aus der Luft


Asymmetrische Kampfführung
Unter asymmetrischer Kampfführung kann eine Strategie verstanden werden, deren Ziel es ist, die Stärken des Gegners zu umgehen und seine Schwächen auszunutzen. Reguläre militärische Auseinandersetzungen an der Front werden vom Schwächeren gemieden und durch diese Kampfweise kommt es zu einem Krieg ohne Fronten. Die wichtigsten Besonderheiten der asymmetrischen Kampfführung liegen in der irregulären Kampfweise des schwächeren Akteurs, der ganz bewusst das Kriegsrecht nicht beachtet. Terroristen gehen noch einen Schritt weiter, sie greifen in Friedenszeiten hauptsächlich nichtmilitärische Ziele an und nehmen bewusst eine große Anzahl von toten Zivilisten in Kauf, um medienwirksam die Ohnmacht eines Staates aufzuzeigen. Die Ereignisse des 11. September 2001 mit etwa 3.000 Toten haben der Welt vor Augen geführt, dass Angriffe aus der Luft unter Verwendung von asymmetrischen Mitteln (hier Verkehrsflugzeuge) Teil der sicherheitspolitischen Realität im 21. Jh. geworden sind.

Luftfahrzeuge – asymmetrische Luftbedrohung
Grundsätzlich kommen drei Luftfahrzeugtypen für die asymmetrische Luftbedrohung infrage:
- Bemannte Luftfahrzeuge (Hubschrauber, kleine Flächenflugzeuge und Passagierflugzeuge etc.)
- Drohnen (UAV – Unmanned Aerial Vehicles)
- Marschflugkörper (Cruise Missiles)
Die asymmetrische Luftbedrohung der Truppe bei Auslandseinsätzen durch RAM-Waffen (Raketen, Artillerie- und Mörsergeschosse) wird in diesem Beitrag nicht behandelt. Die Bedrohung, die von Kampfflugzeugen oder Kampfhubschraubern ausgeht, kann als bekannt angenommen werden. Diese Luftkriegsmittel werden jedoch kaum in der asymmetrischen Kampfführung eingesetzt.

Bemannte Luftfahrzeuge
Ein besonderer Vorteil in der Nutzung von zivilen Luftfahrzeugen liegt im Überraschungsmoment, da sie relativ leicht bis nahe an das Angriffsziel gelangen, bevor die feindlichen Absichten bemerkt werden. Von großen Passagierflugzeugen geht durch die Sprengkraft von Kerosin in Verbindung mit Sauerstoff eine erhebliche Gefahr aus. Die verstärkten Sicherheitsvorkehrungen an Flughäfen dürften das Risiko einer Wiederholung der Ereignisse vom 11. September 2001 minimieren, können sie jedoch nicht ausschließen. Eine große Bedrohung könnten künf tig mit Sprengstoff beladene zivile Kleinflugzeuge darstellen, da es in Europa viele Startmöglichkeiten gibt und in diesen Flugzeugen eine relativ große Sprengstoffmenge transportiert werden kann. Z.B. ein Kamikaze-Angriff auf ein voll besetztes Fußballstadion durch ein Jet- Kleinflugzeug, das mit hochexplosivem Sprengstoff beladen ist, hätte sicher fatale Folgen. Darüber hinaus dürfen auch landwirtschaftlich genutzte Sprühflugzeuge nicht übersehen werden, die für Angriffe mit biologischen oder chemischen Kampfstoffen genutzt werden könnten.

Drohnen (UAV)
Drohnen kehren beim militärischen Einsatz normalerweise zum Startplatz zurück und werden wieder verwendet. Terroristen beladen Drohnen jedoch mit Sprengstoff und bringen sie über dem Zielgebiet zum Absturz und danach zur Explosion. Auch können über kurze Distanzen biologische und chemische Kampfstoffe ausgebracht werden. Besonders langsam und niedrig fliegende Drohnen könnten versuchen, militärische Radargeräte zu unterlaufen. So werden Luftfahrzeuge niedriger Höhe mit einer Geschwindigkeit von weniger als 130 km/h von manchen militärischen Radarsystemen nicht erfasst. Ein besonderes Risiko entsteht durch die Umrüstung von Kleinflugzeugen und Hubschraubern zu Drohnen. Sie werden auf den ersten Blick nicht als gefährliche Drohnen erkannt und können so leichter in eine Flugverbotszone eindringen. Zusätzlich birgt die Bekämpfung solcher Drohnen erhebliche politische Risiken, kann doch nicht ausgeschlossen werden, dass es sich um ein ziviles Flugzeug ohne feindliche Absichten handle. Auch große Modellflugzeuge, die mit Sprengstoff beladen werden, können als Drohnen für terroristische Zwecke verwendet werden. Ein Beispiel: Drei mutmaßliche Al-Qaida-Mitglieder, zwei Tschetschenen und ein Türke, planten angeblich in Spanien oder anderswo in Europa Terroranschläge mit Modellflugzeugen. Sie wurden Anfang August 2012 verhaftet, als sie Spanien verlassen wollten.

Marschflugkörper (Cruise Missiles)
Marschflugkörper können sich ihrem Ziel rasch im Tiefflug nähern und dabei natürliche oder künstliche Objekte auf dem Flugweg als Deckung benutzen. Da sie in der Regel einem vorprogrammierten Kurs folgen, brauchen sie ihr Ziel nicht auf direktem Wege anzusteuern. Sie können bspw. einen Umweg fliegen, um das Ziel von hinten anzugreifen. Auch können sie einen Bogen um bekannte Radarstellungen fliegen. Mit der Einführung von GPS haben sich viele in der Vergangenheit bestehende Probleme hinsichtlich Zielgenauigkeit reduziert. Die Abwehr von angreifenden Marschflugkörpern wird durch zwei Hauptprobleme erschwert: das Problem der Frühwarnung und das Problem der Zielidentifikation bzw. dessen Unterscheidung von eigenen Flugzeugen. Die Bekämpfung von Marschflugkörpern stellt somit erhebliche Anforderungen an die Fliegerabwehr.

