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militärmedizin

ObstA Dr. Sylvia-Carolina Sperandio

Der strategische Patientenlufttransport

Strategic Aeromedical Evacuation im ÖBH

Strategischer Patientenlufttransport ist – angelehnt an das NATO STANAG 3204 – die Verbr ingung von Patienten/-innen aus einem Einsatzraum in das Heimatland oder ein Drittland mit entsprechender medizinischer Versorgung einschließlich Rehabilitation. Die Strategic Aeromedical Evacuation, auch „Intertheater Aeromedical Evacuation“ genannt, folgt als letzte von 3 Phasen der Forward Aeromedical Evacuation (in der Kampfzone zumeist mit Notarzthubschraubern) und der Tactical Aeromedical Evacuation („Intratheater Aeromedical Evacuation“ – aus der Kampfzone zu einem medizinischen Versorgungspunkt innerhalb des Einsatzraumes).


Entwicklung
Zeitgleich mit dem Konzept der Starrflügelluftfahrzeuge war auch die Idee geboren, Patienten über Luftbrücken zu transportieren. Dennoch kam es nur zu einer langsamen Entwicklung des Patientenlufttransportes. Im Ersten Weltkrieg wurde vielmehr das medizinische Personal zu den Verwundeten gebracht. Erst ab dem Zweiten Weltkrieg wurden entsprechende Luftfahrzeuge verwendet, die Patienten transportieren konnten.
  V.a. in den Jahren darauf wurden zunehmend auch international die Konzepte der Sanitätskette dahingehend ausgelegt, die Verwundeten und Erkrankten im Einsatzraum zu stabilisieren und ehebaldigst in das Heimatland zu verbringen.
  Die Herausforderung des Sanitätsdienstes zur medizinischen Versorgung neuer Verletzungs- und Erkrankungsmuster aufgrund der derzeitigen Bedrohungsszenarien in den internationalen Einsatzräumen, in denen auch das ÖBH beteiligt ist, erfordern aber wiederum neue Strategien in der Sanitäts-Versorgungskette, dem „Patient Movement“. Diese fordert eine hochwertige erweiterte Selbst- und Kameradenhilfe, entsprechende Medical Treatment Facilities (MTF) im Einsatzraum und eine rasche Verbringung zur medizinischen Endversorgung aus dem Einsatzraum.
  Der strategische Patientenlufttransport ist ein wichtiger Baustein im Gesamtablauf der medizinischen Versorgung vom Ausfallsort eines Soldaten bis zur Endversorgung (Patient Movement and Patient Tracking) und muss, auf die anderen Prozesse abgestimmt, optimal in den Ablauf eingegliedert werden. Nur so ist eine rasche und qualitätsgesicherte Versorgung der Patienten sicherzustellen.
  Die Erkenntnisse der Sanitätsdienste, v.a. die der großen Streitkräfte, die Zehntausende Patienten per annum mittels Aeromedical Evacuation ins Heimatland transportieren, zeigen, dass nicht nur die Verbringung von „stabilen“, sondern auch von „stabilisierten“ Patienten vermehrt anzustreben ist. Die „Outcome“- Raten, d.h. die Qualität der Endversorgung, kann in vielen Behandlungsbereichen somit eindeutig optimiert werden.
  Die Mitwirkung des ÖBH an multinationalen Einsätzen unter Anwendung des EU Framework Nations Concepts sowie des EUBattle Group Concepts fordern eine besondere Bedeutung im Bereich des Strategischen Patientenlufttransports, sofern dieser ja auch in nationaler Verantwortung liegt.

Projekt MEDEVAC-Container
Zukunftsorientiert begannen im Jahr 2005, abgeleitet von den Vorgaben des ÖBH 2010, die ersten Planungen für ein entsprechendes AE-System, das wie DER SOLDAT 8/2010 berichtete, vor einem Jahr an die Truppe übergeben werden konnte – das MEDEVAC-Modul C-130 (siehe auch Truppendienst 5/2010, Beitrag von ADir Ing. Manfred Siegl, LzA).
  Die C-130 Hercules ist aufgrund ihrer entsprechenden Leistungsparameter ein weltweit häufig eingesetztes Luftfahrzeug für den Patientenlufttransport.

