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analyse
Obstlt Norbert Lacher

Heute Nordafrika, morgen der Kaukasus?

Die Neue Seidenstraße – Geostrategische Bruchlinie des 21. Jh.

Die Blicke der Welt sind gebannt auf die Entwicklung in Nordafrika gerichtet. Welche Folgen mögen diese Revolutionen wohl bringen? Welche Auswirkungen werden sie für Europa und die Welt haben? Wird diese Entwicklung Vorbild für die unterdrückten, orientierungslosen und hoffnungslosen Menschen anderer Staaten sein? Fragen über Fragen, die vermutlich erst die Geschichte zu beantworten weiß. Dennoch lässt sich eine Ansteckung anderer Staaten nicht ausschließen. Gerade im kaukasischen-kaspischen Raum finden sich ähnliche Konstellationen wie wir sie auch in Tunesien, Ägypten oder Libyen vorgefunden haben. 


Die Nachfolgestaaten der Sowjetära, teilweise von Familienclans geführt, durchsetzt von Korruption, miteinander in Konflikte verstrickt, aber reich an fossilen wie mineralischen Ressourcen, säumen den Weg der ehemaligen Seidenstraße. Sind es in Nordafrika die Gas- und Ölfelder sowie der Suezkanal, die für Europa aber auch für China von wesentlicher Bedeutung sind, so treffen entlang der ehemaligen Seidenstraße die Interessen Europas, Russlands, Chinas und der Vereinigten Staaten von Amerika aufeinander.

Highway statt Karawanenrouten
Die Seidenstraße war über Jahrtausende hinweg die Kommunikationslinie früher Hochkulturen. Am Beginn des 21. Jh. gewinnt sie, wie man verschiedensten Berichten und wissenschaftlichen Publikationen entnehmen kann, wieder an Bedeutung. Heute wie damals verbindet sie China, Asien und die Länder Europas. Folgten einst Karawanen einer beschwerlichen Route durch die unwegsamen Schluchten Kurdistans, über die höchsten Pässe des Pamir-Gebirges und entlang der Ränder der Wüste Taklamakan, so folgen sie heute dem Netz von modernen Fernstraßen des Asian Highway Network (AHN).
  Über 2.000 Jahre hinweg, bevor der Handel zur See aufgrund seiner höheren Effizienz diese Handelsroute ablöste, wurden auf diesem Weg Güter aller Art, technische Innovation, Kultur, Religion, aber auch Krankheiten zwischen den damaligen Hochkulturen transferiert. Dies hatte aber zur Folge, dass diejenigen, die Einfluss auf diese Kommunikationslinie nahmen oder nehmen konnten, zu Macht und Wohlstand gelangten. Als ein Beispiel sei hier die Herrschaft der Mongolen genannt. Sie beherrschten die Seidenstraße zwischen 1300 und 1405 n.Chr. und gelangten so zu unglaublicher Macht, die beinahe zur Beherrschung der ganzen damals bekannten Welt führte.

Eurasische Brücke
Heute, im Lichte der technischen Möglichkeiten des Straßenbaus, ist die „Neue Seidenstraße“ in der Lage, in Konkurrenz mit den internationalen Schifffahrtsrouten zu treten. Sie kehrt als „die“ zukünftige Kommunikationslinie zwischen China, Indien, Russland und Europa, den kontinentalen Machtzentren des 21. Jh., zurück. Wurden früher wertvolle Stoffe, Metalle oder Gewürze transportiert, so erschließt sie heute jenen Raum, in dem vermutlich die letzten noch unerschlossenen Energieressourcen der Welt lagern, den kaspisch – kaukasisch – chinesischen Grenzraum, bekannter unter der Bezeichnung „Eurasische Brücke“.
  Dies hat, vor dem Hintergrund schwindender Ressourcen, zur Folge, dass dieser Raum zu dem hinkünftig wohl am heftigsten umworbenen, aber auch umkämpftesten des 21. Jh. werden könnte. Geht es doch darum, wie schon vor Tausenden von Jahren, durch Einflussnahme zu Macht und Wohlstand zu gelangen oder Macht und Fortschritt zu erhalten.   Entlang der Neuen Seidenstraße und innerhalb der Eurasischen Brücke liegen heute Staaten wie Kasachstan, Usbekistan, Kirgisistan, Tadschikistan, Turkmenistan, der Irak, der Iran und Aserbaidschan. Sie sind alle reich an Öl und Gas oder verfügen wie z.B. Kasachstan über die weltgrößten Vorkommen an Zink, Blei, Chrom, Gold und Uran. Viele der angesprochen Staaten sind darüber hinaus im hohen Maß politisch instabil. Gerade das Beispiel Kirgisistan zeigte, wie zerbrechlich dieses postsowjetische Gefüge ist.
  Wir treffen in diesem Raum aber auch auf die Türkei, die aufgrund der geografischen Lage eine wesentliche Regionalmacht darstellt und, wie die jüngsten außenpolitischen Anstrengungen von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan zeigen, diese Stellung auch annimmt.

