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Sicherheitspolitik

Obst iR Kurt Gärtner

Feuerunterstützung aus der Luft

Das Österreichische Bundesheer besitzt zwar keine Luftfahrzeuge für die Feuerunterstützung aus der Luft, aber die Soldatinnen und Soldaten bei Auslandseinsätzen oder in EU-Battle Groups sollten darüber ein Basiswissen haben. Aus politischem Kalkül und Kostengründen verzichtete das BMLVS bewusst auf einen universell einsetzbaren Eurofighter Typhoon und damit auch auf die Luftnahunterstützung.


Organisation
Der Ablauf der Luftunterstützung erfordert eine Organisation, die in der Lage ist, den Besonderheiten der Zusammenarbeit zwischen Land- und Luftstreitkräften gerecht zu werden. Die Zusammenarbeit vollzieht sich auf mehreren Führungsebenen und reicht von der Analyse über Planung bis zur Durchführung. Durch einen geregelten Ablauf sollen die Bekämpfung eigener Truppen und sogenannte Kollateralschäden vermieden werden.
  Im Kampfbataillon ist ein Fliegerleitoffizier (FAC = Forward Air Controller), in der Brigade und Division der Luftstreitkräfte-Verbindungsoffizier (ALO = Air Liaison Officer), im Korps der Luft-Koordinierungsgefechtsstand (AOCC = Air Operations Coordination Center) und auf der Ebene Armee der Gefechtsstand für Luftangriff und Luftverteidigung (CAOC = Combined Air Operations Center) angesiedelt. Combined bedeutet mehrere Nationen (interalliiert) und Joint heißt mehrere Teilstreitkräfte betreffend (teilstreitkraftübergreifend).
  Der Befehlshaber (JFC = Joint Force Commander) legt die Prioritäten für die Luftunterstützung im operativen Konzept/Operationsplan (CONOPS = Concept of Operations) fest. Der Einsatzleiter der Luftstreitkräfte (JFACC = Joint Force Air Component Commander) im JAOC (Joint Air Operations Center) setzt die Luftfahrzeuge gemäß CONOPS ein und erstellt die Luftwaffeneinsatzaufträge (ATO = Air Tasking Order). Die täglichen ATOs gehen an die unterstellten Einheiten sowie Kommanden und legen Einsätze, Bewaffnung, Angriffsziele etc. fest. Zusätzlich enthalten sie Rufzeichen, Frequenzen, spezielle und allgemeine Anweisungen für die Luftkriegführung. Für gewöhnlich richtet sich das Augenmerk gleichzeitig auf drei ATOs in verschiedenen Stufen: a) aktuelle ATO, b) ATO wird erstellt und c) ATO in Planung.
  Die unterhalb des Korps stehenden Kommanden haben bis zur Brigade einschließlich eine zugeteilte taktische Fliegerleitgruppe (TACP = Tactical Air Control Party). Die ALO als Kommandanten der TACP beraten die jeweiligen Stäbe bei der Anforderung von Luftunterstützung und setzten die unterstellten FACs ein. Zu ihren weiteren Aufgaben gehören:
• Beratung bei der Festlegung der FSCL.
• Orientierung des Divisionskommandos (Brigadekommandos) über die Luftlage.
• Orientierung der Einsatzzentrale und der unterstützenden Fliegerkräfte über die Erdlage.
• Weitergabe von Ergebnismeldungen.
Im Österreichischen Bundesheer wird auf Brigadeebene neben dem ALO/TACP eine Stabszelle BAE (Brigade Aviation Element) primär zur Koordination und Führung von Lufttransporten gebildet. Das BAE plant die Einsätze der Heeresfliegerkräfte sowie die Luftraumnutzung und führt die Koordinierung mit anderen Nutzern durch.

Luftnahunterstützung
Feuerunterstützung aus der Luft wird primär von Jagdbombern geflogen und kann erfolgen als: Luftnahunterstützung (Close Air Support = CAS), Gefechtsfeldabriegelung (Battlefield Air Interdiction = BAI) und Abriegelung in der Tiefe (Air Interdiction = AI).
  Im Kampf der verbundenen Waffen gewinnt in Krisengebieten v.a. die Luftnahunterstützung zunehmend an Bedeutung. Die entscheidenden Faktoren der Luftnahunterstützung sind schnelle Verfügbarkeit, ein weitreichendes Spektrum von einsetzbaren Präzisionswaffen und das genaue Erkennen des Angriffszieles sowie die Gewinnung von Informationen über bordeigene Sensoren zur Überwachung des Zielgebietes. Wie wichtig das Einsatzverfahren Luftnahunterstützung ist, zeigen die aktuellen Einsätze über Libyen.

