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ausbildung

Mjr Michael Mayerböck, MSc

Militärakademiker üben den Umgang mit Medienvertretern

An der Theresianischen Militärakademie wird nicht nur studiert, wie viele Kritiker vermeinen. Noch sind im Jahresplan der Schmiede junger Offiziere – dem Fachhochschulstudiengang „Militärische Führung“ – viele Stellen grün markiert. Grün heißt „Truppenoffiziersausbildung“. Und diese wird in den beiden Ausmusterungsjahrgängen „Ritter von Lehmann“ (FH-DiplStg) und „Freiherr von Lehar“ (FH-BaStg) professionell durchgeführt. 


Der 21. OCC/PSO Course
Dieser Kurs in englischer Sprache ist Teil der Truppenoffiziersausbildung und befähigt die Absolventen zur Durchführung von PSO (Peace Support Operations) im Rahmen des OCC (Officers Cadets Course). Sowohl gefechtstechnische Kenntnisse als auch Führungsfähigkeit in multinationalen Szenarien sind gefragt. Mjr Markus Hornof, der Verantwortliche für diesen Kurs, hatte beurteilt, dass bei diesem Anforderungsprofil der Auszubildenden der „Umgang mit Medienvertretern“ nicht fehlen darf. Aus diesem Grund wurde „Dealing with Media“ sowohl in den Theorieblock des Kurses als auch in die FTX (Field Training Exercises) nach internationalen Vorbildern von UNbzw. NATO-Einrichtungen aufgenommen.

Theorie
In knapp vier Unterrichtseinheiten wurden den Militärakademikern die Grundkenntnisse jener journalistischen Vorgangsweisen vermittelt, die erforderlich sind, um den Job an der Medienfront besser verstehen zu lernen. Hierbei konnte Obst Gerhard Krejcirik aus der Transformationsabteilung des BMLVS seine Erfahrungen als Trainer an der NATO-Schule Oberammergau bestens einbringen, bevor Mjr Michael Mayerböck aus der Abteilung Personalmarketing seine Einsatzerfahrungen als Press Information Officer (PIO) aus Afghanistan und aus dem Tschad darlegte.
   Die Themen waren:
• Aufnahmefähigkeit des Publikums in den Medienbereichen Print, Radio, Web und TV.
• Agieren vor der Kamera – Interviewtraining.
• Einsatz als Medienbegleiter (bei Fehlen eines PIO).
• Grundsätzliche Tools aus der Kommunikationswissenschaft mit Augenmerk auf den Einsatz
   von Medien.

Praxis
Von 8. bis 10. März fand die Abschlussübung des 21. OCC/PSO Course statt und die Übungsteilnehmer wurden mit einem Combat Camera Team (CCT) der Auslandseinsatzbasis in Götzendorf konfrontiert. Olt Anton Brugger agierte als TV-Reporter, ihm beigestellt wurde StWm Franz Huber als Kameramann. Am zweiten Übungstag erfuhr das Medienteam durch Vzlt Gerhard Seeger von der Theresianischen Militärakademie als Foto-Profi eine weitere Ergänzung. Die Vertreter der Printmedien und Radiostationen wurden von Vertretern des BMLVS gemimt.
   Geübt wurden der Umgang mit
• Embedded Journalists (in eine Kampfeinheit eingebettete Journalisten),
• Freelancern (freie Journalisten),
• Cosmopolitan Journalists (Vertreter großer Redaktionen),
• Internationalen und nationalen Medienvertretern,
• Good guys and bad guys (akkreditierte ebenso wie nicht akkreditierte, plötzlich im Raum
  auftretende Journalisten),
sowie der Einsatz von CCT. Um den Militärakademikern, aber auch den eingeteilten Kommandanten und Leitungsdiensten der Übung einen Eindruck in die oft als „Feindseite“ denunzierten Medienvertreter und deren Handeln in einem Kriegsszenario zu geben, wurde ein Tagebuch erstellt, aus dem die Lessons Learned abgeleitet wurden.

08mar11/0900-1130 Aufmarsch Tritol-Werk
Nach dem Eintreffen beim Tritol-Werk agierten die eingesetzten Wachkräfte militärisch tadellos. Als Medienteam, das um Akkreditierung ansuchte, wurden wir vorerst außerhalb der Anlage zwecks Absprachen mit dem kommandierenden Offizier zum Warten gebeten. Das Auftreten des Gruppenkommandanten in englischer Sprache war seriös, freundlich und bestimmt. Die Prozedur dauerte nicht lange (15 Min.), danach wurden Personen und Kfz regelkonform gecheckt und wir wurden zum Cdr DFOR geleitet, um akkreditiert zu werden.

