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Organisation

Bgdr DDr. Harald Pöcher

Back to the roots

Wie alles begann

Das Erinnerungsjahr 2014 lädt in mehrfacher Hinsicht zum Rückblick ein. Mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren wurde auch das Ende der Donaumonarchie eingeläutet, und es entstanden Nachfolgestaaten mit dem Bedarf an eigenen Streitkräften. Auch das kleine und relativ unbedeutende Nachkriegs-Österreich sollte eigene Streitkräfte aufstellen, deren Organisation und Bewaffnung und damit deren Effektivität und Effizienz durch die Siegermächte im Friedensvertrag von Saint-Germain am Verhandlungstisch festgelegt wurden.


Nach der Verabschiedung des neuen Wehrgesetzes im Jahr 1920 wurde das Bundesheer der Ersten Republik mit den verfügbaren Waffenbeständen aus der Zeit der k.u.k. Armee in Infanterie-, Artillerie- und Kavallerie-, Pionier- und Fernmeldetruppen sowie in Kraftfahrformationen organisiert. Verboten waren Panzer und Flugzeuge. Ferner musste das Bundesheer als Berufsheer mit nicht mehr als 30.000 Mann, einschließlich 1.500 Offiziere, organisiert werden. Durch die Übernahme von Waffen und Gerät aus Beständen der k.u.k Armee und die nicht üppige Bezahlung war der Finanzbedarf an Neuinvestitionen und für die Besoldung gering, was sich letztendlich in einem sehr gering dotierten Verteidigungsbudget ausgewirkt hatte. Neben der chronischen Unterfinanzierung bildete die Garnisonierung die wohl größte Herausforderung an das Bundesheer der Ersten Republik.

Die damalige Organisation des Bundesheeres im Überblick
Das Bundesheer der ersten Stunde wurde in Brigaden, Regimenter und Bataillone gegliedert. Das Burgenland (1.), Wien (2.), Niederösterreich (3.), Oberösterreich (4.), Steiermark (5.), erhielten je Bundesland eine eigene Brigade – in Klammer hinter dem Bundesland die Bezeichnung. Kärnten, Salzburg, Tirol und Vorarlberg erhielten gemeinsam eine Brigade (6.). Die Brigaden bestanden aus einem Brigadekommando, je nach Dislokation aus einem Infanterie- oder Alpenjägerregiment, einer Brigadeartillerieabteilung, einem Pionierbataillon, einer Dragonerschwadron, je nach Dislokation aus einem Feldjäger- oder Alpenjägerbataillon, einem Feldjägerbataillon zu Rad, einer Telegraphenkompanie, einer Kraftfahrkompanie und einer Fahrkompanie zur Versorgung. Neben den kämpfenden Verbänden gab es Truppenübungsplätze und eine Reihe von Versorgungseinrichtungen – bis hin zur Pulverfabrik in Trofaiach. Eine Besonderheit der Organisation waren die Verwaltungsstellen, die in den Bundesländern eingerichtet wurden. Die Heeresverwaltungsstellen waren für das Sicherstellen der materiellen Vorsorge verantwortlich. Zur Heeresverwaltung gehörten Behörden und Anstalten, die unmittelbar oder mittelbar dem Bundesministerium für Heerwesen unterstanden. Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass das Bundesministerium für Heerwesen aus dem Staatsamt für Heerwesen hervorgegangen ist und zu Beginn aus dem Präsidialbüro, dem Rechtsbüro, aus sieben Abteilungen, die in zwei Sektionen zusammengefasst waren, aus einer Buchhaltung und den Hilfsämtern bestand. Der Stand betrug damals 250 Heeresangehörige, Heeresbeamte, Zivilbeamte und Vertragsbedienstete. Während die Neuorganisation und Bewaffnung des Österreichischen Bundesheeres der Ersten Republik lösbar war, da die Auflagen der Siegermächte keine teure Wiederbewaffnung zuließ, und man weitgehend auf alte Waffen und Gerät aus der Zeit der k.u.k. Armee zurückgreifen konnte, stießen die Planer sehr bald auf große Schwierigkeiten bei der Garnisonierung.

