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sicherheitspolitik

Bgdr DDr. Harald Pöcher

Militärische Zukunft eines unabhängigen Schottland

Es sind nur mehr einige Tage bis zur Abstimmung über die Unabhängigkeit Schottlands am 18. September. Egal, wie die Abstimmung ausgehen mag, es lohnt sich in das bereits Bibliotheken füllende Schriftgut über die Zukunft eines unabhängigen Schottland einen Blick zu werfen und dabei den Fokus auf die Aussagen zur künftigen Ausgestaltung der Landesverteidigung eines gänzlich unabhängigen Schottland zu werfen.


Schottland – kleines Land mit großer Vergangenheit
Das Schottland von heute ist mit einer Fläche von 78.772 km² ein kleines Land und verfügt auch nur über 5,3 Mio. Einwohner. Das Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2013 betrug rd. 235 Mrd. $, bzw. 44.300 $ pro Einwohner. Österreich im Vergleich dazu umfasst 83.879 km², hat 8,5 Mio. Einwohner und erwirtschaftete 2013 ein Bruttoinlandsprodukt von 415 Mrd. $, bzw. 49.000 $ pro Einwohner. Die Wirtschaft Schottlands ist auf Ölförderung in der Nordsee, Landwirtschaft und Fischfang sowie einen leistungsfähigen Dienstleitungssektor und einen Industriesektor, der im Mittelpunkt eine leistungsfähige Schiffbauindustrie unterhält, fokussiert. Die wichtigsten Absatzmärkte schottischer Produkte (Nordseeöl, hervorragender Fisch, Whisky) sind neben dem Vereinigten Königreich die Vereinigten Staaten von Amerika, die Niederlande, Deutschland, Belgien, Irland, Norwegen, Italien und Spanien. Schottland stand immer im Schatten des Nachbarn England und war bis 1707 ein unabhängiges Königreich, das danach mit dem Königreich England – mit dem es bereits seit 1603 in Personalunion regiert wurde – vereinigt wurde. Seit dieser Vereinigung gibt es immer wieder Bestrebungen nationalistischer Gruppen für eine Auflösung dieser Union und damit die Abspaltung vom Vereinigten Königreich, die nunmehr in einer Abstimmung gipfelt.

Unabhängiges Schottland – eigene Streitkräfte
Im Fall einer Unabhängigkeit gibt es bereits klare Vorstellungen über die Stärke und die Zusammensetzung von eigenen schottischen Streitkräften, die in Weißbüchern sowie Frage- und Antwortenkatalogen zusammengefasst sind. Zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit – also im September 2014 – rechnet man als Basis für eigene nationale Streitkräfte mit der Verfügbarkeit von 7.500 Personen und bis zu 2.000 Reservisten, diese Keimzelle soll innerhalb von 5 Jahren auf 10.000 Personen und 3.500 Reservisten bzw. innerhalb von 10 Jahren nach Erlangung der Unabhängigkeit auf 15.000/5.000 aufwachsen. Das Verteidigungsbudget wurde mit 3,2 Mrd. € (4,1 Mrd. $) festgelegt. Im Zuge der Beurteilung der eigenständigen Landesverteidigung wurden auch einige Details der Organisation der einzelnen Teilstreitkräfte veröffentlicht. Demnach sollen die Landstreitkräfte eine Stärke von 3.500 Personen und rd. 1.200 Reservisten umfassen und in ein Armeekommando, eine rasch verlegbare Brigade, zwei leicht gepanzerte Aufklärungseinheiten, zwei Artillerieeinheiten, Pioniereinheiten für Brückenbau, Minenräumung und sonstige Tätigkeiten, eine Heeresluftwaffe mit sechs Hubschraubern für Erkundungund Verbindungsflüge, zwei Fernmeldeeinheiten, eine Transporteinheit, eine Logistikeinheit sowie eine Sanitätseinheit gegliedert werden. Die Luftwaffe soll eine Stärke von 2.000 Personen und rd. 300 Reservisten umfassen und über ein Luftwaffenkommando, eine Alarmstaffel mit zumindest 12 Eurofightern in Lossiemouth, eine taktische Transport  iegerstaffel mit sechs Hercules C-130J und eine Hubschrauberstaffel verfügen. Die Marine soll eine Stärke von 2.000 Personen und rd. 200 Reservisten aufweisen. Die Marine wird in ein Flottenkommando und ein Geschwader, bestehend aus zwei Fregatten, einem Führungsschiff, einigen Minenabwehrschiffen, zwei Hochseepatrouillenschiffen und vier bis sechs kleineren Patrouillenbooten, gegliedert sein. Daneben soll es noch einige Hilfsschiffe geben. Die Übernahme von Nuklearunterseebooten wird in den Dokumenten nicht angesprochen. Die Streitkräfte werden zunächst in den vorhandenen Garnisonen untergebracht bleiben, etwa in Kinloss, Leuchars, Glencorse, Fort George, Dreghors. Ferner wird Faslane weiterhin eine wichtige Marinebasis bleiben müssen. Eine, nach heutiger Sicht, schwer zu beantwortende Frage ist, ob Schottland nach einer möglichen Trennung auch Atomwaffen übernehmen wird. Das Land hat als Standort von Atomwaffen schon Tradition, da in Schottland bereits heute eine große Anzahl von Atomwaffen stationiert ist. Auch die Beurteilung der bisherigen Entwicklung von sicherheitspolitischen Begebenheiten nach der Teilung von Ländern, etwa dem Zerfall der ehemaligen Sowjetunion, wird für Schottland eine Lehre sein, da bspw. heute im aktuellen Konflikt eine atomwaffenfreie Ukraine gegen russische Ansprüche wesentlich schlechtere Karten hat als eine Ukraine, die im Besitz von Atomwaffen wäre. Sollte sich nach dem 18. September ein unabhängiges Schottland der internationalen Staatengemeinschaft vorstellen, so ist es für das Österreichische Bundesheer durchaus interessant, welchen Weg ein ähnlich großer Staat wie Österreich bei der Ausgestaltung seiner Landesverteidigung geht.

DER SOLDAT-Ausgabe Nr. 17/2014 vom 10. September

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