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Besondere Einsätze des Bundesheeres

Rolf M. Urrisk-Obertynski

Das war vor fünf Jahren

Austrian Forces Disaster Relief Unit in Pakistan (AFDRU/PAK)

Am 8. Oktober 2005 kommt es um 8.50 Uhr Ortszeit zu einem Erdbeben in dem von Pakistan verwalteten Teil Kaschmirs. Das Beben der Stärke 7,6 auf der Richterskala verursacht Zerstörungen in Nordpakistan, Afghanistan und Nordindien. Die Behörden befürchten, dass mehr als 40.000 Tote zu beklagen sind. Entlang eines ca. 100 km langen Bruches werden praktisch alle Gebäude zerstört. Viele Dörfer in den Bergen Kaschmirs sind kaum zu erreichen, die Straßen verschüttet oder abgerutscht. Tausende Menschen warten dringend auf Hilfe. Sie laufen Gefahr zu erfrieren, zu verhungern oder durch verseuchtes Wasser zu erkranken. Die offiziellen Opferzahlen werden nach einer Woche auf 73.000 Tote und 70.000 Schwerstverletzte korrigiert. Rd. drei Mio. Menschen sind obdachlos.


Mehrere Organisationen beginnen gleichzeitig mit der Trinkwasseraufbereitung. Doch bald gibt es in der UNOEinsatzzentrale Alarmmeldungen über massenhafte Durchfallerkrankungen und erste Fälle von Cholera. Die Situation spitzt sich zu. Auffallend ist dabei, dass in den Lagern mit etwa 40.000 Menschen, die von den Österreichern versorgt werden, kein einziger Krankheitsfall zu verzeichnen ist. Schließlich kann der österreichische Kontingentsarzt, MjrA Dr. Andreas Kaltenbacher, den Entscheidungsträgern der UNO und der Weltgesundheitsorganisation WHO in einem äußerst engagierten Vortrag den mutmaßlichen Zusammenhang zwischen der Wasserqualität und den Krankheitsfällen darstellen. Kaltenbacher greift dabei auf Erfahrungswerte vom Einsatz in Mosambik zurück. General Dr. Malik, der ranghöchste Sanitätsoffizier Pakistans, lässt daraufhin bei allen Organisationen Wasserproben entnehmen. Das Ergebnis macht die Österreicher zu „Weltmeistern“: Ihre Wasserqualität liegt weit über den von der WHO geforderten Standards. Die Anlagen mehrerer NGOs werden sofort gesperrt. Sie haben sich damit begnügt, das schwer kontaminierte Flusswasser mit Chlortabletten zu versetzen – und lieferten damit eigentlich „Gift“ als „Trinkwasser“ aus. Das zum Wert mancher NGOs. In der Folge erhalten die Österreicher Besuch von Entscheidungsträgern Pakistans, der UNO und der WHO. Besonders das kleine Feldlabor des Olt Michael Eichhübl und der Veterinärärztin Mag. Katharina Faukal hat es den Herren angetan. Dr. Malik erklärt die Österreicher zur obersten Wasserbehörde. Ab sofort darf kein Wassertankfahrzeug mehr ohne Freigabe durch die Österreicher zu den Menschen fahren. Zwei Tage später gibt es keinen einzigen neuen Cholerafall mehr, auch die Durchfallserkrankungen gehen rapide zurück. Mit österreichischer Hilfe wird das öffentliche Wasserleitungssystem wieder instand gesetzt. Die Österreicher genießen im Talkessel bald einen sagenhaften Ruf. Bis zum letzten Pakistani spricht sich herum, dass die Soldaten mit den einfärbig-grünen Kampfanzügen jene mit dem guten Wasser sind. Darüber hinaus werden am 30. November insgesamt 55 t Hilfsgüter aus Heeresbeständen für den Transport nach Pakistan verladen. 12.000 Feldpullover, 1.000 Felddecken, eine große Anzahl Zelte, Unterlagsmatten und Kochkisten sollen die Überlebenden des verheerenden Erdbebens vor dem Kältetod bewahren. Außerdem spendet das Bundesheer 33 Feldkochherde, mit denen für jeweils 200 Personen gekocht werden kann. Der Großteil der Hilfsgüter wird mit der Bahn vom Heereslogistikzentrum in St. Johann/T. in das Arsenal nach Wien transportiert. Weitere Ladungen kommen per Lkw aus dem Bundesheerlager in Klosterneuburg. Im Arsenal selbst erfolgt dann die Zusammenführung des Materials und der Weitertransport zum Flughafen Wien- Schwechat. Für die letzte Etappe auf österreichischem Boden werden drei Sattelaufleger à 30 t und weitere 24 Lkws eingesetzt. Eine von der NATO bereitgestellte zivile Boeing 747 bringt die Hilfslieferung schließlich nach Islamabad.

DER SOLDAT-Ausgabe Nr. 23/2010 vom 1. Dezember

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