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Militärpharmazie

Bgdr Mag. Alois Pezzi

Militärpharmazie - das unbekannte Wesen

Der Militärapotheker im Österreichischen Bundesheer ist der Fachmann in pharmazeutischen Angelegenheiten. Aufgrund seiner Sach- und Materialkenntnis fungiert er als beratendes Fachorgan und als Logistiker für Sanitätsverbrauchsgüter. 


Wo finden sich nun im ÖBH die Militärapotheker, die oft auch als „Apotheker ohne Tara“ bezeichnet werden?  

Spitäler und Apotheke
Zunächst haben das Heeresspital in Wien im Militärmedizinischen Zentrum (MMZ) und die beiden Militärspitäler (MSp) in Graz (Sanitätszentrum Süd) und Innsbruck (Sanitätszentrum West) eine Militärapothekerin bzw. einen Militärapotheker als „Krankenhausapotheker/- in“ in ihrer Organisation.
  In der Heeresapotheke im Heeresspital versorgt die zuständige Leiterin nicht nur das „eigene“ Haus mit Arzneimitteln, Verbandstoffen und Reagenzien sowie weiteren Medizinprodukten, sondern betreut auch fachdienstlich die Bundesländer Wien, Niederösterreich und das nördliche Burgenland.

Heeresapotheke
In der Heeresapotheke werden magistrale Arzneizubereitungen (Ad-hoc- Zubereitungen nach standardisierten und geprüften Vorschriften; Anm.) in großtechnischem Stil hergestellt. Die Konfektionierung erfolgt mithilfe einer modernen, automatischen Abfüllmaschine.
  Neben einer Kosteneinsparung im laufenden Betrieb ist auch eine notwendige Eigenständigkeit in der Produktion von Arzneimitteln für die speziellen militärischen Bedürfnisse und für Krisenzeiten sichergestellt.
  Jährlich werden ca. 40.000 magistrale Anfertigungen (Lippenschutzsalbe, Sportbalsam, Gurgellösung etc.) mithilfe dieser Maschine hergestellt. Im Jahr 2010 wurden weitere 25.000 Zubereitungen (Hustentropfen, Fußpuder, Nasentropfen u.a.) händisch abgefüllt. Neuerdings werden auch ÖBH-eigene Sonnenschutzsalben mit Lichtschutzfaktor 25 produziert – und es besteht steigende Nachfrage an diesen „Heeresarzneien“, deren Rezepturen laufend angepasst und verbessert werden.
  Eine weitere Besonderheit der Heeresapotheke ist die Funktion als Lehrlingsausbildungsstätte: Hier werden PKA (pharmazeutischkaufmännische Assistenten/ Assistentinnen) – wie in einer öffentlichen oder Krankenhausapotheke – ausgebildet.

MSp Süd und West
Weiters findet sich je ein Militärapotheker in den Militärspitälern der Sanitätszentren Süd und West in Graz und Innsbruck, der die gleichen Aufgaben erfüllt wie ein ziviler Krankenhausapotheker.
  Die fachdienstliche Betreuung für die Steiermark, Kärnten und das südliche Burgenland liegt beim Militärapotheker in Graz, während der westliche Teil Österreichs von Innsbruck aus betreut wird.
  Mit der vorhandenen pharmazeutischen Geräteausstattung haben die Militärapotheker die Möglichkeit, im Falle einer Influenzapandemie entsprechende prophylaktische bzw. therapeutische Arzneimittel herzustellen.
  Aktuelle Ereignisse in den letzten Jahren führten dazu, dass ein bestimmtes Influenzamittel hohen Bekanntheitsgrad erzielt hat. Das ÖBH hat diesen Neuraminidasehemmer als Bulkware (Halbfabrikate als Massengut; Anm.) lagernd und kann im Anlassfall die erforderliche Menge an Fertigarzneilösungen unverzüglich für die gegenwärtig veranschlagten Bedarfsträger (diese gehen über den Bereich des ÖBH deutlich hinaus) produzieren.

Strategische Steuerung
Auch im Kommando Einsatzunterstützung (KdoEU) ist die Militärpharmazie im Organisationselement Militärisches Gesundheitswesen (MilGesW) durch einen Militärapotheker vertreten. Fachliche Betreuung im Bereich KdoEU und Streitkräfteführungskommando (SKFüKdo), Steuerung logistischer Belange, Überprüfung der materiellen Sanitätsausstattung in den Auslandskontingenten, Fachaufsicht über die Sanitätslager und „Bindeglied“ zur Zentralstelle sind nur einige seiner Kompetenzen. Internationale Beziehungen und regelmäßige Tagungen tragen zur Effizienzsteigerung in der Sparte Militärpharmazie bei.
  Zur Sektion III in der Zentralstelle des BMLVS gehört die Abteilung Militärmedizin, in der sich das Referat für Apothekenwesen und Medizinische Systeme findet. Die Leitung dieses Referates obliegt einem Militärapotheker, dem die strategischen Angelegenheiten der materiellen Sanitätsausstattung der Streitkräfte im Inland und Ausland sowie das „Betriebsbudget“ anvertraut sind.
  In dieser Abteilung erfolgt u.a. die Festlegung, welche medizinischen Geräte und Systeme – in Abstimmung mit der Fähigkeit auch für Auslandseinsätze – für Krankenanstalten, truppenärztliche Ambulanzen, Feldambulanzen und Truppensanität erforderlich sind. Darüber hinaus werden ebendort die Grundlagen der Militärpharmazie festgelegt.

