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Mjr Markus Ziegler

Lehrgang Schießausbilder StG77 und P80

Seit 2008 findet die Ausbildung der Jägertruppe am neu aufgestellten Institut Jäger der Heerestruppenschule statt. Neben den Laufbahnlehrgängen der Offiziers- und Unteroffiziersausbildung der Jägertruppe werden auch waffengattungsübergreifende Lehrgänge abgehalten. Einer dieser Lehrgänge, der alle Waffengattungen des Österreichischen Bundesheeres betrifft, ist der Schießausbilderlehrgang für StG77 und P80.


Warum wurde ein eigener Schießausbilderlehrgang notwendig?
  Welche Schießausbildung der einzelne Soldat benötigt, richtet sich nach dem Gefechtsbild. Jahrzehntelang prägte das Gefechtsbild, das im Kalten Krieg vorherrschte, die Schießausbildung und die Schießprogramme des österreichischen Soldaten. Der Zweck eines Schießprogrammes ist es, den Soldaten auf einen Einsatz im scharfen Schuss vorzubereiten und als Sieger in Duellsituationen im Rahmen des Feuerkampfes zum Erfolg des Einsatzes beizutragen.

Treffen – egal, wo
Das Schwergewicht im Zeitalter der Raumverteidigung mit der 280.000 Mann umfassenden Milizarmee lag im Feuerkampf aus der Stellung. Der Soldat musste in der Lage sein, mit dem Sturmgewehr (StG) den Gegner ab der Einsatzschussweite bis zum Erreichen der eigenen Sperren zu bekämpfen. Demnach waren alle Schul- und Schulgefechtsschießübungen und die überwiegende Masse der Einzelgefechtsschießübungen auf den Feuerkampf aus der vorbereiteten Stellung im Entfernungsbereich von 80 bis 300 m ausgelegt. Ziele waren Ganz-, Halb- und Viertelscheiben. Wo der Gegner getroffen wurde, war egal, Hauptsache, er wurde kampfunfähig und erreichte nicht die eigenen Stellungen.
  Die Pistole war in dieser Zeit nur Zweitbewaffnung weniger Soldaten wie MGSchützen und der Panzerbesatzungen etc. Das Schießprogramm sah als Ziele wiederum Ganz- und Halbscheiben auf 5 und 10 m Entfernung vor. Wo der Treffer am „Scheunentor“ großen Ziel lag, war wiederum egal. In diesem Fall war es Faktum, dass ein Schütze noch so große Schützenfehler machen konnte und er dennoch das Ziel getroffen hat.
  Mit diesem Schießprogramm war es möglich, die benötigten Fähigkeiten für die Verteidigung, die Verzögerung und als Feuerunterstützungselement im Angriff auszubilden. Zur Vorbereitung von Angriffsschießen mussten immer Sonderschießen durchgeführt werden.

Tiefgreifende Veränderungen
Mit Veränderung des sicherheitspolitischen Umfeldes war es notwendig, das Schießprogramm zu überarbeiten. Neben den Kernkompetenzen einer Armee, dem Angriff, der Verteidigung und der Verzögerung im Rahmen eines international bewaffneten Konfliktes, in dem v.a. das Humanitäre Völkerrecht gilt und sich mit Masse nur Kombattanten auf dem Gefechtsfeld bewegen, erschienen neue Einsätze im Rahmen der internationalen Gemeinschaft zur Friedenssicherung, die die dz. laufenden Einsätze und von der Wahrscheinlichkeit des Eintretens aus gesehen die Masse der in naher und mittlerer Zukunft wahrscheinlichen Einsätze darstellen.
  In derartigen Einsätzen sind oft eine Vielzahl von Konfliktparteien und Bevölkerungsgruppen unterschiedlichen Aussehens vertreten. Zusätzlich sind dies meist Einsätze in einem multinationalen Verband, in dem viele verschiedene Uniformen vertreten sind. Die erste Herausforderung in einem solchen Szenario ist die Zielerkennung.
  Eingesetzt in zivilem Umfeld ist es ebenfalls von größter Bedeutung, dass ein solches erkanntes Ziel präzise, nach Möglichkeit ohne Gefährdung von Zivilisten bekämpft wird. Weiters ist es im Fall von Notwehr und Nothilfe nicht egal, wo der Gegner getroffen wird, da z.B. im Fall eines Angreifers mit einem Messer aus einer Entfernung von 20 m eine Bekämpfung mit mehreren Schüssen in den Kopf vor Gericht sicherlich nicht als gerechtfertigt anerkannt wird.
  Um diesen neuen möglichen Einsatzszenarien gerecht zu werden, wurde das Schießprogramm 2008 entwickelt und nach eingehender Erprobung verfügt.
  Mit dem Schießprogramm 2008 wird Folgendes abgedeckt:

  • Feuerkampf innerhalb der Einsatzschussweite (ESW) (0-300 m),
  • Freund/Feind/Zivilisten- Kennung,
  • die Zielfläche ist minimiert – Notwehr/Nothilfe,
  • die Schießfertigkeit mit der Pistole ist gefordert, da sie bei Einsätzen niederer Intensität auch für Schützen als Zweitbewaffnung vorgesehen ist.

