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Kurzstrecken-Raketenabwehr erfolgreich

Israels Iron Dome zerstörte 7 Hamas-Raketen

Raketenabwehr mit Flugkörpern funktioniert also auch abseits von Simulationen und selbst im schwierigsten, weil höchst zeitkritischen Kurzstreckenbereich. Trotz des Erfolgs, nur zwei Wochen nach der Installation, will Israels Premier Netanjahu keine falschen Hoffnungen wecken, denn in einer Distanz unter 4 km kann z.B. kaum bekämpft werden. Außerdem sitzen Hamas und Hisbollah auf einem Arsenal von Zehntausenden Raketen aller Kaliber und Reichweiten, während es heuer drei und bis 2013 gerade sieben Abwehrbatterien geben wird. Dennoch hat eine neue Ära begonnen, sowohl technisch als vielleicht auch verhandlungspolitisch. 


Es waren Tausende Raketen aller Art, die im Zuge des Libanonkrieges im Sommer 2006 von den Hisbollah- Kämpfern aus dem Südlibanon auf den Norden Israels abgefeuert wurden. 44 Zivilisten wurden getötet, 250.000 wurden evakuiert und etwa 1 Mio. lebte während Wochen dauernd oder teilweise in Schutzbunkern. Auch im Süden Israels kennt man den Beschuss mit Raketen aus dem von der Hamas kontrollierten Gazastreifen. Nach Monaten relativer Ruhe gingen von dort Anfang April wieder rd. 120 Kassam- Geschosse, 122 mm Grad- Raketen und Granatwerfergeschosse auf Gebiete – von der israelischen Grenzstadt Sderot (5 km vom Gazastreifen) über Ashkelon (12 km), Ashdod (26 km) bis hin nach Be‘erscheba (36 km) nieder.
  Israel zeigte stets militärische Bereitschaft zum Handeln gegen „die Terroristen im Gazastreifen“ und betont, dass keine Rakete aus dem Gazastreifen unbeantwortet bliebe. Bislang meinte man damit die – speziell in Europa oft als Aggressionsauslösung wahrgenommene – Entsendung von AH-64, F-16I oder Drohnen über Gaza.

Neue Möglichkeit
Nun hat Israel aber eine neue Option, die ersten beiden Batterien von „Rafaels“ Abwehrraketensystem Iron Dome – und das keinen Tag zu früh. Die Streitkräfte (IDF) installierten die ersten beiden Batterien erst am 27. März bei Be‘erscheba im östlichen Landesinneren bzw. am 4. April nördlich des Gazastreifens bei Ashkelon. Bereits wenige Tage später meldete Verteidigungsminister Ehud Barak ihren erfolgreichen Ersteinsatz. Man habe zuerst eine Grad-Rakete (Typ Katjuscha, 122 mm) abgeschossen, die am 7. April vom Gazastreifen aus abgefeuert worden war, bis am Abend des 8. April wären insgesamt sieben Projektile zerstört worden, zum Teil auch nachts. Niemand wäre verletzt worden, außerdem würden davon nur jene bekämpft, deren errechnete Flugbahn auf bewohntem Gebiet ende. Bislang war das israelische Militär nicht gegen den „Regen“ von Kurzstreckenprojektilen gewappnet. Zwar war man während des Stillhaltens im Zweiten Golfkrieg 1991 mit US- „Patriot“-Luftabwehrraketen gegen Saddam Husseins „Scuds“ erfolgreich, aber das erfolgte in Dutzenden Kilometern Höhe bzw. Entfernung. Zwischen 0 bis max. 70 km Entfernung war das Zeitfenster aber bislang zu kurz, um ein Geschoss zu orten, seine ballistische Flugbahn zu berechnen und es auch noch erfolgreich abzuschießen. Genau daran hat – unter unvergleichlich realerer Bedrohungslage als alle anderen – auch der staatliche israelische Rüstungskonzern „Rafael Advanced Systems“, in Zusammenarbeit mit „ELTA-Systems“ (eine Tochterfirma von „Israel Aerospace Industry“ (IAI)) sowie den IDF, seit Jahren gearbeitet.

