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wehrpolitik

Bgdr DDr. Harald Pöcher

Rüstungsungleichgewicht Europa - USA

Europa verkauft leichter Kühlschränke an Eskimos als Rüstungsgüter an die US-Streitkräfte. Das Trauma der europäischen Rüstungsindustrie mit dem Rüstungsmarkt USA.


EADS verliert gegen Boeing einen Milliardenauftrag
Die Entscheidung der US-Regierung, neue Tankflugzeuge für die US-Streitkräfte im Gegenwert von rd. 35 Mrd. US-$ beim US-amerikanischen Rüstungskonzern Boeing zu beschaffen und nicht beim europäischen Rüstungskonzern European Aeronautic Defence and Space Company (EADS), dürfte in Europa für Wut, Kopfschütteln und Betroffenheit gesorgt haben. Das Nichtzustandekommen des Geschäftes hat auch die Hoffnung auf die Schaffung von zusätzlichen Arbeitsplätzen in der europäischen Luftfahrt- und Zulieferindustrie jäh zunichte gemacht. Der Zuschlag an Boeing ist aber nur ein weiterer Meilenstein im Kampf um Marktanteile bei Großraumflugzeugen zwischen den beiden weltweit größten Herstellern. Der Kampf der beiden Giganten der Luftfahrtbranche entbrannte bereits in den 80er Jahren, als es der EADS-Tochter Airbus gelang, dem damaligen unangefochtenen Marktführer beim Verkauf von Großraumflugzeugen große Marktanteile unter Mithilfe von Regierungen, die die Entwicklung von Airbus- Flugzeugen großzügig subventioniert hatten, entreißen zu können. EADS wird vermutlich nun versuchen, auf dieselbe Art Boeing in einem anderen Match um lukrative Aufträge für die Lieferung von Großraumflugzeugen nochmals zu schlagen. Auf der Strecke könnten dann Tausende von Arbeitsplätzen in den USA bleiben. Die Entscheidung über den oben angesprochenen Zuschlag ist umso bemerkenswerter, da dem Ringen um den Auftrag ein fast 7-jähriger Kampf um den Auftrag zwischen den beiden Kontrahenten vorrangig. Der europäische Rüstungskonzern EADS und sein US-amerikanischer Partner, der US-amerikanische Rüstungskonzern Northrop Grumman, machten sich bis zuletzt noch Hoffnungen auf den Auftrag. Als aber Northrop Grumman, aus welchen Gründen auch immer, als Partner des europäischen Rüstungskonzerns EADS absprang, war für jeden Kenner der Rüstungsbranche und des Rüstungsmarktes klar, dass dieses milliardenschwere Geschäft (mit Folgeaufträgen wird der Gesamtauftrag sogar auf rd. 100 Mrd. US-$ geschätzt) nur der US-amerikanische Rüstungskonzern Boeing machen darf.

„Made in Europe“ bei den US-Streitkräften nicht begehrt
Blickt man in die Arsenale der einzelnen Teilstreitkräfte der US-Streitkräfte, so finden sich nur wenige Waffen und Waffensysteme, die in Europa von europäischen Rüstungskonzernen produziert wurden. Am bekanntesten ist wohl der britische Senkrechtstarter Harrier, der bis 1997 von McDonnell Douglas als AV-8 Harrier II und seitdem bei Boeing für die US Marines hergestellt wird. Mit der Produktion des Harriers erhielt Boeing zweifelsohne viel Know-how für die Produktion von Senkrechtstartern, musste sich aber bei einer Ausschreibung für einen neuen Flugzeugtyp mit Senkrechtstarteigenschaften dem Mitbewerber Lockheed Martin geschlagen geben. Der Lockheed Martin F-35 Lightning II Joint Strike Fighter ( JSF) wird in Zukunft in vielen Luftwaffen der Welt zum Einsatz gelangen und bei Lockheed Martin weiter für gefüllte Auftragsbücher sorgen. Es war daher klar, dass Boeing bei einem anderen Auftrag durch den USamerikanischen Steuerzahler gestützt werden muss. Während sich Lockheed Martin und Boeing beim JSF konkurriert haben, haben sie bei der Entwicklung des neuesten Kampfflugzeuges F-22 Raptor eng zusammengearbeitet. Beide Flugzeugtypen werden den USA eine technologische Überlegenheit über Jahre hinaus sichern können. Betrachten wir als Nächstes die Flugabwehr. Sie wird heute bestimmt durch das MIM- 104 Patriot System, das sich im Einsatz als land- und seegestützte Flugabwehr bereits mehrfach bewährt hatte, bspw. im Fernern Osten als Schutzschirm für Japan gegen die Bedrohung durch Raketen aus Nordkorea oder im Nahen Osten als Schutzschirm für Israel gegen Raketen aus dem Irak. Das Flugabwehrsystem wird vom US-Rüstungskonzern Raytheon hergestellt. Bei den Landstreitkräften im Einsatz sind zwar einige europäische Produkte, die aber zum Großteil von Tochterunternehmen des US-Rüstungskonzerns General Dynamics in Kanada und Europa hergestellt werden, wie bspw. bei Mowag in der Schweiz oder European Land Systems Steyr in Österreich. Und auch bei der US Navy ist kein Bedarf an europäischen Rüstungsgütern gegeben. Flugzeugträger, Landungsschiffe, andere größere Überwasserkriegsschiffe und auch die Unterseeboote stammen aus heimischer Produktion. Die größten Lieferanten sind die Schiffswerften der beiden Rüstungskonzerne Northrop Grumman und General Dynamics.