Herausforderung Garnisonierung
Die größte Herausforderung an das neue Bundesheer war die Garnisonierung. Gegen Ende des Krieges waren die vorhandenen Gebäude, die von der k.u.k. Armee genutzt wurden, infolge von chronischem Geldmangel abgewohnt und in einem allgemein schlechten Zustand. Die wenigen gut erhaltenen Gebäude wurden nach dem Krieg sofort durch zivile Stellen in Anspruch genommen, sodass bei der Aufstellung des Bundesheeres im Jahr 1920 für dieses nur mehr ein bescheidener, u.zw. der schlechteste Teil des ehemaligen reichen Gebäudebestands zur Verfügung stand. Auch die Gemeindeverwaltungen der früheren Garnisonsorte, die seinerzeit Kasernen gebaut hatten, um Garnisonen zu erhalten, nahmen diese Objekte für sich in Anspruch, um sie anderen Zwecken zuzuführen. Ähnlich sah es mit den Übungsplätzen aus. Zivilparteien und Organisationen aller Art wandelten sie in Schrebergärten um oder führten Siedlungsbauten auf ihnen aus. Die beiden Schaubilder – Standorte der Behörden und Anstalten sowie Standorte der Kommandos und Truppen – geben einen Einblick in die Dislozierung des Bundesheeres der Ersten Republik. Die beiden Schaubilder entstammen der Publikation „Österreichisches Bundesheer“, verfasst und herausgegeben vom Bundesministerium für das Heereswesen, erschienen im Verlag Militärwissenschaftliche und Technische Mitteilungen. Von den Kasernen, die noch während der Zeit der Monarchie in Betrieb gingen, werden heute noch genutzt: Im Burgenland der TÜPl Bruckneudorf mit den darauf befindlichen Baracken (die Benedek-Kaserne wurde erst 1935 erbaut), die Martin-Kaserne in Eisenstadt; in Wien das Amtsgebäude Vorgartenstraße, die Biedermann-Huth-Raschke-Kaserne, die Vega-Payer-Weyprecht-Kaserne, das Kommandogebäude General Körner, die Starhemberg-Kaserne, die Heckenast-Burian-Kaserne, die Kaserne Arsenal, das Kommandogebäude Feldmarschall Radetzky, das Amtsgebäude Stiftgasse und das Amtsgebäude Roßau; in Niederösterreich das Gelände, auf dem heute die Dabsch-Kaserne steht, die Birago-Kaserne in Melk, das Kommandogebäude Feldmarschall Hess in St. Pölten, die Maximillian-Kaserne in Wr. Neustadt, die Burg zu Wr. Neustadt; in Oberösterreich die Towarek-Kaserne in Enns; in der Steiermark die Erzherzog-Johann-Kaserne in Straß; in Tirol die Conrad-Kaserne in Innsbruck; in Kärnten die Windisch-Kaserne und das Kommandogebäude Feldmarschall Hülgerth in Klagenfurt, die Hensel-Kaserne in Obere Vellach/Villach; in Vorarlberg das Kommandogebäude Oberst Bilgeri in Bregenz.

Resümee
Sowohl die Gründungsväter der Ersten Republik als auch der Zweiten Republik hatten bei der Ausgestaltung der Landesverteidigung und der Organisation der Streitkräfte mit ähnlichen Problemen zu kämpfen. Beide Male musste das Bundesheer bei der Aufstellung keine großen Neuinvestitionen in Waffen und Gerät tätigen, und man konnte ohne großen Neubauzwang in eine bestehende Infrastruktur einziehen. Daher war die Notwendigkeit einer größeren Anschubfinanzierung nicht gegeben. Aus dieser vereinfacht dargestellte Rahmenbedingung sahen die Gründungsväter daher keine Notwendigkeit dem Bundesheer ausreichende und vor allem dem internationalen Vergleich standhaltende Budgetmittel zur Verfügung zu stellen. Die Folge davon, die drohende Pleite des Bundesheeres, ist zurzeit gut für die Befüllung aller Zeitungen im Sommerloch. In ihren Stellungnahmen zu der aktuellen Situation sind sich Militärexperten weitgehend einig: Will das Bundesheer weiterhin eine nationale und internationale Rolle spielen, so benötigt es mehr Geld. Sie sind sich auch darüber einig: Wenn das Bundesheer keine Erhöhung des Verteidigungsbudgets bekommt, muss es kleiner werden. Es bleibt nur zu hoffen, dass die Verkleinerung nicht in Richtung Anfangszustand des Jahres 1920 mündet.

DER SOLDAT-Ausgabe Nr. 18/2014 vom 24. September

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