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Zeitgeschichte

Obst Gerhard Schweiger, MSc - MilKdoST

Feliferhof und Menschenrechte

Blick auf einen lohnenden Diskurs

Graz. Der Garnisons-Schießplatz Feliferhof nahe Graz erlangte in den vergangenen 30 Jahren im Bundesheer und in der Öffentlichkeit eine zweite Identität. Das Gelände war einerseits in den ersten Jahrzehnten der Zweiten Republik – so wie zu Zeiten der Monarchie und der Ersten Republik – als militärisches Übungsgelände für die Angehörigen der Garnison Graz genutzt worden. In den 70er und 80er Jahren enthüllte sich aber nach und nach, dass dieser Ort während der NS-Zeit auch Schauplatz von Gräueltaten der damaligen Machthaber war. Zahlreiche Schicksale aus nicht systemkonformem Verhalten endeten hier im Kugelhagel der Exekutionskommandos oder mit einem Genickschuss. Viele Menschen, die anderswo zu Tode gebracht wurden, wurden am Feliferhof heimlich vergraben.


Das Bundesheer der Zweiten Republik wurde als Nachnutzer dieses Areals mehr und mehr mit diesen Ereignissen konfrontiert. Über viele Jahre nach 1945 hatte sich ein kollektiver Mantel des Schweigens über die Spuren dieser Verbrechen gelegt. Ein Phänomen, das man vielfach nach traumatischen Ereignissen in Kriegsgebieten beobachten kann. Man redet nicht darüber und versucht so, das Grauen zu verdrängen. Egal ob Täter, Opfer oder sonst berührte Person. Wird dieses Schweigen durchbrochen, werden Emotionen freigesetzt.

Mag sein, dass auch die Siegermächte des Zweiten Weltkrieges, v.a. Russen und Engländer, dieses Kalkül vor Augen hatten. Wir wissen jedenfalls heute, dass sie die Vorgänge während der NS-Zeit rund um den Feliferhof erforschten und dokumentierten. Bemerkenswert wenig fand sich dann aber darüber in konkreten strafrechtlichen Abhandlungen, wie etwa dem Nürnberger Prozess. Jedenfalls gibt es noch heute jede Menge an offenen Fragen, auf die Historiker die Antworten suchen. Die Zeit ist eben erst jetzt, 65 Jahre und 3 Generationen danach, reif für eine einigermaßen „nüchterne“ Annäherung.

Der Zeit voraus
Zweifellos seiner Zeit voraus war ein damals junger Offizier in den 60er und 70er Jahren. Manfred Oswald frequentierte als Kompaniekommandant mit seiner Einheit oft den Feliferhof. Dort und v.a. in der Belgier-Kaserne wurde er auf Erzählungen aus der NS-Zeit aufmerksam, die er von den damals häufigen Zeugnissen von Gewalt und Krieg unterschied: Sie hatten sich auf dem Boden der heutigen Garnison Graz, auf einem Gelände des neuen Österreichischen Bundesheeres ereignet. Das Schweigen darüber mobilisierte den nunmehrigen Oberst in Ruhe ganz offenbar dazu, Opfer ins Bewusstsein zu rücken. Sein Engagement wurde kürzlich mit dem Menschenrechtspreis des Landes Steiermark gewürdigt.

Oswald erwirkte zunächst Symbole: Die Liga für Menschenrechte stiftete zu Zeiten des Militärkommandanten GenLt iR Hubert Albrecht die Gedenktafel, deren Verlegung in einen anderen Bereich des Feliferhofes zu intensiven Auseinandersetzungen über Denkmalkultur, Glaubwürdigkeit und Betroffenheit führte. GenLt iR Arno Manner widmete dem Vorhaben, ein würdiges Gedenken zu finden, sehr viel persönliches Engagement. Mit Vorbehalt wurde einem Kunstprojekt zunächst die Zustimmung zur Verwirklichung erteilt, dessen Umsetzung sich aber als nicht praktikabel erwies.

