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analyse

OR ObstltdhmfD Mag. Andreas Thalhammer, MBA
Gfr Univ.-Ass. Mag. Alexander Dubowy

Russland – die vergessene Großmacht

Am 23. Jänner fand im Rahmen des 23. Kulturwissenschaftlichen Dialogs des Instituts für Human- und Sozialwissenschaften der Landesverteidigungsakademie Wien in Kooperation mit dem Institut für Rechtsphilosophie, Religions- und Kulturrecht der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien eine Tagung zum Thema „Russland – die vergessene Großmacht“ statt.


Inhaltlich verfolgte die Konferenz das Ziel, die militärwissenschaf tlichen und sicherheitspolitischen Entwicklungen in der Russischen Föderation seit dem Ende des Kalten Krieges aus russischer Sicht zu erörtern. Dabei stand v.a. die Analyse sicherheitspolitischer Fragestellungen im Mittelpunkt der Vorträge.

Rätsel Russland
Eröffnet wurde die von zahlreichen hochrangigen Vertretern aus Politik, Militär, Wissenschaft und Forschung besuchte Konferenz durch den Kommandanten der LVAk, GenLt Mag. Erich Csitkovits, den Leiter des Instituts für Human- und Sozialwissenschaften der LVAk, ObstdG MMag. DDr. Andreas Stupka, und den stv. Vorstand des Instituts für Rechtsphilosophie, Religions- und Kulturrecht der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien, ao. Univ.-Prof. MMag. DDr. Christian Stadler. Der Akademiekommandant ging in seiner Einführung auf die langjährige fruchtbare Zusammenarbeit zwischen der LVAk und der Universität Wien ein, die durch diese gemeinsame Tagung eine vertiefende Weiterentwicklung erfahren sollte. Insbesondere wies er auf die Tatsache hin, dass Russland uns als Teil Europas bis heute vielfach ein Rätsel geblieben sei, ungeachtet der zahlreichen, nur zu oft übersehenen Gemeinsamkeiten und Parallelen in der ideengeschichtlichen und kulturellen Dimension, die zwischen Mitteleuropa und Russland bestehen. Angesichts der Tatsache, dass viele Konflikte und Krisen in der heutigen Welt ohne Russland nur schwer lösbar seien, handle es sich um eine bedauerliche Entwicklung, so der Generalleutnant.

Innen- und Außensicht
ObstdG MMag. DDr. Andreas Stupka erläuterte in seiner Eröffnungsrede die grundsätzliche Intention dieser Tagung, die in der Bedeutung des Unterschieds zwischen einer rein westlichen Sicht auf die gegenwärtige Politik Russlands und einer aus erster Hand stammenden russischen Darstellung dieser Politik liege. Der Perspektivenwechsel solle ein objektiveres und vollständigeres Bild dieser europäischen Großmacht ermöglichen. Ao. Univ.-Prof. MMag. DDr. Christian Stadler hob die Bedeutung der Kooperation zwischen der Universität Wien und der LVAk als der höchsten militärischen Bildungs- und Forschungseinrichtung des Österreichischen Bundesheeres hervor. In Fortführung des Gedankens von GenLt Mag. Erich Csitkovits sprach er von der Notwendigkeit für Europa, den Osten wiederzufinden und er betonte, dass die bessere Kenntnis des Dialogpartners entscheidend dazu beitrage, Unverständnis, Enttäuschungen, Fehleinschätzungen zu vermeiden.

