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sicherheitspolitik

Obst iR Kurt Gärtner

Neue Aufgaben für die Flugabwehr

Internationale Streitkräfte stehen weltweit bei friedenssichernden, stabilisierenden und humanitären Missionen vor immer größeren Herausforderungen und sie sind auch immer häufiger asymmetrischen Angriffen aus der Luft ausgesetzt. Daher wird dringend ein neues Flugabwehrsystem benötigt, das den Schutz gegen eine vielschichtige Bedrohung aus der Luft sicherstellt. Im Artikel wird der Begriff Flugabwehr statt Fliegerabwehr verwendet, weil nicht nur Flieger eine Bedrohung aus der Luft darstellen. 


Zahlreiche Vorfälle in den vergangenen Jahren haben deutlich gemacht, dass Liegenschaften aller Art in Einsatzgebieten höchst verwundbar sind. Gerade die asymmetrische Bedrohungslage hat sich in jüngster Zeit kontinuierlich zugespitzt. Klassische Sicherungsmaßnahmen wie Zäune und Wälle bieten gegen neue Bedrohungen aus der Luft keinen Schutz.
  Die Luftbedrohung kann grob in drei Bereiche eingeteilt werden. Erstens in die asymmetrische, zweitens in die konventionelle Bedrohung und drittens in die Bedrohung durch ballistische Raketen.
  Die asymmetrische Luftbedrohung umfasst kleinkalibrige Raketen, Geschosse von Granatwerfern und Ar tilleriegranaten. Zur konventionellen Luftbedrohung können Drohnen (UAV), Marschflugkörper, Lenkflugkörper/Raketen und Flugzeuge/Hubschrauber gezählt werden. Bei Aufständen und Bürgerkriegen in auseinanderbrechenden Staaten ist auch mit dem Einsatz von Kampfflugzeugen und Hubschraubern zu rechnen.
  Die Bekämpfung ballistischer Raketen erfolgt in einem mehrschichtigen (multilayered) Abwehrsystem. Zweck dieses Systems von mehreren Abwehrschichten (Treffzonen) ist es, durch die Bekämpfung der ballistischen Raketen in unterschiedlichen Höhen und Flugphasen den Abwehrerfolg sicherzustellen.

System Flugabwehr (SysFla)
Die deutsche Bundeswehr entwickelt mit der einheimischen Industrie ein hochmodernes SysFla, das einen umfassenden Schutz der Soldaten im Einsatz gegen Bedrohungen aus der Luft gewährleisten soll. Das durch dieses Waffensystem abgedeckte Spektrum reicht von kleinen Zielen bis hin zu großkalibrigen Raketen und Flugkörpern sowie klassischen Zielen wie Hubschraubern und Kampfflugzeugen. Die Stärke von SysFla liegt in der Kombination von zwei unterschiedlichen Waffen: der Flugabwehrkanone und dem Lenkflugkörper LFK NG. Die Kanone deckt den Nächstbereich bis etwa 3 km ab und der Flugkörper stellt den Nahbereichsschutz bis 10 km sicher. Aufgrund seiner Systemarchitektur besitzt SysFla auch die Fähigkeit, im multinationalen Verbund gemeinsam mit anderen Kräften der bodengebundenen Luftverteidigung eingesetzt zu werden. Außerdem ist die Vernetzung mit dem in Entwicklung stehenden Taktischen Luftverteidigungssystem MEADS (Medium Extended Air Defense System) möglich. Dabei sind beide Systeme auf unterschiedliche Zielspektren, Einsatzszenarien und Reichweiten ausgelegt.

Kanonensystem MANTIS
Am 1. Jänner d.J. wurde das Waffensystemprojekt MANTIS mit allen entsprechenden Projektelementen an die deutsche Luftwaffe übergeben. Zum Betrieb dieses Waffensystems im Flugabwehrraketengeschwader 1 in Husum wird bis 1. April eine Flugabwehrgruppe aufgestellt. Ziel ist es, die Einsatzbereitschaft des Kanonensystems MANTIS schnellstmöglich herzustellen und bis Ende 2011 den Einsatz in Afghanistan zum Schutz des Feldlagers Kunduz sicherzustellen.
  Das C-RAM-System MANTIS (Weiterentwicklung von Skyshield) ist zur Bekämpfung von Artilleriegeschossen und selbstgebauten Raketen vorgesehen und bildet die Basis für SysFla. Eine Batterie besteht aus einer Bedien- und Feuerleitzentrale (BFZ), zwei Feuerleitradargeräten (NBS) sowie aus sechs 35 mm-Kanonen und es ist rund um die Uhr einsatzbereit.

