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analyse

Bgdr DDr. Harald Pöcher

Großereignisse

Ohne Hilfe der Streitkräfte nicht durchführbar

Eine Schlagzeile in den Medien einige Wochen vor der Eröffnung der XXX. Olympischen Sommerspiele in London zeigte jüngst nur zu deutlich, dass die Organisatoren der Großveranstaltung ohne die Unterstützung der Streitkräfte die Sicherheit bei diesem Großereignis nicht sicherstellen können.


Mit Hohn und auch einer Spur von Ironie berichteten Medien weltweit über den weltgrößten Sicherheitsdienstleister G4S, der die vertraglich vereinbarten Sicherheitsdienstleistungen für das Großereignis nicht rechtzeitig sicherstellen konnte. G4S steht für Group 4 Falck A/S und Securicor plc; G4S beschäftigt in rd. 125 Ländern mehr als 650.000 Mitarbeiter. Über 13.000 Sicherheitskräfte hätte G4S sicherstellen sollen, aber bis knapp vor der Eröffnung waren 9.000 von ihnen noch nicht einsatzbereit und das, obwohl die Sicherheitsfirma genügend Zeit gehabt hätte, das Personal vorzubereiten. Die Regierung und die Veranstalter waren daher gezwungen, die Streitkräfte – sozusagen als Retter in der Not – zu beauftragen, mehrere Tausend zusätzliche Personen abzustellen, um eine höchstmögliche Sicherheit für Sportler, Funktionäre, VIPs und einfache Zuschauer zu garantieren. Man kann sich gut vorstellen, dass die kampferprobten britischen Soldaten, darunter viele hochdekorierte Afghanistanveteranen, nicht gerade begeistert sind, Taschenkontrollen vor den Spielstätten und auf Flughäfen durchführen zu müssen. Aber vielleicht gibt es für die Soldaten eine weitere Auszeichnung, etwa eine „Olympische Medaille für die Gewährleistung von Sicherheit“ oder zusätzlichen Urlaub. Es sei hier nur am Rande erwähnt, dass die Sicherung des Großereignisses gerade in London ein schwieriges Unterfangen war, da London als quasi „Schmelztiegel vieler Rassen“ – eine Altlast des jahrhundertelangen Kolonialismus – an sich günstige Voraussetzungen für das Agieren von Terroristen bietet. Gegen alle nur erdenklichen Bedrohungsmöglichkeiten setzte der Veranstalter rd. 40.000 Personen als Sicherheitspersonal ein, was zu Ausgaben von etwa 1,5 Mrd. € geführt hat.

Albtraum für jeden Planer
Großereignisse, wie bspw. die Olympischen Spiele, die Fußballeuropameisterschaft oder auch die Air- Power in Zeltweg, sind zeitlich begrenzte und geplante Veranstaltungen mit einer bestimmten Zielsetzung sowie einer festgelegten Programmfolge, an der viele Tausend Menschen oftmals auch aus vielen Ländern teilnehmen. Die einzelnen Programmpunkte finden auf bestimmten Plätzen (Flugplätzen, Stadien, Rennbahnen etc.) statt, an denen sich auf nicht einmal einem Quadratkilometer mehrere 10.000 Menschen auf engstem Raum tummeln. Es ist ein Großereignis, damit nicht nur eine logistische Herausforderung der besonderen Art, sondern auch ein Anziehungspunkt für Anschläge; wo sonst kann man schon mit dem Einsatz einfacher Vernichtungsmittel einen so großen Schaden an Menschen und Sachen anrichten? Großereignisse sind aber auch ein Medienereignis der Superklasse und bieten damit bestimmten Gruppen die Chance, sich zu präsentieren oder auf ihre Anliegen aufmerksam machen zu können. Durch ihre Außergewöhnlichkeit werden Großereignisse zu einem Albtraum für die Organisatoren, aber auch für die politisch Verantwortlichen im Lande, in dem das Großereignis stattfindet. Einen Fixplatz bei der Lösung von schwierigen Aufgaben im Rahmen der Sicherung von Großveranstaltungen kommt den Streitkräften zu, denn nur sie verfügen über die notwendige technische Ausrüstung, das geschulte Personal im notwendigen Umfang und über Krisenreaktionsfähigkeit, die anderen Institutionen in einem Staat fehlen.

Streitkräfte als größter umfassender Sicherheitsdienstleister
Gefahren drohen Großereignissen aus der Luft, auf der Erde und vom Wasser her. Streitkräfte haben für die Sicherung und Abwehr derartiger Gefahren Mittel und Antworten parat. Bei Gefahren aus der Luft verfügen Streitkräfte über eine aktive und passive Luftraumüberwachung. Die aktive Komponente bilden die Flugzeuge und Hubschrauber sowie die Fliegerabwehr mit Fliegerabwehrkanonen und Boden-Luft-Raketen. Die passive Komponente stellt die Luftraumüberwachung mit ihren Radaranlagen dar. In London wurden im Rahmen der Vorbereitung der Olympischen Spiele Patriot- Raketenbatterien in Stellung gebracht und in der Themse nahe Greenwich ging die HMS Ocean als Hubschrauberlandeplatz vor Anker. Ein weiteres Kriegsschiff sicherte die Gewässer um Weymouth an der Südküste; dort wurden die olympischen Segelbewerbe abgehalten. Neben der Luftraumsicherung und im Bedarfsfall der Sicherung von Meeresräumen sind Soldaten – auch ohne umfangreiche Zusatzschulung – sofort für die Bewachung, den Personenschutz und sonstige mannigfaltige Kontrollaufgaben einsetzbar. Durch die Vernetzung mit anderen staatlichen Organisationen verfügen die Streitkräfte obendrein noch über ein besseres Lagebild als jeder zivile Sicherheitsdienstleister. A uch das Bundesheer stellt diese Dienstleistungen, bspw. beim Weltwirtschaftsforum in Davos, durch einen Beitrag in der Luftraumüberwachung, bereit.