Das „Eisenkuppel“- Konzept
Die neue C-RAM Defensivwaffe (counter-rocket, artillery and mortar) basiert auf der Radarortung von feindlichen Geschossen wie ungelenkten Boden-Boden-Raketen, Granatwerfern sowie bis zu 155 mm Artilleriegranaten im Spektrum zwischen 4 bis max. 70 km. Sie ist auf Tagund Nacht-Operationen sowie solche bei jeder Wetterlage ausgelegt.
  „Eisenkuppel“ besteht aus drei auf Lkw-mobilen, bodengestützten Teilen: Auf je einem Fahrzeug befinden sich das Ziel- und Feuerleitradar sowie das Kommandomodul, die dritte Einheit sind pro Batterie zwei Behälter für je 20 Tamir- Abwehrraketen. Tamir kommt ebenfalls von Rafael und hat zum Erreichen einer hohen Mobilität zehn Steuerflächen.
  Sekunden nach dem Abschuss eines Projektils erfasst das Mehrfach-Modus ELTA-Radar (MMR) dessen Flugbahn und errechnet eine Feuerleitlösung. Das Radar erkennt also den Start etwa einer Rakete, berechnet Verlauf bzw. Endpunkt der Flugbahn und übermittelt diese Informationen an das Kommando- bzw. Kontrollmodul (BMC), das das Ziel der Rakete ermittelt. Da die Anlage in einer Region eingemessen ist, wird – in Sekundenbruchteilen – eine Abfangrakete erst gestartet, wenn das errechnete Ziel den „Aufwand“ einer Abfangmaßnahme rechtfertigt, sprich bewohnte Gebiete gefährdet sind. Die Abwehrrakete erhält konstante Flugbahndaten-Updates mittels „Uplink“-Kommunikation, nähert sich dem Ziel und nützt dann seinen eigenen Radarsucher, um das Ziel aufzufassen und sich im knappen Vorbeiflug mittels Annäherungszünder gemeinsam mit ihm zur Explosion zu bringen. Das erfolgt meist im oder knapp nach dem Scheitelpunkt der Flugbahn, weit außerhalb des zu schützenden Bereiches. Natürlich können mehrere Ziele simultan bekämpft werden, wie viele wurde nicht offiziell bekannt gegeben. Dafür wurde aber „erwähnt“, dass klarerweise auch der exakte Ausgangspunkt der Flugbahn ermittelt wird, was – je nach politischer Auftragslage – eine rasche Bekämpfung der Abschussvorrichtung ermöglicht.
  Im Februar 2007 hatte der damalige Verteidigungsminister, Amir Peretz, Rafaels Iron Dome als primäre Verteidigungslösung gegen eine Kurzstrecken-Raketenbedrohung ausgewählt. Seit damals wurde das System gemeinsam mit der Forschungsabteilung der IDF entwickelt, als Basis wurde Technologie genützt, die ursprünglich für das Spyder-Luftverteidigungssystem entwickelt wurde. Israels Bedrohungslage „beflügelte“ offenbar die Entwicklungsteams, denn bereits im Juli 2008 erfolgte ein erster erfolgreicher Test des Tamir-Flugkörpers, im März 2009 wurde das Gesamtsystem – noch ohne Abfangen eines echten Geschosses – erprobt. Im Juli 2009 wurde eine Anzahl Raketen getroffen, die Kassam bzw. Katjuscha darstellten. Mindestens einer der Tests erfolgte auf dem US-Testgelände in White Sands. Im Jänner 2010 wurden erstmals mehrere Test-Ziele simultan bekämpft und im Juli 2010 konnte das System erfolgreich zwischen Flugbahnen unterscheiden, die Gefährdung bedeuteten und solchen, die auf freiem Gelände endeten. Im März wurde Iron Dome für einsatzbereit erklärt und Verteidigungsminister Ehud Barak ordnete die Verlegung in die Einsatzräume an der Grenze an. Das 947. Marksmen-Battalion der israelischen Luftabwehr ist der erste operationelle Verband, er war zuvor mit „Stinger“ ausgerüstet.

Gestärkte Verhandlungspositionen?
Von Beginn an haben Sicherheitspolitiker bzw. -experten darauf hingewiesen, dass der Einsatz des neuesten Raketenabwehrsystems nicht nur militärische, sondern auch politische Ziele verfolge. Das System könne oder solle nicht so sehr den Staat Israel verbarrikadieren als vielmehr dessen Verhandlungsposition stärken, so Joseph Henrotin, der Chefredakteur von „Défense et Sécurité Internationale“. Verteidigungsminister Barak meinte dazu ebenfalls, das System könne – freilich im Endausbau – im Falle von Friedensabkommen den israelischen Bürgern als Sicherheitsgarantie präsentiert werden.

