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Weltgeschehen im Brennpunkt

Spectator

Libyen und die Dschihadisten

In Libyen herrscht eine blutige Revolution. Der bisherige Diktator Muammar al-Gaddafi will unter keinen Umständen aufgeben, verbunkert sich im Westen des Landes und scheint zu allem bereit zu sein. Im östlichen Landesgebiet jubeln die Revolutionäre. Eine Staatsmacht existiert nicht mehr. Ein Machtvakuum birgt jedoch immense Gefahren. Die Dschihadisten dürften ihre Chance erkennen und könnten inmitten des Chaos entstandene Freiräume nutzen. 


Libyen versinkt zum Zeitpunkt des Erstellens dieses Textes in Chaos und Blut. Aufständische (übergelaufene Soldaten und zivile Bürger) und Truppen des Regimes samt Spezialeinheiten und Söldnern bekämpfen einander. Dabei werden unbewaffnete Zivilpersonen von den Regime-Truppen angeblich wie Freiwild ermordet. Die Stadt Al-Sawija gleiche einem „Schlachthaus“, berichten Augenzeugen. In anderen Städten gebe es bei schweren Kämpfen unzählige Tote und Verletzte. Alles scheint möglich, noch ist nicht erkennbar, ob das Gaddafi-Regime trotz des Zurückweichens in den Westen des Landes überlebt oder ob die Aufständischen das Gewaltregime abschütteln können. Es könnte dabei der Herrscher und das System wechseln, ja sogar der Staat zerbrechen.
  Inmitten dieser Turbulenzen hat sich ein weiteres mörderisches Szenario deutlich gemacht: Mustafa Abdel Galil, der Anfang der 4. Februarwoche als libyscher Justizminister zurückgetreten war, warnte im Sender Al Jazeera, dass Gaddafi über chemische Waffen verfüge und nicht zögern werde, sie einzusetzen. Vor allem dann nicht, wenn die Hauptstadt Tripolis bedroht sei, meinte Galil. „Wenn er zum Schluss wirklich unter Druck steht, ist er zu allem fähig. Gaddafi wird nur verbrannte Erde hinterlassen.“ Libyen soll noch über etwa 10 t Senfgas- Bestände verfügen, erklären Experten. Das meiste davon werde in einer Anlage südlich von Tripolis vermutet.

Dschihadisten – ein Gefahrenpotenzial
Ein weiteres Konfliktpotenzial für die Zukunft sollte dabei nicht aus den Augen gelassen werden: die militanten Islamisten, auch Dschihadisten genannt. Ihre Beteiligung an den Ereignissen kann nur vermutet werden und deren weiteres Verhalten ist nur grob zu kalkulieren.
  Seit langem versuchen die muslimischen „Gotteskrieger“ vom Typ der Al-Qaida, den Sturz der herrschenden Regime in der islamischen Welt herbeizuführen. Im November 2002 veröffentlichte Al-Qaida eine Erklärung, worin auch auf „die Regime unserer eigenen Länder“ hingewiesen wird. Al-Qaida bezeichnet sie als: „Regime, die unsere Völker mit Gewalt daran hindern, die Herrschaft in unseren Ländern zu übernehmen. Regime, die uns das Leben zur Hölle machen und uns in einem Gefängnis der Angst halten. Regime, die die Reichtümer unserer Heimat stehlen und sie zu einem Spottpreis verhökern.“ Und Al-Qaida verweist auf das Ziel hin: „Die Abschaffung dieser Regime ist unsere legitime Aufgabe und ein wichtiger Schritt zur Befreiung unserer Nation, zum Wiedergewinn unserer Rechte.“ Es geht den Dschihadisten u.a. also um die Machtübernahme in den islamischen Staaten, um das Erdöl und damit um die wirtschaftliche Macht. Die Verfügungsgewalt über die entscheidenden Welt- Erdölreserven wird dabei als Angelpunkt für die Erreichung der islamischen Weltherrschaft angesehen.

Libysche Islamisten
Dementsprechend hart wurden die Dschihadisten von den „Regimen“ bekämpft und in Kombination mit anderen Programmen unter Kontrolle gehalten. Libysche Islamisten haben sich viele Jahre hindurch an Kämpfen in Afghanistan, Bosnien, Tschetschenien und Irak sowie in anderen Gebieten beteiligt. Nach dem Ausscheiden aus Afghanistan in den frühen 90er Jahren kehrte eine ansehnliche Gruppe von libyschen Dschihadisten in ihre Heimat zurück. Sie starteten dort eine militante Kampagne mit dem Ziel, Gaddafi zu stürzen, den sie als einen Ungläubigen ansahen, und um einen islamischen Staat zu errichten. Die Gruppe nennt sich die „Libyan Islamic Fighting Group“ (LIFG). Sie bezeichnete das gegenwärtige Regime als korrupt, repressiv und antimuslimisch und führte einen Aufstand mit Attentatsversuchen gegen Gaddafi sowie mit Anschlägen gegen Militär- und Polizeipatrouillen durch. Gaddafi antwortete mit eiserner Faust und führte u.a. das Kriegsrecht in den islamistischen Gebieten Darnah und Benghasi sowie in den Städten Ras al-Helal und al- Qubbah in der Dschabal al- Achdar-Region ein. Gegen Ende der 90er Jahre brach der Aufstand zusammen.
  Viele Mitglieder der LIFG flohen angesichts der Razzien der Regierung aus dem Land. Eine Anzahl von ihnen fand Zuflucht bei Gruppen wie Al-Qaida, in Ländern wie Afghanistan. Einige libysche Kaderleute waren in den höchsten Rängen der Kerngruppe von Al-Qaida tätig. In diesen Einsätzen erfuhren die Kämpfer die Taktik des Überlebens angesichts der überlegenen Feuerkraft ihrer Feinde und lernten die Herstellung sowie den effektiven Einsatz neuer Arten hochwirksamer selbst hergestellter Sprengsätze (Improvised Explosive Device – IED).

