HGM Eröffnung Erster Weltkrieg ab 29. JuniStrategie und Sicherheit 2014Vehling VerlagHeeresgeschichtliches MuseumVerein Alt-NeustadtStrategischer Führungslehrgang
Weltgeschehen im Brennpunkt

Spectator

China vor Handelskrieg?

Peking ist gegenüber dem Druck zur Aufwertung seiner Währung zögerlich
 

Die Staaten des G 20-Gipfels wollten China bewegen, seine Währung massiv und rasch aufzuwerten, um mehr Ausgeglichenheit im internationalen Handel zu erzielen. Doch Peking reagiert nach scheinbarer Zustimmung etwas anders.


Die Beziehungen zwischen den USA und China sind in den letzten Monaten zunehmend angespannter geworden. Die USA drohen, Zölle auf chinesische Waren zu verhängen, sofern sich China nicht verpflichtet, seine Währung rasch aufzuwerten oder sie, wie den Yen oder den Euro, konvertibel zu machen. Ein Gesetzesentwurf im Kongress, der Strafzölle auf alle chinesischen Importe vorsähe, gewinnt immer mehr Zustimmung.
China rangiert jetzt nach Japan und Deutschland als eine der drei großen Volkswirtschaften nach den USA. Im Gegensatz zu den anderen drei steuert Peking seinen Währungswert, er wird nicht von Angebot und Nachfrage bestimmt. Sondern die chinesische Zentralbank kauft seit Jahren in Dollar begebene US-Staatsanleihen in Milliardenhöhe, um den Wechselkurs stabil zu halten. Die USA werfen seit geraumer Zeit China vor, den Yuan-Kurs somit künstlich niedrig zu halten und so seiner Exportindustrie unfaire Vorteile gegenüber der Konkurrenz zu verschaffen. Denn mit dem niedrigen Yuan-Wert wird der Preis für Ausfuhren aus China verringert und damit entsteht ein Vorteil nicht nur gegenüber amerikanischen Herstellern, sondern auch gegenüber anderen Exporteuren in die USA. Das Gleiche gilt in anderen Regionen, die chinesische Ausfuhren erhalten, wie Europa. Was Washington in einer kleinen sich entwickelnden Wirtschaft als erträglich sieht, findet es mit einer der fünf Top-Volkswirtschaften als nicht mehr hinnehmbar. Seit 2001 ist der Handel mit China sehr einseitig. Die USA haben Arbeitsplätze, Investitionsgrundlagen und viel Kapital verloren und einen Abschwung erfahren, während in China Arbeitsplätze entstanden und Investitionsgrundlagen ausgebaut worden sind sowie Kapital zugeflossen ist und Aufschwung herrscht.

Zugeständnisse vor dem G 20 Gipfel
Angesichts der massiven Kritik an Pekings Haltung hob China kurz vor dem G 20-Gipfel im vergangenen Juni die kritisierte Bindung seiner Währung Yuan an den Dollar auf. Kritiker verstummten, Börsenkurse stiegen und man sprach von einer „willkommenen Entwicklung“. Der Yuan dürfe schwanken und seinen realen Wert gegenüber dem Dollar finden, meinte man.
US-Präsident Obama begrüßte die jüngste Abkopplung des Yuan vom US-Dollar als einen guten „ersten Schritt“, dem weitere folgen müssten. Die USA erwarteten keine 20%ige Aufwertung in einer Woche, doch mit einer stärkeren Marktorientierung der chinesischen Währung langfristig einen „bedeutenden“ Kursanstieg, sagte Obama. In Erinnerung ist, dass China seine Währung schon einmal nach 10-jähriger Bindung an den Dollar frei ließ und der Yuan zwischen 2005 und 2008 um 20 % aufwertete. Kam es zu krassen Kursausreißern, griff die Zentralbank mit Dollar-Käufen ein. Allein zwischen 2005 und 2008 stiegen Chinas Dollar-Reserven in der Folge von 1,1 auf über 1,8 Bil. Dollar.
Der Direktor der chinesischen Zentralbank, Zhang Tao, erteilte der gewünschten starken Aufwertung eine klare Absage. Er betonte, die Wechselkursreform werde schrittweise verfolgt und hänge von den wirtschaftlichen Bedingungen in China ab. Ausländischen Druck wies Zhang Tao entschieden zurück. In Peking war auch von einer Aufwertung nie die Rede. Eine schrittweise Flexibilisierung durch Bindung an einen Devisenkorb – so stellt sich China die Preisfindung seiner Währung stattdessen vor. Experten erklären jedoch, dass auch Abwertungen des Yuan gegenüber dem Dollar möglich sind, wenn der Dollar hinreichend gegenüber anderen Währungen aufwertet.

