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Obst Karl Heinz Eisler

Die Moslembruderschaft - eine weltumspannende Bewegung

Die Moslembruderschaft (MB) wurde vom Schullehrer Hassan al-Banna 1928 gegründet, also fast zur selben Zeit wie der Staat Israel. Dz. ist die Organisation in 70 Staaten der Welt vertreten, in einigen, wie z.B. in Ägypten, ist sie offiziell verboten und doch mit 88 Parlamentsitzen stärkste Oppositionspartei.  


Weltweit hat die Bewegung 1 Mio. Mitglieder und mehrere Millionen Sympathisanten. Ein geschätztes Kapital in Höhe von 15 Mrd. US-$ steht zur Verfügung. Die Moslembruderschaft ist auch die Dachorganisation fundamentalistischer Islam- Gruppierungen und firmiert unter dem Leitmotiv: „Das Elend im Mittleren Osten ist der imperialistischen Wirtschaftspolitik der USA und Israels zuzuschreiben“. Nach außen bekennt man sich zu demokratischen Werten und zum Pluralismus, beides steht jedoch im Widerspruch zur gefestigten, fundamentalistischen und straffen Organisation des Islamismus.
  Nach der Gründung der Bruderschaft in Ägypten wurden islamische Moralvorstellungen und Leitmotive formuliert. Im Mittelpunkt stand der Kampf gegen die britische Dekadenz, wobei noch heute der bewaffnete, offensive Dschihad (Glaubenskrieg) als Schwerpunkt angesehen wird. In den 30er Jahren wurden gewalttätige Proteste gegen die Juden angezettelt und dem Märtyrertum durch Selbstzerstörung ein hoher Stellenwert eingeräumt. Labiba Ahmed gründete am Ende dieses Jahrzehnts die Frauenfraktion. Zur selben Zeit knüpfte die MB Kontakte zum nationalsozialistischen Deutschland, auf die später das Afrikakorps zurückgriff. 1948 waren bereits 500.000 Mitglieder und Hunderttausende Sympathisanten registriert. In den nächsten Jahrzehnten wurde die Verbreitung im gesamten Mittleren Osten inkl. Saudi-Arabien vorangetrieben. Die strenge Hierarchie der MB begünstigt die Infiltration von Mitgliedern in alle Ebenen des politischen und wirtschaftlichen Lebens. Großer Wert wird auf Bildung und Ausbildung nach Sicht einer islamischen Gesamtvision gelegt. 1950 wurde der Widerstand gegen die Briten offen unterstützt, ebenso der Staatsstreich in Ägypten von 1952, der ein Mitglied der MB, einen Offizier, besonders hervorhob – Anwar El Sadat.
  Die MB verfolgt militant die Ideologie des fundamentalistischen Islam, widmet sich aber auch sehr stark der Wohlfahrt. Es werden Schulen bezahlt, Spitäler gegründet und Moscheen gebaut.
  Die Dachorganisation „Federation of Islamic Organisations in Europe“ verbindet möglichst viele Aktivitäten islamischer Organisationen, steht der MB besonders nahe und vertritt auch deren Interessen in Europa.

Prinzipien der Moslembruderschaft
Die Errichtung einer islamischen Ordnung und die Rückkehr zum Ursprung des Islam beruht auf zwei Säulen:
• Die Scharia (Islamisches Recht) ist die Grundlage von Staat und Gesellschaft.
• Das Ziel ist die Vereinigung aller – vor allem arabischer Länder – zu einem islamischen
   Staat und die Befreiung vom ausländischen Imperialismus. Integrale Bestandteile der zu
   verfolgenden Politik sind: Gerechtigkeit, Gleichheit und Menschenrechte.
Der Erfolg dieser politischen Ziele kann nur durch eine gefestigte Ideologie und straffe innere Organisation gewährleistet werden. „Der Aufbruch zum Licht“ kann auch unter Zuhilfenahme eines offensiven, bewaffneten Dschihad gegen Nicht- Muslime erfolgen.