Libyen
Im Rahmen der Luftnahunterstützung werden feindliche Ziele bekämpft, die sich in großer Nähe der eigenen Landstreitkräfte befinden. Deshalb muss deren Feuer und Bewegung mit der Feuerunterstützung aus der Luft abgestimmt werden. Die Landstreitkräfte fordern Luftunterstützung an, wenn ihre Waffen die beabsichtige Wirkung nicht oder nicht ausreichend erzielen können.
  Für die Luftnahunterstützung werden Jagdbomber (Tornado GR. Mk 4), Erdkampfflugzeuge (Fairchild A-10A), Schlachtflugzeuge (AC-130H Spectre), Mehrzweck- Kampf f lugzeuge (F-16), Swing-Role-Kampfflugzeuge (Eurofighter Typhoon), Kampfhubschrauber (AH-64 Apache) und Kampfdrohnen (MQ-9 Reaper) eingesetzt. Der Eurofighter kann schnell für neue Missionen konfiguriert werden oder er wird gleich für verschiedene Missionen ausgerüstet. So besteht die Option, das Einsatzziel nach dem Start zu modifizieren oder nach Erfüllen einer Mission sofort in der Luft in eine komplett andere Rolle zu wechseln. Der erste scharfe Luftnahunterstützungs- Einsatz eines britischen Eurofighters erfolgte am 12. April 2011; ein libyscher Kampfpanzer wurde vernichtet.

Fliegerleitoffizier
Das Gefechtsfeld wird von der Fire Support Coordination Line (FSCL = Feuerunterstützungs- Koordinierungslinie) in zwei Zonen aufgeteilt. Die mittlere Führung legt die FSCL entlang markanter Geländelinien so fest, dass sie aus der Luft gut erkennbar ist. Diesseits dieser Linie darf grundsätzlich die Feuerunterstützung nur unter Leitung eines Forward Air Controllers (FAC = Fliegerleitoffizier) geflogen werden oder zumindest ist die Feuerunterstützung durch die Luftstreitkräfte mit den Landstreitkräften genau abzustimmen. Der FAC führt durch Boden-Bord-Sprechverkehr die Einsatzflugzeuge nach Sicht an die Ziele heran. Damit wird einerseits die Sicherheit für eigene Truppen gewährleistet, zum anderen ist eine genaue Zielzuweisung möglich. Da der am Boden befindliche FAC oft nur eine geringe Beobachtungsweite hat, bedient er sich technischer Hilfsmittel oder er wird überhaupt luftgestützt als FAC(A) eingesetzt. In der FAC(A)-Rolle dienen OA-10, F-16 etc. und auch Hubschrauber als fliegende Plattformen. Wird ein FAC(A) eingesetzt, dann ist im Regelfall am Boden ein Joint Terminal Attack Controller (JTAC = Endangriffs- Fluglotse) vorhanden, der die Koordinierung mit den Landstreitkräften übernimmt und bei einem Angriff aus mittlerer Höhe die Zustimmung erteilen muss.

Luft-Boden-Integration
Die Air Surface Integration umfasst die vernetzte und koordinierte Planung, Synchronisation und Integration aller in einem Einsatzraum vorhandenen luftstreitkräftespezifischen Fähigkeiten in Abstimmung mit den Landstreitkräften. Eine der größten Herausforderungen der Kommunikation zwischen Flugzeugbesatzungen und Bodeneinrichtungen ist die möglichst schnelle Umsetzung identifizierter Ziele im Gelände, von der Boden- in die Vogelperspektive. Dabei spielen unterschiedliche Blickrichtungen, große Flughöhen und geländebedingte Sichtbehinderungen häufig eine Rolle. Daher müssen die komplexe Zusammenarbeit verschiedener Funktionen, Waffensysteme und Verfahren weitgehend harmonisiert werden. Die angeführten Teilbereiche stehen im Vordergrund der Air Surface Integration, die entsprechende Verfahren und eine hierzu neu entwickelte Technik benötigt.
  Neben der Nutzung bodenstabilisierter Ferngläser zur visuellen Zielerfassung für die Flugzeugbesatzung, werden die Möglichkeiten des Digitally aided Close Air Support (DaCAS) genutzt. Dabei kann man per Datenverbindung die Zielinformationen zwischen Bodeneinrichtung (u.a. Fliegerleitoffizier) und Flugzeugbesatzung austauschen, was zur gewünschten Reduzierung des Sprechfunks führt.
  Die Kampfflugzeuge werden bei diesem Verfahren mit einem sogenannten Video Down Link (VDL) ausgestattet. Über diese Datenverbindung wird dem Fliegerleitoffizier am Boden die Möglichkeit gegeben, das Zielvideo des Cockpits auch an seinem Bildschirm zu sehen. Der das Ziel zuweisende Fliegerleitoffizier sieht somit ein Video des Laser Designator Pods in Echtzeit. 

DER SOLDAT-Ausgabe Nr. 16/2011 vom 24. August

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