Internationale Standards
Die Sanitätsausstattung für den Sanitätszug – dieser ist das fachliche Schlüsselelement im militärischen Einsatz – wurde u.a. qualitativ bzw. quantitativ vollständig neu überarbeitet und fand im Rahmen einer NATOEvaluierung entsprechende Zustimmung und Anerkennung.
  Da die Einsätze des ÖBH in Hinkunft immer mehr in Zusammenarbeit mit anderen Armeen zu erwarten sind, ist im Hinblick auf die Sanitätsausrüstung auf entsprechende internationale Kompatibilität – Stichwort NATO-Standards (STANAG – Standardization Agreement) – zu achten.
  Der Sanitätsdienst im ÖBH muss einerseits als Teil des öffentlichen Gesundheitswesens nach den vielfach gesetzlich normierten nationalen Grundlagen gestaltet werden, andererseits ist er an die internationalen militärmedizinischen Standard heranzuführen.
  Ein aktuelles Beispiel ist die Zusammenstellung der Sanitätsausstattung für die EU-BG 2012 (Battle Group der Europäischen Union), die ein enges Zusammenspiel mit der deutschen Bundeswehr erfordert.

Regelmäßige Kontrollen
Eine weitere sehr wesentliche Aufgabe der Militärapotheker in den Spitälern stellt – neben der Sicherstellung der materiellen Sanitätsversorgung mit Sanitätsverbrauchsgütern – die regelmäßige Überprüfung der Krankenanstalten und in weiterer Folge der Truppensanitätsausstattung im Rahmen ihrer Konsiliarund Kontrolltätigkeit dar. Nach dem KAG (Krankenanstaltengesetz) ist die Arzneimittelgebarung vierteljährlich durch den Konsiliarapotheker zu überprüfen. Der Militärapotheker trägt somit wesentlich dazu bei, dass die materielle Einsatzbereitschaft der Sanitätstruppe stets gewährleistet ist.

Breite Impfpalette
Einen der breiten Öffentlichkeit wenig bekannten Beitrag zur Volksgesundheit leistet das ÖBH im Bereich der Präventivmedizin in Form von Impfungen. Nicht nur Immunisierungen von Soldaten für Auslandseinsätze werden durchgeführt, sondern alle Grundwehrdiener haben – gemäß österreichischem Impfplan – Anspruch auf das für sie zutreffende Impfprogramm.
   So stellen die Militärapotheker sicher, dass jährlich u.a. über
• 15.000 Hepatitisimpfstoffe
• 12.500 Impfstoffe gegen FSME
• 6.000 Tollwutimpfungen
• 7.000 Diphtherie – Tetanus – Keuchhusten – Kinderlähmung- Impfstoffe
• über 7.000 Meningitisimpfstoffe
u.a.m. verabreicht werden

Finanzaufwand
Das Jahresbudget für Therapiemittel beträgt ca. 2,3 Mio. €. Jährlich werden für präventivmedizinische Maßnahmen in Form von Impfungen und Malariaprophylaxe über 1,3 Mio. € ausgegeben.

