HGM Eröffnung Erster Weltkrieg ab 29. JuniStrategie und Sicherheit 2014Vehling VerlagHeeresgeschichtliches MuseumVerein Alt-NeustadtStrategischer Führungslehrgang
wehrpolitik

Bgdr DDr. Harald Pöcher

Kriegsfotografie verhindert zwar keine Kriege, aber …

Mühevoller Anfang im 19. Jh.

Erfunden wurde die moderne Fotografie in der ersten Hälfte des 19. Jh. in Frankreich, aber erst durch die Verbesserung der chemischen Verfahren und der teilweisen Automatisierung gelang der Fotografie gegen Ende des 19. Jh. der Durchbruch. Sehr bald nach der Erfindung der Fotografie machte sich die Kriegsberichterstattung dieses neue Medium zunutze, um Neuigkeiten rasch zu verbreiten.


Aus der Frühzeit der Fotografie um die Mitte des 19. Jh. sind auch einige fotografische Berichterstattungen von Kriegen erhalten geblieben. So fertigte Fenton im Krimkrieg (1853-1856) die erste Bildreportage mit 360 Aufnahmen und von Brady mit seinem Kamerateam blieben aus dem amerikanischen Bürgerkrieg (1861-1865) rd. 7.000 Negative, von denen über 1.000 digitalisiert wurden und über die Website der Library of Congress abrufbar sind.

Der Durchbruch im Ersten Weltkrieg
Vor rd. 90 Jahren brach der Erste Weltkrieg aus und fast 15 Mio. Menschen starben in einem Hinschlachten, das durch die modernen Waffen „Fließbandcharakter“ erhielt. Erstmals wurden auch Fotos von den Schlachtfeldern massiv und systematisch für die Propaganda eingesetzt. Aufseiten der Mittelmächte war auf deutscher Seite das Bild- und Filmamt und in Österreich das Kriegspressequartier für die Foto- und Filmaufnahmen an der Front zuständig. Bei den Entente-Mächten berichteten in Großbritannien das „War Propaganda Bureau“, in Frankreich das „Maison de la Presse“ und in die USA das „Committee on Public Information“ über diesen Weltbrand. Das Material dieser Institutionen ist für Forscher von heute ein wichtiges Zeitzeugnis zur Aufarbeitung der historischen Ereignisse während des Ersten Weltkrieges.

Erste Frau
Eine der bekanntesten österreichischen Kriegsberichterstatterinnen der ersten Stunde war die Journalistin Alice Schalek (1874- 1956), die auf ihren ausdrücklichen Wunsch 1915 als Kriegsberichterstatterin zugelassen und beim Kriegspressequartier in Österreich akkreditiert wurde. Sie berichtete über die Kämpfe in den Dolomiten, über den Serbien-Feldzug und die Isonzofront. Der Kriegseinsatz der Journalistin und ihre begeisterten patriotischen Berichte stießen in der Öffentlichkeit auf ein geteiltes Echo. Karl Kraus gehörte zu den schärfsten Kritikern von Schalek; er warf ihr „Kriegsverherrlichung“ vor und setzte ihr in seinem Werk „Die letzten Tage der Menschheit“ ein Negativdenkmal.

