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Weltgeschehen im Brennpunkt

Spectator

Golf von Mexiko: gigantische Ölkatastrophe

Weg vom Öl – die Ölpest zerstört unsere Lebensgrundlagen

Die Ölpest in der Karibik macht darauf aufmerksam, dass die Abhängigkeit vom Erdöl unsere Welt zerstört. Nicht nur das Klima, auch die Ozeane werden laufend schwer geschädigt. Es gilt auch hier: umkehren, so rasch wie möglich.


Es ist dramatisch, was wir in Europa zur Zeit via Medienberichten erleben. Im Golf von Mexiko spielt sich eine unermessliche Tragödie mit weltweitem Ausmaß ab: eine Ölpest. Sie vernichtet die Lebewesen im Ozean, die sensiblen Naturschutzgebiete und die Existenzen unzähliger Menschen. Wie ernst das Geschehen mit den Ölergüssen in die Meere für den gesamten Globus ist, haben die meisten Menschen jedoch noch gar nicht begriffen.

Unmengen von Rohöl
Die Katastrophe wurde durch eine rd. 70 km vor der US-Küste verunglückte Ölbohrinsel ausgelöst. Am 22. April war die von BP geleaste, nach einer Explosion in Brand geratene Plattform „Deepwater Horizon“ gesunken. Seither strömt täglich Rohöl aus Lecks in 1.500 m Tiefe ins Meer. Außerdem befanden sich auf der Plattform rd. 2,5 Mio. l Diesel. 15 Arbeiter sollen bei dem Unglück gestorben sein. Alle bisher gestarteten Versuche, die Lecks zu schließen, blieben erfolglos. Man schätzt derzeit (Veröffentlichung einer BP-Angabe vom 20. Juni im US-Senat), dass bis zu 16.000 t Öl pro Tag in das Meer strömen. Damit ergäbe das seit etwa 75 Tagen rd. 1,2 Mio. t ausgetretenes Öl. Ob das stimmt, weiß man nicht. Denn früher ist man bei Schätzungen von 8.200 t, von 5.400 t und noch früher bei 3.400 t pro Tag gewesen.

Das schwere Rohöl lässt sich kaum bergen. Es wird schnell zu einer zähen Masse, die nur mühsam zu bekämpfen ist. Der Einsatz chemischer Mittel, die das Öl verklumpen und auf den Meeresgrund absinken lassen, gilt als problematisch, da anstelle des Ökosystems Küste das (weniger sichtbare) Ökosystem Meeresboden verseucht wird.

Versucht wird derzeit, die weitere Ausbreitung des Ölteppichs durch Barrieren zu verhindern, wobei die stürmische See das unmöglich macht. Es wird auch versucht, das auf der Wasseroberfläche schwimmende Öl mit Spezialschiffen abzusaugen. Angeblich werden derzeit von einem Bohrschiff aus mit Hilfe einer Art Kappe über dem Leck bis zu 2.500 t des Rohöls aufgefangen. Man hofft, diese Menge noch weiter steigern zu können. Wie lange es letztlich dauert, bis ein Ende des Ausströmens erreicht sein wird, weiß man nicht. Man hofft, mit zwei Entlastungsbohrungen das Austreten des Öls vermutlich bis August stoppen zu können. Alles aber ist vage. Sollte es nicht gelingen, das Bohrloch zu schließen, wird es nach Angaben von BP zwei bis vier Jahre dauern, bis das gesamte Öl der Quelle ins Meer geflossen ist. Eine Umweltkatastrophe unvorstellbaren Ausmaßes könnte damit entstehen. Nach Schätzungen von BP befänden sich in der Ölquelle unter dem beschädigten Bohrloch noch mehr als 7 Mrd. l Öl. Damit würde die Quelle derzeit noch immer mehr als rd. 99 % ihres Öls enthalten.