Flugstressoren
Generell muss erwähnt werden, dass ein Lufttransport für einen Patienten, aber natürlich auch für das fliegende Personal zu einer für den menschlichen Organismus unnatürlichen Belastung durch viele, v.a. flugphysiologische Faktoren führt. Zu denen zählen v.a.:
• der reduzierte Luftdruck (hypobare Situation)
• Sauerstoffreduktion
• G-Belastungen
• Vibrationen
• Lärm
• stark reduzierte Luftfeuchtigkeit
• Zeitverschiebung (Jetlag)
Wenn auch mit heutigem Stand der Technik nicht alle Faktoren überwindbar sind, so hat die Projektgruppe des ÖBH gemeinsam mit der österreichischen Fa. Air Ambulance Technology (AAT) den MEDEVAC- Container als weltweiten Prototyp entwickelt, der v.a. den hohen Lärmpegel und die unangenehmen Vibrationen drastisch reduziert und somit zwei der unangenehmsten Stressoren – v.a. für Intensivpatienten – so gut wie nur möglich vermeidet. Konfiguration Die medizinische Ausstattung ist so ausgelegt, dass die Patienten acht Stunden problemlos betreut werden können.
  Der MEDEVAC-Container sieht den Transport von Patienten in unterschiedlichen Konfigurationen – je nach Schweregrad und Situation – vor:
• 1-2 Intensivpatienten (Intensive Care Unit – ICU)
• 1 Intensivpatient (1 ICU) und 1-3 Patienten ohne Intensivbehandlung (Non Intensive Care  
   Unit – Non ICU)
• Bis zu 9 Non ICU-Patienten
Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass im Rahmen der Ausstattung der C-130 mit dem MEDEVACContainer auch 60 Tragen mit luftfahrttechnisch zertifizierten Vergurtungssystemen angekauft wurden. In dieser „Stretcher Version“ können im Fall einer Evakuierungsoperat ion oder eines Massenanfalles mehrere Patienten ausgeflogen werden.
  Die Halterungsschienen und die gesamte Einrichtung des Gehäuses sind analog ziviler Passagierflugzeuge ausgeführt und entsprechen den luftfahrttechnischen EASA-Vorschriften CS-Chapter 25. Die Intensive Care und Non Intensive Care Module eignen sich zu einer raschen Montage und Umrüstung und können auch in zivilen Luftfahrzeugen (Airbus, Boeing) eingebaut werden.

Medizinische Geräteausstattung
Bei der Anordnung der medizinischen Geräte wurde auf Ergonomie und große Übersichtlichkeit Wert gelegt. Die Geräte sind in Halterungen gesichert und einfach herausnehmbar. Stauraum für ausreichend medizinisches Material wurde auch durch Overhead locker geschaffen. Die medizinischen Geräte entsprechen dem Medizinproduktegesetz und den Bestimmungen der europäischen Norm EN 13718-1 und 2 und sind luftfahrttechnisch zugelassen. Die Sauerstoffdruckflaschen sind von einer beschusssicheren Schutzhülle ummantelt.
  Als Beatmungssysteme sind ein LTV 1000 Ventilator und bei Ausfall des Primärbeatmungssystems ein Oxylog 2000 der Fa. Dräger in Verwendung. Zur Überwachung der Intensivpatienten wurde der Container mit dem im Sanitätsdienst des ÖBH vielfach verwendeten „Welch Allyn Propaq CS“ ausgestattet. Mit diesem Gerät können folgende wichtige Parameter des Patienten überwacht werden: die Herzfrequenz, das EKG in unterschiedlichen Ableitungen, der Blutdruck mittels einer non-invasiven Messmethode – NIBP (Non- Invasive Blood Pressure) sowie auch mittels invasiver Messmethode IBP (Invasive Blood Pressure), die Körpertemperatur, die Atemfrequenz, und die Sauerstoffsättigung (SpO2) mittels Pulsoxymetrie.
  Für die Non Intensiv-Patienten sind neun „Welch Allyn Monitors Micropaq“ vorgesehen. Damit ist es möglich, die Herzfrequenz, eine Ableitung des EKG und die Sauerstoffsättigung zu überwachen.
  Die Daten aller in Benutzung befindlichen Überwachungsgeräte werden über ein drahtloses System (WLAN) auf einem zentralen Monitor erfasst und zur Dokumentation gespeichert.
  Fünf Perfusorensysteme (Fa. Braun), die eine Dosierung von Medikamenten in geringsten Mengen mit einer exakten Infusionsgeschwindigkeit ermöglichen, sind je Intensiv Modul installiert. Auch eine entsprechende Absaugeinrichtung (Laerdal Suction Unit/LSU) ist Inhalt des Containers.
  Im Fall einer Reanimation aufgrund lebensbedrohlicher Herzrhythmusstörungen kann sogar während des Fluges ein Defibrillator angewandt werden. Die starken Stromstöße, die dabei ausgelöst werden, zeigen keine Interferenzen mit den anderen elektronischen Geräten im Luftfahrzeug.
  Hervorzuheben ist weiters die Möglichkeit einer „Inflight“-Diagnostik mittels eines mobilen Ultraschallgerätes und eines handlichen Blutanalysegerätes (I–STAT), das lebenswichtige Parameter messen kann.
  Die acht vermantelten Sauerstoffflaschen mit je 200 Bar Fülldruck ermöglichen eine Sauerstoffgabe mit 100 % O2 an zwei Intensivpatienten gleichzeitig über eine Dauer von bis zu acht Stunden.
  Das Galley-System ist nicht nur wegen der Staubehälter für kalte und warme Verpflegung für Patienten und Begleitpersonal erwähnenswert, sondern v.a. wegen seiner medizinischen Relevanz. In den Kühlbzw. Wärmeboxen können Infusionen, entsprechend zu lagernde Medikamente wie auch lebensnotwendige Blutkonserven transportiert werden. Weiters ist das Handwaschbecken mit Frischwasser neben ausreichend Desinfektionsmaterial ein wesentlicher Bestandteil der vorgeschriebenen Hygienemaßnahmen.
  Wenn auch das System dz. für keinen Transport von kontaminierten (ABC-Abwehr) bzw. hochinfektiösen Patienten (z.B. virales hämorrhagisches Fieber – Ebola) ausgestattet ist, so ist der Container medizinisch so konzipiert, dass für einen Transport von Patienten, die erhöhte Hygienemaßnahmen erfordern, vorgesorgt ist.

