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analyse

Bgdr Dr. Walter Feichtinger

Klimakriege

Schreckgespenst oder reale Gefahr? (1)

Spätestens seit dem Erscheinen des Buches „Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird“ von Harald Welzer findet der Begriff immer stärker Eingang in öffentliche Debatten. Aus US-Sicht wäre das ein logischer Vorgang, da es in Washington üblich ist, strategischen Herausforderungen durch „Kriege“ zu begegnen: So spricht man bspw. vom Krieg gegen den Terror, vom Krieg gegen Drogen oder sogar vom Krieg gegen Armut. Warum sollte daher nicht auch ein Krieg gegen die negativen Auswirkungen des Klimawandels ausgerufen werden?


Klimakriege in aller Munde
Bedauerlicherweise findet diese Form von Krieg jedoch nicht statt, da nationale Egoismen noch dominieren und sich die Wirtschaft sträubt. Was Welzer, der Direktor des Center for Interdisciplinary Memory Research am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen/Deutschland, mit Klimakrieg allerdings meint ist, dass in Zukunft klimatische Veränderungen als direkte oder indirekte Auslöser für Kriege oder gewaltsame Auseinandersetzungen wirken werden. So werden die seit 2003 in Darfur (Westsudan) ausgetragenen Kämpfe von manchen Analytikern bereits als erster Klimakrieg apostrophiert. Bis zu einem gewissen Grad mag das auch stimmen, da zweifelsohne die Ausbreitung der Sahara viele Nomaden zu umfassenderen Wanderbewegungen zwingt und sie zwangsläufig dabei in Konflikt mit sesshaften Bauern geraten. Wie in vielen anderen Kriegen und bewaffneten Konflikten besteht aber auch hier eine Gemengelage aus verschiedensten Konfliktfaktoren, die zu den umfangreichen Gewaltexzessen führte. Interessant ist jedoch der Umstand, dass es im Falle eines Klimakrieges im Unterschied zu anderen Konfliktkonstellationen weniger simples Machtstreben oder sonstige menschliche Interessen sind, die bewaffnete Auseinandersetzungen hervorrufen. Es sind vielmehr von den Betroffenen nicht beeinflussbare Wirkgrößen, wie sie die mannigfaltigen Folgen des Klimawandels darstellen, die zu individueller und kollektiver Gewaltausübung führen. Die „Kriegstreiber“ (den Klimawandel verursachende Industrie- und Schwellenländer) sind somit nicht vor Ort oder in der Region, sie befinden sich in weiter Ferne und sind nicht greifbar. Diese Besonderheit ist deshalb von Interesse, weil sie erstens die Ohnmacht der Betroffenen verdeutlicht, zweitens auf die globale Verantwortung der Verursacher hinweist und drittens aufkommende politische Spannungen zwischen „Tätern und Opfern“ erklärt. Aus diesen spezifischen Rahmenbedingungen ergibt sich die besondere Brisanz, die mögliche zukünftige Klimakriege begleitet. An dieser Stelle ist festzuhalten, dass der Begriff Klimakrieg als überzogen und irreführend erscheint, da Klimaphänomene nie monokausal wirken. In den gängigen repräsentativen Studien ist daher in der Regel vom Klimawandel als Bedrohungsmultiplikator die Rede.