Zwischen Wirtschaftsblöcken
Am dies- und jenseitigen Ende dieses Raumes liegen zwei der größten Volkswirtschaften unserer Zeit, im Westen das Europa der Europäischen Union (EU), im Osten China. Im Norden grenzt mit Russland eine ehemalige Supermacht des Kalten Krieges an diesen Raum, im Süden die aufstrebende Volkswirtschaft Indiens. Einzig die größte Volkswirtschaft dieser Welt, die USA, ist aufgrund ihrer geografischen Lage nicht unmittelbar im Raum vertreten.
  In den geopolitischen und geostrategischen Überlegungen der sogenannten fünf Global Player USA, EU, Russland, China und Indien spielt die Kontrolle in diesem Raum und die Einflussnahme auf die Staaten der Region im Hinblick auf Machterhalt oder Machtgewinn eine maßgebliche Rolle. Nicht zuletzt auch deswegen, weil diese Staaten und Regionen aus Sicht der Versorgung mit Energie und Rohstoffen zu den Bedürftigsten dieser Erde gehören. Interessenskonflikte zwischen diesen Global Playern sind daher vorprogrammiert. Sie werden entsprechende Strategien der Außen- und Sicherheitspolitik entwickeln, um sich diese Rohstoffe zu sichern.

Unterschiedliche Ansätze
Die dabei angewandten Herangehensweisen sind dabei so verschieden wie sie nur sein können. Sie sind geprägt von Erfahrungen aus der Geschichte, kultureller Entwicklung, dem Maß an Selbstverständnis als Nation oder der geografischen Lage. So ist die Tradition der chinesischen Außenpolitik, wie Gustav Kempf in seinem Buch „Chinas Außenpolitik: Wege einer widerwilligen Weltmacht“ treffend bemerkte, gekennzeichnet von „der Konstante seiner Widerspenstigkeit. Genährt von Misstrauen, auch aus einer gewissen Feindlichkeit gegenüber dem Fremden, aus seinem Widerwillen gegen das, was man heute Globalisierung nennt.“ China erhält damit den Nimbus einer „Widerwilligen Großmacht“.
  Oder die Europäische Union, deren Außenpolitik von innerer Lähmung, gepaart mit irrationalen Re- Nationalisierungstendenzen geprägt ist, und zu Recht als „die Große Abwesende“ bezeichnet wird. Die European Security Strategie, die Schwarzmeersynergie oder die EU-Nachbarschaftspolitik sind zaghafte Schritte, Initiative zu zeigen.

USA ist anders
Anders das Bild im Fall der Vereinigten Staaten von Amerika. Die Außen- und Sicherheitspolitik der USA ist geprägt von ihrer geografischen Lage als Insel und Seemacht. Sie ist aber auch beeinflusst von geopolitischen Denkern wie Sir Halford Mackinder („Heartland-Theorie“) oder Nicholas J. Spykman („Rimland-Theorie“). Die davon abgeleitete geostrategische Ausrichtung ist wiederum geprägt von Zbigniew Brzezinski, der „grauen Eminenz“ der US-amerikanischen Geostrategie. Sie finden ihren Niederschlag u.a. in der Carter-Doktrin, der Bush-Doktrin oder der Grand Strategie.
  Die US-amerikanische Außen- und Sicherheitspolitik verfolgt die klare Strategie der Einflussnahme durch politische wie militärische Intervention zur Hintanhaltung der Ausbildung von Machtkonstellationen – welcher Art auch immer, insbesondere aber Konstellationen der vier Kontinentalmächte China, Russland, Indien und Europa. Es gilt, eine zunehmende Multipolarität einzudämmen. Das Ziel der US-amerikanischen Außenund Sicherheitspolitik ist eine unipolare Weltordnung unter amerikanischer Führung als Garant für Freiheit und Demokratie aller Völker dieser Erde.
  Welchen Stellenwert dabei der Raum der Eurasischen Brücke aus amerikanischer Sicht hat, beschreibt Z. Brzezinski treffend, indem er feststellt „… In Eurasien lebt 75 % der Weltbevölkerung, es produziert 60 % des globalen Bruttosozialproduktes und besitzt 75 % der globalen Energiereserven. Insgesamt übersteigt das Machtpotenzial Eurasiens sogar das Amerikas, ... der Fortbestand der globalen Vormachtstellung Amerikas hängt unmittelbar davon ab, wie lange und effektiv es sich in Eurasien behaupten kann, …ein Blick auf die Landkarte genügt, um zu erkennen, dass die Kontrolle über Eurasien fast automatisch die über Afrika nach sich zöge und damit die westliche Hemisphäre und Ozeanien gegenüber dem zentralen Kontinent der Erde geopolitisch in eine Randlage brächte …“.