Was die Kunst nicht bewältigte, sollte die Wissenschaft mit einem festen Fundament versehen: Univ.-Prof. Dr. Stefan Karner und das Ludwig Boltzmann-Institut für Kriegsfolgenforschung Graz erhielten den Auftrag, einen historisch-wissenschaftlichen Bericht zu erstellen. U.a. wurde darin eine eigens für Hinrichtungen angefertigte – heute noch existierende – Betonkonstruktion unwiderlegbar als solche identifiziert. Damit war auch das Symbol für die Verbrechen am Feliferhof gefunden: die Skulptur der planmäßigen Vernichtung von damals „missliebigen“ Menschen.

Dass angesichts dieses von den Nazis sich selbst errichteten Denkmals jede weitere Symbolik zuviel ist, war bald Konsens: Der Bürgermeister der Menschenrechtsstadt Graz, Alfred Stingl, Vertreter der Liga für Menschenrechte – Landesgruppe Steiermark, MilKdt GenMjr Mag. Heinrich Winkelmayer sowie Historiker und Experten für Denkmalkultur kamen im Zuge einer Begehung im Jahr 2000 zu diesem Schluss. Man verzichtete einvernehmlich auf ein zusätzliches Kunstprojekt, um einzig die Spuren der Verbrechen für sich sprechen zu lassen.

Umgang mit der dunklen Seite
Was ist aber die heute verwertbare Botschaft der Verbrechen am und rund um den Feliferhof? Der Toten in einem bald ritualisierten, jährlich wiederkehrenden Festakt zu Allerseelen zu gedenken, wäre zu eng gegriffen. Nach Ansicht des MilkdoST liegt der Zukunftsaspekt im Umgang mit der dunklen Seite der Geschichte des Feliferhofes in der Auseinandersetzung mit dem Wert der Menschenrechte: Der Polizeimajor, der bis zum Genickschuss verzweifelt seine Unschuld beteuerte. Der einfache „Zapfenklescher“, der sein verspätetes Einrücken mit dem Leben bezahlen musste. Oder die Büroleiterin des Gauleiters, die einfach zu viel wusste und deshalb erschossen wurde. Sie und viele mehr veranschaulichen konkret die Folgen, wenn Menschenleben in einem Umfeld von Willkür und Gewalt nichts gelten.

Tag der Menschenrechte
Der jährliche Internationale Tag der Menschenrechte der Vereinten Nationen am 10. Dezember eignet sich dazu, die Betroffenheit darüber auszudrücken. Alternierend zu Veranstaltungen vor der Belgier-Kaserne und beim Karner in Feldkirchen bei Graz begeht das MilKdoST daher diesen Tag auch am Feliferhof. Zahlreiche politische und gesellschaftliche Institutionen nehmen immer wieder daran teil oder wirken daran mit. So auch 2009, als Studenten der Pädagogischen Hochschule Graz über ihre Eindrücke bei der Auseinandersetzung mit damals handelnden Personen reflektierten.

Und es wird weiter geforscht: Im Auftrag von Bundesminister Mag. Norbert Darabos hat die Militärhistorische Denkmalkommission beim BMLVS ein Forschungsprojekt in Auftrag gegeben, das am 10. März 2010 seine Ergebnisse präsentierte und erst jüngst geöffnete Quellen im In- und Ausland mit einschließt.

Für das Bundesheer war der Feliferhof zunächst nichts weiter als ein belastetes „Erbstück“. Die häufige Nutzung dieses Areals zwang aber zur Auseinandersetzung mit den historischen Erblasten: Wodurch unterscheiden wir uns von den militärischen Instrumenten der NS-Diktatur und anderen Unrechtssystemen? Der Schutz der Menschenrechte ist Orientierung für den Unternehmenszweck des Österreichischen Bundesheeres und Leitfaden für unser Handeln. An Stätten wie diesen kann sich dieser Unterschied eben ganz besonders konkretisieren.

DER SOLDAT Nr. 6/2010

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