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Analyse

Walter Sonnberger

Nahost-Friedensinitiative 2013 (1)

Wieder einmal starten die USA den Versuch, zwischen Israel und den Palästinensern zu einem Frieden zu kommen. Die Möglichkeit dazu besteht, doch haben sich die Chancen auf einen Erfolg tatsächlich entscheidend verbessert?


Nach jahrelangem Stillstand im Nahost-Friedensprozess kamen Vertreter Israels und der Palästinenser in der letzten Juli-Woche in Washington zu Friedensgesprächen zusammen. US-Außenminister John Kerry zufolge sollen die begonnenen Gespräche binnen neun Monaten zu einem Durchbruch führen. Der Friedensvertrag zwischen Israel und Ägypten 1979, der rund um die Welt große Zustimmung gefunden hatte und Anwar al-Sadat und Menachem Begin den Friedensnobelpreis einbrachte, endete in einer Tragödie. Beide Politiker wurden jeweils von Fanatikern aus den eigenen Reihen ermordet. Derartige Vorkommnisse zeigen, dass im Nahen Osten alles möglich ist. Es sind die Fanatiker beider Seiten, die einer friedlichen Lösung im Wege stehen. Warum die derzeitige Friedensinitiative – vorsichtig ausgedrückt – keine optimalen Bedingungen vorfindet, soll nachfolgend dargestellt werden. Mit vorgezogenen Neuwahlen vom 22.1.2013 glaubte der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu, für sich und sein rechtes Bündnis einen entscheidenden Vorsprung zu erreichen, um nicht auf jede einzelne Klein- und Kleinstpartei des rechten Flügels angewiesen zu sein. Was schließlich herauskam, war ein Minimalvorsprung, bei dem selbst die kleinste Partei in der Lage wäre, durch einen Seitenwechsel die Regierung zu Fall zu bringen. Von den insgesamt zwölf Parteien, die in der Knesseth vertreten sind, sind sechs, die unter 5 % der Stimmen auf sich vereinen, wobei die drei kleinsten zwischen 2 % und 3 % liegen.

Geschichte Israels
Es ist eine Mischung aus Interpretation der Überlieferung, des Glaubens und des Wunschdenkens der Fanatiker, die von einem Groß-Israel träumen. Um Gründe zu finden, muss man über 3.000 Jahre in der Geschichte zurückgehen. Vor allem in der christlichen Version des Alten Testaments (von Adam bis Christi Geburt) hört es sich so an, als hätte Moses mit Gottes Hilfe die Kinder Israels aus ägyptischer Knechtschaft ins Gelobte Land geführt. In Wirklichkeit war Moses nicht nur Prophet, sondern vor allem ein großartiger Stratege und Feldherr, der allerdings auch gnadenlos gegen die Israeliten selbst vorging (Exekution von 3.500 Ungläubigen auf dem Berg Sinai, weil sie das Goldene Kalb anbeteten). Auf seinem Eroberungsfeldzug bis zum Berg Nebo wurden die Stadtstaaten, die auf dem Weg lagen, ausgelöscht. Insgesamt führten Moses und seine Nachfolger 300 Jahre lang Krieg und eroberten dabei ein Gebiet, das vom heutigen Gaza bis zur türkischen Grenze reichte. Im 9. Jh. v.Chr. unter König Salomon erreicht das israelitische Königreich seine größte Ausdehnung. Dieser König wird in der Bibel (Buch der Könige) recht ausführlich beschrieben, dabei ist die Zahl seiner Frauen irrelevant, die Beschreibung seines Palastes jedoch äußerst interessant, weil in den 80er Jahren westlich von Aleppo bei Ain Dara die Überreste einer Tempel- und Palastanlage gefunden wurde, die in Architektur sowie Verzierung mehr als 30 Übereinstimmungen mit den Beschreibungen in der Bibel aufweist, wie die Archäologen Prof. Ronny Reich, Universität Haifa, und Prof. John Monson, Universität Illinois, in der Dokumentation „König David“ feststellten. Auch die Entstehung dieser Anlage datierten sie auf die Zeit Salomons. Nach dem Tod des Königs wurde das Reich in die zehn Nord- und zwei Südstämme geteilt. In einer kurzen Zusammenfassung soll die wechselvolle Geschichte dieser Region beschrieben werden:
586 v.Chr. besiegten die Babylonier die Israeliten und führten sie in die Knechtschaft.
515 v.Chr. besiegte der Perserkönig Kyros die Babylonier und erlaubte den Israeliten die Heimkehr. In den drei Jahrhunderten vor Christi Geburt waren zuerst die Griechen, dann die Phönizier, und schließlich die Römer „tonangebend“.
146 v.Chr. brachte der Aufstand der Makkabäer noch einmal für ca. 100 Jahre die staatliche Unabhängigkeit Israels, doch schließlich wurde in der Folge eines jüdischen Aufstands 70 n.Chr. von den Römern der Tempel in Jerusalem zerstört und die Römer waren es auch, die die Israeliten nach einem weiteren Aufstand 135 n.Chr. endgültig aus Jerusalem und angeblich auch aus ihrem Land vertrieben. Israel wurde in Palästina umbenannt. Mit dem Untergang des Römischen Reiches im 7. Jh. begann der arabische Einfluss, der im 12. und 13. Jh. mit der Eroberung Jerusalems durch die Kreuzritter unterbrochen wurde. Es war keine ritterliche Befreiung des Heiligen Landes, sondern ein brutaler Eroberungsfeldzug. Ab dem 16. Jh. kam das Gebiet unter osmanischen Einfluss und blieb es bis zum Ende des Ersten Weltkrieges. Es war Theodor Herzl, der Begründer des politischen Zionismus, der 1897 den ersten zionistischen Kongress in Basel einberief. Zu dieser Zeit war Jerusalem ein osmanisches Provinznest mit ca. 10.000 Einwohnern. Durch eine zu Beginn des 20. Jh. einsetzende Reisewelle und durch Reiseberichte wurde das Interesse für das für die Juden und Christen Heilige Land wieder geweckt. Nach der Niederlage der Osmanen im Ersten Weltkrieg stellte der Völkerbund dieses Gebiet unter britische Verwaltung, wobei es zwischen Palästina und (Trans)Jordanien aufgeteilt wurde. Die Briten versprachen den Juden zwar mehrmals eine Staatsgründung zu ermöglichen, doch ihre Taten sahen anders aus. Es gab Quoten für die Einreise nach Palästina und waren sie ausgeschöpft, wurden sogar Flüchtlingsschiffe zurückgewiesen.

