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sicherheitspolitik

Obst Karl-Heinz Leitner

Nur ein Traum?

Montagmorgen, 21. Jänner 2013. Ich schrecke schweißgebadet aus einer Tiefschlafphase auf. Gestern war doch? … Ja. Natürlich! … die Volksbefragung. Jetzt wird alles gut werden. Doch halt! Was machen diese drei kleinen Kobolde, die auf meiner Bettdecke einen Freudentanz aufführen?


Schon nähert sich die erste der kleinen Figuren und setzt sich nahe zu meinem Ohr. Es flüstert, aber ist dennoch vernehmlich: „Ha! Wir haben gewonnen, wir, die Befürworter des Freiwilligenheeres! Jetzt bleibt kein Stein auf dem anderen. Wir werden das Heer umkrempeln, schlanker und schlagkräftiger machen. Das neue Heer wird konkurrenzfähig um die Besten am Arbeitsmarkt mitbieten können und mit interessanten und lukrativen Angeboten die zukünftigen Soldaten in Scharen anlocken. Dass vielleicht die gesetzlichen Grundlagen nicht so rasch vollständig aufbereitet werden können, ist eine vernachlässigbare Größe. ‚Speed kills‘ – wie man es einer Vorgängerregierung vorgeworfen hat, trifft für uns nicht zu. Und dass sich vielleicht bei der Berechnung der Kosten der eine oder andere kleine Fehler eingeschlichen hat (was machen schon ein paar Nullen vor dem Komma aus) – auch kein Problem. Wir passen das neue schlagkräftige Heer einfach dem finanziellen Rahmen an – und schon ist alles wieder im Lot.“
Der zweite Kobold schubst den ersten vom Polster und macht es sich bequem. „Schwachsinn! Wir haben gewonnen, wir, die Protagonisten der Beibehaltung der Wehrpflicht und des Zivildienstes. Wir wissen seit Jahrzehnten, dass im Bereich der Ausbildung und v.a. der Motivation unserer Rekruten vielleicht nicht alles zum Besten steht. Bisher war nur der Leidensdruck nicht groß genug, um wirklich etwas ändern zu wollen. Aber jetzt wird alles besser und interessanter. Leerläufe, Demotivation, ‚Rauchen und Saufen‘ gehören der Vergangenheit an. Wir werden einen derartigen Zulauf erleben, dass den Hilfsorganisationen die Zivildiener ausgehen werden. Und das Geld? No problem! Der fehlende finanzielle Polster wird einfach durch Improvisationstalent, Fantasie und persönliches Engagement sowohl der Ausbilder als auch der Auszubildenden völlig kompensiert.“
Das dritte Männchen hüpft bereits ungeduldig von einem Bein aufs andere. Und nun reicht es ihm. Er setzt sich einfach auf die Nummer 2, dem es die Rede verschlägt. Kurzes Schweigen.
Dann hebt es an: „Lass Dich von den beiden Träumern nur nicht schwindlig reden! Ich bin der Sieger, ich, die Realität. Die Volksbefragung ist vorüber. Die Sieger brechen in frenetischen Jubel aus und die Verlierer sind damit beschäftigt, ihre Wunden zu lecken und Gründe für den Ausgang des Volksentscheides zu finden. Wenn Du glaubst, dass sich nun etwas ändert, bist Du auf dem Holzweg. Das Thema Bundesheer ist abgehakt und nun wende ich mich den wirklich wichtigen Dingen zu: Wahlkampf allerorten. Auf Länderebene und später im Jahr auf Bundesebene. Glaubst Du wirklich, dass ich mich nun mit Peanuts wie dem Bundesheer weiter beschäftige? Wenn erst der Nationalratswahlkampf geschlagen ist, geht es an die Konsolidierungsphase. Bis die neue Regierung ihre Handlungsfähigkeit erlangt hat, ist ab heute ein Jahr ins Land gezogen. Und in einem Jahr weiß keiner mehr, wie sich die Bevölkerung 2013 entschieden hat. Wenn doch – dann haben sich die Begleitumstände schon so verschoben, dass der Entscheid als obsolet zu betrachten ist. Lass Dir von mir, der Realität, sagen, wie es weitergehen wird: Weiterwursteln wie bisher, weil das hat doch recht gut funktioniert und es kostet keinen Cent mehr.“
Mir reicht es. Ich setze mich auf, schüttle die Schweißperlen von der Stirn – und die Kobolde sind verschwunden. Es war alles nur ein böser Traum – oder? 

DER SOLDAT-Ausgabe Nr. 1/2013 vom 18. Jänner

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