Relative Kosten- Nutzen-Rechnung
Die Anfangsfinanzierung von etwa 250 Mio. US-$ erfolgte ausschließlich durch Israel. Im Mai 2010 jedoch gab das Weiße Haus in Washington bekannt, dass Präsident Obama den US-Kongress um 205 Mio. US-$ zur Produktion und Inbetriebnahme weiterer Iron Dome- Batterien in Israel ersucht habe. Der Preis einer Einheit wird auf 50 Mio. US-$ geschätzt und jüngst machten in Rüstungskreisen (z.B. auf der Aero India in Bangalore im Februar) Gerüchte die Runde, Singapur könnte sich an den Kosten beteiligen, um später selber in den Besitz dieser Abwehrwaffe zu gelangen. Der mögliche Export soll auch der Grund dafür gewesen sein, dass das System bis dato nicht zum Einsatz gelangte. Würde es im scharfen Feldeinsatz versagen, wäre das eine schlechte Voraussetzung für einen Verkauf ins Ausland.
  Es gab schon zu Zeiten der Tests Kritik an den Kosten für Iron Dome, z.B. in der Knesset (Parlament). Dort wurde vorgerechnet, eine Tamir-Abwehrrakete würde 35.000 bis 50.000 US-$ kosten, während die teils handgefertigten Raketen von Hamas und Hisbollah sich nur mit ein paar Hundert US-$ zu Buche schlagen.
  Die IDF – wie auch Rafael im Gespräch – wiesen aber immer wieder darauf hin, dass man nur jene Geschosse abfange, die bewohntes Gebiet träfen und dort speziell hohe Folgekosten an Arbeitsausfall, Akutbehandlung und Rehabilitation verursachten. Von psychischen Beeinträchtigungen – ein Dauerthema rund um Gaza – gar nicht zu reden. Bürgermeister israelischer Gemeinden, die sich in unmittelbarer Nähe der Grenze befinden, bemängelten inzwischen im TV, Iron Dome bringe ihnen gar nichts. Was von den Betreibern auch zugegeben wird. Bei zu kurzer Flugstrecke – man spricht von Distanzen unter 4 km – reicht die Zeit für einen Abschuss nicht. Andere Nahost-Experten monierten angesichts des wieder aufgestockten gegnerischen Arsenals – die Rede ist dank Syriens, des Iran bzw. teils saudischer indirekter Finanzierung von Zehntausenden Raketen bei Hisbollah und Hamas – reiche der Abwehrschutz nicht. Bei einer angenommenen Trefferquote von rd. 80 % kann es hier tatsächlich immer noch zu Schäden oder zivilen Opfern kommen. Das bestätigt auch IAF-Kommandant Generalmajor Nechushtan: „Iron Dome ist jetzt nicht die absolute Schutz- Lösung, speziell an der Grenze. Das System hat seine Limits, das müssen wir zurzeit zur Kenntnis nehmen.“ Die IDF haben unterdessen bekannt gegeben, dass mit den erwähnten USFinanzmitteln vier weitere Batterien beschafft würden. Um nahezu alle israelischen Zivilisten zu schützen, die in potenziell gefährdeten Gebieten leben – die Reichweite der Raketen bei Hamas und Hisbollah steigt stetig – würden 13 Batterien nötig sein. Ehud Barak sagte bei seiner Inspektion der ersten Batterie am 31. März – nur Tage vor dem Ersteinsatz – dass in den nächsten Jahren Iron Dome durch „Magic Wand“ sowie durch verbesserte Arrow-Abwehrraketen für ballistische Abwehr in großer Höhe ergänzt würde, etwa gegen iranische Shahab oder Sejil. Damit werde Israel das fortschrittlichste Abwehrsystem der Welt betreiben. Und Generalstabschef Benny Gantz ergänzte: „Ich bin sicher, der Einsatzerfolg der Iron Dome wird diese laufende Debatte beenden, ob der Staat Israel eine Mehrfach-Schichten- Raketenabwehr braucht – ein für alle Mal.“ 

DER SOLDAT-Ausgabe Nr. 13/2011 vom 6. Juli

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