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Weltgeschehen im Brennpunkt

Spectator

Hisbollah – im Libanon und weltweit vernetzt

Die „Partei Allahs“ – wie Hisbollah übersetzt lautet – ist nicht bloß im Libanon, sondern in Europa, Asien, Mittel- und Lateinamerika sowie in den USA höchst aktiv. Ein weit verzweigtes Netzwerk ist angeblich in vielen legalen und anderen Geschäften involviert.


Die interessierte Öffentlichkeit hat vor Kurzem vernommen, dass der Iran nun dabei ist, das mit russischer Hilfe errichtete Atomkraftwerk Busheer in Betrieb zu nehmen. Damit ist man nun einen Schritt weiter in der Eskalationsskala, denn der Westen und Israel befürchten, dass damit auch die atomare Waffenproduktion immer weiter fortschreitet. Das Motto lautet: Nichts gegen die friedliche Nutzung der Kernenergie des Iran, aber alles gegen eine atomare Nutzung für die Waffenherstellung. Die Sanktionen der UNO und der EU zielen in diese Richtung. Dennoch befürchtet man, dass sich Teheran von diesem letzten Schritt nicht abhalten lässt. Und was geschieht dann? Sowohl in Israel als auch in den USA werden immer deutliche Warnungen laut, dass man dies unter keinen Umständen zulassen werde. Das würde bedeuten, dass letztlich ein Angriff auf die iranischen Atomanlagen – mit verheerenden Folgen natürlich – als Ultima Ratio gesehen wird. Ob das nun leere Drohungen oder Mittel der Verhinderung der atomaren Rüstung des Iran sind, bleibt dahingestellt.
Als Reaktion auf einen derartigen Angriff droht Teheran u.a. mit der Schließung der Straße von Hormus für den Schiffsverkehr – und damit für die wichtigen Öltransporte. Ebenso mit dem Einsatz seiner von ihm gesponserten Verbündeten Hamas und Hisbollah. Gerade Letztere würde nicht nur aus dem Libanon gegen Israel, sondern auch Ziele in der westlichen Hemisphäre und insbesondere aus Lateinamerika und Mexiko direkt gegen die USA tätig werden, wird berichtet. Die folgenden Ausführungen stützen sich ausschließlich auf Angaben internationaler Quellen.

Hisbollah und ihre Kapazitäten
Wer ist nun diese Hisbollah und über welche Kapazitäten verfügt sie? Sie ist eine einflussreiche politische Partei mit einer starken, gut ausgerüsteten Miliz, die leistungsfähiger ist als die libanesische Armee. Die Organisation betreibt auch ein umfangreiches Netzwerk von Sozialdiensten im Libanon und ein internationales Finanz- und Logistiknetzwerk, das die Organisation durch ein globales System von legitimen und illegalen Unternehmen unterstützt. Militärisch muss mit ihr im Libanon gerechnet werden, wie sie durch die Art und Weise, wie sie sich während der letzten Konfrontation mit Israel im August 2006 schlug, demonstrierte. Dabei waren die Ausbildung und die Zähigkeit von Hisbollahkämpfern gut erkennbar. Diese Eigenschaften, zusammen mit einigen der gezeigten Fähigkeiten der Guerilla-Kampfführung, wie die Planung und Durchführung komplexer Hinterhalte und der Einsatz selbstgebastelter Sprengsätze (Straßenbomben) gegen gepanzerte Fahrzeuge, sind Fertigkeiten, die direkt bei Terroranschlägen angewendet werden können.

Militärische Ausbildung
Wie internationale Quellen anführen, unterhält Hisbollah Ausbildungseinrichtungen in Orten wie Nabi Sheet im Ostlibanon, wo ihre Kämpfer von Hisbollah-Instruktoren, syrischen Armeeangehörigen und iranischen Ausbildern der Revolutionsgarden und deren „Al Quds-Force“ (IRGC-QF) sowie von Leuten des iranischen Ministeriums für Nachrichtendienste und Sicherheit (Ministry of Intelligence and Security – MOIS) ausgebildet würden. Darüber hinaus würden Hisbollahkämpfer in Syrien und im Iran an modernsten Waffensystemen und in erweiterter Guerilla/Terror-Taktik geschult. Eine große Anzahl von operativen Kadern der Hisbollah seien einer derartigen erweiterten Ausbildung unterzogen worden. Sie seien auch sehr gut darauf trainiert, in einer feindlichen Umgebung zu operieren und erfolgreiche terroristische Angriffe auszuführen. Ihre Verbindungen zu iranischen diplomatischen Einrichtungen soll ihnen – laut internationalen Quellen – ermöglichen, über den diplomatischen Dienst moderne Waffen und militärische Sprengstoffe auch in einer fremden Umgebung zu beschaffen.

Terroristische Kapazitäten
Erinnerlich sind ihre spektakulären und effektiven Selbstmordanschläge mit Lkw-Bomben, Entführungen von Flugzeugen und westlichen Geiseln (die manchmal jahrelang gefangen gehalten wurden) während der 80er Jahre. Damit erlangte sie internationale Beachtung. Eine Untersuchung soll auch zeigen, dass Hisbollah eine robuste Präsenz in Lateinamerika hat und dass sie ihr Netzwerk verwendet, um angeblich Menschen in die USA zu schmuggeln. Dort soll sie jedoch seit Langem präsent sein. Allerdings ist erkennbar, dass die Hisbollah die Tätigkeiten ihres internationalen Netzwerks für terroristische Zwecke in den letzten Jahren eingeschränkt hat.