Internationaler Akteur
Für die Tagung konnten zwei renommierte russische Experten im Bereich der Außen- und Sicherheitspolitik Russlands bzw. der Militärwissenschaft, Dr. Fedor Lukyanov und Obst dRes Prof. Dr. Vasily Belozerov, gewonnen werden, die dem Auditorium in ihren Ausführungen einen authentischen Einblick in die gegenwärtigen militär- und sicherheitspolitischen Interessen Russlands ermöglichten. Die Kernbotschaft des Vortrags von Fedor Lukyanov hat Burkhard Bischof im Tagungskurzbericht, der am 24. Jänner in der Tageszeitung „Die Presse“ erschienen ist, sehr treffend formuliert: Russland darf dz. keineswegs als wichtiger Akteur auf der Weltbühne abgeschrieben werden. Trotz aller Unterschiede habe nach Meinung von Dr. Lukyanov seit den frühen 90er Jahren der Wunsch zu beweisen, dass Russland ungeachtet des Zerfalls der Sowjetunion einer der führenden Akteure der Weltpolitik geblieben sei, die russische Außenpolitik bestimmt. Unter Jelzin unternahm man den Versuch, Russland in möglichst viele internationale Organisationen zu integrieren. Der tatsächliche Einfluss Russlands in diesen völkerrechtlichen Institutionen sei für die russische Führungsriege dabei nur von untergeordneter Bedeutung gewesen, die Mitgliedschaft allein zählte. Unter Putin führte man diese Politik zunächst fort, der Wunsch nach eigenständiger Positionierung habe aber ständig zugenommen. Unter Medwedew folgte ein erneuter Annäherungsversuch an den Westen, diesmal wollte Russland aber die Spielregeln mitbestimmen. Lukyanov betonte, dass der Status einer die Weltpolitik dominierenden Weltmacht, ähnlich der Position der Sowjetunion, für Russland nie wieder erreichbar sein werde. Dieser Weltmachtstatus wurde einer bestimmten Weltlage geschuldet, die in dieser Form in einer multipolaren Welt unwiderruflich der Vergangenheit angehöre. Daraus könne aber nicht gefolgert werden, dass Russland sich in Zukunft mit der Rolle eines „größeren Polens“ zufrieden geben werde. Man sei bestrebt, den Status einer Regionalmacht zu behaupten, die eigene Interessen zu schützen und eigene Werte durchzusetzen wisse. Dies habe man mit der unversöhnlichen Haltung gegenüber einem möglichen NATO-Beitritt Georgiens und der Ukraine, insbesondere aber im 5-Tage-Krieg gegen Georgien bewiesen. Während der Kreml die eigenen Interessen zumindest in groben Zügen skizzieren und für andere mehr oder weniger nachvollziehbar darstellen könne, sei man sich aufgrund der nicht abgeschlossenen Suche nach der nationalen Identität des Inhalts der eigenen Werte noch nicht gänzlich bewusst geworden. Man werde wohl versuchen, als Reaktion auf das Abgleiten der in den inneren Problemen und Widersprüchen versinkenden EU in die Peripherie der Weltpolitik und die chaotischer werdende Welt eine Stabilisierungsrolle, ähnlich der Stellung des Russischen Reiches im 19. Jh., einzunehmen. Im Hinblick auf die geografischen und geopolitischen Zwänge werde aber in Zukunft eine stärkere Hinwendung zur asiatisch-pazifischen Region unvermeidlich sein.

Kriegs- versus Militärwissenschaften
Prof. Dr. Vasily Belozerov stellte in seinem Vortrag eingangs fest, dass zwischen Österreich und Russland grundlegende Unterschiede in der Auffassung der Militärwissenschaft bestehen würden. In Russland werde die Militärwissenschaft in erster Linie als Kriegswissenschaft gesehen. Seinem Vortrag legte er folgenden Begriff der Kriegswissenschaft zugrunde: „Die Kriegswissenschaft ist ein System des Wissens über Gesetze, Charakter des Krieges, Wege seiner Prävention sowie über Aufbau und Vorbereitung der Streitkräfte und des Landes auf einen Krieg, Gesetzmäßigkeiten, Prinzipien und Verfahren des bewaffneten Kampfes.“ Den Ausführungen von Prof. Belozerov zufolge sei der Übergang von der sowjetischen zur russischen Militärwissenschaft noch nicht zur Gänze abgeschlossen. Die russische Militärwissenschaft sehe sich heute mit einer Reihe von Herausforderungen sowie mit theoretischen und methodologischen Problemen konfrontiert. Neben allgemeinen Ansätzen bei der Beurteilung von Wesen und Inhalt der Militärwissenschaft haben sich gravierende Differenzen im Verständnis des Wesens des modernen Krieges herausgebildet. Die meisten Forscher stimmen aber darin überein, dass moderne Kriege und bewaffnete Konflikte bedeutende Wesensveränderungen erlitten haben. Akut sei das Problem der komplexen wissenschaftlichen Forschungen im Bereich des Militärischen geworden. Es handle sich in erster Linie um allgemeine Probleme des Militäraufbaus, Funktionieren des militärischen Systems eines Staates, politische Führung der Streitkräfte und Verwaltung des Verteidigungsbereichs des Landes. Die Grundlage für die aktuelle Aufgabenbestimmung für die russische Militärwissenschaft bilden nach Ansicht von Vasily Belozerov die vom Präsidenten Wladimir Putin im Wahlkampf und im Dekret vom 7. Mai 2012 getroffenen Vorgaben. Dazu zählen: die Schaffung eines qualitativ neuen Systems der Analyse und der strategischen Planung im Bereich der Abwehr von Bedrohungen für die nationale Sicherheit, die Entwicklung effizienter Verfahren zur strategischen nuklearen und nichtnuklearen Abschreckung, die Prognostizierung des Charakters des bewaffneten Kampfes in künftigen Kriegen und bewaffneten Konflikten, die Entwicklung neuer Waffensysteme (z.B. nicht tödliche Waffensysteme), die Konzipierung von neuen operativen Ausbildungsverfahren zum Einsatz der Streitkräfte auf neuen Kriegsschauplätzen, die Bestimmung der Perspektiven der strukturellen Entwicklung und des Personalausbaus der russischen Streitkräfte; die Einführung eines EDV-gestützten Systems für die Verwaltung der Streitkräfte Russlands und neuer Führungsverfahren für die Streitkräfte im einheitlichen Informations- und Kommunikationsfeld unter den Bedingungen netzgestützter Kriegsführung. Angesichts der Problematiken, der Vorgaben der Staatsführung und der Tatsache, dass der Krieg eine ganzheitliche komplexe Erscheinung darstellt, und die Erforschung des Krieges zunehmend zum Objekt unterschiedlicher Disziplinen (u.a. Gesellschafts-, Natur- und technischer Wissenschaften) wird, sah Dr. Belozerov in der Vortragsconclusio die Notwendigkeit gegeben, eine komplexe Militärwissenschaft unter Einführung interdisziplinärer Anknüpfungen und problemzentrierter Forschungsverfahren sowie der Einbeziehung sowohl staatlicher als auch nicht staatlicher Forschungsinstitutionen und Bildungsanstalten zu entwickeln. Bei der Abschlussdiskussion kam man neben den außenpolitischen und militärwissenschaftlichen Fragestellungen auf die aktuellen Entwicklungen im Bereich der russischen Innenpolitik und der EU-Russland- Beziehungen zu sprechen. Im Rahmen der Tagung gelang es, die Kontakte zu russischen Bildungs- und Forschungseinrichtungen im Bereich der Außen- und Sicherheitspolitik sowie der Militärwissenschaften zu vertiefen und auszubauen. 