Einsatz und Übung
Im Falle eines Einsatzes einer Feldambulanz oder eines humanitären Feldspitals hat auch in dieser Organisation ein Militärapotheker (dann Feldapotheker genannt) mit seinem Team seinen militärischen Arbeitsplatz.
  Den Elementen der Einsatzorganisation sind Militärapotheker des Milizstandes zugeordnet. Diese aufgrund einer freiwilligen Meldung „mobeingeteilten“ Kollegen erwerben ihr tägliches Brot im zivilen Bereich. Im Fall einer Mobilmachung würden sie zum Militärdienst eingezogen. Zwecks Aufrechterhaltung der Einsatzfähigkeit werden Milizsoldaten regelmäßig zu Übungen einberufen. Als Beispiel sei die Nachschub-Transport- Sanitätskompanie (NTSanKp) genannt. Diese militärische Einheit wird vom Heeressanitätslager mobverantwortlich betreut und hat zuletzt sehr erfolgreich im Herbst 2009 eine Kaderübung abgehalten. Der eingeteilte Milizapotheker hat selbstverständlich an dieser Übung teilgenommen und alle Beschwernisse des Auftrages und des Wetters ebenso wie seine Kameraden mustergültig bewältigt. Der „Mob-Auftrag“ dieser Einheit umfasst die Auslagerung der Sanitätsgüter und deren Transport in die Einsatzräume. Dazu sind übrigens nicht nur Personen, sondern auch im zivilen Eigentum befindliche Kraftfahrzeuge „mobbeordert“.
  Insgesamt sind derzeit etwa 30 Militärapotheker, sei es in Mob-Verbänden (NTSanKp, Feldambulanz) oder zur personellen Verstärkung (Experten) in Führungsstäben (KdoEU, SKFüKdo) mobbeordert. Zusätzlich zu den (verpflichtenden) Kaderübungen absolvieren viele Miliz-Apotheker freiwillige Waffenübungen und halten somit die Verbindung zwischen Zivil- und Militärpharmazie aufrecht.
  Einen fachlich bedeutsamen Beitrag leistet – die/der dz. (noch) einzige – Apothekerin/ Apotheker des Präsenz- und Milizstandes als Lehrperson in den Ausbildungsstätten des ÖBH wie Gesundheits- und Krankenpflegeschule sowie der Sanitätsschule und den Lehrkompanien.

Sanitätslager
Zur Logistik zählen auch Einrichtungen, die die jeweiligen Güter übernehmen, lagern, verwalten, ausgeben, instand setzen, entsorgen etc.
   Dazu besitzt das Heereslogistikzentrum Wien seine Sanitätslagereinrichtungen. Das Sanitätslager ist auf zwei Standorte verteilt:
• Das Sanitätslager Eisenerz auf dem steirischen Erzberg mit einer Fläche von ca. 4.800 m²
   beschäftigt 19 Bedienstete.
• Das Sanitätslager Wien im Arsenal beschäftigt auf 2.500 m² 15 Personen.
2009 feierte das Sanitätslager Eisenerz bereits sein 20-jähriges Bestehen. Im Rahmen des damaligen Verteidigungskonzeptes (Raumverteidigung) wurde dieses Sanitätslager 1989 im Zentralraum Österreichs errichtet.
  Die Aufgabenbereiche des SanLagers liegen in der Warenübernahme, Lagerhaltung, Lagerverwaltung, Warenausgabe, Satzbildung, Satzauflösung, Satzergänzung, Veranlassung der Eigen- oder Fremdinstandsetzung (Firmeninstandsetzung), Ausscheidung.

Bewirtschaftung
Die jeweiligen Sanitätsverbrauchsgüter – ebenso wie die Veterinärverbrauchsgüter (der Militärapotheker sorgt sich auch um die Tiere im militärischen Dienst) – werden durch das KdoEU zentral bewirtschaftet, wobei die Mitwirkung des MilApoth/KdoEU von essenzieller Bedeutung ist (vergleichbar mit einem bundesheerinternen pharmazeutischen Großhandel). Die Verwaltung erfolgt mittels EDV mit dem neuen logistischen Informationssystem LOGIS.
  Zur Versorgung spezieller Therapiefälle verfügen die Militärapotheker in ihrer Funktion als Spitalsapotheker insgesamt zusätzlich über ein „dezentrales“ Budget, um so die regionale Bedarfsdeckung für ihren Verantwortungsbereich sicherzustellen.
  Der Truppe wird aufgrund ihres Organisationsplanes eine normierte Sanitätsausstattung in Form von „Paketen“ – sogenannten Sätzen – zugewiesen. So hat z.B. der Notarzt seinen festgelegten Notarztrucksack, der Notfallsanitäter einen – seiner Ausbildung entsprechenden – Notfallrucksack.
  Um eine möglichst breite Übereinstimmung zum Inhalt solcher normierter Sanitätsausstattungen zu erzielen, werden Arbeitsgruppen eingerichtet, die für die Aktualisierung der Sanitätsausrüstungssätze – gemäß neuer medizinischer Erkenntnisse – sorgen.
  In diesen österreichweiten Fachgremien sind neben Ärzten und Sanitätsunteroffizieren auch Apotheker eingebunden, um ihr Fachwissen gezielt einzubringen.
  Ob MEDEVAC (Medical Evacuation), Influenzaimpfung, Autoinjektoren gegen chemische Kampfstoffe, Routinetherapie, Tschad- Einsatz, spezielle Sanitätsausrüstung für das Jagdkommando, digitale Röntgeneinrichtungen in den ortsfesten Stellungskommissionen, EU-BG 2012, Bevorratung von Sanitätsgütern oder AirPower in Zeltweg – überall hat der „Apotheker ohne Tara“ – nach außen mehr oder weniger erkennbar – seine „Finger im Spiel“ und trägt so wesentlich zur Sicherstellung der Versorgung mit Sanitätsverbrauchsgütern im ÖBH bei. 

DER SOLDAT-Ausgabe Nr. 8/2011 vom 20. April

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