Netzwerk in Lateinamerika
Hisbollah und ihre iranischen Unterstützer haben laut internationalen Quellen auch eine Präsenz in Lateinamerika, die Jahrzehnte zurück geht. Der Iran habe sich demnach bemüht, enge Beziehungen mit Ländern wie Nicaragua, Kuba, Venezuela und Bolivien zu etablieren, weil diese in Opposition zu den Vereinigten Staaten und ihrer Außenpolitik stehen. Angeblich soll die IRGC-QF in Venezuela anwesend sein und die Ausbildung von venezolanischen Truppen in der irregulären Kriegführung durchführen. Auch die Kämpfer der revolutionären Militanten Kolumbiens sollen dort ausgebildet werden.
Angeblich soll der Iran in seinen Botschaften IRGC-QF-Aktivisten neben MOIS-Geheimdienstlern unter diplomatischem Schutz agieren lassen. IRGC-QF- und MOIS-Aktivisten sollen auch in Unternehmungen, Kulturzentren und Wohltätigkeitsorganisationen arbeiten. Sie sollen überdies eng mit Hisbollah-Leuten zusammenarbeiten. Oft angeführt wird das Beispiel von Argentinien. Demnach haben am 17.3.1992 Hisbollah-Aktivisten, angeblich unterstützt von der iranischen Botschaft in Buenos Aires, die israelische Botschaft in dieser Stadt mit einem mit Sprengstoff gefüllten Lkw angegriffen, dabei 29 Menschen getötet und Hunderte verletzt. Am 18.7.1994 wurden 85 Menschen getötet und Hunderte verletzt, als Hisbollah-Aktivisten, wie behauptet wird, angeblich mithilfe der iranischen Botschaft, das Gebäude für argentinisch-israelitische Zusammenarbeit in Buenos Aires angriffen haben.

Globales Finanz- und Logistik-Netzwerk
Hisbollah soll durch finanzielle Unterstützung und Militärrüstung Hunderte Mio. US-$ aus Iran und Syrien empfangen haben. Dazu habe es auch ein eigenes globales Finanz- und Logistik-Netzwerk geschaffen. Das libanesische Volk hat eine Handelskultur, die sich über die ganze Welt verbreitet hat. Hisbollah soll diese weitverstreute libanesische Diaspora (sowohl Christen als auch Muslime) für Geldbeschaffung und operative Zwecke benutzen. Um diese Bemühungen zu unterstützen, habe Hisbollah auch Partnerschaften mit nicht-libanesischen Arabern und Muslimen, Schiiten und Sunniten, geschlossen, von denen viele mit dem Hisbollah-Netzwerk aus finanziellen Gründen zusammenarbeiten sollen, ohne eine ideologische Affinität zu haben.
Dieses globale kommerzielle Netzwerk der Hisbollah soll gefälschte Konsumgüter und Elektronik sowie raubkopierte Filme, Musik und Software transportieren und verkaufen. In Westafrika soll das Netzwerk auch mit „Blutdiamanten“ aus Ländern wie Sierra Leone und der Demokratischen Republik Kongo handeln und illegal Öl aus dem Nigerdelta schmuggeln. Zellen in Asien sollen einen Großteil des gefälschten Materials, das anderswo verkauft wird, beschaffen und liefern; Gruppen in Nordamerika sollen neben anderem mit geschmuggelten Zigaretten und gefälschten Designerwaren handeln. In den Vereinigten Staaten, so wird berichtet, würde die Hisbollah auch am Schmuggel von gefälschten Medikamenten beteiligt sein und eine bedeutende Rolle in der Produktion und der weltweiten Ausbreitung von gefälschten Währungen haben.
Hisbollah habe auch angeblich eine langjährige Präsenz in der Drei-Länder-Grenzregion von Paraguay, Argentinien und Brasilien, wo sie zig Mio. US-$ jährlich von legalen und illegalen kommerziellen Aktivitäten, laut Schätzungen der US-Regierung, verdient.

Das Drogengeschäft
Auch im Drogenhandel soll das Geschäftsimperium der Hisbollah tätig sein. Die Bekaa-Ebene, Libanons zentrales landwirtschaftliches Kernland, wird von der Hisbollah kontrolliert. Sie soll als ein Hauptzentrum für den Anbau von Mohn und Cannabis sowie für die Herstellung von Heroin dienen. Diese Rohstoffe sollen auch von Gebieten wie Afghanistan und dem „Goldenen Länderdreieck von Südostasien“ stammen. Dabei soll die Hisbollah einen großen Teil des auf 1 Mrd. US-$ geschätzten Drogenhandels, der aus der Bekaa-Ebene kommt, kontrollieren. Die Masse des Haschisch und des Heroins sollen von dort nach Europa gelangen. Hier sollen die Hisbollah-Mitglieder auch in Schmuggel, Autodiebstahl und in der Verteilung von gefälschten Waren und Währungen beteiligt sein.
Hisbollah-Aktivisten sollen auch mit lateinamerikanischen Drogenkartellen zusammenarbeiten, um Kokain zu den lukrativen Märkten Europas und der USA zu bringen. In den letzten Jahren soll Hisbollah auch in Mittelamerika und Mexiko aktiv geworden sein.
Nach all diesen Darstellungen – die von internationalen Quellen behauptet werden – ist Hisbollah nicht bloß eine im Libanon tätige politische, humanitäre und militante Organisation, sondern ein global aktives Netzwerk mit höchst gefährlichen und kriminellen Kapazitäten.

DER SOLDAT-Ausgabe Nr. 18/2010 vom 22. September

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