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wehrpolitik

Bgdr DDr. Harald Pöcher

Einfach zum Nachdenken

Eine einfache Berechnung zur Wehrsystemdiskussion in Österreich
Den österreichischen Streitkräften wurden 2010 rd. 2,1 Mrd. € an Budgetmitteln zur Verfügung gestellt, um das Personal bezahlen, Investitionsgüter ankaufen, Bauten errichten und den Betrieb sicherzustellen zu können. Österreich liegt damit, was das Verteidigungsbudget betrifft, zwar hinter den mit Österreich in Bezug auf Größe, Einwohneranzahl und Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner vergleichbaren Staaten Europas, aber in einer Weltrangliste dennoch im gesicherten Mittelfeld.


In den vorhergehenden Aufsätzen zu Wehrsystemen, veröffentlicht in DER SOLDAT Nr. 15, 16 und 17, wurde vom Autor herausgearbeitet, dass Freiwilligenstreitkräfte mit einem gleichen Anforderungsprofil wie Wehrpflichtigenstreitkräfte ein höheres Verteidigungsbudget erfordern. Die Gründe dafür liegen im Wesentlichen in der Verteuerung des Faktors Arbeit in Streitkräften, da bei Freiwilligenstreitkräften die billigen Wehrpflichtigen durch marktgerecht entlohnte Berufssoldaten ersetzt werden müssen.

Wie viele Berufssoldaten um 2,1 Mrd. €?
Als weiterer Input für die Diskussion über das bestmögliche Wehrsystem für Österreich ist es zweifellos interessant, eine Berechnung anzustellen, wie die Freiwilligenstreitkräfte in der personellen Stärke mit dem zurzeit verfügbaren Verteidigungsbudget von rd. 2,1 Mrd. € finanziert werden könnten. Der Autor versucht in der Folge, abgestützt auf nachstehende Annahmen, die Frage zu beantworten, wie viele Soldaten (Aktiv und Miliz) und Zivilbedienstete in Österreich mit einem Verteidigungsbudget von 2,1 Mrd. € angestellt werden könnten:
-    Das Verteidigungsbudget soll zu 40 % für die Bezahlung des Personals, 30 % Neuinvestitionen und Infrastrukturinvestition sowie 30 % Betrieb aufgewendet werden. Damit ergeben sich unter Berücksichtigung der Berechnungsbasis von 2,1 Mrd. € 840 Mio. € für den Personalaufwand.
-    Die Streitkräfte sollen aus 80 % Soldaten, 20 % Zivilbediensteten und einem Freiwilligenmilizanteil von rd. 10.000 Soldaten bestehen. Der Soldatenanteil sollte sich wiederum aus 10 % Offizieren, 40 % Unteroffizieren und 50 % Chargen und Mannschaftsdienstgraden zusammensetzen.
-    Das Lohnmodell soll eine leichte Anwerbung ermöglichen. Bereits Anfang 2000 wurden hiezu einige Befragungen in Österreich durchgeführt, die zum Ergebnis geführt haben, dass junge Österreicher nur dann bereit sind, sich für ein paar Jahre zum Dienst als Mannschaftsfunktion beim österreichischen Bundesheer zu verpflichten, wenn sie im Monat zwischen 1.500 und 2.000 € brutto erhalten.
-    Aufbauend auf das Lohnniveau der Mannschaften und Chargen sollten Unteroffiziere je nach Dienstgrad, Funktion und Verweildauer in den Streitkräften ein Gehalt zwischen 2.500 bis 4.500 € brutto monatlich sowie Offiziere je nach Dienstgrad, Funktion und Verweildauer in den Streitkräften ein Gehalt zwischen 4.000 bis 16.000 € brutto monatlich erhalten. Unter Berücksichtigung der Verteilung der einzelnen Personengruppen der Soldaten in den Streitkräften ist es möglich, einen Mittelwert der Jahresverdienstsumme abzuschätzen. Dieser beträgt rd. 50.000 € brutto jährlich. Für die Zivilbediensteten sind etwa 40.000 € brutto jährlich als Mittelwert anzusetzen. Die Gehälter sollten wie bisher 14 Mal im Jahr ausbezahlt werden.
-    Die Milizsoldaten sollten eine Bereithalteprämie von rd. 500 € pro Monat erhalten. Gesamtaufwand dafür sind rd. 60 Mio. €.
-    Für Journal- und Mehrdienstleistungen sowie für Einsätze im In- und Ausland sind Zulagen von rd. 80 Mio. € zu veranschlagen.

