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Obst iR Kurt Gärtner

Raketenabwehr für Europa

Die Verbreitung von Massenvernichtungsmitteln und Trägersystemen, insbesondere jener von ballistischen Raketen, stellt für Europa eine von der Politik bisher vernachlässigte Herausforderung dar. Aufgrund der Komplexität und der extrem hohen Kosten eines Abwehrsystems ist das Problem nur mit einem gesamteuropäischen und internationalen Konzept zu lösen.


Bedrohung
Einige unberechenbare Staaten konzentrieren sich gegenwärtig auf die Beschaffung und Herstellung von Trägersystemen für konventionelle Sprengköpfe und Massenvernichtungswaffen. Die eigentliche Gefahr geht von ballistischen Raketen aus, da die Flugzeit kurz und die Bekämpfung nur mit kostspieligen Abwehrsystemen möglich ist. Das Know-how Russlands, Nordkoreas und Pakistans dürfte in die Konzeption der iranischen ballistischen Raketen eingeflossen sein. Es stellt sich die Frage, warum die Proliferation bisher nicht gestoppt werden konnte. Diplomatie, Sanktionen und Kontrollmaßnahmen allein bringen offensichtlich keine universelle Lösung. Aufgrund des Faktums, dass es kaum realistische Aussichten auf eine vollständige Verhinderung der Proliferation von ballistischen Raketen oder von entsprechenden technischen Komponenten gibt, kann auf Raketenabwehrsysteme nicht verzichtet werden.
  Im Februar 2010 veröffentlichte das US-Verteidigungsministerium den Bericht über die Bedrohung durch ballistische Raketen. Darin steht, dass der Iran in den nächsten fünf Jahren technisch in der Lage sein wird, Zentraleuropa mit ballistischen Raketen zu erreichen.

ALTBMD
Ziel des ALTBMD (Active Layered Theatre Missile Defence/Gefechtsfeld-Raketenabwehr) ist der Schutz eigener Truppen und der Bevölkerung vor ballistischen Raketen mit einer Reichweite von bis zu 3.000 km. Eine politische Entscheidung über Art und Umfang der Raketenabwehr in Europa ist bisher durch die Regierungschefs der NATO noch nicht gefallen. Grundsätzlich sollen Abwehrsysteme und Sensoren in einem internationalen Führungsverbund integriert werden, um so Synergieeffekte durch gemeinsame Einsatzplanung, ein gemeinsames Lagebild und zeitgerechte Zielvoreinweisung zu erlangen.
  Mit den später erwähnten Raketenabwehrsystemen in genügend großer Anzahl können ballistische Raketen von kurzer bis mittlerer Reichweite (bis 3.000 km) abgefangen werden. Wesentlich ist auch die Vernetzung der Waffensysteme mit den erforderlichen Aufklärungs-, Führungs- und Kommunikationsmitteln. Die vernetzte Operationsführung ermöglicht die lageabhängige, individuelle und dynamische Zuweisung vorhandener Einsatzmittel zur Bekämpfung von ballistischen Raketen. Die NATO versucht, Russland von einer Teilnahme an einer europäischen Raketenabwehr zu überzeugen.

Zwei Abwehrschichten
Die Bekämpfung ballistischer Raketen erfolgt in einem aktiven mehrschichtigen Abwehrsystem. Verschiedene Waffensysteme bekämpfen die ballistischen Raketen in unterschiedlichen Höhen und Flugphasen (Treffzonen). Dadurch wird eine hinlängliche Vernichtungswahrscheinlichkeit gewährleistet. Die komplette Fähigkeit zur Abwehr von ballistischen Raketen in der unteren und oberen Abwehrschicht soll laut Zeitplan bis spätestens 2018 erreicht werden. Zur Differenzierung zwischen der unteren und oberen Abfangschicht wurde eine fiktive Trennlinie in einer Höhe von etwa 100 km gezogen.
  In der oberen Abfangschicht (upper-layer) werden ballistische Raketen in der mittleren Flugphase im exoatmosphärischen Bereich bekämpft. Die Bekämpfung in der oberen Abfangschicht schafft mehr Zeit und Raum für die Vernichtung gegnerischer Raketen. Die verfügbare Bekämpfungszeit liegt bei 6-12 Minuten.
  In der unteren Abfangschicht (lower-layer) werden ballistische Raketen in der Anflugphase bekämpft. In diesem endoatmosphärischen Bereich werden mobile Waffensysteme eingesetzt. Sie schützen v.a. begrenzte Räume und wichtige Objekte. Aufgrund der kurzen Bekämpfungszeit ist eine Voreinweisung durch Frühwarnradar-Systeme und Satelliten unbedingt notwendig. Zur Bekämpfung steht eine Zeit von maximal 1 Min. zur Verfügung.

Raketenabwehrsysteme
Obere Abfangschicht:
a) Aegis Ballistic Missile Defense System (SBMD): Ein seegestütztes Raketenabwehrsystem,     das einen SM-3 Flugkörper mit einem leichten exoatmosphärischen Projektil (LEAP) samt     kinetischem Gefechtskopf verwendet. Reichweite 500 km und Einsatzhöhe 250 km. Status:     Operationell verfügbar, ständige Kampfwertsteigerungen sowie Erprobung eines         landgestützten Systems.
b) Terminal High Altitude Area Defense (THAAD): Ein Raketenabwehrsystem, das unter     Verwendung eines kinetischen Gefechtskopf-Luftfahrzeuges (Kill Vehicle) die feindliche     Rakete durch Kollision (also durch Aufprallwucht) zerstören soll. THAAD hat eine Reichweite     von 200 km und kann unter günstigen Bedingungen ballistische Raketen bis in eine Höhe     von 150 km bekämpfen. Status: Operationell verfügbar.
Untere Abfangschicht:
a) Patriot Advanced Capability (PAC-3): Im Gegensatz zu THAAD besitzt der Patriot-
    Flugkörper einen Sprengkopf und zerstört die feindliche Rakete durch eine Explosion.     Patriot kann daher auch Kampfflugzeuge und Marschflugkörper bekämpfen. Gegen     ballistische Raketen beträgt die Reichweite 45 km und die Einsatzhöhe 20 km. Status:     Operationell verfügbar.
b) Medium Ext ende d Air Defense System (MEADS): Es ist ein trilaterales Programm der USA,     Italiens und Deutschlands und soll als erstes Waffensystem in der Lage sein, sowohl     konventionelle Bedrohungen wie Kampfflugzeuge oder Kampfhubschrauber als auch     Marschflugkörper oder taktische ballistische Raketen wirkungsvoll bekämpfen zu können.     Hierzu wird das Luftverteidigungssystem mit zwei Lenkflugkörpern unterschiedlicher     Reichweite (PAC-3/Patriot und IRIS-T SL) ausgestattet. Status: Beschaffung ausgesetzt.
c) Aster 30 (MBDA) startet den Abfangflugkörper senkrecht und hat eine Reichweite gegen     Raketen von ca. 60 km bei einer Höhenabdeckung von 20 km. Status: In fortgeschrittener     Entwicklung.
d) SA-400 Triumph (Russland) gehört ebenfalls dieser Kategorie an. Status: Operationell     verfügbar.
Die unterschiedlichen Waffensysteme Patriot, THAAD und Aegis/SM-3 sollen sich im Einsatz gegenseitig unterstützen. Sie können über die Datenverbindung Tactical Digital Information Link-J/Link 16 (TADIL-J) eng zusammenarbeiten. 

DER SOLDAT-Ausgabe Nr. 18/2011 vom 21. September

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