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StWm Lukas Bittner

Saudi-arabisch - iranischer Konflikt um regionale Vormachtstellung

Der saudi-arabisch - iranische Konflikt ist nur einer der vielen Konflikte, die im Nahen und Mittleren Osten zwischen verschiedenen Ländern schwelen. Während bis 1979 die Konkurrenz durch ihren damals gemeinsamen Verbündeten – die USA – kaum merkbar war, so hat sich der Konflikt seit dem Sturz des Schah im Zuge der Islamischen Revolution unter Ayatollah Khomeini stark ausgeprägt.


Er wird in keiner Weise offen ausgetragen, aber hat indirekt massive Auswirkungen auf die Situation in dieser Region. Diese Auswirkung beruht v.a. in dem Einfluss, den diese beiden Länder ausüben. Beide Länder nehmen für sich eine Vormachtstellung in Anspruch bzw. setzen diese zum Ziel und versuchen, andere Länder unter ihre Einflusssphäre zu ziehen. Dies ist aktuell im Syrienkonflikt zu sehen. Durch die Entscheidung auf der Konferenz von Istanbul, die Rebellen durch Bahrain, die Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi-Arabien finanziell zu unterstützen, zeichnet sich immer mehr ein Stellvertreterkrieg ab. Der Iran versucht, seinen Einfluss in Syrien zu erhalten und die Hisbollah weiterhin zu unterstützen. Ein Sieg der Rebellen würde diese Unterstützung massiv erschweren.

Religion, Wirtschaft und Kultur
In diesem Beitrag werden exemplarisch drei Teilaspekte aufgegriffen und an ihnen die Gründe und die Form der Rivalität zwischen Saudi- Arabien und dem Iran behandelt. Diese drei Teilaspekte sind
- zum Ersten der religiöse Aspekt des sunnitischen Saudi-Arabien und des schiitischen Iran,
- zum Zweiten die wirtschaftlichen Aspekte beider erdölproduzierender Länder mit bedeutenden Vorkommen dieses Rohstoffes und
- zum Dritten der kulturelle Aspekt, der allein schon in der geschichtlichen Konstante des nationalen Bewusstseins unterschiedlich ausfällt.

Islam
In beiden Ländern ist der Islam eine zentrale Stütze der politischen Entscheidungsfindung, der politischen Machtstrukturen, des politischen Entscheidungsprozesses, aber auch und v.a. der politischen Legitimation. Allerdings unterscheidet sich die Form des Islams fundamental. Während Saudi-Arabien mehrheitlich sunnitisch ist und auch die Macht der politischen Entscheidungsträger aus dem sunnitischen Bereich kommt, so ist der Iran schiitisch – sowohl die Bevölkerungsmehrheit als auch die politischen Proponenten. Saudi-Arabien in seiner heutigen Form entstand am 18. September 1932, als sich Ibn Saud zum König des Königreiches Saudi-Arabien ausrufen ließ. Ibn Saud errichtete allerdings nicht den ersten saudischen Staat auf der arabischen Halbinsel, sondern den dritten. Die Macht der Familie Saud ist bereits seit dem 18. Jh. direkt mit der wahabitischen Lehre des Islam verbunden. Gegründet wurde diese besonders konservative Form – die der Rechtsschule der Hanbali nahesteht – von Muhammad Ibn Abdul Wahab. Ziel der Wahabiya ist die Rückbesinnung auf den ursprünglichen Islam der Urgemeinde in Mekka und Medina. Seit dem 18. Jh. sind aber die Wahabiya und das Haus Saud – das Ibn Abdul Wahab Schutz gewährte – in einem engen Bündnis von Staat und Religion verbunden. Bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jh. kam es zu Kontakten mit salafistischen Gruppen. Die Kooperation dieser beiden Gruppen – die viele Ähnlichkeiten aufweisen, auch wenn sie aus unterschiedlichen Motiven entstanden – gipfelte 1962 in der Gründung der Islamischen Weltliga in Mekka. Diese Institution – die nominell eine Vereinigung von islamischen Rechtsgelehrten und Intellektuellen aus aller Welt sein möchte – ist, nachdem sie hauptsächlich saudi-arabisch finanziert ist, ein Verbreitungsinstrument der Wahabiya. Ähnlich wie die Wahabiya in Saudi-Arabien sah auch Ayatollah Khomeini die Rückbesinnung auf die Urgemeinde von Mekka und Medina als Ziel des Islam. Gerade die Person des Ayatollah Khomeini ist bis heute eine der zentralen Gestalten im Iran. Hintergrund ist v.a. die Entwicklung des Iran im 20. Jh. Gerade nach dem Zweiten Weltkrieg hatte es eine massive Industrialisierung unter der Herrschaft des Schah gegeben, allerdings hatten diese Versuche der sozialen – und sozialistischen – Umverteilungen die „westlichen“ Entwicklungen nicht grundsätzlich abgelehnt. Daher waren diese „sozialen westlichen Entwicklungen“ für einen großen Teil der Bevölkerung – Iran war zu dieser Zeit noch immer mehrheitlich ein Agrarland – keine wirkliche Alternative. Khomeini selbst befand sich seit 1956 im irakischen Exil. Dort entstand auch – Anfang der 70er Jahre – sein bedeutendes Werk „Velayat-e Faqih“, sinngemäß übersetzt „Das Königreich der Rechtsgelehrten“, aber bekannt geworden unter dem Titel „Islamische Regierung“. Ziel Khomeinis war eine Verbindung von westlicher und religiöser Macht unter der Führung eines oder mehrerer Rechtsgelehrter. Damit wollte er wieder zurück zum Ursprung des Islam kommen – auch wenn der Islam in seinen Anfängen keinen so ausgeprägten hierarchischen Klerus kannte, auf den nun die Macht gestützt werden sollte. Ein Grund für die Durchsetzung des „Khomeinismus“ im Iran war auch die schlechte Behandlung des Klerus unter dem Schah – die auch vor einer öffentlichen Prügelstrafe an einem Mullah nicht zurückschreckte. Daher war diese Ideologie eines über die Politiker hinausgehobenen Geistlichen für viele verführerisch. Für viele war es Ende der 70er Jahre unvorstellbar, dass sich diese Form des „Khomeinismus“, in v.a. einem Ölstaat wie der Iran es ist, lange durchsetzen kann und die Revolution sich gegen die gut ausgerüstete Armee des Schah durchsetzen könnte. In dieser Hinsicht darf man auf keinen Fall die Genesis des Schiismus vergessen. Aufopferung für den Glauben und insbesondere den Islam ist ein bedeutendes Thema im Schiismus und durch die Ankündigung der baldigen Wiederkehr durch Khomeini wurde die Revolution weiter angeheizt und war im Endeffekt erfolgreich. Auch wenn viele Mitstreiter der Revolution kurz nachher auf Distanz zu Khomeini gingen, so sieht sich der Iran heute auch als religiöses und politisches Zentrum für die gesamte islamische Welt. Vom Iran aus sollen Erneuerungsstöße ausgehen um – im Sinne Khomeinis – nicht-islamische Regierungen zu stürzen. Die Idee des Exportes der „Islamischen Revolution“ steht daher im Raum.

