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im soldat zu gast

Das Interview führte Chefredakteur
Obst Karl-Heinz Leitner

Orthodoxe Militärseelsorge im ÖBH

Mit Wirkung vom 1. Juli wurde – vorerst befristet auf 18 Monate – eine Orthodoxe Militärseelsorge beim Österreichischen Bundesheer eingerichtet. In dem vom BMLVS und der griechischorientalischen Metropolis von Austria mit Sitz in Wien unterzeichneten Abkommen wurde Univ. Doz. DDDr. Alexander Lapin als Seelsorger der orthodoxen Kirche namhaft gemacht. Der orthodoxe Militärseelsorger Alexander Lapin stellte sich dem SOLDAT zum Interview.


Alexander Lapin, geboren in Prag, mit russischen Vorfahren, maturierte in Wien, wo er anschließend Chemie und Medizin studierte und wo er heute als Labormediziner im Sophienspital arbeitet. 1984 leistete er den Präsenzdienst beim Österreichischen Bundesheer ab und studierte später nebenberuflich Orthodoxe Theologie an der Universität Prešov in der Slowakei. Gegenwärtig unterrichtet er u.a. an der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien/Krems die angehenden orthodoxen Religionslehrer. Alexander Lapin ist verheiratet und Vater von drei erwachsenen Kindern.

DER SOLDAT: Herr Dr. Lapin, gibt es für Sie in Ihrer Funktion als Seelsorger eine korrekte Anrede – oder anders gesagt, wie wollen Sie angesprochen werden?
  Alexander Lapin: In der orthodoxen Kirche ist es üblich, dass die Priester oder Diakone mit „Vater + Vornamen“ angesprochen werden. Die sonstigen Titel werden dabei weggelassen. Außerhalb dieses kirchlichen Kontextes kann man alle sonst üblichen Anreden verwenden, aber natürlich ohne den „Vater“. Und im Übrigen, da meine Bestellung als orthodoxer Militärseelsorger vorerst befristet ist, ist es auch verständlich, dass ich beim Österreichischen Bundesheer dz. keinen Dienstgrad führe.

DER SOLDAT: Für den Durchschnittsbürger ist die orthodoxe Kirche eine Kirche. Tatsächlich handelt es sich um 15 sogenannte autokephale (selbstständige, unabhängige: Anm.) orthodoxe Kirchen, die in Österreich vertreten sind. Wie schwierig ist es, diese 15 Kirchen im Rahmen Ihrer Tätigkeit unter einen Hut zu bringen?
  Vater Alexander: Nun ich würde sagen, dass es für den Durchschnittsbürger gar nicht klar ist, was man mit den Begriffen orthodoxe, orientalische oder östliche Christen meint und welche von ihnen in Österreich vertreten sind bzw. welche Konfession sie eigentlich darstellen. Um das zu erklären, erlauben Sie mir, mit der Geschichte anzufangen.
  Bis zum Ende des ersten Jahrtausends gehörte der überwiegende Teil der Christen zu ein und derselben Kirche, die einerseits von Rom, anderseits von vier weiteren geistigen Zentren, Konstantinopel, Alexandrien, Antiochien und Jerusalem, administriert wurde. Im Jahr 1054 kam es zwischen Rom und den übrigen Patriarchaten des Ostens zur Spaltung, aus der die römisch-katholische und die orthodoxe Kirche hervorgegangen sind.
  Jede der 15 orthodoxen Kirchen hat ihre nationalen Eigenheiten wie die liturgische Sprache, kirchliches Brauchtum usw., doch in Fragen des Glaubens und der gottesdienstlichen Tradition besteht unter ihnen eine volle Übereinstimmung. So kann z.B. ein serbisch-orthodoxer Christ in der russischen Kirche die Kommunion empfangen. Er kann auch eine bulgarisch-orthodoxe Christin heiraten und die Hochzeit kann dann etwa in der griechischen Kirche stattfinden. Das Kind, das aus dieser Ehe hervorgeht, kann von einem rumänischen Priester getauft werden.
  Wenn man nun bedenkt, dass der nicht-katholische Teil des westlichen Christentums, also die Evangelischen, Reformierten, Anglikaner und Evangelikalen zwar an der Zahl sehr bedeutend sind, glaubensmäßig jedoch sich oft stark unterscheiden, dann kann man zurecht von den orthodoxen Christen als von der zweitgrößten christlichen Konfession der Welt sprechen.
  Gegenwärtig werden vom österreichischen Staat fünf autokephale orthodoxe Kirchen anerkannt, die den folgenden Patriarchaten unterstehen: Konstantinopel (in Österreich historisch als griechisch-orientalisch bezeichnet), Moskau, Serbien, Rumänien und Bulgarien.
  Was nun die möglichen Schwierigkeiten zwischen Orthodoxen unterschiedlicher Nationalitäten betrifft, ist es zu bedenken, dass es sich hier um Menschen mit unterschiedlichen Sprachen, Traditionen und Mentalitäten handelt. Schließlich ist es sehr oft so, dass es gerade die Kirche ist, die bei den meisten christlichen Völkern oft eine wichtige, wenn nicht zentrale kulturtragende Rolle zu erfüllen hat. Auf der anderen Seite, gerade wegen dieser emotionellen und historischen Verwurzelung, kann es unter der Ägide der unterschiedlichen Kirchenzugehörigkeit zu Spannungen, ja zu Konflikten kommen.
  Man muss aber auch sagen, dass die orthodoxen Christen ihre traditionellen Erfahrungen bei der Lösung diverser Konflikte haben. Die Lösung wird immer im Dialog und im gemeinsamen Konsens gesucht. Dass dies ein sehr mühsamer und oft langsamer Weg ist, ist unbestritten. Wir glauben, dass ein solcher Konsens nur im Zeichen der gegenseitigen Liebe und Respekt und mithilfe des Heiligen Geistes möglich ist. Und vielleicht gerade deswegen existiert die orthodoxe Kirche 2.000 Jahre, nicht wegen ihrer Organisation oder Autorität.

