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Wehrtechnik

Obst Georg Klecatsky, MSD

Die Luftfahrzeugrettungs- & ABC-Abwehrzüge des KdoLuU (2)

Flughafenfeuerwehren – was sollen die schon groß zu tun haben? Die Zeit totschlagen mit Warten, dass nichts passiert. Stimmt nicht. Die Luftfahrzeugrettungs- & ABC-Abwehrzüge des Kommandos Luftunterstützung haben mannigfaltige, interessante und v.a. wichtige Aufgaben im Betrieb der militärischen Flugplätze des Österreichischen Bundesheeres zu erfüllen.


Zeitvorgaben und Anforderungen
In Untersuchungen wurde festgestellt, welche Zeitvorgaben und Anforderungen für den Lösch-, Rettungsund Bergeeinsatz maßgeblich sind. Insbesondere bei Flugzeugbränden ist jede gewonnene Sekunde von entscheidender Bedeutung.

Temperaturentwicklung im Cockpit
Eine brandtechnische Testreihe an der Universität Lund (Schweden) im Jahr 1995 hat ergeben, dass bereits 90 Sek. nach Ausbruch eines Brandes die Lufttemperatur im Cockpit eines J-35 Draken auf etwa 100° C ansteigt und der Pilot bis zu diesem Zeitpunkt bereits 10 bis 20 % Verbrennungen 2. Grades erlitten hat. Das Kabinendach hält dem Brand in diesen 90 Sek. ungeschmolzen stand. Die Temperaturkurve steigt nach weiteren 60 Sek. auf über 200° C. Aus diesen Messergebnissen ergibt sich auch noch heutzutage für die Rettungskolonne die zwingende Notwendigkeit, dass im Brandfall die ersten Löschmaßnahmen, die sich vorerst auf das Kühlen des Cockpits beschränken, innerhalb von 90 Sek. eingeleitet werden müssen. Mit jeder Sekunde Verzögerung sinkt die Wahrscheinlichkeit, das Leben des Piloten zu retten. Um innerhalb von 90 Sek. an jeder Stelle im Flugplatzbereich eingreifen zu können, wurden Ende der 90er Jahre im Bereich der österreichischen Luftstreitkräfte Schnellangriffslöschfahrzeuge (Flughafenlöschfahrzeuge mit 5.000 l Wasser und 1.000 l wasserfilmbildenden Schaummittel AFFF-ARC) in Zusammenarbeit mit einem österreichischen und zugleich international führenden Technologie- und Dienstleistungsunternehmen für Feuerwehrtechnik unter Abstimmung auf die speziellen Bedürfnisse in der Militärluftfahrt entwickelt und schließlich elf solche FLF 5000/1000 in den Jahren 2000-2001 beschafft. Diese Löschfahrzeuge sind u.a. mit einem Dachund Frontmonitor (bis zu 70 m Wurfweite) ausgestattet und vom Führerhaus aus mittels Joystick bedienbar, um bereits während der Anfahrt aus der Bewegung den Löscheinsatz eröffnen und damit wertvolle Sekunden sparen zu können („Pump and Roll“-Betrieb). Der Dachmonitor ist zusätzlich mit einer Fernsteuerung auch außerhalb des Fahrzeuges bedienbar. Außerdem verfügen diese hochmodernen 3-achsigen Löschfahrzeuge über eine entsprechende Fahrleistung: Beschleunigung von 0 auf 80 km/h in 23 Sek. mit einer Höchstgeschwindigkeit von 135 km/h und mit einer Motorleistung von 600 PS bei einem Gesamtgewicht von 26 t.

Löschtaktik
Grundsätzlich wird der Löschangriff in der Windrichtung durchgeführt. Der Kommandant der Rettungskolonne gibt bereits während der Anfahrt zur Einsatzstelle über Funk den Befehl, welche Aufstellung die Fahrzeuge einzunehmen haben. Er bedient sich dabei der sogenannten „Clock- Methode“ („Uhrzeit-Methode“): Die Richtung, in die der Bug des verunglückten Luftfahrzeuges weist, dient als Bezugspunkt – 12.00 Uhr. Darauf bezogen wird der Aufstellungsort der einzelnen Einsatzfahrzeuge in Form einer Uhrzeit angegeben. Aufgrund der hohen Strahlungshitze und der Brandausbreitungsgefahr ist dabei überdies ein entsprechender Abstand zum Löschobjekt einzuhalten. Bei nicht bewaffneten Luftfahrzeugen ist stets ein Löschangriff von vorne – in Richtung der Flugzeuglängsachse – anzustreben, wobei die einzelnen Löschfahrzeuge mit ihren Werfern keilförmig zusammenwirken. Dann sind im Zusammenwirken mit absitzenden und folglich die Schnellangriffsvorrichtungen einsetzenden Angriffstrupps die Flammen – von vorne nach hinten vorgehend – vom Rumpf abzudrängen. Es ist dabei sehr wichtig, die unmittelbar den Rumpf umgebenden Flammen in kürzester Zeit „niederzuschlagen“. Auch der Bekämpfung der Flammen unterhalb des Rumpfes kommt größte Bedeutung zu, um Rückzündungen zu vermeiden. Im Gegensatz zur herkömmlichen, zivilen Flugzeugbrandbekämpfung ist es bei Kampfflugzeugen aufgrund der geringeren Rumpfabmessungen erforderlich, das Feuer noch vor oder spätestens während der Pilotenrettung möglichst vollständig zu löschen, um die besondere Gefährdung durch den im Rumpf mitgeführten Kraftstoff, die pyrotechnischen Einrichtungen (Schleudersitz) und durch die Bewaffnung auszuschalten. Auf sogenannte Nebenfeuer in der Umgebung wird vorerst nicht reagiert. Mit den Löschmitteln ist nach Möglichkeit so hauszuhalten, dass nach dem Löschen noch etwa 50 % der anfänglich mitgeführten Löschmittelmenge als Reserve zur Verfügung stehen, um auf einen durch Rückzündung neuerlich entstehenden Brand reagieren zu können.