Öl & Co
Auch auf wirtschaftlicher Seite gibt es viele Ähnlichkeiten, aber gleichzeitig tiefgehende Unterschiede. Grundsätzlich hat Saudi- Arabien einige strategische Vorteile. Bei annähernd gleich großen Erdöl- und Erdgasvorkommen hat Saudi- Arabien nur ca. 1/3 der Einwohner im Vergleich zum Iran. Dieser finanzielle Vorteil kommt in zwei Teilbereichen zum Tragen. Zum einen ist Saudi-Arabien gewissermaßen ein Prototyp eines Rentierstaates (auch: Rentenstaat). Großes Human- und Wirtschaftskapital sind unproduktiv direkt oder indirekt vom Staat abhängig. Die meiste praktische Arbeit wird von ausländischen – mehrheitlich aus dem südasiatischen Raum kommenden – Arbeitern erledigt. Dieses System, das direkt vom Ölpreis abhängig ist, hat aber gleichzeitig eine massive Staatsverschuldung nach sich gezogen, da v.a. in den 80er Jahren der niedrige Ölpreis zu massiven Einbrüchen in der Handelsbilanz geführt hat. Wirtschaftlichen Einfluss hat Saudi-Arabien v.a. in der Organisation Erdöl exportierender Länder (OPEC), dies liegt v.a. an der Kapazität der Erdöl-Industrie. Saudi- Arabien ist das einzige Land, das die Produktion von ca. 7-8 Mio. Barrel am Tag um ca. 1-2 Mio. Barrel am Tag erhöhen kann. Durch diese Erhöhung kann es den weltweiten Markt – v.a. für die westlichen europäischen Länder und die USA – einigermaßen stabilisieren. V.a. durch die aktuellen Sanktionen gegenüber dem Iran hat dieser weniger direkten Einfluss auf die Weltwirtschaft. Ein Absatz gegenüber den westeuropäischen Staaten sowie den USA wird immer weniger und könnte gegen Null tendieren, wenn die geplanten neuen Sanktionen der USA im Sommer 2012 greifen. Schon heute findet ein gar nicht so geringer Teil des iranischen Außenhandels über direkte Tauschgeschäfte statt, da v.a. die Devisengeschäfte des Iran schon heute eingeschränkt sind. Hauptabnehmer des iranischen Erdöls und Haupthandelspartner sind heute die sogenannten BRICS-Staaten, also Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika. Insbesondere China bezieht ca. 40 % und Indien 12 % ihres Erdöls aus dem Iran. Insofern hat der Iran zwar keinen direkten Einfluss auf den Weltmarkt, sehr wohl aber einen indirekten, da seine Handelspartner einen Teil des notwendigen Erdöls nicht auf den gleichen Märkten kaufen wie Westeuropa und die USA und daher weniger Konkurrenz auf dem Weltmarkt entsteht. Die geografische Lage bietet dem Iran aber auch strategische Vorteile. Der Iran grenzt direkt an die Straße von Hormus. Durch diese Meerenge im Persischen Golf werden ca. 20 bis 25 % der weltweiten Erdöllieferungen täglich verschifft. Eine Beeinträchtigung der Schifffahrt oder sogar ihre gänzliche Sperre brächte katastrophale Folgen für die Weltwirtschaft. Diese Macht wird durch den Iran immer wieder in Manövern angedeutet.

