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WEltgeschehen im Brennpunkt

Spectator

Katastrophen in Russland und die Außenpolitik

Russland erlebt derzeit schwere Krisen: Hitze, Dürre und Waldbrände. Die Einbußen bei der Getreideernte werden jedoch außenpolitisch genutzt. Ein großes Getreidekartell ist im Entstehen.


Russland ist in diesem Sommer von drei schweren Krisen getroffen worden, die ineinander greifen: die höchsten Temperaturen, die das Land in den 130 Jahren, seit es Aufzeichnung über das Wetter gibt, erlebt hat. In vielen Regionen des riesigen Landes hat es über Wochen hinweg Temperaturen zwischen 35 und 41 Grad Celsius gegeben. Regen gab es kaum. Wegen der Jahrhunderthitze herrscht in weiten Teilen des Landes extreme Dürre. In 27 Regionen wurde der Ausnahmezustand ausgerufen. Es ist die am weitesten verbreitete Trockenheit in den letzten drei Jahrzehnten. Dadurch entstanden massive Waldbrände, die sich über sieben Regionen, einschließlich des Raumes um Moskau, erstreckt haben. „Russland brennt!“, schrieb die Moskauer Zeitung „Kommersant“ auf mehreren Sonderseiten Anfang August. Diese Trockenheit und die Brände haben auch große Teile der Ernte vernichtet, die Regierung spricht von Schäden in Milliardenhöhe.
 

Getreide ist eine strategische Ware
Man wird die Waldbrände unter Kontrolle bekommen. Die Torfmoore (ausgetrocknete Sümpfe) können durch Überflutungen zu brennen aufhören. Doch die Ernteausfälle sind kaum zu ersetzen.
V.a. Getreide ist für Russland wichtig, denn es ist eine Ware von entscheidender Bedeutung für Moskaus innere Stabilität, aber auch für seine Außenpolitik. Russland produziert normalerweise rd. 100 Mio. t Getreide pro Jahr oder 10 % der globalen Gesamtproduktion. Etwa 20 % seiner Produktion exportiert es zu Märkten in Europa, dem Nahen Osten und Nordafrika.
Herausragend dabei ist der Weizenexport. Russland ist einer der drei weltweit größten Weizenexporteure –  nach den USA und Kanada. Von den 22 Mio. t des exportierten Getreides entfielen im Vorjahr 18 Mio. t auf Weizen. Pessimistischen Prognosen zufolge dürften 2010 vielleicht etwa 8 Mio. t außer Landes gebracht werden können. Optimisten hoffen auf 13 bis 14 Mio. t.
 

Genug für Eigenbedarf
Es ist für Russland nicht selten, dass Trockenheit seine Getreideernte beeinflusst. Zyklische Dürren (und Waldbrände) bedeuten, dass die russische Getreideproduktion auf einem Niveau zwischen 75 und 100 Mio. t von Jahr zu Jahr schwankt. Das Ausmaß der Dürre und der Waldbrände in diesem Jahr hat die russischen Beamten veranlasst, die geschätzte Getreideproduktion für 2010 auf 65 Mio. t zu revidieren. Weil Russland 24 Mio. t Weizen in Lagern hält, bedeutet es, dass es genug hat, um seine Inlandsnachfrage (75 Mio. t) bequem zu decken, auch wenn die Ernte noch schlechter ausfallen sollte.
 

Vorübergehendes Ausfuhrverbot
Russland beabsichtigt auch in Zukunft, ein großer Getreideexporteur zu sein. In diesem Jahr jedoch untersagte der Kreml in einer Verlautbarung am 5. August jegliche Getreideexporte zwischen dem 15. August und dem 1. Dezember. Zwei Gründe waren dafür maßgeblich: Der erste ist der Wunsch, zu verhindern, dass die Preise für inländisches Getreide aufgrund der befürchteten Engpässe explodieren. Die Getreidepreise innerhalb Russlands sind bereits um fast 10 % gestiegen. Weitere massive Preissteigerungen für die russische Bevölkerung sind zu befürchten. Der zweite Grund ist, dass der Kreml Produktion und Lieferungen sicherstellen will, sollte die Winter-Weizenernte rückgängig sein. Winter-Weizen, dessen Aussaat ab Ende August beginnt, ergänzt in der Regel vollständig die russischen Getreidelieferungen. Allerdings könnten weitere Hitze, Trockenheit oder Brände die Winter-Weizenernte schwer schädigen. Deshalb beschneidet der Kreml die Ausfuhren, damit seine Lagersilos voll bleiben. Die Versorgung der Bevölkerung hat Priorität.
 

Instrument der Außenpolitik
Wenn es um die Gewährleistung der Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln und um Preisstabilität geht, ist Russland sehr konservativ. Denn ausreichende Getreidelieferungen werden seit Langem mit sozialer Stabilität in Russland gleichgesetzt. Deshalb wird der Kreml sein Getreide im Land belassen, bevor er es für finanziellen Gewinn exportiert. Und dies geschieht im Einklang mit seiner gesamtwirtschaftlichen Strategie der Nutzung seiner Ressourcen als Instrument in der Innen- und Außenpolitik.
Russland ist ein massiver Produzent und Exporteur von zahlreichen Rohstoffen – neben Getreide. Das Land hat z.B. die größten Erdgasvorkommen in der Welt und ist eines der größten Öl- und Holz-Produzenten. Dabei nutzt es seine Ressourcen als wichtiges Instrument seiner Außenpolitik. Dieser Ressourcenreichtum ermöglicht es ihm, effektiv Macht in die Länder in seiner Umgebung zu projizieren. Energie ist das wichtigste Instrument dabei. Moskau hat wiederholt die Energieversorgung als politische Waffe verwendet, entweder durch Erhöhung der Preise oder durch Einstellen der Lieferungen. Man denke dabei nur an die Ukraine und an Weißrussland. Der Kreml ist auch bereit, jede andere Handelsware zur Wirkung in der Außenpolitik zu verwenden und Getreideausfuhren zählen dazu.
 

