HGM Eröffnung Erster Weltkrieg ab 29. JuniStrategie und Sicherheit 2014Vehling VerlagHeeresgeschichtliches MuseumVerein Alt-NeustadtStrategischer Führungslehrgang
Weltgeschehen im Brennpunkt

Spectator

Islamistischer Terror aus Jemen

Explosionsfähige Sprengstoffpakete aus dem Jemen kommen nach Europa und in die USA. Der arabische Staat selbst verliert zunehmend die Kontrolle über Terroristen und Separatisten und gleitet in das Chaos ab. Der Westen sieht sich gefährlich bedroht.


Seit Monaten warnen Geheimdienste vor Terroranschlägen in Europa. In der Nacht zum 29. Oktober wurden nun in Frachtmaschinen auf dem mittelenglischen Flughafen East Midlands bei Nottingham und in Dubai aus dem Jemen abgeschickte Pakete mit funktionsfähigen Sprengsätzen entdeckt. Offenbar sollten die Bomben per Handy gezündet werden, berichtete der Nachrichtensender CNN unter Berufung auf die Behörden. Die Pakete waren an jüdische Einrichtungen im Raum Chicago adressiert. Weitere verdächtige 26 Pakete sollen von jemenitischen Sicherheitsbehörden beschlagnahmt worden sein. US-Präsident Barack Obama erklärte, dass die Paketfunde in England und Dubai für die USA eine „glaubwürdige terroristische Bedrohung" darstellen.
Einige Tage später wurden auch aus Griechenland Sprengpakete an europäische Politiker und Institutionen versandt. Dem Vernehmen nach sollen autonome linksextreme Kreise aus dem Land an der Ägäis hinter den Attentatsversuchen stecken („Terror aus Abscheu gegen das System“, „Die Presse“, 4. November). Doch das politisch relativ stabile Griechenland ist nicht der Jemen. Athen traut man rigide Sicherheitsmaßnahmen durchaus zu, der Jemen steht vor dem Chaos.

Terrorgruppe in Jemen
Die Attentatsversuche haben weltweite Besorgnis und Abwehrmaßnahmen hervorgerufen. Eines der präparierten Pakete aus Jemen war auf dem Flughafen Köln umgeladen worden und hätte jederzeit explodieren können. Aus Kreisen der katarischen Fluggesellschaft Qatar Airways verlautete, dass ein Sprengstoff-Paket, das aus dem Jemen versandt worden war, sich zwischenzeitlich an Bord einer Passagiermaschine befand.
Die Paketbomben aus dem Jemen stehen offenbar – wie nun aus Sicherheitskreisen verlautet – im Zusammenhang mit dem versuchten Anschlag auf ein US-Passagierflugzeug am 25. Dezember 2009. Damals wollte die von westlichen Geheimdiensten als besonders gefährlich eingestufte Terror-Gruppe AQAP, ein Arm der Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel, einen Attentäter in die USA schicken. Der Sprengstoff (PETN), den der Nigerianer Umar Farouk Abdulmutallab auf dem Flug nach Detroit in seiner Unterwäsche versteckt hatte, war der gleiche wie bei den aktuellen Funden. Sprengstoffexperten sind sich in der Zwischenzeit einig, dass die in Frachtflugzeugen mit dem Ziel USA entdeckten Pakete mit großer Wahrscheinlichkeit von demselben Bombenbauer zusammengesetzt wurden, der auch die Bombe des verhinderten Attentäters Abdulmutallab gebaut hat. Der in den Jemen geflüchtete saudi-arabische Staatsbürger Ibrahim Hassan al Asiri wird als Schlüsselfigur hinter den versuchten Anschlägen vermutet. Auch der aus den USA stammende einflussreiche Prediger Anwar al-Awlaki, der als Drahtzieher mehrerer Anschläge gilt und auch Abdulmutallab indoktriniert haben soll, ist im Visier der Geheimdienste.

Jemen – Sammelort von Dschihadisten
Immer wieder rückt das im Südwesten der saudi-arabischen Halbinsel gelegene Land Jemen mit Terroraktionen in den Blickpunkt. Schon im Oktober 2000 sprengten sich in der Hafenstadt Aden Selbstmordattentäter mit ihrem Boot nahe des US-Zerstörers „USS Cole" in die Luft: 17 US-Soldaten wurden getötet.
In der Ausgabe 13 des Jahres 2009 wurde an dieser Stelle über den „Jemen – ein zweites Afghanistan?“ geschrieben. Es wurde darauf hingewiesen, dass die Zentralgewalt im Jemen in weiten Teilen des Landes keine Kontrolle über das Gebiet hat. Rebellen, Separatisten und Extremisten, wie Al-Qaida, haben die Herrschaft über diese Teile ergriffen. Geheimdienste berichteten, dass das Netzwerk Al-Qaida zunehmend Kämpfer und Infrastruktur aus Afghanistan und Pakistan in den Jemen verlegt. Auch, dass der Einfluss von Terrorgruppen im Land ein großes Problem darstellt. Nach Geheimdienstangaben haben Al-Qaida-Kämpfer sowie auch Rückkehrer aus Afghanistan und dem Irak bei einer Reihe von Stämmen in den Provinzen Marib, Schabwa und Dschof Zuflucht gefunden. In den rechts- und kontrollfreien Zonen des Jemen können sich radikalislamische Gruppen ungehindert bewegen, sagen Terrorspezialisten in Sanaa. Al-Qaida soll lokalen sunnitischen Stämmen Geld zahlen, um in ihren Gegenden geduldet zu werden. Andere lassen sie freiwillig gewähren in der Hoffnung, sie schwäche die verhasste Zentralregierung.

