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sicherheitspolitik

Bgdr DDr. Harald Pöcher

Headhunting zum Wohle der Nation

Wie qualitative Zuwanderung in die USA den Vorsprung bei Rüstung und Raumfahrt sichern half

Als „Headhunting“ (Kopfjagd) bezeichnet man gewöhnlicherweise die Tötung eines Menschen, um dessen Schädel als Siegestrophäe zu erbeuten. Im 20. Jh. hat das Wort aber zunehmend eine weitere Bedeutung erfahren und spielt im Wirtschaftskrieg eine bedeutende Rolle. Headhunting wird heute als das Abwerben von qualifizierten Personen verstanden, um ihr Wissen und Können für das eigene Unternehmen oder den eigenen Staat zu nutzen. 


Headhunting wird durch gezielte Maßnahmen auf bestimmte Personengruppen, etwa Wissenschaftler oder Manager, oder auch durch die Verbreitung eines positiven Images eines Landes betrieben, bspw. wenn ein Land von sich behauptet, es sei das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Besonders erfolgreich beim Headhunting waren in der Vergangenheit durch diesen Slogan, das „Land der unbegrenzten Möglichkeiten” zu sein, die United States of America (USA/Vereinigte Staaten von Amerika). Waren es während der Unabhängigkeitskriege der USA vor mehr als 250 Jahren europäische Militärs, die mit ihren Lagebeurteilungen und folgerichtigen Entschlüssen einen entscheidenden Beitrag zur Erlangung der Unabhängigkeit leisteten, kamen ab der Mitte des 19. Jh. bis heute, aus welchen Gründen auch immer, v.a. exzellente europäische Wissenschaftler in die USA und stellten ihr Können in den Dienst der USA.
  Der Aufsatz stellt einige herausragende Wissenschaftler, die im 20. Jh. von Europa in die USA ausgewandert sind und dort einen entscheidenden Beitrag für die US-amerikanische Rüstungswirtschaft und Raumfahrt geleistet haben, vor.
  Albert Einstein wurde 1879 in Ulm geboren und ging 1932 in die USA, von denen er wegen der Machtübernahme Hitlers 1933 nicht mehr zurückkehrte. 1921 erhielt er den Nobelpreis für Physik. Im Jahr 1940 erhielt Einstein die US-amerikanische Staatsbürgerschaft. Seine Beiträge veränderten maßgeblich das physikalische Weltbild, sodass er 1999 von 100 führenden Physikern zum größten Physiker aller Zeiten gewählt wurde. Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges unterzeichnete Einstein einen Brief an den amerikanischen Präsidenten, der vor der Gefahr einer Bombe neuen Typs warnte, die Deutschland möglicherweise entwickle und gar bald besitze. Der Appell wurde erhört, zusätzliche Forschungsgelder wurden bereitgestellt: Das Manhattan-Projekt mit dem erklärten Ziel der Entwicklung einer Atombombe war aus der Taufe gehoben. Einstein starb 1955 in Princeton.
  Igor Iwanowitsch Sikorsky wurde 1889 in Kiew geboren. Er schuf vor und während des Ersten Weltkrieges viermotorige Flugzeuge, die äußerst erfolgreich gegen deutsche Ziele eingesetzt wurden. Er emigrierte 1919 in die USA und gründete1923 die Sikorsky Aero Engineering Company. 1928 wurde Sikorsky Bürger der USA. Bekannt wurde Sikorsky als Konstrukteur und Erbauer von Hubschraubern.1940 startete er zum ersten Freiflug mit dem Sikorsky VS-300, der einen Hauptrotor und zum Drehmomentausgleich einen Heckrotor besaß. Diese Konfiguration gilt heute als Standardbauweise, da sie am häufigsten angewandt wird. Sikorsky starb 1972 in Easton, Connecticut.
  Leó Szilárd wurde 1898 in Budapest geboren. 1933 ging er zunächst nach England und später in die USA. 1943 erhielt er die USamerikanische Staatsbürgerschaft. Szilárd war ein Physiker und Molekularbiologe. Szilárd ist v.a. bekannt durch seine Beteiligung an der Konstruktion der ersten US-amerikanischen Atombombe. Knapp vor Kriegsbeginn überredete er gemeinsam mit anderen Forschern Einstein, einen Brief an den Präsidenten der USA zu unterschreiben, um einer möglichen Entwicklung von Nuklearwaffen durch Nazi-Deutschland zuvorzukommen. Dieser Brief wird als ein entscheidendes Dokument für das Ingangkommen des Manhattan- Projektes zur Konstruktion der ersten Nuklearwaffen gesehen. Er starb 1964 in La Jolla, Kalifornien.