Zwischenkriegszeit und Zweiter Weltkrieg
Mit der Entwicklung der Farbfotografie und der Verbesserung der Qualität der Fotos konnten auch Stimmungslagen in den einzelnen Kriegen qualitativ besser eingefangen und der Öffentlichkeit die Gräuel des Krieges wirkungsvoller nähergebracht werden. Die Fotografie wurde damit zu einem integralen Bestandteil der Militärmaschinerien aller Mächte in der Zwischenkriegszeit und v.a. im Zweiten Weltkrieg an allen Fronten. So begann bspw. bereits 1938, ein Jahr vor dem Überfall auf Polen, die Wehrmacht damit, für ihre Propagandakompanien (PK) Männer vom Fach zu rekrutieren. Im Krieg selbst absolut tabu waren für die PK-Fotografen Bilder von schwer verwundeten oder gefallenen Kameraden, um in der Heimatfront keine Negativpropaganda entstehen zu lassen. Im Ferner Osten am Kriegsschauplatz Ostasien und Pazifischer Ozean wurde die Fotografie u.a. von chinesischer Seite eingesetzt, um auf die Kriegsgräuel während des Zweiten Chinesisch- Japanischen Krieges (1937-1945) aufmerksam zu machen. Besonders nahe geht dem Betrachter ein Foto eines Kleinkindes nach einem Bombenangriff auf Schanghai im August 1937. Im Pazifischen Krieg zwischen den Alliierten und Japan (1941-1945) kam es aber auch zu makabren Veröffentlichungen in den Medien. Besonders hervorgehoben werden sollen Liebesgrüße eines US-Soldaten aus dem Pazifik an seine Freundin auf dem Schädel eines toten Japaners. Das fand das amerikanische Magazin LIFE, das dieses Foto am 22. Mai 1944 veröffentlichte, offensichtlich lustig. Besonders nahe gehen die Fotos, die nach dem Abwurf der Atombomben auf japanische Städte gemacht wurden. So ist das Foto der stillenden Japanerin unmittelbar nach dem Abwurf der Atombombe auf Hiroshima Anklage und Mahnung zugleich.

Kriegsfotografie in der Nachkriegszeit
Da Kriege offensichtlich wie Naturgesetze zum menschlichen Dasein gehören, lernten die politisch Verantwortlichen nichts von dem grausamen Gemetzel auf allen Schlachtfeldern. Auch die Kriegsberichterstattung konnte daran nichts ändern. Es kam daher kurz nach dem großen Hinschlachten von Millionen von Menschen während des Zweiten Weltkrieges bereits in den 50er Jahren und später in den 60/70er Jahren zu neuen Kriegen, die wiederum großes Leid v.a. unter der Zivilbevölkerung hervorgerufen haben. Wohl kein anderes Bild wurde so oft veröffentlicht wie das Bild der kleinen Phan Thị Kim Phúc, die bei einem Napalm-Angriff amerikanischer Flugzeuge am 8. Juni 1972 schwere Verbrennungen erlitt. Während sie nackt aus dem Ort floh, wurde sie vom Pressefotografen Nick Út fotografiert. 30 % ihrer Körperoberfläche war verbrannt. Sie überlebte und lebt heute mit ihrer Familie in Kanada. Auch in der jüngsten Vergangenheit und Gegenwart fanden abscheuliche Bilder des Hinschlachtens von Menschen in Kriegen und das Quälen von Menschen in Gefangenschaft eine große Verbreitung und führte damit zur Anklage von Einzeltätern und Massenmördern. In letzter Konsequenz konnten all diese Fotos keine Kriege verhindern, aber einen Nachdenkprozess haben sie bislang zumindest in Europa und Japan angeregt. Die bildliche Wiedergabe der Zerstörungskraft der Atombombe, die Ruinenlandschaften in Deutschland und Japan sowie die Kriegsgräuel während der Kriege am Balkan in den 90er Jahren, geschaffen von Kriegsreportern und Filmteams, haben zumindest in Europa und in Japan der Friedenssehnsucht zum Durchbruch verholfen. Auf der Grundlage der Zerstörung und Tötung von Millionen von Menschen haben die Staaten Europas als Vorreiter einer umfassenden Friedensidee einen Nährboden geschaffen, auf dem für Kriege kein Platz mehr zu sein scheint. Die Außerkraftsetzung des Naturgesetzes „Krieg“ ist damit aber noch nicht automatisch verbunden. Es ist daher Wachsamkeit angesagt, v.a. in Zeiten von wirtschaftlichen Schwierigkeiten und gegenseitigen Schuldzuweisungen in Zeiten der Rezession und steigender Arbeitslosigkeit. Das „sicherheitspolitische Modell Europa“ ist aber dennoch zu einem Mustermodell geworden, das sich als Exportschlager für eine bessere Welt von morgen herausstellen könnte. 

DER SOLDAT-Ausgabe Nr. 13/2012 vom 4. Juli

Drucken