DER SOLDAT: Könnten Sie Ihren Aufgabenbereich als Militärseelsorger kurz umreißen?
  Vater Alexander: Laut meinem Dienstvertrag besteht meine Aufgabe in der berufsethischen Bildung, im lebenskundlichen Unterricht, in der seelsorgerischen Betreuung und im Beistand in persönlichen Krisensituationen. Dies bezieht sich auf alle orthodoxen Christinnen und Christen, die beim Österreichischen Bundesheer tätig sind. Darüber hinaus stehe ich auch allen anderen in Religionsfragen, insbesonders den Kommandanten zur Verfügung.
  Was allerdings mein Dienstvertrag ausdrücklich nicht vorsieht, ist das Feiern von Gottesdiensten, insbesondere der göttlichen Liturgie, da diese in den jeweiligen Pfarren, denen die einzelnen Bundesheerangehörigen angehören, erfolgen soll.
  Da die meisten orthodoxen Jugendlichen in Österreich einen Migrationshintergrund vorweisen, ist es gerade für diese Menschen wichtig zu verstehen, dass sie aus einer Kultur stammen, die ein wichtiger Teil der europäischen Geschichte ist, ja ein unabdingbares kulturelles Erbe dieses Kontinentes darstellt. Dass das orthodoxe Christentum in Österreich keineswegs etwas Fremdartiges ist, beweisen schon die tiefen historischen Wurzeln. Schon die Babenberger haben byzantinische Prinzessinnen geheiratet und später, ab der Zeit der Türkenbelagerung, waren es die griechischen Händler bzw. griechisch-stämmige österreichische Bürger, die eine wichtige Brückenfunktion hin zum Orient erfüllt haben. Nicht zuletzt sei erwähnt, dass es in Wien mehr als ein Dutzend orthodoxe Kirchen gibt, von denen die meisten zu den markantesten Denkmälern der Stadt gehören.
  Aber abgesehen von all diesen historischen und kulturellen Aspekten; mein dezidiertes Anliegen ist es, den jungen Menschen im Österreichischen Bundesheer zu vermitteln, dass es so etwas wie „Motivation zum Guten“ geben muss. Gerade ein Soldat, der eine Waffe trägt, soll sich im besonderen Maße seiner Verantwortung bewusst sein.
  Meiner Meinung nach wäre ein solches moralisches Gespür etwas, das weder der Aufgabe eines Soldaten noch eines jeden Menschen widerspricht. Und im Übrigen haben wir im frühen Christentum zahlreiche faszinierende Beispiele für eine solche Haltung. Es sind sogenannte Militärheilige, die allesamt hervorragende Soldaten und Kämpfer waren, doch ihre christliche Moral und Überzeugung war ihnen mehr wert als ihr eigenes Leben. Einen von ihnen, den Heiligen Merkurios, den römischen Offizier ausländischer Herkunft und christlichen Märtyrer des 4. Jh., haben wir uns als Patron für die Orthodoxe Militärseelsorge ausgewählt.