Auswirkungen eines Waffensystems auf die Löschtaktik
Die Waffensysteme eines brennenden Luftfahrzeuges stellen für das Personal der Rettungskolonne ein gewisses Sicherheitsrisiko dar. So gelten bspw. bei Bordkanonenmunition und Luft- Luft-Lenkwaffen, die im Zuge eines Unfalles direkter Beflammung ausgesetzt sind, entsprechende Zeitvorgaben, in der die Kühlung durch Löschwasser einzusetzen hat, um die Gefahr einer Explosion zu bannen. Brandversuche der schwedischen Luftwaffe haben ergeben, dass bspw. bei einer Explosion einer Luft-Luft- Lenkwaffe AIM-9P3 (P5) „Sidewinder“ im Bereich hinter der Rakete, in einem Winkel von 10 bis 30 Grad beiderseits der Längsachse der Rakete die wenigsten Splitter zu erwarten sind. Diese Werte sind auch bei der Luft- Luft-Lenkwaffe IRIS-T des Eurofighters in Anwendung zu bringen. Daher wird der Angriffsweg der Löschfahrzeuge und Angriffstrupps unter Einhaltung von Zeitlimits darauf abgestimmt.

Pilotenrettung
Die vordringlichste und wichtigste Maßnahme ist und bleibt in jedem Fall die Menschenrettung. Dieses Ziel ist mit allen Mitteln anzustreben, wobei allein der Erfolg ausschlaggebend ist. Dabei dient die Brandbekämpfung in erster Linie nur dazu, den Rettungstrupps den Weg zum Luftfahrzeug bzw. zum Cockpit freizumachen. Die erforderlichen Tätigkeiten zur Piloten- bzw. Insassenrettung sind mit Ausnahme der C-130 Hercules bei allen Luftfahrzeugen ähnlich und laufen im Wesentlichen auch nach dem gleichen Schema ab. Es ist jedoch notwendig, die einzelnen Flugzeugtypen im Detail zu kennen und darauf zu üben. Das gilt im gleichen Maß auch für Luftfahrzeuge ausländischer Luftstreitkräfte, die immer öfter im Rahmen von gemeinsamen Übungen oder Einsätzen auf den österreichischen Militärflugplätzen landen.

Übungsplatz
Zu diesem Zweck betreibt das ÖBH auf dem Truppenübungsplatz Allentsteig einen Übungsplatz mit bereits ausgeschiedenen Luftfahrzeugen, die noch über ein intaktes Cockpit verfügen, um so die Pilotenrettung und auch die Luftfahrzeugbergung realistisch üben zu können. Das Herzstück dieses Brandübungsplatzes bildet eine Flugzeugattrappe aus Stahl, die durch geflutetes Kerosin in Brand gesetzt werden kann und damit in der Ausbildung des Personals der Luftfahrzeugrettungs- & ABC-Abwehrzüge ein realistisches und anspruchsvolles Szenario eines Flugunfalles bietet.

Zusammenfassung
Die Vielzahl und auch die besondere Vielfältigkeit der Aufgaben v.a. im Bereich des Luftfahrzeugrettungsdienstes stellen höchste Anforderungen an das Personal der Luftfahrzeugrettungs- & ABC-Abwehrzüge. Die Besonderheiten militärischer Luftfahrzeuge, sowohl in
- konstruktiver (die Besatzung und die Hauptmenge des Kraftstoffes befinden sich meist   zusammen in einer Zelle) als auch in
- betrieblicher (der Flugbetrieb erfolgt mit Waffen und Munition an Bord)
Hinsicht, erfordern einen diesen Umständen angepassten Rettungs- und Bergedienst sowie Brandschutz. Nur ein gut ausgebildetes und eingespieltes Team mit entsprechender Ausrüstung ist in der Lage, in solchen Situationen richtig und rasch zu handeln und Leben zu retten. Dass die Angehörigen der Luftfahrzeugrettungs- & ABC-Abwehrzüge dazu das notwendige Know-how besitzen, haben internationale Vergleiche bereits bestätigt. 

DER SOLDAT-Ausgabe Nr. 9/2012 vom 9. Mai

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