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Sicherheitspolitik

Bgdr DDr. Harald Pöcher

Die Rüstungsindustrie der Volksrepublik China

Die heimliche Nummer „Zwei“ in der Welt


Die VR China im Rahmen der Weltwirtschaft
Die Volksrepublik China (VR China) hat in den letzten Jahren im Zuge ihres wirtschaftlichen Aufschwunges fast alle in Bezug auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP) vor ihr liegende Staaten überflügelt. Nur die Vereinigten Staaten von Amerika (USA) konnten sich als Weltranglistenführer mit einem Respektabstand behaupten. Die USA produzierten 2010 ein BIP von rd. 14.500 Mrd. US-$, die VR demgegenüber ein BIP von 5.870 Mrd. US-$. Österreich erwirtschaftete im Vergleich dazu ein BIP von 377 Mrd. US-$ und lag damit auf dem respektablen Platz 27. Betrachtet man die Wirtschaftskraft gemessen in BIP je Einwohner, so bietet sich ein anderes Bild. Die VR China gilt in einer derartigen Rangliste als arm im Vergleich zu den USA oder Österreich und ist in der Reihe der Drittweltländer einzuordnen. Rein statistisch gesehen beträgt das BIP je Einwohner in der VR China 4.382 US-$ und nur Platz 91, in den USA 46.860 US-$ (Platz 10) und in Österreich 44.988 US-$ (Platz 13). Die VR China liegt damit in einer Gruppe gemeinsam mit Staaten wie die Republik Mazedonien am Balkan, Algerien in Nordafrika oder Angola im südlichen Afrika. Statistiken sagen allerdings nur wenig aus, sodass der statistische Wert des BIP je Einwohner für China einer Interpretation bedarf. China kennt keine Mittelschicht; in China gibt es reiche und arme Leute, eine Mittelschicht ist erst im Entstehen. Dies bedeutet, dass von den insgesamt mehr als 1,3 Mrd. Menschen in China nur wenige Millionen reiche Leute den Großteil des erwirtschafteten Vermögens besitzen. Die überwiegende Mehrheit muss vermutlich mit weniger als den statistisch errechneten 4.382 US-$ pro Jahr auskommen. Ein Sprengstoff für soziale Unruhen in der Zukunft ist damit gelegt, außer es gelingt der allmächtigen kommunistischen Partei auch dieses Problem zu lösen. Zu lösen ist dieses Problem aber nur dann, wenn die Wirtschaft der VR China innerhalb der nächsten zehn Jahre weiterhin Wachstumsraten von 5 % und mehr erzielt.

Die Rüstungswirtschaft der VR China
Die Volksarmee des neuen China wurde ab 1949 mit Rüstungsgütern aus den kommunistischen Bruderländern ausgerüstet. Anfänglich gab es noch eine enge Zusammenarbeit mit der Sowjetunion. Aber bereits Anfang der 60er Jahre und spätestens seit den Grenzzwischenfällen in Fernost und kleineren Grenzkriegen erkaltete das gute Verhältnis. Ende der 60er Jahre war die VR China isoliert in der Welt dastehend. Danach konnte China nur mehr über Umwege zu neuen Rüstungsgütern gelangen, sei es im Rahmen einer Spionage oder durch Abfangen von Lieferungen aus der Sowjetunion nach Vietnam während des Vietnamkrieges.
  Erst nach dem Ende des Kalten Krieges Ende der 80er Jahre kam es zu einem Tauwetter zwischen Moskau und Peking und es begann wieder ein regulärer Waffenhandel zwischen den beiden Staaten. Die Streitkräfte der VR China erlebten dadurch einen großen Sprung nach vorne. Neben der Sowjetunion war es auch Israel, das die VR China bis Anfang 2000 mit neuesten Waffensystemen belieferte.
  Anfang der 90er Jahre verfügte die VR China über eine zersplitterte Rüstungsindustrie, die zwar für alle Teilstreitkräfte Waffen produzieren konnte, aber technisch und wirtschaftlich rückständig war. Wie der gesamte Wirtschaftsapparat der VR China wurde damals auch die gesamte Rüstungsindustrie neu organisiert. Heute besteht die Rüstungswirtschaft der VR China im Wesentlichen aus acht großen Konzernen, die in der Folge kurz dargestellt werden sollen. Im Westen schätzt man, dass in der VR China rd. 10.000 Unternehmen Waffen produzieren und dabei mehr als 1 Mio. Chinesen beschäftigt werden. Ferner wurde von US-amerikanischen Forschern abgeschätzt, dass 2010 mehr als 8 Mrd. US-$ in der Rüstungsindustrie investiert wurden.

