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Wehrpolitik

Alexander Simon

Diversity erlebt

Workshop „Interkulturalität als Instrumentarium für Einsatz und Führung sowie Implikationen für Smart Defence“ an der LVAk.


Die „richtigen Entscheidungen in einem komplexen Umfeld zu treffen“ ist ein Anliegen, das viele Organisationen teilen. „Diversity“ ist nicht bloß ein modernes Schlagwort, sondern insbesondere ein Führungsansatz, der die Entscheidungskapazität durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit internationaler Spezialisten erhöhen will. Klingt abgehoben? In der Landesverteidigungsakademie in Wien wurde die Idee hinter dem Konzept umgesetzt und für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des 3-tägigen Workshops erlebbar gemacht.

Walk the talk
Statt Marschieren in Reih’ und Glied braucht Diversity v.a. Raum und Zeit für Interaktion und Kreativität. Rahmenbedingungen, die der Organisator und Moderator der Veranstaltung, ObstdhmfD Mag. Georg Ebner vom Institut für Human- und Sozialwissenschaften (IHSW), zu schaffen wusste. „Die Vorträge spannen bloß einen Rahmen auf“, erläuterte Obst Ebner und lud zum Dialog an Stehtischen während der Pausen, während zweier gemeinsamer Abendessen (eines davon im Schweizerhaus) und natürlich auch während des Workshops ein. Mit Letzterem war natürlich nicht das Tratschen mit den 40 anwesenden Personen gemeint, die den Vorträgen aufmerksam folgten, sondern die Nutzung einer Open Space-Veranstaltung, moderiert durch Mag. Monika Himpelmann, einer Paneldiskussion mit Länderexperten, „Trainings boards“ der Bundeswehr aus den Bereichen Kultur, ISAF und Ethik sowie Diskussionsrunden jeweils im Anschluss an die Präsentationen. Das vorbildliche Zeitmanagement des Moderators und das gediegene Ambiente in der Sala Terrena in der LVAk trugen ebenfalls zum Gelingen bei. In seiner Keynote erläuterte Obst Ebner, der selbst auf verschiedene Auslandseinsätze zurückblicken und somit „aus dem Nähkästchen plaudern“ kann, die Notwendigkeit der Interkulturalität in der Ausbildung des Österreichischen Bundesheeres. Interkulturelle Kompetenz wird dem Soldaten am Einsatzort, etwa im Dialog mit der Zivilbevölkerung, Angehörigen anderer Streitkräfte und auch in der Zusammenarbeit mit internationalen Hilfsorganisationen abverlangt. Doch auch während der Ausbildung in Österreich arbeiten Soldaten aus unterschiedlichen Herkunftsländern zusammen – Stichwort „Migration“. Ebenfalls betont wird der Kulturgüterschutz, dem eine große Bedeutung zukommt, der sich aber nicht von selbst ergibt. Interkulturelle Kompetenz ist in der Ausbildung des Österreichischen Bundesheeres fest verankert, insbesondere auch in der Offiziersausbildung an der TherMilAk, wie auch ObstdG MMag. Franz Hollerer in seinem Vortrag ausführte. Somit fanden sich auch die Fähnriche im 4. Semester des FHBaStg am zweiten und dritten Workshoptag ein.

