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analyse/chronik

Bgdr DDr. Harald Pöcher

Japan im Ausnahmezustand

„Herr, die Not ist groß. Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los.“ Niemand anderer als Johann Wolfgang von Goethe hätte die Situation, in der sich Japan zurzeit befindet, treffender beschreiben können. 


Mit voller Wucht wurde Japan wieder einmal von Naturkatastrophen heimgesucht, mit denen man im Laufe der Jahrhunderte zu leben gelernt hat. Diesmal traf ein Erdbeben am 11. März in der Magnitude von 9 den Nordosten der Hauptinsel – mit dem Epizentrum etwa 370 km nordöstlich von Tokio. Es gilt als stärkstes Beben in Japan seit Beginn der dortigen Erdbebenaufzeichnungen. Dem Beben folgte eine Reihe von mehreren Nachbeben mit einer Magnitude größer als 6 an den darauffolgenden Tagen. Das starke Erdbeben war Auslöser von zwei weiteren Katastrophen in der Region: einem bis zu 10 m hohen Tsunami sowie Unfällen in mehreren Atomkraftwerken (AKW). Genaue Angaben über die Opferbilanz der Naturkatastrophen liegen noch nicht vor, es wird mit über 10.000 Toten gerechnet, wobei durch das Beben selbst nur eine vergleichsweise geringe Zahl verursacht wurde. Den Großteil der Opfer forderte der Tsunami. Viele Mensche werden noch vermisst. Mehr als 500.000 Menschen, die fliehen konnten oder evakuiert wurden, werden in Massenunterkünften, so gut es irgendwie geht, versorgt. Zudem sind im Nordosten Japans 850.000 Haushalte bei Temperaturen um den Gefrierpunkt z.T. seit Tagen ohne Strom. Die Naturkatastrophen beschädigten nach Meldung des öffentlichen Nachrichtensenders NHK (Nippon Hōsō Kyōkai = wörtlich: „Japanische Rundfunkgesellschaft“) rd. 76.000 Gebäude und mindestens 6.300 weitere wurden komplett zerstört. Für die Hightech- Nation Japan ist es das schwerste Desaster seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Opferbilanz wird aber damit deutlich unter der Opferbilanz des großen Kantō-Beben von 1923 liegen. Dieses große Beben der Stärke 7,9 in der Region Tokio-Yokohama forderte am 1. September 1923 mehr als 140.000 Menschenleben.
  Während Japan mit Jishin (Erdbeben), Tsunamis (Flutwellen) und auch Taifunen (großer Wind) und deren Folgen bislang recht gut zurechtkam und auch ihre Folgen in absehbarer Zeit beseitigt werden konnten, wird es auch mit einer nationalen Kraftanstrengung, unterstützt durch Hilfe aus aller Welt, gelingen, die sichtbaren Schäden der letzten Naturkatastrophen wieder zu beseitigen und zur Normalität übergehen zu können. Alle Japaner lernen von klein auf mit Erdbeben zu leben und werden zeit ihres Lebens immer wieder geschult, sich im Falle von Erdbeben richtig zu verhalten. Dazu kommt noch die Wesensart des Japaners, in Extremsituationen Ruhe bewahren zu können und keine Panikstimmung aufkommen zu lassen. Und auch die Bautechnik hat enorme Fortschritte gemacht, was die Haltbarkeit von Gebäuden während eines Erdbebens betrifft.

Super-GAU – auch für Japan unbeherrschbar
Völlig anders gesehen werden müssen die Folgen, die von dem beschädigten AKW Fukushima-Daiichi („Kernkraftwerk Fukushima Nr. 1“) ausgehen. Es ist eines der größten Atomkraftwerke in Japan und liegt nur etwa 250 km nördlich von Tokio, unmittelbar am Meer. Das AKW ist mit einer Betriebsdauer von fast 40 Jahren aber auch eines der ältesten Kraftwerke in Japan und wäre bald vom Netz gegangen. Das AKW entspricht etwa der Technologie, die auch in Zwentendorf vorgesehen war. Infolge des schweren Tōhoku-Kanto Erdbebens wurde das AKW zwar automatisch abgeschaltet, jedoch versagten nach dem Tsunami mit außergewöhnlich hohen Wellen die Notstromdieselaggregate, die die Kühlung des AKW sicherstellen sollten. Zum ersten Mal in der Geschichte Japans musste Regierungschef Naoto Kan den atomaren Notstand ausrufen. Der Super-GAU ist mit viel Glück noch nicht eingetreten (Stand: 27. März; Anm. d. Red.), und bislang blieb der Großraum Tokio mit seinen über 35 Mio. Bewohnern von radioaktivem Niederschlag weitgehend verschont. Es darf aber nicht übersehen werden, dass ein großer und äußerst fruchtbarer Landstrich im Osten Japans, der als Nahrungsmittellieferant für Tokio angesehen werden kann, auf lange Zeit verstrahlt bleiben wird.
  Japan ist sehr energiearm, es verfügt über keine Erdöl- und Erdgasquellen. Der Wohlstand des Landes und das Wirtschaftswunder konnten daher zwangsläufig nur durch Energieaufbringung mittels Atomkraftwerken erreicht werden. Japan erzeugt zurzeit in 17 Atomkraftwerken mit 55 Reaktorblöcken Strom. Die Kernenergie hat in Japan einen Anteil von 30 % an der Gesamtstromerzeugung und steht bei der jährlichen Stromerzeugung durch Kernenergie weltweit an dritter Stelle. Man braucht kein Prophet zu sein, um mit hoher Wahrscheinlichkeit vorhersagen zu können, dass Japan auch nach der Katastrophe im AKW Fukushima weiterhin auf Atomenergie setzen und seine Anstrengungen verstärken wird, sichere AKW zu bauen.

