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Obst iR Kurt Gärtner

Fliegerabwehr-Lenkwaffen gefährden den Flugverkehr

Die NATO hat offenbar trotz intensiver Geheimdiensttätigkeit jede Spur von mindestens 10.000 Raketen aus den Lagern der libyschen Armee verloren. Bei einer vertraulichen Unterrichtung für deutsche Bundestagsabgeordnete habe der Vorsitzende des NATO-Militärausschusses, Giampaolo di Paolo, eindringlich vor möglichen Terroranschlägen auf die zivile Luftfahrt mit den verschwundenen Raketen gewarnt.


Die NATO befürchtet offenbar, dass die Raketen in die Hände von Terrororganisationen wie der Al-Qaida oder ähnlichen Gruppierungen fallen könnten. Viele dieser Fliegerabwehr-Lenkwaffen werden von der Schulter abgefeuert und sind mit Hitzesensoren ausgestattet, die sie direkt in die heißen Triebwerke der Verkehrsflugzeuge lenken.

Bedrohung von Verkehrsflugzeugen
Dass die Bedrohung von Verkehrsflugzeugen durch MANPADS (Man Portable Air Defence System) real vorhanden ist, zeigte der Anschlag am 28. November 2002 auf eine israelische Arkia Boeing 757-300 in der Nähe von Mombasa (Kenia). Damals verfehlten zwei SA-7 Fliegerabwehr- Raketen nur knapp ihr Ziel. Die russische SA-7 verfolgt nach dem Aufschalten des IR-Suchkopfes automatisch die heißen Triebwerksabgase des Flugzeuges. Sie kann daher nur aus einer Stellung, die sich rückwärts bis seitlich des Flugzeuges befindet, erfolgreich eingesetzt werden. Die wirksame Reichweite beträgt etwa 3,5 km bei einer Höhenabdeckung von 2 km. Moderne MANPADS haben einen verbesserten IR-Suchkopf, der Flugzeuge aus allen Richtungen bekämpfen kann und auch größtenteils resistent gegen Abwehrmaßnahmen ist. Die Einsatzschussweite der letzten Generation von MANPADS beträgt 6 km bei einer Höhenabdeckung von 3,5 km. Beim Einsatz gegen Verkehrsflugzeuge dürfte sich die wirksame Reichweite um etwa 15 % erhöhen.

Raketenabwehrsystem am Flugzeug
Ein Raketenabwehrsystem verwendet eine Warneinrichtung zur Entdeckung und für die Feststellung der Richtung plus Entfernung des anfliegenden Flugkörpers. Zusätzlich wird als Kernstück eine Schutzvorrichtung benötigt, die die angreifende Rakete blendet oder vom Kurs ablenkt. Hierzu gibt es gegen IR-gelenkte Flugkörper zwei Möglichkeiten: Entweder wird versucht, den IR-Suchkopf mit brennenden Leuchtkörpern (Flares) abzulenken oder mit einem modulierten Laserstrahl den IR-Suchkopf zu blenden. Da ein Verkehrsflugzeug durch moderne IR-Fliegerabwehr- Lenkwaffen aus allen Richtungen angegriffen werden kann, ist ein Bereich, der 360 Grad umfasst, abzudecken. Die Abwehrmaßnahmen erfolgen fast automatisch in Zusammenarbeit aller Schutzsysteme an Bord des Flugzeuges. Northrop Grumman entwickelte das Raketenabwehrsystem Guardian und BAE Systems eines namens JetEye. Beide Schutzsysteme sind ähnlich aufgebaut. Sie verfügen jeweils über einen UV-Sensor zur Entdeckung von Raketenstarts und verwenden Laserstrahlen zum Blenden des IR-Suchkopfes. Entdeckt der UV-Sensor eine abgefeuerte IR-gelenkte Fliegerabwehr-Lenkwaffe (Abschusswolke), meldet er dies sofort an den IR-Zielverfolger. Dieser überprüft gemeinsam mit dem UVSensor, ob es sich wirklich um einen IR-Flugkörper handelt. Ist das der Fall, schießt das Raketenabwehrsystem einen gezielten Laserstrahl auf den angreifenden Flugkörper, sodass sein Zielsuchsystem ausfällt und er das Flugzeug verfehlt.

Erfolgreich, aber teuer
Zur Überprüfung der Funktionstüchtigkeit und Leistungsfähigkeit sind laufend Flugtests notwendig. Hierzu montierte BAE Systems seine JetEye an Großraumflugzeuge des Typs Boeing 767-200. Northrop Grumman installierte Guardian auf Boeing 747, Frachtflugzeugen FedEx MD-11 und MD-10. Alle Versuche verliefen erfolgreich, es wurde jedoch aus Kostengründen dennoch keine Serie in Auftrag gegeben. Die israelische Fluggesellschaft EL AL soll einige ihrer Flugzeuge mit dem Raketenabwehrsystem Flight Guard bestückt haben. Die Entdeckung und Identifizierung des angreifenden Flugkörpers erfolgt mithilfe eines Radargerätes. Umstritten ist jedoch die verwendete Abwehreinrichtung, die von Militärflugzeugen übernommen wurde. Dabei werden brennende Leuchtkörper abgefeuert, die die IR-gelenkten Fliegerabwehr- Raketen ablenken sollen. Im Umfeld von zivilen Flughäfen brennende Leuchtfackeln zu verschießen, stellt schließlich ein erhebliches Gefahrenpotenzial dar. Der israelische Hersteller sieht jedoch durch eine neu entwickelte Technologie keine Gefahr für Flughäfen.

Unterschiedliche Ansichten
Den Einbau von Raketenabwehrsystemen in zivile Flugzeuge bezeichnen Kritiker als unzweckmäßig und nennen folgende Gründe: Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Passagierflugzeug mit einer Rakete angegriffen wird, sei relativ gering, ein 100 %iger Schutz ist nicht möglich und die Kosten pro Flugzeug betragen fast 1 Mio. €. Hingegen sieht die amerikanische Coalition of Airline Pilots die Installation von Raketenabwehrsystemen an Verkehrsflugzeugen als dringend notwendig an. Die Beschaffung von Abwehrsystemen wurde letzten Endes aus Kostengründen ausgesetzt und nur spezielle Passagierflugzeuge wurden mit Raketenabwehrsystemen ausgerüstet.

Abwehrmaßnahmen am Flughafen
Überwachung der Gefahrenzone unter besonderer Berücksichtigung von geeigneten Feuerstellungen für MANPADS und regelmäßige Patrouillen mit Hubschraubern in der Umgebung der entsprechenden Einflugund Ausflugschneisen des Flughafens. Die Kontrollflüge sollten in einer Höhe von rd. 150 m erfolgen, um eine hinreichende Übersicht zu haben und den Flugverkehr nur wenig zu beeinflussen. Da die Bekämpfung von Passagierflugzeugen mit MANPADS aus einer doch größeren Entfernung erfolgen kann, sollten die Kontrollflüge in der Flughafenumgebung die gesamte Gefahrenzone einbeziehen. Die Patrouillen sollten je nach Bedrohungsstufe laufend in unregelmäßigen Zeitabständen auf verschiedenen Routen geflogen werden. Die Leistungsparameter der Fliegerabwehr-Lenkwaffen bestimmen die Gefahrenzone für Start und Landung der Verkehrsflugzeuge. Wenn es technisch möglich ist, sollten die Lande- und Startverfahren der jeweiligen Bedrohungsstufe angepasst werden. 

DER SOLDAT-Ausgabe Nr. 7/2012 vom 4. April

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