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analyse

ObstdG Mag. Christian Platzer

Militärwissenschaft im ÖBH

Für die Weiterentwicklung braucht jede Organisation wissenschaftliche Grundlagen (d.h. Forschung). Das Militär braucht demzufolge Forschung in den Militärwissenschaften. Diese können in Kern- und Ergänzungswissenschaften unterteilt werden. Kernwissenschaften sind Taktik, Operation, (Militär-) Strategie, Militärische Führung und Militär- und Sicherheitspolitik. Ergänzungswissenschaften sind u.a. Militärmedizin, Militärgeografie, Militärpsychologie. 


Definitionsgemäß besteht Wissenschaft aus Forschung und Lehre. Es liegt daher nahe, den Hauptzweck militärwissenschaftlicher Forschung darin zu sehen, Grundlagen für die Ausbildung des militärischen Kaders zu schaffen. Im Lichte eines immer stärker vernetzten Sicherheitsbegriffes (Stichwort Comprehensive Approach) ergibt sich aber auch zunehmend der Bedarf, Vertreter anderer Ressorts, Führungskräfte der Wirtschaft und auch Medienvertreter in ausgewählten militärischen Sicherheitsbereichen auszubilden. Die starke Ausrichtung des ÖBH auf den Einsatz und dessen Einsatzerfahrung in Verbindung mit der vorhandenen wissenschaftlichen Qualifikation befähigen die höheren Bildungseinrichtungen des ÖBH zweifellos zu einer qualifizierten Rolle in der universitären Bildungslandschaft – bezogen auf Fragen der militärischen Sicherheit und des Krisenmanagements.
  Forschung in den militärischen Kernwissenschaften wird in Österreich nur in den Einrichtungen des ÖBH betrieben, darüber hinaus auch in ausländischen Einrichtungen. Forschung in den militärischen Ergänzungswissenschaften wird in verschiedenen Universitäten betrieben und muss dann in unterschiedlicher Form in das ÖBH transferiert werden. Das kann z.B. durch Auftragsforschung, durch Forschungssemester von Personal des ÖBH u.a. solche Maßnahmen betrieben werden.

Drei Stufen
Man kann in der Forschung bezüglich ihrer Intensität bzw. Qualität grob 3 Stufen unterscheiden:

Stufe 1
Bedeutet, dass man (d.h. eine Person oder eine Organisation) den Überblick über den Stand des Wissens im Forschungsbereich hat. Dies erfordert noch keine Schöpfung oder Ableitung eigenen Wissens. Ausdrücklich muss hier darauf verwiesen werden, dass die Kenntnis der relevanten Vorschriften und Regelungen internationaler Organisationen nicht ausreicht. Es ist vielmehr erforderlich, auch den aktuellen Stand der internationalen Forschung zu erfassen.

Stufe 2
Bedeutet, dass man zur umfassenden Reflexion, zur Schöpfung neuen Wissens fähig ist. Für das ÖBH bedeutet das, die Fähigkeit das gültige Wissen im Forschungsbereich in die Vorschriften und Dokumente der eigenen Organisation zu übernehmen. Ein Beispiel wäre etwa die wissenschaftliche Reflexion über staatlich- österreichische, EU-, NATO- und UN-Dokumente in einem bestimmten Forschungsbereich.

Stufe 3
Bedeutet, dass man in der Lage ist, auf der Basis des gültigen Wissens eigenständige (auf den nationalen Bedarf maßgeschneiderte) Lösungen zu entwickeln. Ein historisches Beispiel dafür ist die Entwicklung der Raumverteidigung.
  Eine Bestandsaufnahme ohne wissenschaftliche Analyse legt die Annahme nahe, dass die Forschung im ÖBH
• zurzeit in keinem Bereich der Militärwissenschaften die Stufe 3 erreicht,
• nur in sehr eng begrenzten Bereichen eine wissenschaftlich reflektierte Übernahme von
   Wissen (eher nur einzelne internationale Vorschriften) gemäß Stufe 2 schafft,
• nur in einigen Bereichen der Militärwissenschaften den Überblick gem. Stufe 1 hat.

Bedarf an Forschern
Für den Betrieb der militärwissenschaftlichen Forschung braucht das ÖBH militärwissenschaftliche Forscher. Zurzeit forschen in den militärwissenschaftlichen Kernwissenschaften Generalstabsoffiziere (auf Masterniveau) sowie zivile und militärische Forscher mit nicht militärischem akademischem Hintergrund (Historiker, Politikwissenschaftler, Techniker, etc.) auf Master- und PhD-Niveau.
  Das bedeutet auch, dass das ÖBH zurzeit auf dem PhD-Niveau (bzw. darüber, d.h. mit Habilitation) nur eine (!) zivile Person mit Abschluss in der Militärwissenschaft und Sicherheitspolitik sowie einen Offizier mit Abschluss in der Militärökonomie hat.
  Zu fordern wäre als Minimum, dass die Forschung in allen fünf militärischen Kernwissenschaften zumindest durch einen Doktor der Militärwissenschaften geleitet wird. Darüber hinaus erscheint es zwingend, dass alle Organisationselemente, die Forschung als Hauptaufgabe betreiben (z.B. die forschenden Institute der LVAk), durch einen PhD der Militärwissenschaften geleitet werden.
  Vergleicht man den daraus errechenbaren Bedarf mit dem Bestand, erkennt man unschwer einen eklatanten Mangel an einschlägig ausgebildeten Forschern auf PhD-Niveau im Kernbereich der Militärwissenschaften.
  Zusätzlich zu den o.a. Forschern erscheint es erforderlich, dass ein noch näher zu definierender Anteil an Führungs- und Stabspersonal in der Organisation (= ÖBH und BMLVS) vorhanden ist, der PhD-qualifiziert und dadurch in der Lage ist,
• der Forschung die richtigen Fragen zu stellen,
• mit Forschern zusammen zu arbeiten,
• Forschungsergebnisse zu verwerten.
Folgende beispielhaft aufgezählten Arbeitsplätze sollten daher ebenfalls – zumindest zu einem bestimmten Anteil - eine PhD-Qualifikation aufweisen:
• Kommandant, Chef des Stabes und weitere Abteilungs-/ Institutsleiter an den 3
   Akademien.
• Leiter bestimmter Bereiche (Sektion, Gruppe, Abteilung) im BMLVS inklusive nachgeordneter
   Dienststellen.
Nimmt man den Bestand im ÖBH an PhD-qualifizierten Militärwissenschaftlern aus dem Kernbereich (1 Person ohne militärische Vorbildung) und den grob (d.h. ohne Zahlengerüst) beschriebenen Bedarf, liegt auf der Hand, dass das ÖBH dringend militärwissenschaftlich gebildetes Personal aus dem Kernbereich und auf dem PhD-Niveau benötigt. Da – wie oben dargestellt – in Österreich nur die Akademien des ÖBH die militärischen Kernwissenschaften betreiben, muss daher an der Landesverteidigungsakademie dringend ein PhD-Lehrgang betrieben werden. Wegen der besonderen Dringlichkeit des Bedarfs wären die Modalitäten und rechtlichen Grundlagen eines solchen Kurses zunächst in Absprache mit einer etablierten Universität zu regeln. 

DER SOLDAT-Ausgabe Nr. 11/2011 vom 8. Juni

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