Unter Zugrundelegung der obigen Annahmen lässt sich die personelle Gesamtstärke der Streitkräfte wie folgt errechnen:
50.000 (1 - 0,2)x + 40.000 (1 - 0,8)x  =  700 (840 – 60 – 80) Mio. €. Die Lösung der Gleichung ergibt gerundet 14.600 Bedienstete, davon sind rd. 12.000 Soldaten und rd. 2.600 Zivilbedienstete. Im Vergleich dazu dienen zurzeit im Bundesheer im Monatsschnitt rd. 34.000 Kadersoldaten und Wehrpflichtige sowie rd. 9.000 Zivilbedienstete.
Bei Modellannahmen der Wirtschaftswissenschaften kann vieles hinterfragt werden. Dennoch können an Hand dieser einfachen Modellrechnung einige entscheidende Fragen im Zusammenhang mit dem bestmöglichen Wehrsystem für Österreich beantwortet werden, bspw., ob mit einer derartig geringen Menge an Soldaten und Zivilbediensteten alle Aufgaben, die zurzeit das Bundesheer mit der Wehrpflicht erfüllt, auch noch erfüllbar sein werden. Die Beantwortung dieser und aller möglichen anderen Fragen überlässt der Autor allerdings der geschätzten Leserschaft.

Wie viele Rekrutierungen pro Jahr?
Eine wichtige Frage, die immer wieder im Zusammenhang mit Freiwilligenstreitkräften gestellt wird, ist jene, wie viele Freiwillige müssen sich pro Jahr melden, damit alle Arbeitsplätze mit Personen in den Streitkräften ständig besetzt sind. Die Beantwortung dieser Frage bedarf zunächst der Beantwortung der Vorfrage nach dem Bedarf an Soldaten für die Freiwilligenstreitkräfte. Der Bedarf hängt mit der Größe der Streitkräfte und der Verweildauer von Soldaten in der Organisation zusammen. Internationalen Beispielen zufolge werden Mannschaften und Chargen bis zu 5-6 Jahre, Unteroffiziere bis 12-15 Jahre und Offiziere 15-18 Jahre verwendet und hernach wieder in die zivile Wirtschaft oder in den öffentlichen Dienst entlassen. Nur wenige Spitzenfunktionen und Experten verbleiben bis zum 60. oder 65. Lebensjahr im Dienststand. Der jährliche Ergänzungsbedarf (ErgB), der sich aus dieser Fluktuation ergibt, errechnet sich in unserem konkreten Beispiel eines Freiwilligenheeres im Umfang von 12.000 Soldaten aus der Gleichung:

ErgB =  (0,1 x 12.000) + (0,4 x 12.000) + (0,5 x 12.000)
                    15                        12                       5

Anmerkungen zur Gleichung:
Die ziffernmäßigen Angaben im Zähler (über dem Bruch)  stellen den prozentmäßigen Anteil der jeweiligen Personengruppe dar (0,1 ist gleich 10 % Offiziere; 0,4 ist gleich 40 % Unteroffiziere und 0,5 ist gleich 50 % Mannschaften und Chargen), der mit der Gesamtanzahl der Soldaten (12.000) zu multiplizieren ist. Die ziffernmäßigen Angaben im Nenner (unter dem Bruch) sind die Verweildauer in Jahren in den Streitkräften (15 für 15 Jahre bei Offizieren, 12 für 12 Jahre bei Unteroffizieren und 5 für 5 Jahre bei Mannschaften und Chargen).
Die Lösung der Gleichung ergibt (80) + (400) + (1.200) = 1.680. Dies bedeutet, dass pro Jahr 1.680 Personen angeworben werden müssen, um alle Stellen ständig besetzen zu können. Es müssten demnach 80 Personen pro Jahr bereit sein, sich einer Offiziersausbildung und 400 Personen, einer Unteroffiziersausbildung zu unterziehen. 1.200 Personen müssten darüber hinaus bereit sein, für 5 bis 6 Jahre als Soldat Dienst zu versehen. Eine Bewertung, ob eine Rekrutierung in dem errechneten Umfang tatsächlich möglich erscheint, soll im Aufsatz nicht weiter erörtert werden.

DER SOLDAT-Ausgabe Nr. 19/2010 vom 6. Oktober

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