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wehrpolitik

Mag. Ute Axmann

Im Dienst der Wissenschaft

Assistenzeinsätze anno dazumal

Assistenzeinsätze und Unterstützungsleistungen im Rahmen der Ausbildung sind fixer Bestandteil im Aufgabenspektrum des Österreichischen Bundesheeres. Doch das war auch früher so – immer wieder musste das Militär einspringen, wenn im zivilen Leben Not am Mann war.


  Das Palmenhaus in Schönbrunn z.B. feiert bald sein 130-jähriges Bestehen. Dass viele Exponate zum Teil ihr Überleben den österreichischen Soldaten verdanken, wissen allerdings die wenigsten. Besonders stolz ist das Palmenhaus auf seine „Wollemia nobilis“, ein Nadelbaum aus Australien, der eigentlich als ausgestorben galt. Eine botanische Sensation. „Das ist ungefähr so, als würde man plötzlich einen Dinosaurier finden“, sagt Georg Tichy, der Abteilungsleiter des Palmenhauses Schönbrunn. Und auch sonst findet sich viel Traditionelles im Palmenhaus, jahrhundertealte Bäume, die Kriege – zum Teil mit Bombenschäden – überlebt haben. Und man erinnert sich an früher, als das Militär zu Hilfe gerufen wurde, um einen besonderen „Assistenzeinsatz“ zu leisten. Die Sonne war nämlich oft ein Problem, und so wurden jedes Jahr im Frühjahr Seekadetten geholt, die Holzschindeln an die Glasfenster befestigten, um die kostbaren Pflanzen vor zu starker Sonneneinstrahlung zu schützen. Ein nicht ganz ungefährliches Unterfangen – schließlich ist das Palmenhaus 25 m hoch. Schwindelfrei, sich in der Höhe gut und sicher bewegen und Arbeiten durchführen zu können – das waren die Voraussetzungen für diese Arbeit. Für die Seekadetten war dies hingegen ein gutes Training, meint der Militärhistoriker Dr. Wolfgang Etschmann. „Wer dazu nicht fähig war, konnte sich auch nicht auf dem Segelschiff bewegen, denn der Hauptmast war 30 m hoch und das Raufklettern etwas gewöhnungsbedürftig“, so Etschmann. Im Herbst wurden dann die Holzschindeln wieder abmontiert. Und so konnten durch diesen „Assistenzeinsatz“ des Militärs die kostbaren Pflanzen weiterwachsen und sie sind zum Teil auch heute noch im Palmenhaus zu sehen.

Auf den Weltmeeren zu Hause
Nächster Schauplatz – das Naturhistorische Museum in Wien. Für den Bestand der Ausstellungsstücke spielt die Weltumsegelung der SMS „Novara“ eine große Rolle. Die Fregatte „Novara“ gilt als eines der interessantesten Kriegsschiffe der ehemaligen österreichischen bzw. österreichisch-ungarischen Kriegsmarine. Die Hauptaufgaben des Schiffes waren die Ausbildung der Mannschaft und Offiziere, die Erforschung bestimmter Gebiete und das Zeigen der österreichischen Flagge. Doch bei der Weltumsegelung der „Novara“ – einer Ausbildungsfahrt des Militärs – waren auch etliche zivile Wissenschaftler mit an Bord, darunter der Geologe Dr. Ferdinand Hochstetter, Dr. Karl von Scherzer (Geographie, Anthropologie, Botanik und Handelswissenschaften), Dr. Eduard Schwarz (Schiffsarzt), Joseph Jellinek, Georg von Frauenfeld (Botanik und Zoologie) und Johann Zelbor als Tierpräparator.
  Mag. Christa Riedl-Dorn vom Naturhistorischen Museum in Wien forscht seit vielen Jahren über die Expeditionen der österreichischen Marine. Eine große Bedeutung für die Forschung nahm der 1854 zum Konteradmiral und zum Oberkommandierenden der k.k. Kriegsmarine ernannte Erzherzog Ferdinand Max ein. „Er führte die gründliche Ausbildung in den Naturwissenschaften als Teil der Erziehung der Seekadetten ein und ordnete an, dass die Mannschaften von Schulschiffen naturhistorische Objekte sammeln und naturwissenschaftliche Beobachtungen wie z.B. Witterung, Tiefseelotungen usw. notieren sollten“, sagt Riedl- Dorn.
  Und so brachten Marinekadetten von zahlreichen Übungs- und Instruktionsfahrten neben meteorologischen, hygrografischen und nautischen Aufzeichnungen auch Material für das Museum mit, schreibt Mag. Christa Riedl-Dorn in ihrem Buch „Das Haus der Wunder. Zur Geschichte des Naturhistorischen Museums in Wien“. Einige dieser Fahrten waren neben der Weltumsegelung der „Novara“ z.B. die Missionsreisen der Korvette „Helgoland“ nach Westafrika 1884-1885, auf der zahlreiche zoologische Objekte gesammelt wurden, oder die Fahrt der Korvette „Frundsberg“ nach Ostafrika 1884-1885. Ein Jahr später, 1886-1887, unternahm die Korvette „Saida“ eine Instruktionsreise für Seekadetten nach Südamerika und nach Südafrika. Bei dieser Reise wurden Tiere, Pflanzen und sogar Schädel von Afrikanern mitgebracht. Die Korvette „Aurora“ brachte von ihrer Ostasienreise auch Skelette von Japanern mit. 1891-1893 unternahm die Korvette „Fasana“ eine Weltreise zur Ausbildung von Seekadetten. Vier Offiziere erbeuteten dabei für das Naturhistorische Museum 205 menschliche Skelette von den Salomon-Inseln. Von besonderer Bedeutung für die zoologischen Sammlungen erwiesen sich die acht Expeditionen für Tiefseeforschungen mit dem Transportdampfer „Pola“, die von 1880-1898 im östlichen Mittelmeer, in der Adria und im Roten Meer durchgeführt wurden. Die k.k. Kriegsmarine stellte das Schiff und dessen Besatzung zur Verfügung und das Naturhistorische Hofmuseum entsandte vier Bedienstete. Das Arbeitsprogramm dazu wurde von der k.k. Akademie der Wissenschaften erstellt, die auch den wissenschaftlichen Stab nominierte.