Klimawandel und demografischer Umbruch – eine unselige Kombination
Bedrohliches Zusammenwirken absehbar
Klimawandel per se stellt also einen Bedrohungsmultiplikator dar, der dazu führt, dass bereits bestehende konfliktträchtige Konstellationen noch verschärft werden. Allein die Zahl der „Umweltflüchtlinge“ (ein völkerrechtlich nicht etablierter, höchst umstrittener Begriff) zeigt, welche Brisanz sich dahinter verbirgt. So dürfte ihre Zahl schon 1995 mit geschätzten 25 Mio. die Zahl der Kriegsflüchtlinge gemäß Genfer Konvention mit 22 Mio. deutlich übertroffen haben, wie der renommierte Umweltforscher Norman Myers von der Oxford University schätzt. Ihre Zahl könnte sich bereits 2010 verdoppelt haben, bis 2050 wird mit bis zu 200 Mio. Menschen gerechnet, die aufgrund von klimabedingten Umweltveränderungen ihren angestammten Wohnort auf Dauer verlassen werden müssen. Hier erscheint der Hinweis angebracht, dass es sich in diesem Zusammenhang bei allen Zahlen nur um Schätzungen von Experten handelt, da es keine empirischen Daten gibt. Die Folgen des Klimawandels werden allerdings durch einen zweiten Faktor, nämlich der Entwicklung der Weltbevölkerung, noch zusätzlich verschlimmert. So gehen UN-Schätzungen davon aus, dass die Erdbevölkerung bis 2050 von dz. ca. 7 auf etwa 9 Mrd. zunehmen wird. Der Zuwachs wird beinahe ausschließlich in Ländern der Dritten Welt (von 5,4 auf 7,9 Mrd.) erfolgen, während die Gesellschaften reicher Industriestaaten z.B. in Westeuropa oder auch Japan schrumpfen, zunehmend vergreisen und unter Nachwuchsmangel samt damit einhergehenden Problemen vorrangig im Sozial- und Finanzierungsbereich leiden werden. Kombiniert man diese beiden Faktoren am Beispiel Nordafrikas und des Nahen Osten, so könnte sich folgende Konstellation ergeben: Während in Europa die arbeitsfähige Bevölkerung bis 2030 um mehr als 23 Mio. abnimmt, steigt sie im selben Zeitraum in Nordafrika und dem Nahen Osten um über 156 Mio. an. Etwa 100 Mio. vorwiegend junge Männer und Frauen werden sich daher gezwungen sehen, in- und außerhalb der Region nach Arbeit zu suchen. Gleichzeitig werden die Süßwasservorräte schrumpfen und fruchtbares Ackerland wird durch den erwarteten Anstieg des Meeresspiegels und damit einhergehender Versalzung des Bodens oder durch sich ausbreitende Wüsten verloren gehen. Gleichzeitig könnten die verfügbaren Wasserressourcen um 20 % bis 30 % sinken, besonders betroffen wären der Jordanfluss, Euphrat und Tigris sowie der Nil. Mehr als 90 % der Bevölkerung in den betroffenen Staaten werden somit in wasserarmen Gebieten leben. Im Nildelta wiederum könnte es zu erheblichen Überschwemmungen von Siedlungsgebieten, zur Versalzung des Bodens und somit zum Verlust von bis zu 15 % Agrarland kommen. Eine erhebliche Größe, wenn man sich vor Augen führt, dass der Nil und das unmittelbar angrenzende Nutzland die Lebensmittelversorgung des ganzen Landes sicherstellen. Die ohnehin bereits angespannte politische Situation in diesen Regionen würde damit erheblichen zusätzlichen Zündstoff erhalten.

Entwicklungsländer besonders betroffen
Wesentlich dramatischer dürfte sich die Zukunft in Subsahara-Afrika gestalten. Schon jetzt sind die Bewohner dieser weitläufigen Region von Wassermangel, Trockenheit und Dürre, Pandemien sowie Nahrungsmittelmangel geplagt. Für die nächsten Jahrzehnte wird ein Ernterückgang von 20 % prognostiziert. Diese Probleme werden sich bei gleichzeitigem Anstieg der Bevölkerung noch erheblich verschärfen und den Migrationsdruck signifikant erhöhen. Hier ist allerdings festzuhalten, dass die umfangreichen Wanderbewegungen im überwiegenden Maße bislang innerhalb des Südens (Süd-Süd-Ströme) stattfinden und nur ein geringer Prozentsatz Richtung Norden und in weiterer Folge nach Europa strebt. Im Golf von Bengalen stellt sich die Situation wiederum anders dar. So warnen viele Experten einhellig davor, dass Küstenregionen in Süd-, Ost- sowie Südostasien einerseits unter dem Ansteigen des Meeresspiegels und andererseits infolge des Übertretens von Flüssen unter massiven Überflutungen leiden werden. In diesen bevölkerungsreichen Gebieten, deren Bewohner meist zusammengedrängt unmittelbar an den Küsten siedeln, könnte das zu unvorstellbaren Katastrophen sowie Massenflucht führen und die Regierungen vor unlösbare Aufgaben stellen. Im Falle Bangladeschs, dem krisengeschüttelten und äußerst dicht bevölkerten muslimischen Land am Indischen Ozean, geht Umweltforscher Myers davon aus, dass bis zu 26 Mio. Bürger in absehbarer Zeit ihren Wohnsitz gezwungenermaßen verlegen müssen. Etwa 10 Mio. Bangladeschi leben nämlich in Siedlungsgebieten, die weniger als 1 m über dem dz. Meeresspiegel liegen. Jeder Zentimeter höherer Wasserstand würde daher Zigtausende Menschen in größte Bedrängnis oder gar Existenznot bringen. Dazu kommen Hochwasser durch übertretende Flüsse, die von immer rascher schmelzenden Gletschern gespeist werden. Mit der Ausdehnung der Überschwemmungsgebiete gehen wiederum wertvolle Lebensräume verloren. Die ehemalige Umweltministerin des Landes, Sajeeda Choudhury, stufte dieses Zukunftsszenario bereits vor Jahren als für den Staat unlösbare Aufgabe ein. Eine Destabilisierung des Landes durch unkontrollierbare und/oder nicht bewältigbare Herausforderungen wäre die logische Folge. Dass dieser Gedanke nicht abwegig ist, belegt der Umstand, dass Indien bereits größte Anstrengungen unternimmt, um bauliche Grenzbarrieren gegenüber Bangladesch zu errichten. Ein mehr als 4.000 km langer Grenzzaun soll zwar primär das Einsickern islamistischer Terroristen sowie Drogen-, Waffen- und Menschenschmuggel unterbinden. Natürlich könnte er aber auch im Falle eines Massenansturms in Folge von Naturkatastrophen oder nachhaltiger Umweltveränderungen die Zutrittsmöglichmöglichkeit verhindern oder einschränken helfen.