Miserable Wirtschaftslage
Der Jemen ist zwanzig Jahre nach seiner Wiedervereinigung ein zerrissenes Land. Die Regierung ist schwach. Auf dem Land dominieren die Stämme, die oft besser bewaffnet sind als die Armee. Im Norden tobt ein blutiger Bürgerkrieg. Der Süden rebelliert und will die Abtrennung.
Jemen zählt zu den am wenigsten entwickelten Ländern der Welt. Zu den drückenden Problemen des Landes zählen die schwierige innenpolitische Lage, das starke Bevölkerungswachstum, große Armut, Wassermangel, hohe Arbeitslosigkeit sowie ein schlechtes Bildungs- und Gesundheitssystem. Die Landwirtschaft kann die Menschen nicht mehr ernähren, Gas- und Ölvorräte gehen zur Neige. Flüchtlinge aus dem chaotischen Somalia strömen in das Land und sorgen für eine weitere wirtschaftliche und politische Destabilisierung. Die Unzufriedenheit im Land ist hoch.

Operations- und Trainingsbasis
Im ganzen Land operiert die zweite Generation des Terrornetzwerks Al-Qaida praktisch ungehindert. Die laut dem jemenitischen Außenminister rd. 300 AQAP-Terroristen haben den Jemen zur Operations- und Trainingsbasis für weltweite Anschläge gemacht. Al-Qaida und andere ihr nahe stehende Organisationen sollen nach Geheimdienstangaben jedoch nicht nur Anschläge im Ausland und auf US-Ziele im Jemen planen und verüben, wie im September 2008 auf die US-Botschaft in Sanaa, bei der mindestens 16 Menschen ums Leben kamen. Auch im Inland attackieren sie nicht-muslimische Ausländer, etliche Morde an Touristen aus verschiedenen Staaten gehen auf ihr Konto. Im Juli 2007 wurden acht Spanier vor dem Mondtempel des antiken Marib getötet. Im Januar 2008 waren es Belgier, die im Wadi Dohan durch Heckenschützen ums Leben kamen. Im März 2009 starben bei einem Selbstmordanschlag vor der UNESCO-Stadt Schibam vier Südkoreaner.
Auch Offizielle stehen im Visier der Terroristen. Im vergangenen April sprengte sich ein Selbstmordattentäter neben dem Auto des britischen Botschafters in Sanaa in die Luft. Der Botschafter blieb unverletzt. Zu dem Anschlag bekannte sich später AQAP. Am 5. Oktober griffen Terroristen ein Fahrzeug der britischen Botschaft in Sanaa mit einer Panzerfaust an. Ein Diplomat wurde dabei leicht verletzt. Etwa zur gleichen Zeit wurde ein Franzose von einem jemenitischen Islamisten erschossen.
Die junge Führung von AQAP ist skrupelloser und ehrgeiziger als die Vorbilder – das jahrelange Stillhalteabkommen mit der Regierung haben sie übergangen. In ihren Erklärungen kündigten sie an, man werde die „Seelen der Sicherheitskräfte niedermähen“. Denn künftig werde man Sprengstoffgürtel, verminte Autos und Bomben einsetzen, die durch konventionelle Sprengstoffdetektoren nicht mehr aufzuspüren seien. Im Land haben sie nun ihren Aktionsradius von den südlichen Provinzen bis zur Hauptstadt Sanaa ausgedehnt. Bei zahlreichen Angriffen wurden eine Anzahl Top-Geheimdienstleute und Terrorbekämpfer getötet.

USA verstärken Einsatz
US-Präsident Barack Obama sagte Mitte Oktober, Al-Qaida nutze den Jemen „als Drehscheibe, von der sie ihre mörderischen Vorhaben verfolgen“, und kündigte weitere Maßnahmen an. Mit Marschflugkörpern, „Drohnen“-Angriffen und geheim operierenden Spezialkräften wollen die USA der Bedrohung noch härter und konsequenter begegnen als bisher. Denn die Luftangriffe der Armee auf Stellungen der Terroristen, wie zuletzt im Oktober 2010, konnten Al-Qaida bisher nicht von dort vertreiben. Dem Export von Terror aus dem Jemen wollen die USA jedoch auf keinen Fall untätig zusehen. Ein schwieriges Unterfangen der USA, nicht nur wegen der unwegsamen Bergregionen. Auch der Präsident des Jemen verbittet sich die Einmischung der Amerikaner in seinem Land. Doch westliche Geheimdienste bezweifeln, dass die jemenitische Führung alleine in der Lage ist, die Terroristen erfolgreich zu bekämpfen. Mit Militärhilfen im Wert von mehreren 100 Mio. US-$ will man Sanaa nachgiebig machen.

Terror-Export
Die Situation im Jemen ist dramatisch gefährlich. Der Terrorexport von dort und von anderen Zentren militanter Islamisten bedroht die westliche Welt. Man erinnere sich an den vergangenen September. Am 29. September meldeten die Nachrichtenagenturen: „Terror-Alarm in Europa: Westliche Geheimdienste haben geplante Terroranschläge in Deutschland, Frankreich und Großbritannien verhindert. Bei den beabsichtigten Anschlägen sollten offenbar London sowie große Städte in Deutschland und Frankreich zeitgleich angegriffen werden.“ Kurz davor gab es ebenfalls in den USA Terror-Alarm. Die zuständigen Behörden bestätigten mittlerweile die Medienberichte, nach denen das Terrornetzwerk Al-Qaida „längerfristig“ Anschläge in den USA und in Europa plane.
Zerfallene Staaten sind sichere Häfen für Terroristen. Dem Land an der Südspitze der arabischen Halbinsel drohen Chaos und Zerfall – und damit ein Schicksal wie Afghanistan oder Somalia.

DER SOLDAT-Ausgabe Nr. 22/2010 vom 17. November

Drucken