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Mag. Dr. Felix Schneider

Historische Begegnungen in Krems

Nach 4-jähriger Pause fand zwischen 25. und 27. September wieder ein Österreichischer Historikertag statt, mittlerweile der 26. seiner Art. Diese Veranstaltung, in Abständen von zwei bis vier Jahren unter Patronanz des Österreichischen Historikerverbandes abgehalten und meist von einem der neun Landesarchive zusammen mit einer Universität organisiert, versteht sich als eine Art „Leistungsschau“ der österreichischen Geschichtswissenschaft über die engen Grenzen der einzelnen Fachdisziplinen hinweg.


Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses zum Ziel. Zuletzt war 2008 St. Pölten Gastgeberin gewesen, heuer war Krems an der Donau an der Reihe. Als „Vorlauf“ wurde dem Historikertag – auch traditionell – der jährlich stattfindende (heuer 37.) Österreichische Archivtag vorgeschaltet. Hier erörtern Archivare von Bund, Ländern und sonstigen Organisationen im Rahmen von Workshops und Fachgruppen-Sitzungen einschlägige Themen.

Qual der Wahl
Zur feierlichen offiziellen Eröffnung des eigentlichen Historikertages sprachen der NÖ LHptm-Stv. Mag. Wolfgang Sobotka, der für die Leitung und Organisation der Veranstaltung verantwortliche HR Dr. Willibald Rosner, seines Zeichens Leiter des Niederösterreichischen Landesarchivs, sowie der Rektor der gastgebenden Donau-Universität Krems (DUK) Dr. Jürgen Willer. Es folgten an drei Tagen nicht weniger als 21 verschiedene Sessionen (Panels), die parallel an drei Standorten auf dem Gelände des Campus abgehalten wurden. Der Besucher hatte also die Qual der Wahl. Der Bogen des Angebots reichte dabei von der Ur- und Frühgeschichte über die Alte Geschichte und das Mittelalter bis hin zur Neuzeit und Neuesten Geschichte (Zeitgeschichte). Neben dieser klassischchronologischen Verortung gab es darüber hinaus jedoch noch eine Vielzahl von historischen Fachgebieten, die von entsprechenden Kommissionen innerhalb des Historikerverbandes betreut werden, wie z.B. jüdische Geschichte, Rechtsgeschichte, Stadtgeschichte etc. bis hin zur Wissenschafts- und zur Militärgeschichte – um hier nur einige exemplarisch zu nennen. Jedes Panel wurde von vier bis sechs Historikerinnen und Historikern bestritten, die innerhalb ihrer Fachbereiche ihre neuesten Forschungen dem interessierten Publikum präsentierten. Unter den Referentinnen und Referenten befanden sich auch eine große Anzahl junger Kolleginnen und Kollegen, denen der Historikertag traditionell ein Forum für einen (oft ersten öffentlichen) Auftritt bieten möchte. Um dies noch zu verstärken, wurde heuer erstmals eine Sektion „Junge Forschung“ eingerichtet: Ausgewählte Dissertationen im fortgeschrittenen Stadium wurden präsentiert, die besten drei Arbeiten später von einer wissenschaftlichen Jury ausgewählt und im Rahmen des abendlichen Empfangs vor dem eindrucksvollen Hintergrund der zu Veranstaltungszwecken adaptierten Minoritenkirche Krems/ Stein prämiert.