Verhältnis zu Israel
Aufgrund dieser Prinzipien ist Israel der erklärte Hauptfeind der Organisation. V.a. auch deshalb, weil Hamas und Hisbollah praktisch zur MB-Familie gehören. Auch in der Ägyptenkrise drangen Hamasmilizen nach Abziehen der ägyptischen Grenzposten vom Gaza-Streifen auf den Sinai zwecks Unterstützung ihrer Glaubensbrüder vor. Die Hisbollah organisierte Versorgungslieferungen im Libanon, die über die Grenze Gaza – Sinai nach Ägypten kommen sollten.
  Von israelischer Seite gibt es bis dato keine offizielle Stellungnahme, außer dass man die weitere Lageentwicklung genauestens beobachten würde.

Länderaktivitäten
Ägypten
, das Gründungsland mit den meisten Mitgliedern. Bei den letzten Wahlen konnte die MB 20 % der gültigen Stimmen gewinnen. Nachdem die größte Opposition nach wie vor verboten ist, sitzen 88 Abgeordnete als Unabhängige im Parlament. Trotzdem wird die Bewegung verfolgt und im vergangenen Jahr wurden 6.000 Mitglieder verhaftet. Andere islamische bzw. islamistische Organisationen, wie Al-Qaida, gibt es kaum, da etwaige regimekritische Sympathisanten von der Geheimpolizei frühzeitig erkannt und ausgeschaltet wurden.
  Palästina zählt etwa 20.000 Mitglieder und die Hamas wird als Tochterorganisation der MB eingestuft.
  Syrien. Die Bruderschaft galt 1980 als größte Opposition zur regierenden Baath- Partei, wurde aber nach dem missglückten Attentat auf Hafez al-Assad heftig verfolgt. Schon der Verdacht einer Unterstützung wurde mit der Todesstrafe belegt. Aktivitäten gibt es seither nicht mehr.
  Saudi-Arabien. Die MB wird von der Regierung geduldet, obwohl es Meinungsverschiedenheiten zur Staatsreligion, dem Salafismus, gibt.
  Libanon. Die Hisbollah wird ebenfalls als Tochterorganisation der MB gesehen. 100.000 Ägypter arbeiten im Libanon.
  Jordanien. Die MB tritt als „Islamische Aktionsfront, Jabhat al-Amal al-Islam“ auf und ist die wichtigste Oppositionspartei im Lande. Die beginnenden Demonstrationen gegen die Regierung (nicht gegen das Königshaus) werden von der IA organisiert.
  Algerien. Die Wahlen 1990 gewann die MB-Tochterorganisation FIS, worauf dieses Votum für ungültig erklärt wurde. Verstärkte Unruhen in nächster Zukunft sind zu erwarten.
  Türkei. Die legale „Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei“ der MB wird hauptsächlich von 35-55- Jährigen gewählt.
  Sudan. Mithilfe der MB wurde erst vor Kurzem die Scharia als geltendes Recht eingeführt.
  In Europa ist die „Federation of Islamic Organisations in Europe“ als Dachorganisation für alle sunnitischen und schiitischen Bereiche, so auch für die MB, Anlaufstelle.
  Der dz. Vorsitzende der Moslembruderschaft ist der 67-jährige ägyptische Tierarzt Mohammed Badie, der auch häufig bei den Demonstrationen am Tahrir- Platz gesehen wurde.
  Europäer, Amerikaner, aber auch Israeli haben das Recht und die Pflicht, von arabischen Regierungen Menschenrechte, Meinungsfreiheit und Medienpluralismus einzufordern. Allerdings resultiert daraus auch die Verpflichtung, bei der Entwicklung von Demokratien behilflich zu sein. Das kann aber nur ohne Rücksicht auf herrschende islamische Klassen geschehen. 

DER SOLDAT-Ausgabe Nr. 5/2011 vom 9. März

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