Chinesische Wirtschaft auf Export gerichtet
Das Problem, warum China auf der Steuerung seiner Währung besteht, hat etwas mit der Art der chinesischen Wirtschaft zu tun. Das chinesische System funktioniert mit Massen, Abwanderung, maximaler Beschäftigung und Marktanteil. Das US-System, das eine maximale Rückinvestierung durch Effizienz und Gewinn versucht, steht im Gegensatz dazu. Das amerikanische Ergebnis ist eine brauchbare wirtschaftliche Stabilität, ist die Fähigkeit, in der Lage bei Rezessionen zu leiden und daraus wieder stärker aufzustehen. Das chinesische Ergebnis ist soziale Stabilität, die in gefährliche Turbulenzen gerät, wenn die Wirtschaft Härten ausgesetzt ist. Das chinesische Volk rebelliert, wenn Arbeit nicht verfügbar ist und Bedingungen zu Extremen werden. Es muss daran erinnert werden, dass von Chinas 1,3 Mrd. Menschen mehr als 600 Mio. städtische Bürger mit durchschnittlich etwa 7 US-$ pro Tag leben, während 700 Mio. Menschen im ländlichen Bereich mit durchschnittlich 2 US-$ pro Tag auskommen müssen und diese Angaben von Pekings eigenen, gut polierten Statistiken stammen.
Da China seine eigenen Waren nicht selbst konsumieren kann, muss es sie exportieren, um am Leben zu bleiben. Sein Wirtschaftssystem ist exportgelenkt. Die Strategie funktioniert jedoch nur, wenn es eine endlose Nachfrage für die hergestellten Waren gibt. Zum größten Teil kommt diese Nachfrage aus den USA. Aber die jüngste globale Rezession kürzte die chinesischen Ausfuhren um fast ein Fünftel, und es gab keine Käufer an anderer Stelle, um die Flaute abzufangen.
In der Zwischenzeit vergab China Fördermittel an chinesische Bürger, um den Verbrauch der eigenen Haushalte anzukurbeln. Doch diese hatten dafür wenig Bedarf – und in einigen Fällen – wenig Möglichkeit, sie zu verwenden. Peking fürchtet nun, dass es bis 2012 keine nachhaltige Rückkehr der Exporte auf das vorherige Niveau geben wird. Und in der Zwischenzeit muss sehr viel bei der Produktion – und beim Verbrauch – subventioniert werden. Immer geht es um die weitere Beschäftigung von Leuten und die möglichste Vermeidung von Arbeitslosigkeit.

Änderungen der US-Wirtschaftspolitik
Unter Präsident Barack Obama erwägt die USA grundlegende Änderungen der Wirtschaftspolitik, die sie nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges betrieben hat. Damals hat die internationale Wirtschaftspolitik in Washington als Instrument der politischen und militärischen Politik gedient. Nun soll es anders werden. Angeblich geschieht dies zur Aktualisierung des globalen Finanzsystems und zur Reduzierung der Chancen für künftige Finanzkrisen. Eine „National Export Initiative“ (NEI) verkündet das Weiße Haus. Aber aus dem, was man bisher gesehen hat, ist diese sehr merkantilistisch ausgelegt. Sie unterstützt die Verdoppelung von US-Ausfuhren in fünf Jahren, insbesondere durch die angestrebten zusätzlichen Verkäufe an große entwickelnde Staaten, mit China an der Spitze der Liste. Die USA scheinen mit dem Rest der Welt in Exporten konkurrieren zu wollen. Man kann sicher sein, dass die US-Export-Initiative nicht explizit aufruft, mehr Handelsschranken für chinesische Waren zu errichten. Aber Washington wird bereit sein, dieses Mittel gegen China anzuwenden. Wenn das US-Finanzministerium festlegt, dass China ein „Währungs-Manipulator“ ist – dann befürchtet Peking, dass diese Entscheidung einen Schwall protektionistischer Maßnahmen durch den US-Kongress freisetzen könnte. Noch versucht die US-Administration, das zu vermeiden. Aber sicherlich wird Peking dies beachten, wenn es entscheidet, ob man der US-Exportpolitik widerstehen soll.

China ein wichtiger Handelspartner
China ist mit etwa 36 % seines BIP vom internationalen Handel abhängig. Das ist nach der globalen Rezession der Zwang zum Export. Für China steht viel auf dem Spiel: Jährlich strömen Mio. neuer Arbeitskräfte auf den Arbeitsmarkt. Die Wirtschaft ist fast gänzlich auf den Export ausgerichtet. Bricht dieser ein, drohen Massenarbeitslosigkeit und soziale Unruhen.
Aber natürlich wissen chinesische Politiker, wie viel für den Westen auf dem Spiel steht, wenn er mit Protektionismus droht. Zu viel nämlich, um es auf breiter Front zu riskieren. Die westliche Wirtschaft, Amerika ebenso wie Europa, brauchen China als Absatzmarkt und Produktionsstandort; nach der Krise mehr denn je. Und dass über 50 % der exportierten Produkte von westlich-chinesischen Gemeinschaftsunternehmen produziert werden, die meist gut verdienen, macht die Protektionismusdrohung westlicher Politiker nicht überzeugender.
Chinas größtes Drohpotenzial zur Gegenwehr scheinen auf den ersten Blick die Schulden der USA in China zu sein. Die Volksrepublik ist der größte Gläubiger Amerikas, es hortet 1.000 Mrd. US-$ US-Schatzanweisungen, US-Hypotheken-Bonds, US-Corporate-Bonds und noch mehr und finanziert einen Teil des US-Haushaltsdefizits. Doch würde Peking diesen Hebel wohl niemals als Druckmittel einsetzen, denn die riesigen Dollar-Reserven Chinas könnten damit sehr schnell an Wert verlieren. Peking kann nicht einfach die Staatsanleihen, die es bereits hält, ohne einen gigantischen Verlust fallen lassen, da es für jeden Verkäufer einen Käufer geben muss.
Beide Mächte sind also trotz der unterschiedlichen Systeme wirtschaftlich sehr miteinander verflochten. China und der Westen sind also dazu verurteilt, jenseits protektionistischer Drohungen echte Kompromisse zu finden. Deshalb erscheint es klug und verständlich, dass sie grundsätzlich für ihre Politik und ihre Absichten vorerst werben.

Mehr dazu lesen Sie in DER SOLDAT-Ausgabe Nr. 15/2010 vom 4. August

Drucken