Sine moneta, nulla musica
„Diversity gibt es nicht zum Nulltarif“, führte Dkfm. Frank Bannys in seinem Referat aus. Der Berater und Autor verwies zudem auf Studien, die zeigen, dass multikulturelle Teams keine durchschnittliche Performance zeigen, sondern entweder unterdurchschnittlich schlechte oder überdurchschnittlich gute Leistungen erbringen, wobei es stark von der Teamleitung abhängt, in welche Richtung das Pendel ausschlägt. Derartige Teams eignen sich zudem weniger für Routineaufgaben, sondern für komplexe Fragestellungen. Dass es derer im Militär genügend gibt, verdeutlichte Bgdr MMag. Wolfgang Peischel, Chefredakteur der „ÖMZ“, die als Co-Veranstalter des IHSW den Workshop ausrichtete. Der Brigadier illustrierte verschiedene geopolitische Spannungsfelder und erläuterte, dass interkulturelles Verständnis sowohl am Stabstisch als auch im Einsatzraum nötig ist, um diesen zu begegnen. Die Bundeswehr, vertreten durch Obst Karl Trautvetter vom Zentrum Innere Führung und Mitarbeiter, präsentierte drei im Zuge der Ausbildung genutzte „Trainingsboards“ zu soldatischer Ethik, zum Einsatzraum Afghanistan und zu Kultur verstehen, die die Teilnehmer auch durchspielten. Spielspaß und Lernerfolg waren durch interaktive Elemente gegeben; zum Themenkomplex „Afghanistan“ lieferte Sara Konderts Vortrag weitere interessante Information zu Land und Leuten, wie etwa zum Einfluss der Clans und zur Stellung der Frau. Ebenfalls „aus dem Nähkästchen“ sprach Militärarzt Dr. Alexandre van Acker der Belgischen Streitkräfte und berichtete über Erfahrungen im Einsatzraum, wie etwa den Kulturschock, der in den drei Phasen Enthusiasmus, Ärger, Hinnahme verlaufen kann. Vieles davon war deckungsgleich mit den Thesen, die Julius Hess vom Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr formulierte und empirisch prüfte: Investitionen in Interkulturelle Kompetenz zahlen sich demnach aus. Investiert wird auch in Afrika, nicht immer zum Wohl der dortigen Bevölkerung, wie Bakk.rer.nat. Thomas Kukovec in seinem anschaulichen Vortrag über „Landraub in Afrika“ veranschaulichte. Um frei zugängliche Ressourcen gebracht und auf Händler mit Gewinnabsicht angewiesen, steigen Armut und Frustration in manchen Regionen Afrikas an. Erhöhtes Konfliktpotenzial ergibt sich und in Folge mitunter Auseinandersetzungen, deren Auflösung den Einsatz und die Zusammenarbeit zwischen Militär und NGOs erforderlich machen kann. Wertvolle Anregungen und eine spannende Diskussion dazu lieferte die Präsentation, gehalten von Mag. Anton Kühnelt-Leddihn (World Vision Austria) der als Milizoffizier beide Seiten kennt und durch Andreas Papp (Ärzte ohne Grenzen). Wiederum zeigte sich, dass die oftmals komplexen Lagen einen interdisziplinären Diskurs im Vorfeld erfordern. Einen solchen braucht es auch rund um die „Implikationen für Smart Defence“. Marek Pawlak von der „Nationalen Verteidigungsakademie Polen“ mit Sitz in Warschau berichtete über Erfahrungen der Polnischen Streitkräfte mit einem Konzept zu „Smart Defence“, das vor einem Jahr vorgelegt wurde und damit verbunden „Pooling“ und „Sharing“; beides Konzepte, die internationale Absprachen erforderlich machen. Sprachkenntnisse sind dabei entscheidend, wie der Referent erläuterte. Neben interkulturellen Aspekten kann „Smart Defence“ auch völkerrechtliche Implikationen mit sich bringen, die MMag. Dr. Marcin Lech von der LVAk in Wien in seinem Vortrag beleuchtete. Insbesondere empfahl der Jurist, Auswirkungen auf die Souveränität der Staaten und die Notwendigkeit für Verfassungsänderungen zu prüfen.

I haaß Kolaric, du haaßt Kolaric …
… warum sogns’ zu dir Tschusch? Erinnern Sie sich noch an diesen Spruch aus den 70ern, der humorvoll Verständnis für Personen mit Migrationsbiografie (damals „Zugezogene“) schaffen wollte? Fragen jeglicher Art, auch „politisch unkorrekte“ (um nicht um den heißen Brei herumreden zu müssen) konnten die Teilnehmer an ein Expertenpanel des Vereins „Fair und Sensibel“ vom BM.I richten: Obstlt Josef Böck und sein internationales Team berichteten über ihre Erfahrungen mit der Integration in Österreich, sowohl in der Polizeiarbeit als auch im Alltag. Als Zugabe folgte eine „Sneak Preview“ zu einem Sketch, der mit Stereotypen spielt und so mit Vorurteilen aufräumt, den die Gruppe verfilmen will. Fakten zur Integrationsarbeit lieferte Mag. Lisa Fellhofer vom Österreichischen Integrationsfonds. Der Vortrag bot auch eine Übersicht über aktuell laufende Projekte und Vereine, wie „Fair und Sensibel“, die Ausschreitungen wie jüngst in Stockholm und London vermeiden wollen. Fallstricke und Fußangeln im interkulturellen Dialog demonstrierte auch der Berater Caglayan Caliskan in seinem interaktiven Vortrag, der zwar auf Theorie baute (etwa Scheins Eisbergmodell), diese jedoch praktisch anwendbar vermittelte. In erster Linie geht es Caliskan darum, Bewusstsein für die oft unbewussten Aspekte der eigenen Kultur zu schaffen, da von diesem Standpunkt aus Brücken zu anderen Kulturen gebaut werden können. Ein entscheidender Stellenwert bei der Betrachtung eines Kulturraumes kommt auch der Religion zu, wie Wolfgang Jockusch ausführte. Religionen fungieren oft auch als Orientierungssystem – ein Begriff, der sich auch im einen oder anderen Kulturkonzept findet.

Never change a winning team
Die Workshopreihe wird seit 2011 jährlich veranstaltet. Ursprünglich aus einer Forschungsfrage resultierte ein Kernteam, „an das jedoch Interessierte andocken können“, erzählte mir Initiator Obst Ebner im persönlichen Gespräch nach dem Workshop. Die Ergebnisse werden in Publikationen festgehalten, die auch angefordert werden können. Sollten Sie, geschätzte Leserinnen und Leser, Interesse an den Publikationen oder auch an einer Zusammenarbeit haben, so freut sich Obst Ebner über Ihre Kontaktaufnahme via E-Mail: georg.ebner [at] bmlvs [dot] gv.at
Nach Fertigstellung der Publikation zum Workshop 2013 wird Ihnen diese gerne gratis zugesandt. Die Publikationen des Workshops 2012 sind ebenfalls noch erhältlich.

DER SOLDAT-Ausgabe Nr. 11/2013 vom 12. Juni

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