Neue Funktion
Für die Schießausbildung in der Einheit ist nach wie vor der Einheitskommandant verantwortlich. Um diesen bei der Planung und Durchführung dieser, an die neuen Bedingungen angepassten Ausbildung zu unterstützen, wurde die Funktion des Schießausbilders für StG und Pistole geschaffen.
  Ziel der Ausbildung zum Schießausbilder ist die Befähigung, seinem Einheitskommandanten die Durchführung einer den aktuellen Einsatzerfordernissen angepassten Schießausbildung der mit StG77 und P80 ausgestatteten Soldaten vorzuschlagen, zu planen und vorzubereiten. Er ist in der Lage, diese im Rahmen der Einheit durchzuführen und die Übungen vorzuschießen. Weiters kann der Schießausbilder das für die Ausbildung eingeteilte Kaderpersonal hinsichtlich einer qualifizierten Schießausbildung aus- und fortbilden.
  Je Einheit ist ein Schießausbilder vorgesehen. Mit Priorität 1 sollten Ausbildungsoffiziere und Kommandogruppenkommandanten und mit Priorität 2 Zugskommandanten als Schießausbilder ausgebildet werden, da der in dieser Funktion ausgebildete Soldat in weiterer Folge einerseits eng mit dem Kompaniekommandant in der Planungsphase zusammenarbeiten und andererseits auch das Kaderpersonal in der Einheit fortbilden muss. Die Dauer des Lehrganges beträgt zehn Ausbildungstage.
  Die Grundvoraussetzung zur Teilnahme am Schießausbilderlehrgang ist, dass der Lehrgangsteilnehmer über die Schießgrundfertigkeit verfügt. Dies wird in einem Überprüfungsschießen am ersten Lehrgangstag überprüft. Bei Nicht-Bestehen dieser Überprüfung wird der Lehrgangsteilnehmer sofort wieder zu seiner Heimatgarnison in Marsch gesetzt.

Inhalte des Schießausbilderlehrganges
- Waffentechnik und Schießlehre: Grundlagen für das Schießen, der Ballistik sowie die   technischen Grundlagen für die im ÖBH eingeführten leichten Infanteriewaffen.
- Sicherheitsbestimmungen: Allgemeine und besondere Sicherheitsbestimmungen für das   Scharfschießen mit dem StG77 und der P80.
- Schussverletzungen/Schusswundenversorgung: Grundlagen der Wundballistik, die im ÖBH   eingeführten Mittel zur Versorgung von Schusswunden.
- Grundlagen und Organisation der Schießausbildung: Aufbau der Schießausbildung sowie   eine qualifizierte Schießausbildung planen und seinem Einheitskommandanten vorschlagen.
- Techniken zur Steigerung der Wahrnehmungsfähigkeit: Die entsprechenden Techniken im   Rahmen von Schusswaffeneinsätzen mit Handfeuerwaffen vermitteln.
- Psyche in der Schießausbildung: Wissen über einsatzkompetentes Handeln.
- Schießausbildung: Eine qualifizierte Schießausbildung vorbereiten und durchführen,   Erkennen von Fehlern beim auszubildenden Schützen sowie entsprechende Maßnahmen zur   Abstellung dieser Fehler setzen, Aus- und Fortbildung des Kaderpersonals.
- Interaktive Ausbildung: Rechtskonformes Verhalten in Situationen erhöhten Stresses.

Einsatz des Schießausbilders bei der Einheit
Der ausgebildete Schießausbilder soll also bei seiner Einheit zunächst mit Schwergewicht zur Ausbildung des Kaderpersonals eingesetzt werden, damit dieses die Grundschießfertigkeit erreicht. In weiterer Folge soll er je nach Übungs-/Einsatzszenario die Ausbildung so mitplanen und in Teilbereichen leiten, dass zum Abschluss jedes Ausbildungsschrittes jeweils ein, dem Szenario angepasstes Scharfschießen stattfindet. 

DER SOLDAT-Ausgabe Nr. 17/2011 vom 7. September

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