Der Staat Israel
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurden die Briten von Juden und Arabern gleichermaßen gehasst und bekämpft, sodass sie schließlich aufgaben. 1946 gab es einen Anschlag der jüdischen Terrororganisation Irgun auf das Hauptquartier der Briten in Jerusalem, das King David Hotel, bei dem 91 Menschen (hauptsächlich Zivilisten) getötet wurden. Am 29.11.1947 wurde bei der Generalversammlung der Vereinten Nationen ein Teilungsplan für Palästina in einen jüdischen und einen arabischen Staat mit Zweidrittelmehrheit angenommen. Am 14.5.1948 verkündete David Ben Gurion die Gründung des Staates Israel. Völkerrechtlich legitimiert durch eine Resolution der Generalversammlung der Vereinten Nationen von 1947 wurde Israel nach Ende des britischen Mandats über Palästina als parlamentarische Republik gegründet. Wenige Minuten nach der Abgabe der Unabhängigkeitserklärung erkannten die USA, zwei Tage später die Sowjetunion, den Staat Israel an. Was nun folgte, schien ein tragisches Ende für die Juden zu werden. Sämtliche arabische Nachbarstaaten (Ägypten, Syrien, Jordanien) und sogar Irak, Saudi-Arabien und Kuwait fielen über den frisch gegründeten Staat her. Doch mit dem Mut der Verzweiflung und mit Soldaten bzw. Piloten, die auf angloamerikanischer Seite gegen die Deutschen gekämpft hatten und nun sozusagen das Gerippe für einen wild zusammengewürfelten Haufen bildeten, gelang es, den übermächtigen Gegner in die Schranken zu weisen. Es waren Tausende Opfer zu beklagen, doch dieser arabische Angriff und der israelische Sieg hatten zwei wesentliche positive Auswirkungen:
Ab nun konnte niemand mehr behaupten, Israel bestehe nur, weil ein paar Großmächte ein schlechtes Gewissen hatten, weil sie die Juden im Holocaust allein ließen. Ein typisches Beispiel dafür war 1938 die Evian-Konferenz am Genfer See, die die Auswanderung der Juden aus deutschem Staatsgebiet regeln sollte. Das Ganze lief ab wie ein heutiger G8-Gipfel. Alle waren sich einig, dass man den Juden helfen sollte, nur selbst hatte man keine Möglichkeit – es sollte der jeweils andere es tun.

