Rüstung & Wirtschaft

Obst iR Kurt Gärtner

Aufklärungsdrohne Heron 1

Bundeswehr schließt Lücke in der luftgestützten Aufklärung

Mit dem Einsatz der Aufklärungsdrohne Heron 1 in Afghanistan durch die Deutsche Bundeswehr sollen Verluste erheblich verringert werden. Im Vergleich zu den gegenwärtig im Dienst stehenden unbemannten Flugsystemen kann Heron 1 einen erheblich größeren Raum abdecken und mit ihren Hochleistungssensoren auch unter widrigen Wetterbedingungen noch zuverlässige Echtzeit-Informationen liefern. Das Drohnensystem kann 24 Stunden lang aus mittlerer Flughöhe zur Beobachtung und Erkennung von Hinterhalten dienen.


In den vergangenen Jahren hat sich die Sicherheitslage in der Region Kunduz dramatisch verschlechtert. Nach ISAF-Angaben entsenden die USA in den kommenden Monaten bis zu 4.500 Soldaten in den deutschen Verantwortungsbereich in Nordafghanistan. Eine Offensive soll geplant sein und hierzu ist eine zeitverzugslose Bildaufklärung gefragt.

Bildaufklärung in Echtzeit
Die Deutsche Bundeswehr erkannte schon vor Jahren eine Fähigkeitslücke im Bereich der luftgestützten abbildenden Aufklärung und es wurde nach Lösungsmöglichkeiten gesucht. 2007 erfolgte die ministerielle Billigung für die Forderung nach einem „System zur abbildenden Aufklärung in der Tiefe des Einsatzgebietes“ (SAATEG). Nach einem Ausschreibungsverfahren kamen die Systeme Predator B und Heron TP in die Endauswahl. Aufgrund ständiger Angriffe auf deutsche Truppen in Afghanistan entschied sich die politische Führung für eine rasche Zwischenlösung. Kurzfristig stand nur die Aufklärungsdrohne Heron 1 von IAI zur Verfügung.

Rheinmetall Defence und Aerospace Industries (IAI) einigten sich schon 2008 mit einem Kooperationsvertrag über die Vermarktung der Aufklärungsdrohne Heron TP. Am 23. Oktober 2009 schloss die Deutsche Bundeswehr einen Vertrag über die SAATEG Zwischenlösung mit Rheinmetall Defence als Generalunternehmer ab. Drei Drohnensysteme Heron 1, zwei Boden-Kontrollstationen und zusätzliche Geräte wurden vom israelischen Erzeuger IAI zunächst für ein Jahr und mit der Option auf Verlängerung um weitere zwei Jahre angemietet.

Technische Beschreibung
Die Drohne Heron 1 (engl. Reiher) ist ein propellergetriebenes unbemanntes Luftfahrzeug mit einer Spannweite von 16,6 m, einem maximalen Abfluggewicht von 1.150 kg, einer Nutzlastkapazität von 250 kg und einer Höchstgeschwindigkeit von 210 km/h. Der Antrieb ROTAX 914 wird im Rotaxwerk (Gunskirchen/Oberösterreich) erzeugt. Bei einer Flughöhe bis zu 8.230 m kann die Drohne normalerweise 24 Std. in der Luft bleiben. Der Aktionsradius bei einer typischen Einsatzhöhe von 6.400 m beträgt etwa 350 km. Heron 1 kann mit verschiedenen Sensoren ausgerüstet werden. In den von der Deutschen Bundeswehr gemieteten Drohnen werden Video-/Infrarot-Sensoren zur Tag- und Nachtsicht-Bildaufklärung verwendet und ein Synthetic Aperture Radar (SAR) steht für die Radarbildaufklärung zur Verfügung. Zur Zielbeleuchtung ist ein Laser-Zielmarkiergerät installiert. Die Daten werden nicht nur zum Piloten der Drohne (Boden-Kontrollstation) gesendet, sondern können auch zusätzlich mittels Remote Video Terminal (RVT) direkt an die Bodentruppen übermittelt werden. Ferner wird die Übertragung von Bilddaten über Satellit an Gefechtsstände in Afghanistan und Deutschland vorbereitet.

Personal und Ausbildung
Die Ausbildung des Bedienungspersonals wird von IAI in Tel Aviv und am Flugplatz Ein Shemer durchgeführt und dauert zwei Monate. Der Schwerpunkt der Ausbildung von Drohnenpiloten liegt in der Bedienung der Steuersoftware sowie der Missionsplanung und Flugdurchführung. Bei den Sensoroperatoren steht die Kenntnis über die Sensoren und deren Bedienung im Vordergrund. Für das Training werden auch Lagen erarbeitet, die verschiedenste Szenarien enthalten. Beispiele dafür sind das Beobachten von Häusern, die Verfolgung von Fahrzeugen oder das Suchen von Sprengfallen an Straßen.

Bis Anfang 2010 wurden acht Soldaten der deutschen Luftwaffe in Israel als Bedienungspersonal geschult und erhielten die Lizenz, die Aufklärungsdrohne Heron 1 zu steuern und die Sensorausstattung zu bedienen. Ein neuer Lehrgang hat schon begonnen. Zusätzlich wurden Techniker der Industrie als Wartungspersonal durch die Herstellerfirma ausgebildet. Militärische Heimat des Bedienungspersonals (ehemalige Flugzeugführer) ist die 2. Staffel/Aufklärungsgeschwader 51 „Immelmann“.

Einsatzführung
Im Februar 2010 wurde das erste Drohnensystem Heron 1 nach Mazar-e Sharif (Afghanistan) verlegt und ist dort seit Mitte März in der Einführungsphase. Mitte Juni soll die „Initial Operating Capability“ und Mitte August die „Final Operating Capability“ erreicht werden. Für die komplette technisch-logistische Betreuung ist Rheinmetall Defence zuständig. Die flugbetriebliche und operative Verantwortung trägt die deutsche Luftwaffe und das beginnt mit dem Rollen zum Start und endet nach der Landung. Auf der Grundlage der Aufklärungsanforderung wird in der Boden-Kontrollstation der Drohneneinsatz vorbereitet. Über Wegpunkte in einer digitalen Karte legt man den gesamten Hin- und Rückflug, die Aufklärungsschleifen sowie die jeweilige Flughöhe fest.

Nach Übergabe der Drohne vom technischen Personal an den Drohnenpiloten bringt er sie in Startposition. Auf Knopfdruck beginnt der autonome Teil des Fluges. Dabei führt die Drohne mithilfe von GPS den Start, die Navigation und die abschließende Landung automatisch durch. Während des programmierten Aufklärungsfluges senden die Bordsensoren die Bilddaten direkt oder über Satellit an die Boden-Kontrollstation und an den Remote Video Terminal zur Information der Bodentruppen. Der Sensoroperator steuert den optimalen Einsatz der Aufklärungsmittel. Zur Verbesserung der Aufklärungsergebnisse oder bei Entdeckung neuer Ziele durch den Sensoroperator kann der Drohnenpilot die Route und Flughöhe neuen Erfordernissen anpassen.

DER SOLDAT Nr. 8/2010

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