Krisenmanagement durch jedermann
Die Meldungen in den europäischen Medien über Japan und die jüngste Katastrophe geben zwangsläufig ein anderes Bild wieder als die Meldungen, die japanische Bürger darüber in japanischen Medien erhalten. Als aufmerksamer Beobachter der japanischen Medien und als Augenzeuge bekommt man den Eindruck, dass das Krisenmanagement der Regierung unter Berücksichtigung der Größe und des Umfanges der Katastrophe zurzeit recht gut funktioniert und erste Hilfsmaßnahmen unmittelbar nach der Katastrophe eingeleitet wurden. Auch das äußere Erscheinungsbild der Regierungsverantwortlichen bei Pressekonferenzen vermittelt das Bild eines aktiven Krisenmanagements, da sich die verantwortlichen Politiker, vom Premierminister angefangen, blaue Arbeitskleidung angezogen haben. Weniger Professionalität vermittelt uns das Krisenmanagement der Betreiberfirma des Unglücks-AKW. Dort dürfte so ziemlich alles schief gelaufen sein, was nur schief laufen konnte. Der Premierminister hat daher die Gesamtkoordination zur Bewältigung der Krise übernommen. Dieses aktive Krisenmanagement spiegelt sich auch in konkreten Anordnungen wider. Der Regierungschef hat dem Betreiber klar zu verstehen gegeben, dass die Betreiberfirma alles technisch Mögliche zu unternehmen hätte, um einen Super-GAU zu vermeiden. Ferner hat der Regierungschef umgehend den Verteidigungsminister mit der Organisation der Hilfsmaßnahmen durch die Streitkräfte beauftragt. Sofort wurden 100.000 Soldaten für den Hilfseinsatz mobilisiert. Insgesamt werden fast 50 % aller verfügbaren Soldaten der Selbstverteidigungsstreitkräfte eingesetzt sein. Rd. 215.000 Menschen im Umkreis des Kraftwerkes und des gleichfalls beschädigten Atomkraftwerkes Fukushima 2 wurden evakuiert und in Sicherheit gebracht.
  Das Krisenmanagement des einzelnen Bürgers muss anders gesehen werden. Aufgrund der langen Nordost-Südwest-Ausdehnung des Landes wird die Katastrophe auch subjektiv anders empfunden, auch wenn es im Lande eine beispiellose Solidarität mit den Opfern gibt. Während in den Randgebieten im Norden und Süden das Leben normal verläuft, gibt es in der Großregion um Tokio eine angespannte Ruhe. Bedingt durch die zeitweise Abschaltung des Stroms und der unübersichtlichen Lage kommt es zu Hamsterkäufen. Und auch die sonst sehr pünktlichen Verkehrsmittel verkehrten in den ersten beiden Wochen nach der Katastrophe nur unregelmäßig. Bemerkenswert ist aber die Haltung jeder einzelnen Japanerin und jedes einzelnen Japaners. Eine größere Panik konnte bislang im Land vermieden werden, da jeder einzelne Bürger die Ereignisse mit Ruhe über sich ergehen lässt. Und auch der Tenno (der japanische Kaiser) hat in einer Fernsehansprache seine Landsleute zu Besonnenheit, Ruhe und Hilfsbereitschaft aufgefordert. Die Spendenbereitschaft ist im ganzen Land bemerkenswert und wird auch dazu beitragen, dass die Not der durch die Naturkatastrophen und durch die atomare Katastrophe geschädigten Japanerinnen und Japaner gelindert werden kann.
  Die Auswirkungen der Katastrophen in Japan haben gezeigt, dass nur durch perfekt ausgearbeitete Notfallpläne und durch eine wohldurchdachte Informationspolitik der Regierung das Schlimmste und v.a. Panik verhindert werden können. Österreich kann sich im Vergleich zu Japan glücklich schätzen, dass Erdbeben und Tsunami im seinem Naturkatastrophenportfolio keine Rolle spielen. Obwohl Österreich kein AKW betreibt, geht von den AKW im grenznahen Raum eine ähnliche Gefahr aus wie vom Unglücksreaktor in Fukushima. Nicht auszudenken, wenn aus einem AKW in Österreichs Nachbarschaft – aus welchen Gründen auch immer – radioaktives Material austritt und bspw. das Weinviertel, der Seewinkel, das Mühlviertel oder das Gebiet um der Wörthersee derart radioaktiv verstrahlt werden, dass auf Jahre weder Landwirtschaft noch Viehwirtschaft mehr möglich sind und auch für eine gewisse Zeit die dort ansässige Bevölkerung evakuiert werden muss. Ohne Panik machen zu wollen, jede einzelne Leserin und jeder einzelne Leser soll sich selbst fragen, ob sie oder er die Katastrophenschutzpläne für die Beherrschung eines derartigen Ernstfalles kennt. 

DER SOLDAT-Ausgabe Nr. 7/2011 vom 6. April

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