Heimkehrer unter strenger Kontrolle
Der Sicherheitsapparat der libyschen Regierung überwachte die allmählich wieder heimkehrenden Dschihadisten sehr sorgfältig. Mit der Methode von „Zuckerbrot und Peitsche“ behielt Tripolis die Kontrolle über diese Personen. Infolgedessen waren die LIFG und andere Dschihadisten keine ernsthafte Bedrohung des Gaddafi-Regimes und blieben in den letzten Jahren sehr ruhig.
  Es war bekannt, dass sich viele der ehemaligen Dschihadisten gern in Orten wie Darnah (im Osten Libyens an der Küste zwischen Tobruk und Benghazi), wo ein relativ schwacher Sicherheitsapparat vorhanden war, niederließen. Ausländische Beobachter sind überzeugt, dass die Anwesenheit dieser älteren Kämpfer einen Einfluss auf die jüngeren Männer der Region hat, die schließlich immer radikalisierter wurden. Etwa 60-70 % der jungen Männer in der Region sind arbeitslos oder unterbeschäftigt.

Gefahren der Zukunft
Gegenwärtig scheint es eher unwahrscheinlich, dass die Dschihadisten die Kontrolle in Libyen gewinnen könnten, wenn Gaddafi fällt und es eine Zeit des totalen Chaos in Libyen geben sollte. Allerdings meldete sich bereits eine Gruppe des Netzwerkes, die sich „Al-Qaida im Islamischen Maghreb“ (AQIM) nennt, mit einer Erklärung an die libyschen Brüder: „Wir werden unser Möglichstes tun, um Euch zu helfen“.
  Wie realistisch dies ist, muss noch bezweifelt werden. Doch könnten diese Militanten entstandene Freiräume für sich nutzen, gleichgültig ob das Gaddafi- Regime überlebt oder ein Bürgerkrieg zwischen den östlichen und westlichen Teilen des Landes stattfindet. Doch selbst wenn wieder die Ordnung hergestellt werden könnte, finden die Dschihadisten Gelegenheit zur Plünderung von Waffen- und Munitionsdepots. Für die Dschihadisten besteht demnach ein „Fenster der Gelegenheit“, und damit stellen sie eine erhebliche Bedrohung für das Land dar.
  Die Plünderungen der Waffen- und Munitionsdepots in Libyen erinnern auch an die Plünderungen im Irak als Folge der Auflösung der irakischen Armee angesichts der US-Invasion im Jahr 2003. Die entwendeten Waffen dienten nicht nur für unzählige bewaffnete Überfälle und Angriffe mit Raketen und Granatwerfern, sondern viele der Granaten wurden auch als leistungsstarke IEDs verwendet. Auch dieses Konzept der Herstellung und des Einsatzes von IEDs aus militärischen Gütern wird den libyschen „Heimkehrern“ nicht fremd sein.

Gefährdung ausländischer Interessen
Angesichts der außerordentlichen Bedeutung der Ölexporte für den Westen und mit dem Hass der Dschihadisten auf den Westen könnten die ausländischen Interessen in Libyen sehr gefährdet sein. Es wäre für die Militanten eine reale Möglichkeit, multinationale Ölfirmen mit ihren Anlagen und Pipelines, ausländische diplomatische Einrichtungen und sogar ausländische Firmen und Hotels anzugreifen. Entführungen mit Gelderpressungen, Drogen und Waffenhandel wären die „einfachen“ Aktivitäten, die erwartet werden können. Saif al-Islam, einer der Söhne Muammar Gaddafis, hat – sicherlich mit politischen Motiven – verschiedene dieser Möglichkeit bereits erwähnt.
  Doch auch die Regierungen in der Nachbarschaft, auch jene Italiens, müssten sich Sorgen machen, sollte Libyen in das völlige Chaos stürzen und die Dschihadisten aktiv werden können. Denn es könnte nicht nur Probleme mit massenhaften Flüchtlingen geben, sondern auch ein potenzielles Überschwappen von Dschihadisten ist möglich. Zumindest könnten die Waffen, die in Libyen geplündert werden, leicht in Ländern wie Ägypten, Tunesien, Marokko und Algerien an Dschihadisten verkauft oder übergeben werden.
  In einem Worst-Case-Szenario könnte man sich neben den bereits erwähnten Gefahren vorstellen, dass das Land – wie Irak oder Pakistan – ein tatsächlicher Treffpunkt für Dschihadisten aus der Region und der Welt werden könnte. Das Land diente bereits einmal als eine derartige Basis für eine breite Palette von revolutionären marxistischen und terroristischen Militanten in den 70er und 80er Jahren. Die Lage in Libyen könnte somit zu einem größeren überregionalen Problem werden.
  Es erscheint deshalb besonders wichtig, die Entwicklung in den kommenden Tagen und Wochen nicht aus den Augen zu lassen. Dabei geht es nicht nur um die Menschen und das Regime, sondern auch um Anzeichen zu erkennen, wie sich die Dschihadisten verhalten. Jedenfalls ist mit dem Ende der Revolution, egal wo, noch lange keine Stabilität erreicht.                                                                                                                     (Stand 28. Februar) 

DER SOLDAT-Ausgabe Nr. 5/2011 vom 9. März

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