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analyse

Judith Ivancsits, MA
Dr. Thomas Pankratz

Nachhaltigkeit.Macht.Sicherheit.

Nordafrika ordnet sich neu

Im heurigen Sommersemester fand bereits zum dritten Mal das gemeinsam von der Landesverteidigungsakademie und der Universität für Bodenkultur (BOKU) durchgeführte Seminar „Globaler Wandel und Nachhaltigkeit und deren sicherheitspolitische Implikationen“ statt. Der Fokus des Seminars lag – hochaktuell – auf der Krisenregion Nordafrika.


Am Seminar nahmen insgesamt 21 Studierende teil, 13 Studierende der BOKU und 8 des BMLVS, hiervon 4 Teilnehmer des Masterstudienlehrgangs „Militärische Führung“ der LVAk. Die Lehrveranstaltung gliederte sich in fünf Nachmittage sowie die abschließende Tagung. Methodisch aufgebaut war das Seminar zum einen auf Vorträge von Experten des Ressorts, der BOKU sowie des BM.I. Zudem konnte der Handelsdelegierte der WKO für Nordafrika für einen Vortrag gewonnen werden. Der thematische Bogen der Vorträge spannte sich von Konflikttheorie, Sicherheitspolitik, Ressourcenthematik aus sozialwissenschaftlicher und naturwissenschaftlicher Sicht bis hin zu regionalen, politischen und sozioökonomischen Aspekten. Außerdem wurden Spezialthemen wie „Die Wüste und ihre Herausforderungen“, „Klimawandel in Nordafrika“, „Umwelt und Krieg“ sowie „Internationale Katastropheneinsätze anhand praktischer Einsatzbeispiele“ behandelt. Die Studierenden bearbeiteten folgende Themen:
• Einführ ung in die Krisenregion Nordafrika
• Demografie und ausgewählte Aspekte der Bildung und Wirtschaft
• Umweltveränderungen und Ernährung – Sicherheitspolitische Ableitungen und          Lösungsvorschläge
• Energieressourcen Nordafrikas und deren sicherheitspolitische Bewertung
• Darstellung ausgewählter sicherheitspolitischer Aspekte am Fallbeispiel Ägypten
Im Rahmen der LVAk-BOKUTagung am 21. Juni konnten die Studierenden ihre Ergebnisse vor breitem Publikum präsentieren. Die Studierenden überzeugten den Rektor der BOKU, Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Dr. DDDr. h.c. Gerzabek, den Kommandanten der LVAk und über 70 Zuhörer durch ausgezeichnete Ausarbeitungen. Diese Präsentationen stellten zugleich die Abschlussprüfungen des Seminars dar.

Abendliche Podiumsdiskussion
Nach den Präsentationen der Seminarteilnehmer wurde die Tagung mit einem hochrangig besetzten Panel zum Thema „Nachhaltigkeit. Macht.Sicherheit. – Nordafrika ordnet sich neu“ fortgesetzt. Zum Thema diskutierten Univ.-Prof. Dr. Helga Kromp-Kolb von der Universität für Bodenkultur, Dr. Karin Kneissl, Publizistin und Energieanalystin, Mag. Tyma Kraitt, Chefredakteurin der Zeitung „International“, und Mag. Philipp Agathonos vom Außenministerium unter Moderation von Bgdr Dr. Walter Feichtinger vom Institut für Friedenssicherung und Konfliktmanagement der LVAk.

Der Arabische Frühling und seine Auswirkungen
Die Diskussion griff Begriffe wie „Neue Herausforderungen“ bzw. „Neue Bedrohungen“ auf und beleuchtete die gegenwärtige sicherheitspolitische Situation des Arabischen Frühlings. Besonderes Augenmerk wurde hierbei auf die derzeitige und zukünftige Rolle der EU in der Region gelegt. Generell ist die Stimmung in den einzelnen Staaten Nordafrikas, insbesondere die Haltung gegenüber der Moslembruderschaft äußerst zwiespältig. Die junge Bevölkerung – der maßgebliche Akteur der Revolutionsbewegungen – war blauäugig auf die „Welle des Arabischen Frühlings“ aufgesprungen und bleibt jetzt enttäuscht zurück. Auf eine Revolutionsdividende wird nach wie vor gewartet. Die Erwartungshaltung an die Politik ist sehr hoch und kann nur schwer erfüllt werden. Die wesentlichste positive Veränderung für die Bevölkerung besteht darin, dass die Angst vor Machthabern kleiner geworden, wenn nicht ganz verschwunden ist. Die Menschen scheuen sich nicht mehr davor, auf die Straßen zu gehen, um für ihre Rechte zu kämpfen. Gleichzeitig lastet aber dadurch ein massiver Druck auf den Regierungen. Es stellt sich die Frage, ob sie imstande sind bzw. sein werden, in der Region nachhaltig zu agieren und Konzepte des Wiederaufbaues und der Demokratisierung langfristig zu implementieren. Die Rolle der EU in der Region ist grundsätzlich schwierig. Die Problematik eröffnet sich bereits in der generellen EU-Außenpolitik, in der oft nationale Interessen über jene der EU gestellt werden. Andererseits besitzt die EU bereits ein strategisches Papier zu Libyen und unterstützt das Land in der Reform des Sicherheitssektors.

Neue Lösungsansätze
Resümierend betonte Bgdr Dr. Feichtinger die Bedeutung handlungsfähiger Akteure auf beiden Seiten, sowohl in der Region als auch in der EU. Geduld ist oberste Prämisse: Transformationsprozesse dauern oft jahrzehntelang und es muss immer mit Rückschlägen gerechnet werden. Wichtig ist dabei, dass die volle Komplexität der Herausforderungen erkannt wird. Es werden neue, kreative Lösungsansätze benötigt und es wird erforderlich sein, traditionelle, vertraute – und somit auch sichere – Denkweisen zu verlassen. 

DER SOLDAT-Ausgabe Nr. 16/2012 vom 22. August

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