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analyse

Bgdr DDr. Harald Pöcher

Einst „unser Afrika“ – jetzt „ihr Afrika“

China ante portas Europae

Die Volksrepublik China engagiert sich zurzeit in Afrika so stark wie sonst kein anderer Staat. Der chinesische Staatspräsident hat bereits 20 afrikanische Länder besucht und auch der Premierminister sowie der Außenminister der Volksrepublik China sind regelmäßig in Afrika unterwegs. Die offiziellen Vertreter Chinas und ihre Begleiter aus der Wirtschaft kommen immer mit gefüllten Taschen nach Afrika.


Allein im Jahr 2009 haben chinesische Unternehmen mehr als 56,5 Mrd. US-$ in Afrika investiert. Im Sog der Staatsbesuche leben bereits mehr als 1 Mio. Chinesen in afrikanischen Staaten.
  Afrika, mit knapp mehr als 30 Mio. km² (22 % der gesamten Landfläche der Erde) sowie fast 1 Mrd. Einwohnern, war bis Anfang des 21. Jh. von Europäern dominiert. Am Höhepunkt des Imperialismus Anfang des 20. Jh. hatte Afrika rd. 120 Mio. Einwohner und es befanden sich fast alle afrikanischen Staaten nach dem sogenannten „Wettlauf um Afrika im 19. und 20. Jh.“ unter der Herrschaft von Großbritannien, Frankreich, dem Osmanischen Reich, den Holländern, Italien, Belgien, Portugal, Spanien und dem Deutschen Reich. Afrika war für die europäische Politik des 19. und 20. Jh. von vitaler Bedeutung, lag es doch vor der Haustüre, bildete eine reichlich sprudelnde, kostenlose Rohstoffquelle und war auch nicht unbedeutend als Lieferant von billigen Arbeitskräften. Die Kolonialmächte gingen, wenn es um die Durchsetzung ihrer kolonialen Interessen ging, nicht zimperlich vor. Die Liste der Aufstände der Urbevölkerung ist daher lang und blutig. Bspw. kosteten Aufstände in Deutsch-Südwestafrika 65.000 bis 85.000 Herero sowie etwa 10.000 Nama das Leben und während der sogenannten „Kongogräuel“ dürften in den 23 Jahren der Herrschaft Leopolds etwa 10 Mio. Menschen ums Leben gekommen sein. Ein weiteres dunkles Kapitel ist der Sklavenhandel, durch den mehr als 10 Mio. Schwarzafrikaner in die neue Heimat in Nord-, Mittel- und Südamerika verschifft und dort als Sklaven an die reichen Plantagenbesitzer verkauft wurden. Die damalige europäische Großmacht Österreich- Ungarn beteiligte sich – aus welchen Gründen auch immer – nicht an der direkten Ausbeutung des Kontinentes durch Gründung von Kolonien.
  1960 gilt als das Jahr der afrikanischen Unabhängigkeit. In diesem Jahr wurde der Großteil der französischen Kolonien unabhängig. Die Bande zu den jeweiligen Kolonialherrn ist seit der Unabhängigkeit allein schon durch die sprachliche Verbundenheit weiterhin vorhanden, allerdings wurden in den Jahren seit der Unabhängigkeit zunehmend Stimmen laut, die eine Wiedergutmachung für das erlittene Unrecht während der Kolonialzeit fordern.

Afrika – reich an Ressourcen, arm an Kapital
Afrika als Kontinent spielt in der Weltwirtschaft keine große Rolle, jedoch sind die Bodenschätze (Kupfer, Gold, Diamanten, Erdöl, Uran, Kohle) und die landwirtschaftlich nutzbaren Flächen von zunehmender Bedeutung. Afrika ist reich an landwirtschaftlicher Nutzfläche, die jedoch nicht auf dem Standard der Technik bewirtschaftet wird. Der Großteil der landwirtschaftlichen Nutzflächen zur Nahrungsmittelversorgung für die Bevölkerung erfolgt über eine sogenannte Subsistenz(= Selbstversorger)- landwirtschaft. Erst in den letzten Jahren wurde die industrielle Landwirtschaft durch ausländische Kapitalgesellschaften vorangetrieben.
  Der Hunger nach Rohstoffen Anfang des 21. Jh. leitet eine neue Epoche eines Kolonialismus ein, der stark geprägt wird von einem neuen „Wettlauf um Afrika“. Die Akteure dieses neuen Wettlaufes sind aber nicht mehr europäische Staaten, sondern die Volksrepublik China und die Vereinigten Staaten von Amerika. Während in diesem neuen Wettlauf die Chinesen eindeutig die Nase vorn haben, spielen die europäischen Staaten, allen voran die ehemaligen Kolonialherrn Frankreich, Italien und Großbritannien, aber auch zunehmend die USA nur mehr eine untergeordnete Rolle.
  Der Großteil des Kontinentes Afrika befindet sich in katastrophaler wirtschaftlicher Situation. Afrika ist der am wenigsten industrialisierte Kontinent. Besonders tödlich sind die großen Dürreperioden. Die daraus resultierenden Hungersnöte sind für weite Teile Afrikas bestimmend, besonders am Horn von Afrika. Ursache hierfür sind meist Zerrüttungen infolge eines Krieges und mehrjähriger Dürren. In weiten Teilen Afrikas sind lokale, meist korrupte Banken tonangebend, weshalb sich Regierungen und Industrien v.a. auf internationale Banken verlassen. Afrika wird durch all diese Rahmenbedingungen zu einer idealen Spielwiese für die „neureichen Staaten“ der Welt, die noch dazu unbelastet von der Vergangenheit offene Türen in Afrika vorfinden.