1030-1100 Aufmarsch Siegersdorf
Bereits akkreditiert, stand es uns als Freelancern frei, im Krisengebiet die militärischen Einrichtungen zu besuchen. Wir wollten in Siegersdorf ein Interview mit dem eingesetzten Zugskommandanten führen. In der Ortschaft war gleichzeitig mit unserem Eintreffen ein Faschingsumzug, jedoch waren keine Soldaten sichtbar. Im Gefechtsstand brachten wir unser Anliegen vor, um die interessierte Bevölkerung pünktlich zu den Mittagsnachrichten „on air“ informieren zu können. Wir wurden höflich, aber bestimmt etwa zwei Stunden lang vertröstet, da keine Verbindung zum Cdr DFOR hergestellt werden konnte. Wie die Kollegen vom TV, die etwa eine Stunde vor uns zugegen waren, mussten wir unverrichteter Dinge abziehen, da der Zugskommandant keine Autorisierung hatte, etwaige Interviews zu geben.

1400 Heli-Einsatz Hölles
Gemeinsam mit den TVKollegen coverten wir die aufgebrachte Bevölkerung bei der Ranch Hölles, da der Helikopter nicht landete. Die Bevölkerung wurde interviewt, wie sich deren Lage entwickeln würde, nachdem DFOR den Hubschrauber abdrehen ließ.

1500-1600 UXO/EOD-Einsatz
in Haschendorf Nachdem in der Ortschaft UXO’s aufgefunden und die Bevölkerung aufgefordert wurde, einen gewissen Bereich der Ortschaft zu meiden, bot sich der Bürgermeister als Betroffener und Verhandlungspartner der DFOR an. Er wurde höflich ersucht, am Ortsausgang zu warten, eben, als wir Medienvertreter eintrafen. Nach einer Einweisung durch den Bürgermeister baten wir um einen Interviewtermin mit DFOR – mit dem Hinweis, dass wir bereits vormittags abgewiesen worden waren, es nun jedoch an der Zeit wäre, in der Nachmittagssendung die Bevölkerung zu informieren.
  Dem Bürgermeister wurde die Wartezeit zu lange und er beschloss, gemeinsam mit den Medien in Richtung der Gefahrenstelle zu gehen. Mittlerweile traf auch die Freigabe zum Interview mit dem Zugskommandanten ein. Dieses wurde souverän von einem slowakischen DFOR-Soldaten geführt und die Bevölkerung konnte „live“ informiert werden, dass es wohl gefährlich sei, jedoch bei einem Verbleib in den Häusern nichts passieren würde. Einige Minuten später kam der eingeteilte Kommandant auf den noch an der Gefahrenstelle verbliebenen Bürgermeister und die Medienvertreter zu, um zu verlautbaren, dass die Gefahr gebannt sei und die Bevölkerung ihre Häuser wieder verlassen könnte. Auch dies wurde „on air“ ausgestrahlt.

1600-1800 UXO GÜPl Blumau
Wir, als Print- und Radiojournalisten, beschlossen, nach der Aktion Haschendorf die jedoch nicht akkreditierten TV-Journalisten am Hot Spot Blumau zu unterstützen. Beim Eintreffen war die Medienlage katastrophal, den TV-Medienvertretern wurde es aufgrund der Sicherheitslage, aber auch aufgrund ihres aggressiven Verhaltens (nicht akkreditiert und nicht als Presse gekennzeichnet) verboten, am Checkpoint Aufnahmen zu machen. Durch das Eintreffen der Journalistenkollegen, die akkreditiert waren, konnte die Situation weitgehend beruhigt werden und gemeinsam wurde mit DFOR ein Interview an Ort und Stelle für TV, Radio und Printmedien organisiert. Die akkreditierten Journalisten gaben die Daten der Kollegen an DFOR weiter und bildeten mit ihnen gemeinsam ein Mediateam, das den Regeln von DFOR entsprach. Anders hätte dieser Medieneinsatz nicht stattfinden können, da die eingeteilten Soldaten einer nicht autorisierten Person keine Auskünfte geben durften.

2000-2100 Embedded in Siegersdorf
Nach der Trennung des Medienteams in zwei „embedded“ Teams für etwaige Nachtaktionen trafen die Print- und Radiovertreter genau zu dem Zeitpunkt am Gefechtsstand Siegersdorf ein, als dieser Zug alarmiert wurde und die Abmarschbereitschaft bereits hergestellt war. Nach unserer Meldung als „embedded“ reagierte der Zugskommandant rasch und richtig, verwies die Journalisten an seinen Stellvertreter im Gefechtsstand. Begründung: Die Lage sei unsicher und die Organisation der Teilnahme an der Aktion in so kurzer Zeit wäre unseriös gewesen.

