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Buch der Woche

 

Obst Karl-Heinz Leitner

Sterben für Kabul

Aufzeichnungen über einen verdrängten Krieg

11. September 2001. Die USA beginnen einen Krieg gegen den Terror. Deutschland bekundet den Vereinigten Staaten seine Solidarität. Deutsche Soldaten ziehen in Afghanistan ein, um vorerst gegen den Terror, später für Sicherheit und Menschenrechte zu kämpfen. In diesem Krieg, der tiefgründig ist und viele Facetten hat, sind bereits 52 deutsche Soldaten gefallen.
  Provokativ und mitunter kontrovers, aber in jeder Hinsicht ehrlich, zeigt der Autor, Marco Seliger, die humanen Aspekte des Afghanistan-Krieges auf und weist auf die Widersprüche und die – in seinen Augen – verlogene Vorgehensweise der deutschen Afghanistan-Politik hin. Deutschland befindet sich im Krieg. In einem Krieg, in dem deutsche Soldaten töten und getötet sowie Familien zerstört werden. Doch „im Zuhause“ dieses kriegsführenden Landes, in Deutschland, geht das Leben ganz normal weiter, als würde es die deutsche Bevölkerung nichts angehen, was ihre Mitbürger fernab der Heimat durchmachen. Mit Beginn des Jahres 2012 ist die Bundeswehr bereits zehn Jahre in Afghanistan im Einsatz.
  Der Autor schildert Schicksale von Soldaten, Verwundeten, Gefallenen und Hinterbliebenen, berichtet von der Front und Kampfeinsätzen. Er ordnet das Töten und Sterben deutscher Soldaten am Hindukusch in den politischen Kontext ein. Wofür kämpfte man am Anfang, wofür dann, wofür jetzt und wofür in der Zukunft? Sind die gesetzten Ziele erreicht worden oder war das Sterben der deutschen Soldaten sinnlos?
  Marco Seliger formulierte es in einem Interview folgendermaßen: „Bundesregierung, Verteidigungsministerium, selbst die Bundeswehrführung haben in der ersten Zeit stets die zivile Komponente dieses Einsatzes herausgehoben. So als ob es sich bei den Soldaten um bewaffnete Brunnenbohrer handele. Umso erschrockener waren zunächst manche Soldaten, vor allem aber die Politiker und mit ihnen die Menschen in unserem Land, als die Lage in Afghanistan immer mehr außer Kontrolle geriet und Soldaten in Särgen zurückkamen.“
  2014 sollen die deutschen Truppen abgezogen werden und Afghanistan wird wieder in seine alten chaotischen Strukturen zurückfallen. Was hat dieser Einsatz also gebracht?
  Seliger will mit seinem Buch aufrütteln, er will den Deutschen, ihren politischen Vertretern und der Militärelite auf eindringliche Weise aufzeigen, was dieser Bundeswehr-Einsatz für die Soldaten in der Realität bedeutet, warum und wie Soldaten in diesem Krieg sterben. Ein packendes, ein bewegendes Buch.

Marco Seliger,
Sterben für Kabul,
Aufzeichnungen über einen verdrängten Krieg,
Verlag E.S. Mittler & Sohn GmbH,
Hamburg 2011,
224 S., 20,55 €,
ISBN 978-3-8132-0935-8

DER SOLDAT-Ausgabe Nr. 2/2012 vom 20. Jänner