Industriestaaten bleiben großteils verschont
Während Europa von den negativen Folgen mit Ausnahme des Südens, in dem es immer heißer werden wird, mehr oder weniger verschont bleiben könnte, werden der Süden der USA und die Karibikstaaten bereits jetzt immer stärker von heftigen Orkanen heimgesucht. Der noch im Gedächtnis verhaftete Hurrikan Katrina, der 2005 dazu führte, dass New Orleans zu 80 % überflutet wurde und der Schätzungen zufolge einen gesamtwirtschaftlichen Schaden von 150 Mrd. US-$ verursachte, gibt einen Vorgeschmack auf mögliche Entwicklungen. Man geht allgemein davon aus, dass ca. 300.000 Menschen in weiterer Folge aus dem Überschwemmungsgebiet abwanderten und sich eine neue Existenz aufbauen mussten. In diesem Zusammenhang ist darauf zu verweisen, dass die reichen USA als Staat und seine Bürger über unvergleichlich mehr Potenzial zur Bewältigung von Naturkatastrophen verfügen als Entwicklungsländer und deren Bewohner. Der Umzug von Hunderttausenden führte somit zwar zu erheblichen persönlichen, wirtschaftlichen und auch politischen Herausforderungen, war aber weit davon entfernt, einen innerstaatlichen Konflikt hervorzurufen oder das Budget zu überbelasten. Ähnliche Szenarien in armen Ländern könnten dagegen sehr wohl zum Ausbruch auch gewaltsamer Konflikte und zum Staatskollaps führen. Die (verstärkte) Destabilisierung oder gar der Fall von Regierungen, Staaten und ganzen Regionen wird daher aus sicherheitspolitischer Perspektive als wesentliche Gefahr im Zusammenhang mit dem Klimawandel eingestuft.

Neue Möglichkeiten – neue Spannungen
Ein anderer konfliktträchtiger Bereich, der aus der Erderwärmung erwachsen könnte, besteht darin, dass neue Schifffahrtsrouten und Zugänge zu wertvollen Bodenschätzen, allen voran Erdöl und Erdgas, ermöglicht werden. Das rapide Abschmelzen von Polareis wird es in Kürze erlauben, die Nordostpassage regelmäßig zu bestimmten Zeiten zu nutzen und damit bis zu 6.000 km Strecke bei Schiffstransporten einzusparen. Dass damit natürlich auch Anrainerrechte neu zu regeln sind, liegt auf der Hand. Es besteht bislang keine Einigkeit unter den Arktis-Anrainern, wie die Nutzungsmöglichkeiten aussehen werden und wo völkerrechtlich verbindliche Grenzen zu ziehen sind. So weist bspw. Kanada darauf hin, dass es die Nordwestpassage vor kanadischem Territorium nicht als internationales, sondern als nationales Gewässer einstuft. Ähnlich verhält es sich mit Nutzungsrechten bei nunmehr erstmals zugängigen Ressourcen. Aufgrund der vermuteten, teils unermesslichen Schätze ist davon auszugehen, dass es nicht einfach sein wird, sich unter den Beteiligten rasch auf einvernehmliche Lösungen zu einigen. Allerdings werden auch keine gewaltsamen Auseinandersetzungen oder destabilisierende Effekte erwartet, da es sich bei den Arktisanrainerstaaten um stabile, gefestigte Staaten handelt, die über entsprechende Mechanismen zur und Erfahrung bei der Bewältigung politischer Konflikte verfügen. In diesem Kontext erscheint es jedoch als wichtig, auf die möglichen Umweltgefahren bei der Erschließung und Nutzung der Polarregion hinzuweisen. Katastrophale Unfälle wie das unkontrollierte Austreten unvorstellbarer Ölmengen in das offene Meer im Golf von Mexiko 2010 oder etwa Kollisionen von Tankschiffen mit Eisbergen hätten im kalten Eismeer wohl noch tragischere, irreparable Folgen für die Umwelt, aber auch für die Wirtschaft.
wird fortgesetzt 

DER SOLDAT-Ausgabe Nr. 9/2012 vom 9. Mai

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