Vielfältige Kulturen
Kulturell wird Saudi-Arabien durch den Islam bestimmt. Auch wenn die Wahabiya eine Form einer „Staatsreligion“ ist, so kann man dennoch nicht von einem kulturell einheitlichen Saudi- Arabien sprechen. Eher das Gegenteil ist der Fall. Saudi-Arabien ist in viele unterschiedliche Gebiete fragmentiert, die sich v.a. aus historischen Gründen stark unterscheiden. Nach der Eroberung durch die Familie Saud und ihre verbündeten Wahabiten wurden in den meisten Fällen die Gebiete politisch und militärisch kontrolliert, aber größtenteils die lokale Kulturtradition erhalten. Dieser ausgeprägte Regionalismus ist kennzeichnend für die Kulturlandschaft des Staates. Verbunden mit diesem Regionalismus ist auch ein starkes tribales Denken. Besonders wichtig ist dabei die Abstammung von „edlen“ arabischen Stämmen. Die Herrscherfamilie der Saud sieht sich selbst in der Abstammung des Stammes der Ànaza, allerdings wird diese Abstammung von einigen Seiten bezweifelt. Auch wenn die Herrscherfamilie Saud eher aus dem bürgerlich-städtischen Bereich stammt, so versucht sie – zumindest in ihrer Außenwirkung – in der Tradition der Nomaden zu stehen und dies auch folkloristisch zu leben. Ein Symbol dafür ist das Folklorefestival von Janadiriya, das auch live im Fernsehen übertragen wird. Für die Iraner sind die Araber per se kein Kulturvolk. Ihrer Meinung nach haben die Araber ihre Kultur mehr übernommen als entwickelt. Während die Araber ihre Kultur hauptsächlich auf Nomadentum und v.a. den Islam zurückführen, sind sich die Iraner einer 2.500 Jahre alten Kultur bewusst. Auch wenn es Versuche Khomeinis gegeben hat, die kulturelle Zeitrechnung mit der Islamischen Revolution neu beginnen zu lassen, so reicht das kulturelle Selbstverständnis viel weiter zurück. Aus europäischer Sicht wird dieses Kulturverständnis in vielen Bereichen negiert, da das persische Reich in der europäischen Geschichte mit dem Sieg der antiken Griechen mehr oder weniger verschwindet. Errungenschaften persischer Wissenschaftler und Philosophen werden weitgehend dem arabischen Raum zugesprochen, zu dem sich die iranische Bevölkerung nicht zugehörig fühlt. Ein Beispiel ist das Zahlensystem, aber auch viele Errungenschaften in der Mathematik.

Resümee
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass der Konflikt zwischen Saudi- Arabien und dem Iran in viele Teilaspekte zerfällt, die in vielen Bereichen Überschneidungspunkte besitzen. Eine ganzheitliche Lösung ist – zumindest im Moment – schwer vorstellbar, v.a. da beide Staaten von ihrem Selbstverständnis her sich als Führungsmacht der islamischen Welt sehen. In beiden Staaten ist die islamische Religion bestimmend. Des Weiteren haben beide Formen des Islam einen aktiven und offensiven Missionsgedanken in sich aufgenommen. Beide sehen sich als einzig gültiges System in der Ausübung des wahren Islam. Beide Länder haben über viele Jahrhunderte eine gemeinsame Geschichte in verschiedenen islamischen Reichen. Beide Staaten sind aus der Schwäche des Osmanischen Reiches entstanden. Auch in der wirtschaftlichen Komponente haben sie viele Gemeinsamkeiten. Auch wenn der Iran aufgrund von wirtschaftlichen Sanktionen und fehlenden ausländischen Investitionen im Moment im Hintertreffen gegenüber Saudi-Arabien liegt, so hat er dennoch reiche Rohstoffvorkommen, die ein erhebliches wirtschaftliches Potenzial darstellen. Insofern liegt ein Teil des Konfliktes auch in der Ähnlichkeit der wirtschaftlichen Möglichkeiten. Gemeinsam ist ihnen auch noch der gegenseitige Vorwurf der Einmischung in interne Angelegenheiten. Diese sind meist ein indirekter Ausdruck ihrer direkten Konkurrenz. 

DER SOLDAT-Ausgabe Nr. 12/2012 vom 20. Juni

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