Russlands klare Vorstellungen
Und wie positioniert sich Russland? Nach dem Schock des Auseinanderbrechens des Warschauer Paktes und der Sowjetunion beginnt Russland unter Führung sowie dem Einfluss eines Wladimir Putin und Dmitri Medwedew seine Rolle als einstige Weltmacht zurückzuerobern. Gestärkt durch seine reichen Rohstoffvorkommen und als zentrale Macht am Eurasischen Kontinent hat Russland seine Position bezogen und diese in seinem 5 Punkte-Plan der Außenpolitik wie auch in der Sicherheitsstrategie 2020 niedergelegt. In diesem Plan wird klar für eine multipolare Weltordnung eingetreten sowie die unmittelbaren Einflusssphären Russlands festgelegt. So wird der Ukraine, Kasachstan und Belarus erste Priorität und Transkaukasien sowie dem Nahen/Mittleren Osten lebenswichtige Priorität eingeräumt.

Tektonisch instabil
Eine Zusammenschau der Situation um die Eurasische Brücke mit ihren politisch instabilen Staaten und entlang der Neuen Seidenstraße lässt darauf schließen, dass mit zunehmender unmittelbarer Betroffenheit im Bereich der Energieversorgung Auseinandersetzungen, welcher Art auch immer, unvermeidlich erscheinen. Die Vorbereitungen darauf sind unterschiedlich weit gediehen, von den USA aber am konsequentesten und am klarsten umgesetzt.
  Die EU wird in der Entwicklung sowie Vertiefung einer eigenständigen Außen- und Sicherheitspolitik behindert, China in eine wirtschaftliche Abhängigkeit gedrängt und Indiens Angst vor einem Pakistan der Taliban sowie einer regionalen Vormachtstellung Chinas für eine Partnerschaft insbesondere in Afghanistan genutzt.
  Das Aufeinandertreffen verschiedener tektonischer Platten unserer Erde führt zu Bruchlinien, entlang derer sich die aufgestaute Energie entlädt und zu Erschütterungen unterschiedlicher Stärke führt. Die Neue Seidenstraße zeichnet, einer Metapher gleich, eine solche Bruchlinie für die Sicherheitspolitik. Gleiche Interessen verschiedener Mächte wirken in einem eingegrenzten Raum aufeinander. Dies führt zu Reibungen und Spannungen, deren Entladung zu kleineren oder größeren Erschütterungen führen wird.
  Die fünf Global Player sehen ihre Interessen entlang der Neuen Seidenstraße im politisch instabilen Raum der Eurasischen Brücke aufeinandertreffen. Diese Bruchlinie des 21. Jh. ist vermutlich „die“ Herausforderung dieser und folgender Generationen. Von der Stärke der von ihr ausgehenden Erschütterungen wird abhängig sein, wie weit es gelingt, ein Mindestmaß an Balance of Power unter Wahrung der gegenseitigen Interessen zu erhalten. Dies alles geschieht jedoch vor dem Hintergrund der Gefahr einer Infizierung des Raumes mit dem nordafrikanischen Virus und einer aufstrebenden Regionalmacht Türkei. Umbrüche oder Revolutionen hätten daher für diesen Raum fatale Folgen und massive Auswirkungen auf die globale Sicherheit und Stabilität, geht es doch um den Zugang zu lebenswichtigen Ressourcen. 

DER SOLDAT-Ausgabe Nr. 23/2011 vom 7. Dezember

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