  Enrico Fermi wurde 1901 in Rom geboren. Fermi war einer der bedeutendsten Kernphysiker des 20. Jahrhunderts. 1938 erhielt er den Nobelpreis für Physik. Im gleichen Jahr emigrierte Fermi aufgrund der Repressalien durch das Mussolini- Regime gegen seine jüdische Frau Laura mit seiner Familie in die USA. Ihm gelang am 2. Dezember 1942 an der University of Chicago erstmals eine kritische Kernspaltungskettenreaktion. Im Sommer 1944 zog Fermi mit seiner Familie nach Los Alamos in das geheime Atom-Forschungslabor. Im gleichen Jahr wurde er auch US-Staatsbürger. Fermi spielte eine wichtige Rolle bei Entwicklung und Bau der ersten Atombombe. Fermi starb 1954 in Chicago.
  János Neumann de Margitta wurde 1903 in Budapest geboren. 1930 emigrierte die Familie von Neumann in die USA. John von Neumann, wie er sich in den USA nannte, wurde 1937 US-amerikanischer Staatsbürger. Er war bei der Army und Navy ein gefragter Berater (Ballistikfragen aller Art, Hohlladungen, operations research usw.). Von Neumann arbeitete ab 1943 am Manhattan-Projekt in Los Alamos. Eines seiner Hauptarbeitsgebiete war denn auch die Theorie der Schockwellen, die in den 1950er Jahren für den Überschallflug aktuell wurde. Von Neumann gilt auch als einer der Väter der Atombombe. Mit dem Wirtschaftswissenschaftler Oskar Morgenstern schrieb er 1944 das zum Klassiker gewordene Buch „The Theory of Games and Economic Behavior”, wo auch die für die Ökonomie wichtige Verallgemeinerung auf n- Personen-Spiele behandelt wird. Er wurde damit zum Begründer der Spieltheorie, die er allerdings weniger auf klassische Spiele anwendet als auf alltägliche Konflikt- und Entscheidungssituationen bei unvollkommener Kenntnis der Absichten des Gegenspielers (wie beim Pokern). In den Wirtschaftswissenschaften wird auch ein Seminarvortrag von 1936 zur mathematischen Modellierung expandierender Wirtschaften häufig zitiert. Neben seinen mathematischen Leistungen war von Neumann als Regierungsberater auch politisch einflussreich. John von Neumann starb 1957 in Washington D.C.
  Edward Teller wurde 1908 in Budapest geboren und emigrierte 1934 nach England. Danach übersiedelte er nach Dänemark und bereits 1935 in die USA. Als er 1941 Bürger der Vereinigten Staaten von Amerika wurde, widmete er sich hauptsächlich der Kernphysik. Teller war der Physiker, der als „Vater der Wasserstoffbombe“ gilt. Er war sehr früh Mitglied des Manhattan-Teams. Bereits während dieser Zeit drängte er auf die zusätzliche Entwicklung fusionsbasierter Nuklearwaffen. Er war ein prominenter Befürworter von Ronald Reagans Strategic Defense Initiative (SDI). Er starb 2003 in Stanford, Kalifornien.
  Wernher Magnus Maximilian Freiherr von Braun wurde 1912 in Wirsitz geboren. Von 1937 bis 1945 war Wernher von Braun der technische Direktor der Heeresversuchsanstalt Peenemünde auf der Insel Usedom. Hier leitete er u.a. die Entwicklung des Aggregats 4, einer Großrakete mit Flüssigtreibstoff. Ab 1943 wurde die Rakete in Serie gebaut und nach ihren Einsätzen auf London V2 (Vergeltungswaffe 2) genannt. Am 2. Mai 1945 stellte sich von Braun zusammen mit einigen Wissenschaftlern aus seinem Team den US-Streitkräften. Im Frühjahr 1946 wurden diese Wissenschafter in die USA gebracht. Von Braun wurde technischer Berater des US-amerikanischen Raketenprogramms. 1955 wurde von Braun USStaatsbürger. Von Braun war maßgeblich an den erfolgreichen Mercury-, Geminiund Apollo-Programmen beteiligt. Er leitete die Entwicklung der ersten Stufe der Saturn-V-Trägerrakete, die am 27. Oktober 1961 das erste Mal gezündet wurde. Sein größter Erfolg und Erfüllung langjähriger Träume war die bemannte Mondlandung im Jahr 1969. Von Braun starb 1977 in Alexandria, Virginia.
  Wie die Darstellung von sieben wichtigen Wissenschaftlern, die in die USA ausgewandert sind, gezeigt hat, haben die USA diesen Persönlichkeiten viel zu verdanken. Des Weiteren zeigte die Untersuchung, dass qualitative Zuwanderung ein Gewinn für den Aufnahmestaat sein kann. Die angeführten Beispiele sind nur die Spitze eines Eisberges, denn im Laufe der 250-jährigen Geschichte der USA wanderten viele hochbegabte Menschen aus allen Kontinenten in die USA ein und stellten ihr Wissen in den Dienst der USA. Im gleichen Ausmaß floss Wissen aus allen Kontinenten in die USA ab und damit auch die Möglichkeit, dieses Wissen für das Wohl des Geburtslandes des jeweiligen Migranten nutzen zu können. 

DER SOLDAT-Ausgabe Nr. 4/2011 vom 23. Februar

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