Die Rüstungskonzerne der VR China
Der bedeutendste Entwickler, Produzent und Lieferant für die Landstreitkräfte ist die China North Industry Group (NORINCO). NORINCO wurde 1980 gegründet und besteht aus mehr als 300 Unternehmen, davon 157 mittelgroße Unternehmen und 30 Forschungseinrichtungen. Heute beschäftigt NORINCO rd. 450.000 Mitarbeiter. NORINCO unterhält in 20 Staaten eigene Verkaufsbüros und ist Lizenzgeber für eine Reihe von Rüstungsgütern, die in Fabriken in der Dritten Welt hergestellt werden. Die wichtigsten Rüstungsgüter aus den Waffenschmieden der Unternehmensgruppe NORINCO sind der neue mittlere Kampfpanzer Typ 99, der gepanzerte Radpanzer VN 3, die Artilleriehaubitze auf Selbstfahrlafette 12,2 cm PLZ-07. Neben dem schweren Gerät produziert NORINCO Lenkwaffen, Gewehre, Handfeuerwaffen und jede Art von Munition. NORINCO erwirtschaftete 2007 einen Umsatz von rd. 17,5 Mrd. US-$.
  Neben der China North Industry Group existiert auch die China South Industry Group (CSIC). Dieser Gruppe gehören 64 große bis mittlere Unternehmen an. Ferner unterstehen 13 Forschungseinrichtungen der CSIC. Die CSIC produziert v.a. Militärfahrzeuge.
  Die VR China verfügt auch über eine Reihe von leistungsfähigen Unternehmen der Nuklearindustrie, die in der China National Nuclear Industry Corporation (CNNC) organisiert sind. China als Atommacht entwickelt und produziert alle Atomwaffen für ihre Teilstreitkräfte in der CNNC.
  In der Militärluftfahrtindustrie bestehen zwei große Unternehmenskomplexe: Aviation Industry Corporation (AVIC) und China Aviation Industry Corporation II (AVIC II). AVIC entstand 2008 und besteht aus 100 Zulieferbetrieben, die in der Lage sind, jede Art von Militärluftfahrzeug entwickeln und produzieren zu können. Die Produktpalette reicht dabei vom Abfangjäger bis zum Bomber und von Flugzeugtriebwerken bis zur Lenkwaffe. AVIC II ist anders als AVIC spezialisiert auf kleinere Militärluftfahrzeuge, bspw. Trainingsflugzeuge JL-8, L-15, kleinere Passagierflugzeuge (Harbin Y-12), Transportflugzeuge mittlerer Reichweite (Y-8) und Hubschrauber (Z-8, Z-9, WZ-10 und Z-11). AVIC erwirtschaftete 2008 einen Umsatz von 24 Mrd. US-$ und AVIC II 2007 einen Umsatz von 4,6 Mrd. US-$.
  Im Kriegsschiffbau dominieren die beiden Konzerne China Shipbuilding Corporation (CSSC) und China Shipbuilding Industry Corporation (CSIC) den Markt. CSSC ist ein Zusammenschluss von rd. 60 Schiffbauunternehmen. Die wichtigsten dieser Unternehmen sind Jiangnan (Zerstörer der Guangzhou-Klasse), Hudong (Zerstörer der Luhu- Klasse) und Guangzhou. CSIC besteht aus 96 Unternehmen und weiteren 30 Forschungseinrichtungen, die zum Großteil in Nordchina disloziert sind und rd. 300.000 Menschen Arbeit bieten. Die wichtigsten Unternehmen befinden sich in Dalian (Zerstörer der Luda- Klasse), Tianjin, Wuhan, Xi`ian, Chongqing, Huludao (Atomunterseeboote) und Kunming. CSIC erwirtschaftete 2009 einen Umsatz von rd. 17,7 Mrd. US-$. In Dalian wurde der ehemalige russische Flugzeugträger Varyag zum ersten chinesischen Flugzeugträger Shi Lang umgebaut. Die Shi Lang begann am 10. August 2011 mit der ersten 4-tägigen Hochseeerprobungsfahrt. Seitdem liegt der Träger wieder in der Werft von Dalian. Ein Unternehmen mit einer breiten Produktpalette von Waffensystemen für die Land-, Luft- und Seestreitkräfte ist Poly Technologies Inc.
  Das Unternehmen produziert auch Elektronik für alle Anwendungsbereiche. Daneben besteht noch die China Electronics Technology Group Corporation (CETC), die Elektronik für alle Verwendungszwecke entwickelt und herstellt.

Exporte von Rüstungsgütern
Während der Zeit des Kalten Krieges hatte die VR China nur eine Handvoll Kunden in der Dritten Welt, bspw. Angola und Pakistan. Nach dem Ende des Kalten Krieges und dem Hunger der VR China nach Rohstoffen in aller Welt werden die Rohstofflieferungen zunehmend auch mit Waffen bezahlt. Heute zählt die VR China Ecuador, Venezuela, Bolivien, Peru, Uruguay, Argentinien, Angola, Ägypten, Kenia, Pakistan, Zimbabwe, Aserbaidschan, Indonesien, Myanmar, Thailand, Sri Lanka, Jordanien, Saudi-Arabien, Sudan, Iran, Nordkorea, Libyen, Syrien, Ukraine zu den Kunden von chinesischen Waffenhändlern.
  Das wichtigste Bezugsland für Produkte der chinesischen Rüstungsindustrie ist Pakistan, das innerhalb der letzten Jahre neben Kampfflugzeugen vom Typ F-7M und JF-17 Thunder, Kampfpanzer vom Typ 90 Trainingsflugzeuge K-8 Karakorum, Anti-Schiff-Lenkflugkörper, Radargeräte, Hubschrauber und vier Fregatten vom Typ Jiangwei erworben hat. Ferner gibt es zwischen der pakistanischen Rüstungsindustrie und der chinesischen Rüstungsindustrie ein Abkommen zur Entwicklung und Herstellung gemeinsamer Rüstungsprojekte.

Resümee
Die VR China ist drauf und dran, nach den USA der zweitgrößte Global Player im Rüstungsgeschäft zu werden. Im Gegensatz zu den USA sind die chinesischen Unternehmen bei der Wahl ihrer Abnehmer nicht so zimperlich in der Auswahl der Zuverlässigkeit der Abnehmer, was einen gewissen Argwohn in den USA hervorruft, da man befürchtet, dass durch den Verkauf von Hochtechnologiewaffen eventuell auch an unzuverlässige Staaten einige Waffen auch in die Hand von potenziellen Terroristen gelangen könnten.

DER SOLDAT-Ausgabe Nr. 19/2011 vom 5. Oktober

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