DER SOLDAT: Ihr Wirkungsbereich ist dz. auf Wien beschränkt. Wie viele „Schäfchen“ haben Sie dz. in Ihrer Herde? Und könnten Sie sich vorstellen – oder wäre es sinnvoll – die Orthodoxe Militärseelsorge auf ganz Österreich auszuweiten?
  Vater Alexander: Von einer „Herde“ möchte ich vorerst gar nicht sprechen, es sind vielmehr „Schäfchen“, sofern sie sich so bezeichnen lassen. Das bedeutet aber auch, dass man erst dabei ist, den Erstunterricht zu realisieren und ich möchte hoffen, dass damit hie und da ein Impuls zum Nachdenken gesetzt wird.
  In späterer Folge kann sich mit Gottes Hilfe so etwas wie eine Gruppe, ein Kollektiv oder eine Herde bilden. Dazu habe ich ein paar Visionen. Ich denke etwa an eine Parallele zur Pilgerfahrt nach Lourdes der katholischen Kameraden. Bei uns könnte es bspw. die Fahrt nach Novi Sad sein. Einerseits, um die alt-österreichische Festung Petrowardein zu besichtigen, andererseits, um zu den orthodoxen Klöstern von Fruška Gora zu pilgern. Gerade in den positiven Beziehungen zwischen Österreich und Serbien gibt es trotz vieler persönlicher Kontakte einiges nachzuholen.
  Aber es gäbe auch andere interessante Pilgerdestinationen. Nicht zuletzt den hl. Berg Athos. Anderseits denke ich auch daran, die Präsenz unserer Soldaten in den orthodoxen Kirchen Österreichs zu verstärken. Man könnte sich schließlich auch vorstellen, dass es eines Tages möglich sein wird, ein pan-orthodoxes Jugendtreffen zu organisieren, zu dem man auch andere Konfessionen einladen würde, das aber auch für das Österreichische Bundesheer interessant sein könnte.
  Mit anderen Worten, an Ideen sollte es nicht mangeln.

DER SOLDAT: Sie sind nun bereits vier Monate in Ihrer neuen Funktion tätig. Wie sind Ihre bisherigen Erfahrungen?
  Vater Alexander: Glücklicherweise ließ sich mein Einsatz bis jetzt recht gut managen. Trotz anfänglich verständlicher Begeisterung und allgemeinem Interesse für die neu eingerichtete Orthodoxe Militärseelsorge muss man sich auch bewusst werden, dass das „gut Ding“ seine Weile braucht und dass nicht alles auf einmal geht. Dennoch denke ich, dass mir ein guter Start gelungen ist. Ich habe bereits mehrere Erstunterrichtslehrgänge für orthodoxe Rekruten abgehalten, ich war bei einer Angelobung – übrigens am Brunnenmarkt, an einem der besten Plätze für das positive Beispiel des interkulturellen Zusammenlebens in Österreich – und ich habe auch ein Referat bei einem Symposium an der HUAk zum Thema Umwelt und Armee halten können.
  Ein von mir erstellter Info- Flyer und eine Homepage der Orthodoxen Militärseelsorge stehen unmittelbar vor der Fertigstellung. In absehbarer Zeit würde ich gerne einen Gebets- und Unterrichtslehrbehelf ausarbeiten. Und am Nationalfeiertag kamen auf mich noch ein paar weitere Verpflichtungen zu.

DER SOLDAT: Wie wurden Sie im Kreis Ihrer Amtsbrüder und -schwestern der anderen im Bundesheer vertretenen Religionsgemeinschaften aufgenommen?
  Vater Alexander: Die Aufnahme seitens der katholischen und evangelischen Militärseelsorger, Militärseelsorgerin sowie ihrer Mitarbeiter kann ich nicht genug würdigen. Ich wurde sehr herzlich und mit großem Interesse aufgenommen, als hätten wir uns schon lange gekannt. Ich habe das Gefühl, dass ungeachtet verschiedener Konfessionen, jeder von uns nur das Beste geben will und dass wir letztlich mit unserer Arbeit dasselbe meinen, den jungen Soldaten etwas Positives im Sinne unseres christlichen Glaubens auf den Weg zu geben.

DER SOLDAT: Könnten Sie sich vorstellen, dass auch noch andere in Österreich anerkannte, aber bisher noch nicht vertretene Religionsgemeinschaften eingeladen werden, seelsorgerisch tätig zu werden?
  Vater Alexander: Sicherlich. Ich denke, dass die Armee eines Landes alle Staatsbürger angeht, ob passiv oder aktiv. Gerade in den Notsituationen, wo die Menschen automatisch zusammenrücken, ist es logisch, dass eine Religionsgemeinschaft, die in Österreich anerkannt ist, nicht nur ihre Angehörigen beim Österreichischen Bundesheer betreut, sondern diese zum Dienst für das Wohl aller, egal welcher Zugehörigkeit, motiviert. Ich denke, dass dies keine konstruierte Vorstellung ist, sondern etwas, was mit Solidarität und Verantwortung zu tun hat. Und das geht letztlich alle an.

DER SOLDAT: Das oben angesprochene Abkommen ist mit 18 Monaten, das ist bis 31. Dezember 2012, befristet. Welche Ziele wollen Sie bis zu diesem Zeitpunkt erreicht haben und können Sie sich vorstellen, dass das Engagement der Orthodoxen Militärseelsorge auch nach Ende 2012 eine Fortsetzung im Österreichischen Bundesheer finden wird?
  Vater Alexander: Über meine Visionen habe ich schon gesprochen. Was meine Tätigkeit an sich betrifft kann ich nur einen guten Bekannten von mir zitieren, der gesagt hat, dass wenn jemand seinen christlichen Glauben ernst nimmt, dann will er Dinge, die er für die anderen tut, maximal gut machen. Ich werde versuchen, es so zu tun. Mit Gottes Hilfe. 

DER SOLDAT-Ausgabe Nr. 21/2011 vom 9. November

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