Bedien- und Feuerleitzentrale (BFZ)
Die BFZ als Batteriegefechtsstand befindet sich in einem Container. Vier Berufssoldaten arbeiten in der Feuerleitzentrale und der Feuerleitoffizier ist für die Bekämpfungsabläufe verantwortlich. Eine vollautomatische Bedrohungsanalyse der Gesamtluftlage ist möglich und kurze Reaktionszeiten zur Bekämpfung von RAM- (Raketen, Artillerie, Mörser) Zielen bilden die Herausforderung für die Bedienung. Neben den zwei Feuerleitradargeräten können andere externe Sensoren mit der BFZ Luftlagedaten austauschen und die Anbindung an einen taktischen Datenlink ist möglich. Die BFZ kann später für den Einsatz des LFK NG und die Anbindung des IR-Sensors FIRST erweitert werden.
  Die Sensoreinheit (NBS) besteht aus zwei Feuerleitradargeräten, wobei jedes Radar drei Revolverkanonen führt. Das MANTIS-Radar soll in der Lage sein, Ziele mit einem Radarquerschnitt unter 0,01 m² auf eine Entfernung bis 20 km zu erfassen.

Oerlikon 35 mm- Revolverkanone
Die Revolverkanone ist eigentlich ein Nachfolger der legendären Oerlikon 35 mm Z/FlAK. Sie ist ein einläufiges unbemanntes Flugabwehrgeschütz im Kaliber 35 mm mit einer Kadenz von 1.000 Schuss/Min. und wird vollautomatisch durch ein Feuerleitgerät geführt. Der horizontale Schwenkbereich beträgt 360°, die Rohrerhöhung von -15° bis +85°. Als C-RAM System wird die Kanone mit AHEAD-Munition geladen. Die Einsatzschussweite gegen RAM-Ziele beträgt 3 km.
  Die AHEAD-Munition (Advanced Hit Efficiency and Destruction) stellt die RAM-Abwehrfähigkeit sicher. Unmittelbar vor dem Verlassen des Rohres wird die Geschossgeschwindigkeit gemessen und der Zeitzünder in der AHEADMunition programmiert. Kurz vor dem Zielobjekt werden etwa 150 Wolfram- Subprojektile ausgestoßen. Die energiereichen Subprojektile zerstören anfliegende Raketen, Granaten und Geschosse.

Flugkörpersystem NG
Das SysFla erfährt durch den Lenkflugkörper Neue Generation (LFK NG), den Tiefflugbereichsradar (TBR) und den Infrarot-Sensor FIRST wesentliche Ergänzungen.

Lenkflugkörper Neue Generation (LFK NG)
Der Lenkflugkörper Neue Generation ist neben der Kanone die zweite Waffe des SysFla. Er ist zur Bekämpfung des Bedrohungsspektrums im Nahbereich vorgesehen und wirkt bis zu einer Reichweite von 10 km und einer Höhe von 5 km. Der LFK NG besitzt einen hochauflösenden IR-Suchkopf, der selbst Ziele mit geringer Wärmeabstrahlung (wie z.B. Raketen, Marschflugkörper, Drohnen, Flugzeuge und Hubschrauber) registrieren kann. Ein Datenlink ermöglicht „lock-on after launch“, also den Start ohne vorherige Zielerfassung durch den Suchkopf, was z.B. die Bekämpfung von Hubschraubern hinter Deckungen erlaubt.
  Der Werfer ist für den mobilen Einsatz und eine schnelle Verlegungsfähigkeit konzipiert. Mit dem LFK NG Werfer kann in kürzester Zeit ein Rundum- Objektschutz hergestellt werden und die Flugkörper werden senkrecht aus Startschächten abgefeuert.

Tiefflugbereichsradar (TBR)
Das Tiefflugbereichsradar ist ein komplexes Sensorsystem, das bis 90 km Entfernung und eine Höhe von 10 km Luftziele erfassen soll. Das TBR liefert 3D-Zielinformationen sämtlicher Flugziele im jeweils gewählten Erfassungsbereich. Zur Identifizierung von Flugzielen ist es mit einem Freund- Kenngerät neuester Generation einschließlich ziviler Abfragemodi ausgestattet. Weil in fast allen Einsatzszenarien der Luftraum zivil und militärisch genutzt wird, ist diese Option besonders wichtig. Das Radar kann selbst kleinste Ziele auf große Entfernungen erfassen und liefert Daten zur Zielbekämpfung u.a. an den Lenkflugkörper Neue Generation. Es kann als Stand- Alone-System oder als Teil eines Luftverteidigungssystems im Zusammenwirken mit anderen Radaranlagen eingesetzt werden. Eine Verbindung zur BFZ ermöglicht den Datenaustausch innerhalb des SysFla.

Überwachungs- und Alarmierungssystem FIRST
Das hochauflösende Überwachungs- und Alarmierungssystem FIRST (Fast Infra-Red Search and Track) ergänzt die Radarsensoren und kann – abhängig von der IR-Signatur – bis auf 30 km Luftziele mit 3D-Erfassung entdecken. Bei der Überwachung von Geländeabschnitten und des Luftraums kann das IRSystem autark oder vernetzt arbeiten. Ein einfacher Transport ist durch seine leichte kompakte Bauweise möglich. 

DER SOLDAT-Ausgabe Nr. 6/2011 vom 23. März

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