Vernichtung einzigartiger Ökosysteme
Meeresforschungsexperten bezeichnen die Katastrophe als „Umweltbombe“. Man kann sich kaum vorstellen, was an möglichen Folgen für die Umwelt droht, erklären sie. Unmittelbar gefährdet sei die gesamte Nahrungskette in dieser Region des Golfes sowie auch Flora und Fauna der Küste.
Wird der Ölteppich von der Meeresströmung verteilt, sind auch zahlreiche weitere Lebensräume bedroht, bis hin zu den Korallenriffen in Florida und in der Karibik. Dabei ist das Gefährdungspotenzial für die Korallen so enorm, dass sie in kurzer Zeit zugrunde gehen würden.

Durch das ausfließende Öl werden einzigartige Ökosysteme vernichtet. Das Öl steigt aus den Meerestiefen nach oben und wird zum Teil als Ölteppich sichtbar. Andere Teile bilden gigantische Schwaden in den Tiefen. Bereits auf dem Weg nach oben kann es jeden Meeresbewohner schädigen: vom Plankton über Fisch, Krebs, Schildkröte bis zum Wal. Wird deren Oberfläche vom Öl bedeckt, ersticken oder verhungern sie.
Auch den Menschen an den Küsten raubt das Öl die Lebensgrundlage, denn sie leben vom Fischfang und vom Tourismus. Zumindest zehn Jahre könnte es dauern, bis im Golf von Mexiko wieder gefischt werden kann, wenn das Austreten des Öls in absehbarer Zeit gestoppt wird.

Wie qualvoll Seevögel, die mit dem Öl in Berührung kommen, verenden, zeigen die TV-Bilder immer wieder. Die Mangrovenwälder an der Küste Louisianas bieten nicht nur zahlreichen Tieren einen Lebensraum, sie schützen auch die Küste vor den gefährlichen Wirbelstürmen. Ihre Bäume sind an das Brack- und salzige Meerwasser angepasst. Werden diese durch das Öl verschmutzt, kann man nur hoffen, dass diese Wälder nicht sterben.

Experten der  Louisiana University befürchten, dass die Marschlandschaften des Mississippi-Deltas und seine vorgelagerten Inseln durch den Ölteppich betroffen werden. Diese Marschgebiete sind ein wichtiges Laichgebiet für Fische und Krustentiere, die am Öl ersticken würden. Besonders das Ökosystem der Seegras-Regionen sei gefährdet, die man sehr schwer reinigen könnte, erklären die Meeresfachleute. Helfer bemühen sich, in mühsamer Handarbeit die verklebten Strände zu säubern; doch wenn das Öl an der Küste angelangt ist, hilft auch das Säubern der Strände nicht mehr, die Lebewesen sind dann bereits vergiftet oder erstickt. Durch Reinigungsversuche gelangt das Öl in tiefere Sandschichten, wo es nicht mehr abgebaut wird. Die langfristigen Folgen für die Ökosysteme der betroffenen Regionen sind immens.

Öl in den Golfstrom?
Nach neueren Berechnungen könnte das Öl vom Golf von Mexiko bald in den Golfstrom gelangen. Amerikanische und deutsche Ozeanforscher haben diese Kalkulationen als Computermodell angestellt.  Bekanntlich pumpt der Golfstrom, die Warmwasserheizung Europas, aus der Karibik pro Sekunde etwa 32 Mrd. l Wasser in Richtung Europa. Das Öl könnte über die Strömungen durch die Florida-Straße in den Atlantik gelangen. Die Computersimulation zeigt einen raschen Transport der verschmutzten Wassermasse in den Atlantik, die sich dort mit hoher Geschwindigkeit, etwa bis zu 150 km pro Tag, weiter verteilt. Das Öl könnte an die amerikanische Ostküste und die europäische Atlantikküste gelangen. Allerdings dürfte sich das Öl durch die starke Verwirbelung des Golfstroms weiträumig im Nordatlantik verteilen und die Konzentrationen damit stark absinken.