Panel Militärgeschichte
Besonders erwähnt sei an dieser Stelle das Panel „Militärgeschichte“, das vom Direktor des Kriegsarchivs, HR Dr. Christoph Tepperberg, organisiert und vom Leiter des Instituts für Strategie und Sicherheitspolitik (ISS) der LVAk, HR Univ.-Doz. Dr. Erwin A. Schmidl, geleitet wurde. Die Palette der Vorträge dieses Panels war ebenso thematisch bunt wie spannungsvoll und unterhaltsam. Die Organisatoren hatten sich gerade für diese Session die Grundintention der Förderung junger Nachwuchstalente zu Herzen genommen, was für fünf der sechs Referenten auch zutraf. Patrick Swoboda (Wien) eröffnete mit seiner Betrachtung über das Verhalten durchziehender Heere gegenüber der Bevölkerung, wobei er speziell den Zeitraum des 18. und beginnenden 19. Jh. beleuchtete. Ihm folgte Tamara Scheer (Wien), die eine eher unbekannte Facette der k.u.k.-Präsenz auf dem Balkan erläuterte: Die österreichisch-ungarische Präsenz im noch zum Osmanischen Reich gehörenden Sandžak von Novi Pazar von 1879 bis 1908 – eine Präsenz, die für die Donaumonarchie v.a. die Funktion einer militärischen Pufferzone zwischen Serbien und Montenegro hatte. Alexandra Hois (Wien) präsentierte das erste von zwei „Gender“-Themata des Panels, die beide im Ersten Weltkrieg angesiedelt waren: Hois schilderte die Heranziehung von Frauen für den Kriegseinsatz am Beispiel der „Weiblichen Hilfskräfte“ im österreichisch- ungarischen Militär. Die totale Kriegführung machte es notwendig, dass immer mehr Frauen in der Organisation des Heeres im Hinterland eingebunden wurden, was für diese zum Teil völlig neue Perspektiven, aber auch „geschlechtsspezifische“ Komplikationen mit sich brachte. Julia Walleczek-Fritz (Innsbruck) untersuchte dann in ihrem Beitrag „Mehr als was erlaubt war...“ die Beziehungen zwischen Kriegsgefangenen und Frauen in der Donaumonarchie. Bernhard Kuschey (Wien) thematisierte in seinem Beitrag „Kriegstraumata in Kärnten“ und in diesem Zusammenhang die Diskrepanz von Geschichtsauffassung zwischen der slowenischen Volksgruppe einerseits und dem „Deutschkärntner“ Lager andererseits, v.a. wenn es um die Aufarbeitung der Geschichte des 20. Jh. geht. Problematisch erwies sich dabei die „Verlockung“ einer pauschalen Subsumierung ganzer „Lager“ oder Bevölkerungsgruppen unter das Joch einer vermeintlichen historischen „Wahrheit“ – ein Punkt, der auch in der folgenden Diskussion sehr deutlich angesprochen wurde. Den Abschluss machte Mario Muigg (Wien), der sich mit dem Einsatz von Polizeikontingenten zur Friedenssicherung im Rahmen internationaler Friedensoperationen auseinandersetzte. Muigg wies speziell darauf hin, dass gerade in Einsätzen nach „inneren“ („ethnischen“ usw.) Konflikten den Polizeikräften – obwohl zahlenmäßig gering im Vergleich zu den klassischen militärischen „Blauhelmen“ – in der jüngsten Vergangenheit ein immer größerer Stellenwert bei internationalen Einsätzen zukam. In UN-Einsätzen sind bereits über 10 % der uniformierten „Peacekeeper“ Polizisten.

Erfolgreiche Veranstaltung
Der Historikertag in Krems war eine überaus gelungene Veranstaltung. Dennoch steht die Institution dieser Tagung als solche in der Diskussion. Das hat einerseits mit den dafür notwendigen Ressourcen zu tun, die immer schwerer abrufbar sind, weshalb einige Bundesländer es bereits ablehnen mussten, einen Historikertag zu organisieren. Dazu kommt andererseits ein in diesem Land mangelhaftes Verständnis für (geisteswissenschaftliche) Forschung an sich, ein Unverständnis, das allzu leichtfertig – mit dem politisch-plakativen Argument der „mangelnden Verständlichkeit“ und des „Sich nicht richtig verkaufen Könnens“ – der Zunft selbst den schwarzen Peter zuzuschieben bereit ist. Und drittens die mangelnde Bereitschaft mancher Kollegen zur Teilnahme, die nicht allein mit dem Kostenfaktor erklärbar ist. Schaut man gar nicht so weit über die Grenzen, so kann man als Historiker vor Neid nur erblassen: Der zeitlich parallel zu Krems abgehaltene Deutsche Historikertag in Mainz etwa wurde vor einer Kulisse von mehr als 3.000 (!) Spezialisten in Szene gesetzt und gilt somit als der größte geisteswissenschaftliche Fachkongress Europas. Die Sponsoren-Liste der Veranstaltung liest sich wie das „Who is Who“ der Wissenschaftsverlage; ranghöchste Politiker und Medienvertreter gaben einander wieder einmal die Klinke in die Hand. Bleibt zu hoffen, dass zumindest ein kleiner Funke dieses Verständnisses für Forschung und Geschichtswissenschaft in naher Zukunft auch auf Österreich überspringt, bevor das eigene, von nur wenigen Idealisten am Leben erhaltene Feuer endgültig verlischt. 

DER SOLDAT-Ausgabe Nr. 23/2012 vom 5. Dezember

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