BAE hat Vorteile
Blickt man ferner in die Historie der Zusammenarbeit zwischen Rüstungsunternehmen der USA und von Europa, so fällt auf, dass die USA am ehesten eine Zusammenarbeit mit dem großen britischen Rüstungskonzern BAE suchen und es dem britischen Rüstungskonzern in der Vergangenheit auch leichter möglich war, in den USA Tochterunternehmen einzurichten. Das liegt zweifelsohne darin begründet, dass Großbritannien als treuester Verbündeter der USA in Europa gilt und in der politischen Realität die Achse London-Washington ein höheres Gewicht hat als London-Brüssel.
  Im Gegenzug dazu haben alle europäische Streitkräfte Rüstungsgüter aus US-amerikanischer Fertigung in ihren Arsenalen. Als Beispiele können hier F-16 Kampfflugzeuge, Patriot-Luftabwehrraketen, Panzerhaubitzen vom Typ M-109 und Black Hawk Hubschrauber von Sikorsky angeführt werden. Oft sind aber auch nur Bauteile aus US-amerikanischer Fertigung in europäischen Rüstungsgütern integriert, etwa in Kampfflugzeugen, Hubschraubern oder Kampfschiffen. Dies ist erforderlich, um im Rahmen von NATO-Einsätzen mit den USA kooperieren zu können. Fairerweise muss man aber hier erwähnen, dass die USA bei Rüstungsgeschäften nicht kleinlich sind und auch Gegengeschäfte akzeptieren, die als Türöffner für die europäische Industrie gute Dienste leisten können.

Ziel: Größtmögliche Autarkie
Die Hauptgründe für die Erfolglosigkeit der europäischen Rüstungsindustrie in den USA liegen im Willen der USA, von anderen Staaten in Bezug auf ihre nationale Sicherheit unabhängig zu sein und in der starken Lobby der US-amerikanischen Rüstungsindustrie. Beide Gründe haben nach dem Ersten Weltkrieg und insbesondere während des Zweiten Weltkrieges die Rüstungsindustrie der USA zu einer verlängerten Werkbank der damaligen alliierten Siegermächte werden lassen und damit auch die Weltmachtstellung der USA als Nummer Eins bewirkt. Die US Forces waren durch die Leistungsfähigkeit der heimischen Rüstungsindustrie nicht auf ausländische Rüstungserzeugnisse angewiesen und konnten, wo immer sie es wollten, ihr offensichtliches Sendungsbewusstsein als Weltpolizei zur Wirkung bringen. Die USA und ihre Rüstungsindustrie verstanden es seitdem immer wieder, die hohen Aufwendungen in die Forschung und Entwicklung von Rüstungsgütern auch mit dem Erhalt der Funktion einer Weltmacht Nummer Eins ihren Bürgern gegenüber zu rechtfertigen. Die Stellung der USA als Weltmacht Nummer Eins, die im Verständnis der US-Regierungen u.a. nur durch hohe Ausgaben im Rüstungsbereich aufrecht erhalten werden kann, ist dem Großteil der US-Bürger offensichtlich wichtiger als eine flächendeckende Gesundheits- und Sozialversicherung für alle Bürger. In diesem Punkt unterscheiden sich die gesellschaftsund sozialpolitischen Vorstellungen der USA sehr von denen Europas.

Rüstungsmärkte weiterhin nationale Angelegenheit
Die Globalisierung hat fast alle Märkte näher zusammengebracht: Nicht von der Globalisierung erfasst scheint aber der weltweite Rüstungsmarkt zu sein, da nach wie vor die einzelnen Nationalstaaten sehr darauf Bedacht nehmen, dass in erster Linie nur der nationale oder die nationalen Anbieter die nationale Nachfrage nach Rüstungsgütern befriedigen. Dies ist trotz aller Anstrengungen der Europäischen Union (EU) auch in den Mitgliedstaaten der EU immer noch der Fall. Es ist daher nur zu verständlich, wenn Länder, die über eine nennenswerte nationale Rüstungsindustrie verfügen, ihren nationalen Rüstungsmarkt mit der Begründung „nationale Sicherheit“ abschotten und keine Mitbieter bei Rüstungsgeschäften zulassen. Diese Beinahe- Monopolsituation auf den nationalen Rüstungsmärkten ist auch einer der Gründe für die hohen Preise von Rüstungsgütern und die damit einhergehenden großen Gewinnspannen, die Rüstungskonzerne normalerweise machen.

Resümee
Der fehlende Marktzugang durch europäische Anbieter von Rüstungsgütern und die fehlenden attraktiven Produkte der europäischen Rüstungsindustrie für die US-Einkäufer mögen zwar schmerzen, aber die europäischen Rüstungskonzerne haben selbst versagt, indem sie nicht/kaum durch innovative Produkte auf sich aufmerksam machen und so als Anbieter für US-amerikanische Einkäufer interessant werden. Es bleibt durch die vorherrschende Technologielücke zwischen den USA und Europa für die nahe Zukunft zu befürchten, dass die europäische Rüstungsindustrie in den USA keine lukrativen Geschäfte machen wird. Europa als Ganzes kann sich aber darüber hinwegtrösten, dass es immerhin Europäer waren, die vor mehreren hundert Jahren Geburtshelfer der unangefochtenen Weltmacht Nummer Eins waren und es auch immer wieder Auswanderer aus Europa sind, die durch ihren Erfindungsgeist entscheidende Impulse der US-amerikanischen Rüstungsindustrie leisten.

DER SOLDAT-Ausgabe Nr. 17/2011 vom 7. September

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