China in Afrika – ein Eroberungsfeldzug der anderen Art
Spätestens seit Mitte 2000 sind chinesische Ingenieure, Techniker und Händler dabei, den afrikanischen Kontinent zu erobern. Im Gegensatz zu Europa oder den Vereinigten Staaten von Amerika sieht China in Afrika aber nicht zuallererst den Hunger- und Katastrophenkontinent, sondern einen mit allen wichtigen Rohstoffen ausgestatteten Kontinent, der zudem zu jenen Flecken der Erde gehört, die noch einen großen Nachholbedarf in Bezug auf Konsum haben. Mittlerweile sind die Vertreter der Volksrepublik China überall anzutreffen, auf den Ölfeldern in Sudan, beim Straßenbau im äthiopischen Hochland und auch auf den Märkten im Stadtzentrum von Johannesburg, wo sie billige Textilien, Heilmittel und Plastikartikel anbieten. Ohne die Hilfe aus China läge Afrika weit hinter seinem heutigen Stand zurück. China braucht Afrika als Absatzmarkt – v.a. aber braucht China Afrika, um den eigenen Rohstoffbedarf zu decken.
  Die Volksrepublik China ist aber kein gänzlich unbekannter Partner in Afrika. Bereits in den 70er Jahre unterhielt das damalige noch sehr kommunistisch und von der Weltstaatengemeinschaft ziemlich isoliert angesehene China Beziehungen zu einer Reihe von Staaten. Kamerun etwa gilt seit 1971 als Verbündeter, nicht zuletzt, weil die tansanische Regierung Pekings harten Kurs gegen Taiwan unterstützte. Als Dank dafür errichtete Peking das Lagdo-Wasserkraftwerk, baute Krankenhäuser und Straßen, schickte Ärzte und bildete Kadetten der Streitkräfte von Kamerun in China zu Offizieren aus. Überaus engagiert waren und sind die Chinesen auch in Angola. Die chinesische Exim Bank vergab bspw. einen Kredit über 4 Mrd. US-$.

Schattenseiten des chinesischen Engagements
Doch trotz der Hilfe aus China häufen sich die Negativmeldungen. Die Chinesen werden als mitverantwortlich für Schmuggel, Wilderei und Überfischung angesehen. Des Weiteren ignorieren sie Arbeitnehmerschutzgesetze und ihre gefälschten Markenprodukte zerstören die Märkte. Es wird auch vielfach berichtet, dass die Chinesen es mit dem Arbeitsschutz nicht sehr ernst nehmen. So sollen in den Kohlengruben in Sambia die Bergarbeiter halb nackt und barfuß unter Tage geschickt werden und im uranreichen Niger sollen Bergarbeiter ohne Schutzkleidung Uran abbauen und in unmittelbarer Nähe der Mine ihre Wohnungen haben. Sie sind damit dauernd erhöhter Strahlung ausgesetzt.

Zukünftige Entwicklungsszenarien
Die Geschichte lehrt uns, dass große Mächte ihre Wirtschaftsmacht auch durch militärische Stärke abzusichern versuchen. Sie investieren beträchtliche Summen in den Ausbau ihrer Streitkräfte. Das zeigte sich im Altertum bei den Römern, in der Zeitspanne des Imperialismus bei England und nach dem Zweiten Weltkrieg bei den USA. Der rasante wirtschaftliche Aufschwung der Volksrepublik China schlägt sich bereits in deutlich erkennbaren Steigerungsraten der Militärausgaben nieder. Sichtbare Zeichen davon sind die Entwicklung hochwertiger Kampfflugzeuge der Stealth Generation und die baldige Indienststellung von Flugzeugträgern, die zumindest in den Gewässern im Fernen Osten das Kräftespiel auf hoher See zugunsten von China nachhaltig verschieben werden. China wird bestrebt sein, auch seine Investitionen und seinen Einflussbereich in Afrika mit militärischen Mitteln abzusichern. Chinesische Flugzeugträger als Boten der militärischen Stärke im Mittelmeer erscheinen dabei keine Utopie zu sein, sie werden nicht morgen, innerhalb der nächsten 5 bis 10 Jahre, im Mittelmeer das strategische Gleichgewicht auf See gehörig verändern, aber sicherlich übermorgen, in einer Zeitspanne von 15 bis 20 Jahren von jetzt an gerechnet. Europa bleibt demnach nicht mehr viel Zeit, um seine Interessen in Afrika nachhaltig zu vertreten und abzusichern. Die Zeit, die für Europa dafür noch bleibt, könnte allerdings durch innere Schwierigkeiten in China selbst verlängert werden, da die Wirtschaft Chinas zwar ein starkes Wachstum erzielt, aber von diesem Wachstum nur ein geringer Prozentsatz der Bevölkerung wirklich profitiert. China sitzt damit auf einem Pulverfass von Millionen unzufriedener Arbeiter, die weiterhin nur Subsistenzlöhne erhalten und denen es nach ihrer Meinung heute vielfach schlechter geht als zu den besten Zeiten unter Mao. 

DER SOLDAT-Ausgabe Nr. 18/2011 vom 21. September

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