Der Journalist und Politologe Dr. Fedor Lukyanov ist seit 2002 Chefredakteur der Zeitschrift „Russia in Global Affairs“. Die Zeitschrift wurde als Plattform für Dialog und Polemik unter russischen und internationalen Experten und Politikern über die gemeinsamen Entwicklungsperspektiven in einer sich schnell verändernden Welt entwickelt und dient als Instrument zur intellektuellen Integration russischer und internationaler Politik- und Wirtschaftseliten. Im Jahr 2012 wurde Fedor Lukyanov zum Vorstandsvorsitzenden des Rats für Außen- und Verteidigungspolitik (SVOP), dem er seit 2002 als Vorstandsmitglied angehörte, gewählt. Der 1992 gegründete Rat für Außen- und Verteidigungspolitik (SVOP) ist einer der ältesten russischen Nichtregierungsorganisationen. Zu den erklärten Zielen dieser Organisation zählt die Unterstützung des Staates und der Gesellschaft bei der Ausarbeitung und Umsetzung strategischer Konzeptionen der Entwicklung Russlands im Bereich der internationalen Politik und der Sicherheitspolitik in enger Kooperation mit den Staatsorganen sowie die Förderung der Elitenkonsolidierung. Dr. Fedor Lukyanov referierte zum Thema „Die Entwicklungen der russischen Außenpolitik seit dem Kalten Krieg“.

Der Militärpolitologe Obst dRes Prof. Dr. Vasily Belozerov ist Leiter des Lehrstuhls für Politikwissenschaft am Institut für internationale Beziehungen und sozial-politische Lehren an der Moskauer Staatlichen Linguistischen Universität sowie Mitbegründer und Ko-Vorsitzender der Vereinigung der Militärpolitologen (AVP). Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen u.a. Sicherheits- und Verteidigungspolitik, politische Führung der Streitkräfte, Militärwissenschaft und Methoden und Technologien der Fachanalyse. Die Vereinigung der Militärpolitologen (AVP) ist eine 2006 gegründete russische Nichtregierungsorganisation. Zu den Zielen und wichtigsten Tätigkeitsbereichen zählen die wissenschaftliche Forschung und Analyse der Problematiken der militärischen Sicherheit, der Militärpolitik und der Stellung der Streitkräfte innerhalb der Gesellschaft sowie die Formierung eines positiven gesellschaftlichen Bildes und die Erhöhung der gesellschaftlichen Akzeptanz gegenüber der Arbeit der Staatsorgane und der politischen Institute im Bereich der militärischen Sicherheit und der Militärpolitik. Prof. Dr. Vasily Belozerov berichtete über „Die Entwicklungen der russischen Militärwissenschaft in den vergangenen 20 Jahren“.

DER SOLDAT-Ausgabe Nr. 3/2013 vom 13. Februar

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