Verseuchte Ozeane
Der Zustand der Ozeane verschlechtert sich allgemein sehr rasch. Was in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wird, geschieht täglich. Durch den Schiffsverkehr werden große Mengen an Schadstoffen, v.a. Öl, an die Meere abgegeben. Durch Unglücksfälle mit Tankern – allein 1996 sind 70 Öltanker verunglückt, für die meist die Ölmultis (wie im Fall der „Exxon Valdez“,1989 vor Alaska, oder der „Erika“,1999 vor der bretonischen Küste) direkt oder indirekt verantwortlich sind, sind bereits gigantische Mengen (geschätzte 2 Mio. t) an Rohöl in die Meere geflossen. Kriegshandlungen, durch die Öl in die Meere gelangte (Libanon, Kuwait usw.), sind hier gar nicht berücksichtigt. Neben der sichtbaren Verschmutzung durch die Ölpest kommt noch die astronomische Menge von Erdöl hinzu, die bei den Bohrinseln unter Wasser austritt. Schließlich werden zudem noch giftige Abfälle sowie sonstige chemische oder radioaktive Stoffe ins Meer gekippt.

In allen Gebieten, in denen nach Öl auf dem Meeresgrund gebohrt wird, können sich derartige Katastrophen ereignen. Erst jüngst wurde ein Ölunfall im Roten Meer gemeldet. Vor der Küste des beliebten ägyptischen Badeortes Hurghada dürfte an einer Förderplattform Öl ausgetreten sein. Der Ölteppich hat nach Medienberichten an einem Abschnitt von 20 km auch Strände in und um Hurghada erreicht. Die Folgen für den Tourismus, die Haupteinnahmequelle Ägyptens, sind vorhersehbar.

Auch in der Nordsee und im Nordost-Atlantik hat es bereits Unfälle mit Ölaustritten gegeben. Allein im Jahr 2007 hatten sich über 500 Unfälle in der Nordsee ereignet, bei denen jedoch kaum je mehr als 1 t Öl ausgetreten waren. Da die Öl- und Gasreserven in der flachen Nordsee nahezu erschöpft sind, dringen die Ölkonzerne hier und weltweit in immer größere Tiefen vor. Doch diese Technik des Tiefseebohrens, ähnlich kompliziert wie die Weltraumtechnik, beherrschen die Menschen unserer Zeit einfach nicht. Das Ereignis in der Karibik zeigt das eindeutig auf.

Weg vom Erdöl
US-Präsident Barack Obama hat in seinem unmittelbar betroffenen Land zu einem „radikalen Umdenken in der Energiepolitik“ aufgerufen. Er sprach von „gewaltigen Anstrengungen“, die nötig seien, das Land aus seiner Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu befreien.

Aber nicht nur der US-Präsident, sondern Umweltschützer und klar denkende Menschen weltweit fordern den raschen Umstieg auf alternative Energien. Denn diese Katastrophe, die wir derzeit erleben, betrifft uns alle. Die von den Ölkonzernen und den von diesen abhängigen Politikern vorgegaukelte Abhängigkeit vom Erdöl gibt es nicht, darin sind sich die Experten einig. Wind, Wasser, Erdwärme, Biomasse und – v.a. – Sonnenenergie können den weltweiten Energiebedarf voraussichtlich ab 2050 decken. Würden die erforderlichen Gelder unverzüglich anstatt in die Erschließung neuer Erdölfelder in der Tiefsee in alternative Projekte fließen, könnte die Zeit entscheidend verkürzt werden. Das Wüstenstrom-Projekt „Desertec“ ist ein solches Beispiel. Oder das Projekt „weltraumgestützte Energieerzeugung in Form von Sonnenenergie“, das die NASA seit den 70er Jahren betreibt. Warten wir doch nicht weitere 40 Jahre, sondern setzen wir alle unsere Möglichkeiten ein, um unseren Planeten zu retten. Oder haben wir – vom Klima beginnend bis zu den Ozeanen – bereits alles unkorrigierbar geschädigt?

DER SOLDAT-Ausgabe Nr. 13/2010 vom 7. Juli

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