Aeromedical Evacuation Team
Abgeleitet vom NATO STANAG 3204 wird je nach Anzahl, Klassifizierung, Behandlungsbedürftigkeit und Priorisierung der Patienten, abhängig von der Art und dem Schweregrad der Verletzung bzw. Erkrankung des Patienten, durch den AECO (Aeromedical Coordination Officer – AE ausgebildeter Arzt) ein entsprechendes medizinisches Begleitteam aus mehreren AECM (Aeromedical Crew Member) zusammengestellt. Für die Betreuung im MEDEVAC-Container ist als Minimalplanung 1 OdmmD/Notarzt und 2 SanUO/ DGKP, im Falle eines Intensivtransportes 1 Anästhesist und Intensivmediziner und zumindest 1 Intensivpfleger vorzusehen.

Ausbildung zum Aeromedical Crew Member (AECM)
Um den Spezifikationen des Patientenlufttransportes entsprechen zu können, bedarf es einer profunden Spezialausbildung des medizinischen Begeleitpersonals, sowohl der Ärztinnen und Ärzte wie auch des Pflegepersonals.
  Aus diesem Grund wurde ein Curriculum für einen „Lehrgang Taktischer und Strategischer Patientenlufttransport (Aeromedical Evacuation)“ erarbeitet und im Jahr 2009 erlassen. Die 4-wöchige Ausbildung, die an der Flieger- und Fliegerabwehrtruppenschule (FlFlATS) abgehalten wird, beinhaltet mehrere Module, die nicht nur rein medizinisches, sondern auch sehr viel flugbetriebliche Grundlagen beinhalten und theoretisch und praktisch vermittelt werden.
  Voraussetzung zur Zulassung zu diesem Lehrgang sind nicht nur eine entsprechende medizinische Qualifikation (jus practicandi bei Ärztinnen und Ärzten bzw. Gesundheits- und Krankenpflegediplom beim Pflegepersonal), sondern auch körperliche Fitness (gültige Leistungsüberprüfung Allgemeine Kondition), eine fliegermedizinische Tauglichkeit („Bordtauglichkeit“) und eine Eignung zur weltweiten Entsendung.
  Neben einer Überprüfung in der hypobaren Kammer (zumeist in Königsbrück, Fliegermedizinisches Institut der deutschen Luftwaffe) ist im Vorfeld zum Lehrgang auch ein Überlebenstraining Land und See, sowie ein „Flight Safety Training“ bei den Austrian Airlines vorgesehen.
Der Lehrgang beinhaltet gemäß Curriculum vier Module:
• Lufttransportmedizin
• Flugbetrieb
• Bordausrüstung
• Aero Medical Evacuation Organisation
Bisher wurden zwei Lehrgänge „Taktischer und Strategischer Patientenlufttransport“ am Fliegerhorst Vogler in Hörsching abgehalten. Somit haben bis dato 9 OdmmD/Ärzte und 18 SanUO/DGKP den Kurs positiv absolviert. Um der Herausforderung der unumgänglichen internationalen Kooperationen im Bereich der Aeromedical Evacuation gerecht zu werden, wäre eine Teilnahme anderer Nationen an diesem Lehrgang von großer Wichtigkeit.

Tyrolean Air Ambulance
Kann das ÖBH im Anlassfall den MEDEVAC-Container C-130 nicht zum Einsatz bringen, dann wird ab Juni 2011 auf das zivile österreichische Unternehmen Tyrolean Air Ambulance, mit dem das BMLVS einen Vertrag vereinbart hat, zurückgegriffen. Auch in diesem Fall werden die Patienten in Begleitung von „heereseigenem“ Sanitätspersonal mit unterschiedlichen Luftfahrzeugen repatriiert. 

DER SOLDAT-Ausgabe Nr. 10/2011 vom 25. Mai

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