Streitkräfte als große Baufirma
Es ist zwar nicht primäre Aufgabe von Streitkräften, Gebäude zu errichten oder Straßen zu bauen, aber das Know-how und das technische Gerät dafür wären in den Streitkräften vorhanden. So verfügt das Österreichische Bundesheer über exzellente Pionierbataillone und Pionierkräfte bei den Kampfbataillonen sowie in der territorialen Organisation. Ferner verfügt das Bundesheer über eine Bauorganisation mit Fachleuten im Hoch- und Tiefbau, die mit ihrem Know-how bei allen Großereignissen binnen kurzer Zeit im Bedarfsfall Unterkünfte, Straßen, Brücken etc. errichten könnten. Welche großartigen Fähigkeiten in diesem Bundesheer stecken, haben Pionierkräfte im Tschad-Einsatz beim Aufbau des Feldlagers eindrucksvoll unter Beweis gestellt und dabei höchstes internationales Lob erhalten.

Streitkräfte als Logistikdienstleister
Streitkräfte als Großbetrieb unterhalten auch eine Logistikorganisation, wenn auch zunehmend verschiedene Bereiche der Logistik vom Militär an die zivile Wirtschaft ausgelagert oder zumindest enge zivil-militärische Partnerschaften bei der Bewerkstelligung von bestimmten Logistikleistungen eingegangen werden. Besonders hervorgehoben werden muss die territoriale und mobile Küchenorganisation der Streitkräfte, die im Anlassfall mehrere 10.000 Menschen ohne größere Vorbereitung mit warmen und kalten Mahlzeiten versorgen kann. Das Bundesheer mit seinen Logistikeinrichtungen und seiner Transportorganisation wurde in der Vergangenheit des Öfteren bei Großereignissen zu einem wichtigen Dienstleister, etwa bei den Olympischen Winterspielen 1964 und 1976 in Innsbruck und jüngst bei den Olympischen Winterspielen der Jugend 2012 in Innsbruck. Bereitsteller von medizinischen Dienstleistungen Streitkräfte verfügen über eine territoriale ortsfeste Sanitätsorganisation in unterschiedlichen Organisationsformen, bspw. Militärspitäler und auf die Größe der Kaserne abgestimmte Sanitätseinrichtungen sowie über verlegbare Sanitätselemente in den Kampftruppen. Prinzipiell kann bei Großereignissen durch staatliche und private Gesundheitsorganisationen mit ihren Spitälern sowie den Rettungsorganisationen das Auslangen gefunden werden. Es besteht aber jederzeit die Möglichkeit, durch militärische Sanitätseinrichtungen die nicht militärische Sanitäts- und Rettungsorganisation zu verstärken.

Streitkräfte als Einsatzreserve
Bei Großereignissen muss immer mit unvorhergesehenen Störfaktoren gerechnet werden, die aber zur Sicherstellung eines friktionsfreien Ablaufes möglichst rasch gelöst werden müssen. Vorausschauende Planer haben dafür immer die erforderlichen Reserven bereitzuhalten. Die Planer sind dabei gut beraten, in ihren Szenarien die Streitkräfte nach Klärung der Verfügbarkeiten und auch rechtlichen Einsatzmöglichkeiten fix als Reservekomponente miteinzubeziehen. Die Streitkräfte sollten von sich aus in solchen Situationen auch auf ihre Milizkomponente zurückgreifen und die Chance nutzen, aus der Miliz das bestqualifizierte Personal im Fall des Falles für einen Einsatz vorzusehen.

Abschließende Bemerkungen
Großereignisse sind heute bereits so komplex, dass sie ohne gediegene Planung unter Berücksichtigung aller Gefahrenpotenziale kaum noch durchführbar sind. V.a. muss der Veranstalter der Öffentlichkeit, den Medien und potenziellen Störern den Eindruck vermitteln, dass alles getan wird, um das Großereignis reibungslos und ohne Gefährdung von Menschen und Sachen ablaufen zu lassen. Wie die vergangenen Großereignisse im In- und Ausland gezeigt haben, sind für das reibungslose Gelingen von Großveranstaltungen gerade die Streitkräfte zu einem unerlässlichen und unverzichtbaren Partner der Organisatoren geworden, ohne deren Einsatz jedes Großereignis viel zu vielen Risiken ausgesetzt ist, die von zivilen Sicherheitsdienstleistern nicht einmal ansatzweise ausgeschaltet werden können. 

DER SOLDAT-Ausgabe Nr. 17/2012 vom 5. September

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