Die Kriege um Israel
Zurück zum Jahr 1948: Ein ganz wichtiger Punkt des Sieges Israels im Überlebenskampf war, dass nun der Staat eine einheitliche Fläche bot und nicht, wie im Teilungsplan vorgesehen, einem Fleckerlteppich glich. Die Kehrseite der Medaille jedoch war, dass Juden und Araber, die früher teilweise eine gute Nachbarschaft pflegten, nun durch die Propaganda und die kriegerischen Handlungen zu Feinden wurden. Viele Araber flüchteten, andere wurden gezielt vertrieben. Wer nun glaubte, dass sich damit die Lage im Nahen Osten beruhigen würde, lag falsch. Das Gegenteil war der Fall. Bei den verschiedenen Staatsoberhäuptern im arabischen Lager gab es einen Wettstreit um die Führungsrolle. Dabei stand ein Thema, nämlich die Vernichtung Israels, an oberster Stelle. Ob Nasser, Gaddafi, später Saddam Hussein, sie alle versprachen, die Israelis ins Meer zu treiben. Doch die Juden waren stets bereit, sich zu wehren. Es waren gerade sieben Jahre vergangen, da kam es 1956 zu einer Auseinandersetzung zwischen Israel und Ägypten. Der britische Premierminister Anthony Eden, zermürbt durch die von Winston Churchill aufgeschobene Amtsübergabe, hatte, als er endlich Premierminister war, große gesundheitliche Schwierigkeiten nach einer völlig verkorksten Gallenoperation. Eden war bereits Politiker, als Großbritannien noch ein Weltreich war. Er wollte nicht wahrhaben, dass sich die Machtverhältnisse entscheidend verändert hatten. Als Gamal Abdel Nasser den Suez-Kanal, der unter britisch-französischer Verwaltung stand, verstaatlichte, gingen mit Eden „die Pferde durch“. Mit den Franzosen und den Israelis schmiedete er einen Plan, wie man die Ägypter aus der Kanalzone vertreiben könnte. Er hatte nur eines vergessen, nämlich die Amerikaner um Erlaubnis zu fragen. Eisenhower war erbost und befahl Briten und Franzosen – unter massiver Drohung – den Rückzug sowie den Israelis, den siegreich begonnenen Feldzug einzustellen. Elf Jahre später kam es 1967 zum nächsten Krieg. Diesmal waren die Araber die Angreifer, Nasser wurde Opfer seiner eigenen Propaganda. Er hatte stets hinausposaunt, dass er im „Suez-Krieg“ nur durch die Intervention der Großmächte gebremst worden wäre, obwohl damals die Israelis vor einem Sieg standen. Außerdem glaubte er, von der Sowjetunion großzügig mit Panzern und Flugzeugen beliefert, mit Syrien und Jordanien zusammen die Israelis endgültig schlagen zu können. Zu Beginn waren die Israelis zwar überrascht, doch sie gingen ihrerseits sehr schnell zum Gegenangriff über. Durch die Vorzeichen waren die Israelis vorgewarnt:
Nasser hatte vom UN-Generalsekretär U Thant gefordert, die UN-Truppen zurückzuziehen, die den Waffenstillstand seit dem letzten Krieg überwachten, was auch umgehend geschah. Auch die Bemühungen Nassers, Syrien und Jordanien zur Teilnahme am Krieg zu bewegen, waren dem israelischen Geheimdienst nicht entgangen. Bereits nach wenigen Tagen war die Lage der arabischen Verbündeten so prekär, dass nur die Drohung der Sowjetunion, Ägypten notfalls auch mit Atomwaffen zu unterstützen, die Amerikaner, die ohnedies in Vietnam alle Hände voll zu tun hatten, veranlassten, die Israelis „zurückzupfeifen“. Auch der nächste Krieg ließ nicht lange auf sich warten. Nur weitere sechs Jahre später, 1973, am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur, versuchten die Araber erneut, Israel zu besiegen, was wiederum mit ihrer Niederlage endete. Vier Kriege, vier Niederlagen, der Frust im arabischen Raum war entsprechend. Die Gründe für diese Niederlagen sind schnell aufgezählt. In Israel wusste man bei jeder einzelnen militärischen Auseinandersetzung, dass es um die Existenz des eigenen Staates ging. Die Soldaten hatten das höchstmögliche Ausbildungsniveau, besonders fähige Führungskräfte, perfekte Aufklärung durch einen Geheimdienst, der sich hinter dem KGB oder CIA nicht verstecken musste, und schlussendlich Waffen, die auf dem jeweilig letzten Stand der westlichen Technik waren. Die Israelis verstanden es auch, ihr Kriegsgerät für den Einsatz in ihrer Gegend zu optimieren und ergänzten ihr Waffenpotenzial noch um selbstgebaute Panzer und Flugzeuge. Ägypten und Syrien hingegen hatten Panzer, Flugzeuge und Lenkwaffen, die aussahen wie die der Roten Armee, doch es waren bloß technisch eingeschränkte Exportversionen, weil die Sowjets um die Geheimhaltung ihrer Waffentechnologie außerhalb der Sowjetunion fürchteten.
wird fortgesetzt

Walter Sonnberger ist der Autor von „Warum hassen sie Amerika?“ (Vehling Medienservice und Verlag, 2011) und „Deutschland zwischen Versailles und Nürnberg“ (Vehling Medienservice und Verlag, 2012).

DER SOLDAT-Ausgabe Nr. 16/2013 vom 28. August

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