Faszination „Novara“
Doch es scheint, als ob die Weltumsegelung der „Novara“ am meisten fasziniert. Zahlreiche Wissenschaftler und Forscher haben sich mit diesem Thema beschäftigt und tun es auch heute noch – in zahlreichen Ausstellungen, Vorträgen und Symposien. Wer sich auf die Spuren der „Novara“ begeben möchte, kann dies v.a. im Marinesaal des Heeresgeschichtlichen Museums tun. Zahlreiche Erinnerungsstücke, Modelle, Schiffsteile, Uniformen und Waffen aus 200 Jahren österreichischer Marinegeschichte sind hier ausgestellt.
  Der Direktor des HGM, Dr. Christian Ortner, betont bei der Weltumsegelung der „Novara“ die hervorragende seemännische Leistung der Soldaten: „Neben wissenschaftlichen Erkenntnissen verfolgte die Reise ja den Zweck, Mannschaft und Offiziere weiterzubilden. In dieser Hinsicht kam der Kommandierung von Marinekadetten, also angehenden Offizieren, eine besondere Bedeutung zu. An Bord der ‚Novara’ waren 14 Kadetten eingeschifft, von denen einige noch während der Reise zu Fregattenfähnrichen befördert wurden“, sagt Ortner.

Öffentlichkeitsarbeit am Schiff
Wie immer bei Unterstützungsleistungen und Assistenzeinsätzen spielte auch damals die Öffentlichkeitsarbeit eine Rolle. So bestand der Auftrag des Wiener Expeditionsmalers und Tagebuchschreibers Joseph Selleny nicht nur in der Dokumentation der Eindrücke, die er von den fremden Ländern während der Weltumsegelung der „Novara“ gewonnen hatte. Sondern er musste auch in seinen Bildern den Alltag und das Leben an Bord darstellen und die Matrosen, Offiziere und Wissenschaftler bei ihrer täglichen Arbeit zeigen. Damit sollte erreicht werden, dass innerhalb aller österreichischen Gesellschaftsschichten das Verständnis für die Marine gesteigert wird. Rd. 1.000 Aquarelle und Skizzen sind so entstanden. Einige Werke davon sind ebenfalls im HGM zu bewundern.

Kalte Duschen für die Mannschaft
Doch auch andere Teilaspekte der Weltumsegelung der „Novara“ sind für Forscher interessant. So brachte die Expedition viele neue Erkenntnisse im medizinischen Bereich, meint die Historikerin Dr. Daniela Angetter.
  „Das enge Zusammenleben Hunderter Personen, nämlich 345 Mannschaften und Offiziere sowie ein wissenschaftlicher Stab aus 7 Mitarbeitern auf mitunter engstem Raum, stellte die medizinische Versorgung unter dem Schiffsarzt Dr. Eduard Schwarz, unterstützt von Chef-Schiffsarzt Franz Seligmann, vor völlig neue Aufgaben“, sagt Angetter. Eine der sicherlich größten Herausforderungen für die medizinische Wissenschaft waren die ungewohnten Lebensbedingungen an Bord der „Novara“. Unterkunft, Verpflegung, Arbeit, Schlaf, Bewegung und Ruhe fanden unter völlig geänderten Bedingungen statt, und das über einen ungewöhnlich langen Zeitpunkt hinaus. V.a. das Zusammenleben auf engstem Raum förderte die rasche Verbreitung von Infektionskrankheiten. Um die Ausbreitung dieser zu verhindern, wurden erstmals präventive hygienische Maßnahmen an Bord der „Novara“ bei der Versorgung der Mannschaft berücksichtigt, die auch auf ihre künftige Effizienz hin getestet wurden, so Angetter. Eine dieser Präventivmaßnahmen betraf die Versorgung mit Nahrungsmitteln. Als weitere Maßnahme versuchte man das Bewusstsein der Expeditionsteilnehmer für persönliche Hygiene zu wecken und zu fördern. So wurden speziell konstruierte Duschapparate als Mannschaftsbäder eingebaut und warme und kalte Duschbäder vorgeschrieben. Ein Offizier erhielt alle 14 Tage, die Mannschaften alle 4 Wochen, ein warmes Bad. Dazwischen gab es kalte Duschbäder.
  Eine Besonderheit waren Impfstoffe aus einer Kuhpocken- Regenerationsanstalt, um von vornherein die Verbreitung von Infektionskrankheiten unter der Mannschaft einzudämmen. Und schließlich sorgte ein eigenes Bordspital dafür, dass Infektionskranke getrennt von anderen Bettlägerigen behandelt und gepflegt werden konnten.

Und heute …
Abgesehen von den regulären Assistenzeinsätzen und Unterstützungsleistungen stellt sich auch heute noch so mancher Soldat in den Dienst der Wissenschaft. So kommt es vor, dass Soldaten von Auslandseinsätzen wie am Golan neue Pflanzen und Tiere mitbringen – immerhin kommt das Militär meist in solche Gegenden hin, die nicht gerade von Touristen überlaufen sind – und das ist auch heute noch für die Wissenschaft interessant. 

DER SOLDAT-Ausgabe Nr. 1/2012 vom 11. Jänner

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