Bedrohungsszenarien
Bedrohungen können sein: Angriffe auf Bevölkerungszentren, Großveranstaltungen oder auf Einrichtungen der Kritischen Infrastruktur. Eine besondere Bedrohung für die Sicherheit von Menschen in Österreich besteht in einem Luftangriff gegen Bevölkerungszentren mit chemischen oder biologischen Kampfstoffen. Dabei wäre mit einer hohen Anzahl von toten Zivilisten zu rechnen. Auch Großveranstaltungen können ein lohnendes Ziel für terroristische Luftangriffe darstellen. Einrichtungen der Kritischen Infrastruktur, wie Energieanlagen und petrochemischen Industrie, können das Ziel von Angriffen aus der Luft werden. Dabei sind nicht nur die primären Folgen eines Angriffs zu beurteilen, sondern auch die sekundären Auswirkungen eines solchen Ereignisses. Bei einem Angriff auf ein grenznahes Kernkraftwerk könnte eine weitreichende Kontamination mit strahlenden Stoffen die Folge sein und die österreichische Bevölkerung massiv gefährden.

Maßnahmen gegen Bedrohung aus der Luft
Durch die Luftraumüberwachung leistet das Österreichische Bundesheer einen wesentlichen Beitrag zur Erhaltung der staatlichen Souveränität und Sicherheit im Luftraum. V.a. für einen neutralen Staat ist die Wahrung der Lufthoheit von entscheidender Bedeutung. Das Bundesheer überwacht den Luftraum mit seinen ortsfesten und mobilen Sensoren rund um die Uhr. Als aktive Komponente der Luftraumüberwachung stehen dz. die Abfangjäger Eurofighter und die Jet-Trainer Saab 105 zur Verfügung. International wird diese aktive Luftraumüberwachung als „Air Policing“ bezeichnet und beinhaltet die Kontrolle des Luftverkehrs sowie das Identifizieren und die Durchführung von weiteren Maßnahmen bei unkooperativen und verdächtigen Luftfahrzeugen. Dabei wird mit der Austro Control eng zusammengearbeitet. Kommt keine Funkverbindung mit einem unbekannten Flugzeug zustande, wird ein sogenannter Priorität Alpha-Fall ausgelöst. Abfangjäger werden auf kürzestem Weg von der Einsatzzentrale an das unbekannte Objekt herangeführt. Zur Identifizierung und Durchsetzung von angemessenen Maßnahmen sind überschallschnelle, bewaffnete Abfangjäger notwendig. In Österreich kommt es jährlich zu etwa 60 Alpha- Einsätzen. Bei Großveranstaltungen wird eine verlässliche Absicherung gegen Bedrohungen aus der Luft verlangt. Der koordinierte Einsatz aktiver und passiver Mittel zum Schutz von Großveranstaltungen erfolgt im Rahmen von Luftraumsicherungsoperationen. Im Rahmen der Fußball-EM 2008 wurden erstmals die neu eingeführten Eurofighter hierzu eingesetzt. Um den Veranstaltungsort zu schützen, werden Flugverbotszonen und/oder Flugbeschränkungsgebiete bestimmt. Für die Luftraumsicherung dieser beschränkten Lufträume werden neben Abfangjägern auch Jet-Trainer, Motorflugzeuge und Hubschrauber verwendet, um alle Geschwindigkeits- und Höhenbereiche optimal abzudecken. Die Luftraumüberwachung wird durch mobile Radaranlagen verdichtet und Fliegerabwehrkräfte verstärken die Luftraumsicherungsoperation.

Fliegerabwehr
Komplettiert wird die Luftraumsicherung im Bedarfsfall durch folgende Systeme der Fliegerabwehrtruppe: die leichte Fliegerabwehrlenkwaffe Mistral und die radargesteuerte 35 mm Zwillings-Fliegerabwehrkanone. V.a. bei Großereignissen kommt dem Schutz des Luftraumes besondere Bedeutung zu. EU-Gipfel, Fußball-EM oder Papstbesuch wären heute ohne entsprechende Luftraumüberwachung nicht möglich. Die asymmetrische Bedrohung aus der Luft umfasst nicht nur ein von Terroristen gekapertes Passagierflugzeug als Lenkbombe, sondern enthält eine Vielzahl von Angriffsmöglichkeiten, die eine komplexe Herausforderung für die Fliegerabwehr im Rahmen einer Luftraumsicherungsoperation darstellen. Glaubt jemand, Begriffe wie Sättigung der Fliegerabwehr oder Feuerdichte im Ziel etc. wären überholt, der wird bei einer genauen Betrachtung eines Besseren belehrt. Besonders Kleinstziele wie Drohnen, Modellflugzeuge oder Marschflugkörper erfordern Rohrwaffen mit hoher Schusskadenz und ein angemessenes FlA-Dispositiv. Das FlA-Grunddispositiv mit zwei Abwehrringen ist dem Gelände und der vermutlichen „Feindabsicht“ anzupassen und dabei sind die technischen Parameter der FlA-Waffensysteme zu berücksichtigen. Einsatzgrundsätze wie Rundumschutz, Überlappung der Feuerbereiche, Schwergewichtsbildung etc. sind noch immer die Basis der FlA-Taktik. 

DER SOLDAT-Ausgabe Nr. 20/2012 vom 24. Oktober

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