HGM Eröffnung Erster Weltkrieg ab 29. JuniStrategie und Sicherheit 2014Vehling VerlagHeeresgeschichtliches MuseumVerein Alt-NeustadtStrategischer Führungslehrgang
sicherheitspolitik

StWm Lukas Bittner

„Green on Blue“

Perspektiven für einen ISAF-Abzug aus Afghanistan

Im Rahmen des diesjährigen NATO-Gipfels im Mai in Chicago wurde die bereits 2010 in Lissabon beschlossene „Roadmap“ für den Abzug der ISAF aus Afghanistan bestätigt. Diese sieht einen Abzug der ISAF, beginnend mit 2012, bis zum Jahr 2014 vor. Gleichzeit soll der Aufbau der nationalen Sicherheitskräfte Afghanistans vorangetrieben werden, um die Sicherheitspolitik in die nationale afghanische Verantwortung übergeben zu können. Dies bedeutet auch den Eintritt in die Transitionsdekade.


Der Chicago-Gipfel der NATO verpflichtet sich daher zu einer „Roadmap“, die bereits durch den NATO-Gipfel 2010 in Lissabon und eine Reihe anderer Gipfel beschlossen und entwickelt wurde. U.a. maßgeblich waren die Konferenzen von Kabul im Juli 2011, der „Istanbul Process on Regional Security and Cooperation“, der ebenfalls 2011 ins Leben gerufen wurde, aber auch die Konferenz in Bonn im Dezember 2011. Ziel all dieser Bemühungen ist die Übergabe der vollständigen Souveränität an die gewählte afghanische Regierung. Gleichzeitig sollte eine langfristige Partnerschaft geschaffen werden, die die afghanische Regierung auch über das Jahr 2014 in ihren Bemühungen um die Stabilisierung der Region unterstützen sollte. Damit soll bis 2014 eine Situation geschaffen werden, in der die afghanischen Sicherheitskräfte – also sowohl Armee als auch Polizei – die vollständige und alleinige Kontrolle über den Staat übernehmen sollen. Im Zuge dieser Übernahme werden schon seit geraumer Zeit gemeinsame Operationen von ISAF und ANSF (Afghan National Security Force) durchgeführt. Diese sollen zu einer besseren Einsatzfähigkeit und mittelfristig auch zu einer Selbstständigkeit der ANSF führen.

Problem Innenfeind
Allerdings gab es besonders im Jahr 2012 zum Teil massive Probleme bei der Zusammenarbeit zwischen ISAF und ANSF. Grund dafür war der massive Anstieg von „internen“ Attacken durch ANSF-Soldaten auf Mitglieder der ISAF. Die ISAF spricht in diesem Zusammenhang von „Green on Blue“-Angriffen. Im Jahr 2012 sind bereits über 50 Mitglieder durch dieses „friendly-fire“ getötet worden. Daher setzte die ISAF Ende September die gemeinsamen Operationen bis zur Ebene Bataillon aus. Auch wenn die ISAF in mehreren Pressemittelungen hervorzuheben versucht, dass diese Aussetzung keinerlei Aussagekraft über die grundsätzliche Zusammenarbeit zwischen ISAF und ANSF hat und dass sich die ISAF vollständig zur Zusammenarbeit bekennt, so ist es doch jedem Beobachter klar, dass eine Aussetzung bis zur Ebene Bataillon eine praktische Aussetzung aller taktischen Operationen in der Praxis bedeutet. Insofern stellt sich natürlich die Frage, inwieweit die gesteckten Ziele eines (Kampf-)Truppenabzuges bis 2014 realistisch sind und wie die Perspektiven nach 2014 aussehen.

Weitere Hilfe nach 2014 nötig
Die derzeitige Situation kann aber auch als „Neuanfang“ der Zusammenarbeit zwischen ISAF und ANSF gesehen werden. Tatsache ist, dass beide Parteien in der derzeitigen Situation nicht ohne einander auskommen. Auf der einen Seite ist die ISAF durch fehlende Sprachkenntnisse, aber auch durch die besondere kulturelle Situation in ihrer Effektivität eingeschränkt, genauso wie auf der anderen Seite die ANSF durch fehlende Luftunterstützung, Lufttransport und auch durch Aufklärungsmittel. Durch eine Neudefinition der Zusammenarbeit mit beiden Seiten, zusammen mit Vorsichtsmaßnahmen, die „Green on Blue“ verhindern sollte, kann es zu einer Effektivitätssteigerung kommen. Grundsätzlich kann man allerdings – bei allen Vorsichtsmaßnahmen – keine „Green on Blue“-Attacken ausschließen. Tatsache ist, dass die ANSF auch über das Jahr 2014 hinaus eine personelle und finanzielle Unterstützung benötigen wird. Grundlage aller Bemühungen in dieser Transitionsphase muss die Förderung der afghanischen Eigenverantwortung sein. Diese darf nicht bei einem reinen technischen Aufbau von politischen Institutionen und der ANSF enden, sondern muss tief greifend in die politische Verantwortlichkeit der afghanischen Seite gehen. Grundsätzlich bleibt es dabei, dass die ISAF mit 31. Dezember 2014 abziehen wird. Aufgrund des derzeitigen sicherheitspolitischen Zustandes Afghanistans, dem Präsidentschaftswahlkampf in den USA und der mehrheitlichen Ablehnung der Bevölkerung in vielen Truppen stellenden Ländern gegenüber dem Einsatz der ISAF lässt sich dz. nur sicher sagen, dass die NATO in einer gewissen Form weiterhin am Hindukusch aktiv bleiben wird. Über die möglichen Ausformungen dieser nachfolgenden Trainingsund Unterstützungsmission, aber auch über die weitere Finanzierung der ANSF lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt nur spekulieren. 

„Green on Blue“-Attacken
„Green on Blue“-Attacken sind Angriffe, die afghanische Soldaten und Polizisten auf ihre Ausbilder und Mentoren von der NATO verüben.

DER SOLDAT-Ausgabe Nr. 21/2012 vom 7. November

Drucken