09mar11/0900-1130 Aktion Hölles
Die Journalisten trafen gemeinsam mit dem Cdr DFOR bei der Ranch Hölles ein. Das TV-Team war nicht akkreditiert, die anderen schon. Während die „braven“ Journalisten taten, was ihnen gesagt wurde, wollte das TV-Team rasch zu Informationen kommen und störte mehrmals den Einsatz des Zuges. Nachdem dem TV-Team überdies verboten wurde, mit der Zivilbevölkerung zu sprechen, fusionierten die Teams, wodurch das TV-Team wieder als akkreditiert galt. Die Wartezeiten und Vertröstungen durch DFOR hielten sich in Grenzen, jedoch erst ab dem Zeitpunkt, als den Journalisten versichert wurde, nach der Bereinigung der Lage ein Interview zu bekommen.
  Die Abstellung eines Vertreters von DFOR hätte in dieser Situation zur Beruhigung beitragen können, da Kommandanten und Soldaten öfter versuchten, uns Medienvertreter zurückzuhalten. Wir hatten zwar die Bilder „im Kasten“, jedoch keine gesicherte Information, was wirklich passiert war. Außerdem wurden die Journalisten vom Sprecher der aufgebrachten Arbeiter permanent beeinflusst. DFOR hätte diesem Informationsmisstand mit offensiver Information – auch während der Aktion selbst – entgegentreten können, denn die Zeitvorgabe für die Medienvertreter war klar: „Das alles hat im Mittagsjournal zu erscheinen.“
  Um etwa 11.20 Uhr war die UXO-Aktion geklärt, Verletzte abtransportiert, die Medienvertreter durften offiziell die Bevölkerung interviewen und DFOR stand für ein Statement der Gesamtlage für alle Medien zur Verfügung. Real hätte demnach die Radioübertragung (Interview-Ende 11.35 Uhr) im Mittagsjournal stattfinden können, für TV wäre nur eine Live-Übertragung möglich gewesen und Print hätte in die Abendausgabe gehen können.

Lessons Learned
• Medien sind als Partner einzubeziehen, haben jedoch nach militärischen Richtlinien zu
   agieren.
• Meldewege (zur Information aller, dass Medien im Raum wären) in beiden Richtungen vorab    regeln.
• Keine Scheu vor dem Mikrofon; der Medienvertreter ist mehr Partner als Feind, weil er
   „Stoff“ braucht, um seinem Job zufriedenstellend zu erfüllen.
• Medien im Raum sind in die aktuelle Lage einzubeziehen, weil eine Verantwortung für sie
   besteht (Essen, Trinken, Bekleidung/ Witterungsänderungen, Transport etc.).
• Awareness bezüglich Kamera- und Audioeinsatz (off records – on air) vorab vereinbaren.
• Kamerateams unterstützen, damit auch der Interviewte das Maximum für sich herausholen
   kann.
• Sprache, Gestik, Bewegungen vor der Kamera direkt absprechen.
• Beim Abweisen von Medienvertretern ist es wichtig, darauf zu achten, dass der Fokus der
   Kamera nicht auf das Geschehen zeigt und somit weiter gefilmt werden kann. Daher: erst
   „Hand auf das Objektiv, dann Ton abschalten lassen und dann Journalisten vom
   Geschehen
   körperlich entfernen lassen“.
• Die nicht akkreditierten Medienvertreter sind zwar für ihre eigene Sicherheit verantwortlich,
   aber auch noch so lästige Journalisten sollten geschützt werden. Medienbetreuer sind
   einzuteilen.
• Grundsatzausbildung (was ist embedded, was heißt akkreditiert, was sind Freelancer etc.)
   ebenso wie über die Bedürfnisse der Medienvertreter als auch die Reaktionsmöglichkeiten
   für Soldaten.
• Der Umgang mit Medien hat immer ein Teil einer OPORD, der ROE bzw. der Mastermessage
  zu sein.

Conclusio
In Szenarien der Gegenwart wie auch der Zukunft ist
   „Dealing with Media“ unumgänglich.
   Mit wenig Aufwand werden zwei wichtige Aspekte wirksam:
• Das Selbstverständnis des Soldatenberufes wird gestärkt und publik gemacht.
• Die notwendige Wertschätzung gegenüber den journalistisch arbeitenden Medienvertretern wird aufgebracht. So weit entfernt sind die Zugänge der beiden Berufsgruppen, jene der Soldaten und jene der Journalisten nicht: Beide können „Waffen“ einsetzen, beide verstehen ihr „Handwerk“, beide werden dafür bezahlt und beide können damit (über)leben. 

DER SOLDAT-Ausgabe Nr. 6/2011 vom 23. März

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