Getreide – ein Mittel der Politik
Russland benützt die gegenwärtige Getreidekrise als Instrument seiner Außenpolitik auch über seine eigenen Ausfuhren, Preise und Lieferungen. Es hat Kasachstan und Weißrussland ersucht, auch vorübergehend die Getreideausfuhren auszusetzen. Weißrussland ist ein kleiner Getreideexporteur, dessen Waren vorrangig nach Russland gehen. Aber Kasachstan ist einer der Top-Fünf Weizenexporteure in der Welt, produziert traditionell mehr als 21 Mio. t Weizen und exportiert davon mehr als 50 %. Die gleiche Dürre, die Russland getroffen hat, hat auch Kasachstan erfasst; dessen Produktion wird voraussichtlich um ein Drittel oder 7 Mio. t geringer ausfallen. Kasachstan exportiert traditionell in das südliche Sibirien, die Türkei, den Iran und die zentralasiatische Staaten Kirgisistan, Tadschikistan, Usbekistan und Turkmenistan.
Zum ersten Mal hatte Kasachstan geplant, Exporte von Getreide nach Asien durchzuführen. Es hatte vereinbart, etwa 3 Mio. t Getreide in den Osten zu senden, davon 2 Mio. nach Südkorea und den Rest aufgeteilt zwischen China und Japan. Die Dürre hat nun Kasachstan zum Überdenken all seiner Exportzusagen gezwungen.
Nicht nur diese Getreideausfälle in Eurasien, sondern auch in anderen Weltgegenden bereiten Sorgen: Australien, der viertgrößte Weizenexporteur, wird von einer Heuschreckenplage heimgesucht, und auch dort herrscht im fruchtbaren Westen des Landes seit Wochen Dürre. In Afrika geht auch noch die Angst vor dem „Weizenrost“ um, einem lange besiegt geglaubten Pilz, der in vielen Ländern dieses Kontinents sein Unwesen treibt und sich anschickt, die Felder im Mittleren Osten und in Zentralasien zu befallen.
 

Bildung eines regionalen Getreidekartells
Russlands Forderung, dass Weißrussland und Kasachstan ihre Getreidesendungen einstellen sollen, scheint nicht in erster Linie mit der Besorgnis Russlands über Lieferungen verbunden zu sein, sondern scheint stattdessen mehr politische Gründe zu haben. Die drei Länder bildeten im Januar eine Zollunion, was politisch und wirtschaftlich für Unruhe gesorgt hat.
Für Moskau war die Vereinigung ein Kernstück seines geopolitischen Wiederauflebens. Die russisch-kasachische-weißrussische Zollunion wurde allerdings nicht wie eine westliche Freihandelszone eingerichtet, bei der es das Ziel ist, den gegenseitigen Handel durch die Verringerung von Handelsschranken zu fördern, sondern die Absicht war, Moskaus wirtschaftlichen Einfluss auf Weißrussland und Kasachstan zu erweitern.
Angesichts der aktuellen russischen Produktion und Lagerung der Versorgungsgüter erscheint es überflüssig, dass Russland von Weißrussland oder Kasachstan verlangt, ihre Ausfuhren zu drosseln. Man erkennt jedoch das Bemühen des Kreml, die Dürre und Waldbrände dazu zu verwenden, ein regionales Getreidekartell mit seinen neuen Zollunion-Partnern herzustellen.
Nicht – oder noch nicht – bei diesem Kartell ist die Ukraine, ein weiteres Schwergewicht bei der Getreideproduktion. Sie zählt ebenfalls zu den Top-Fünf der weltweiten Getreideexporteure. 2009 exportierte die Ukraine 21 Mio. seiner 46 Mio. t Produktion. Ebenfalls von der Trockenheit betroffen, muss auch die Ukraine ihre Exporte um mindestens 20 % reduzieren. Es ist anzunehmen, dass Moskau auch über die Lieferungen und die Preisgestaltung seines großen getreideexportierenden Nachbarn Einfluss haben möchte. Derzeit hat Kiew noch kein Verbot von Getreideausfuhren öffentlich ausgesprochen. Da das Land erst vor Kurzem seine politische Ausrichtung wieder nach Moskau orientiert hat, wie man in Fragen der Politik, des Militärs und der regionalen Angelegenheiten gesehen hat, könnte die wirtschaftliche Kooperation bald folgen. Sollte Russland die Getreideausfuhren dieser drei Staaten –  Ukraine, Kasachstan und Weißrussland – steuern können, dann würde Moskau 15 % der weltweiten Produktion und 16 % der weltweiten Exporte kontrollieren und damit ein politisches Druckmittel erster Ordnung besitzen. Das als strategisches Vorfeld betrachtete „nahe Ausland“ gelangt immer weiter in den russischen Einflussbereich.

DER SOLDAT-Ausgabe Nr. 17/2010 vom 8. September

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