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Sicherheitspolitik

Bgdr Dr. Harald Pöcher

Südafrika im Wandel

Vom einstigen Musterland am Kap der Guten Hoffnung zum Problemkind ohne Hoffnung?

Südafrika rückt für einen Monat, zwischen 11. Juni und 11. Juli, als Veranstalter der Fußballweltmeisterschaft 2010 in den Blickpunkt des weltweiten Interesses. Es lohnt sich daher, einen Blick auf die Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik des Landes am südlichen Zipfel Afrikas zu werfen.


Allgemeines über das Land
South Africa (Republiek van Suid-Afrika oder Riphabliki yeSewula Afrika) liegt im Süden des Kontinentes Afrika, umfasst eine Fläche von 1,2 Mio. km² und hat zur Zeit rd. 49 Mio. Einwohner (EW). Damit umfasst das Land eine Fläche, die sich über ganz Deutschland, Frankreich und Italien erstreckt, oder etwa 15 Mal größer als Österreich ist. In Bezug auf die Einwohnerzahl ist das Land annähernd mit Polen oder Spanien vergleichbar. Die Bevölkerung verteilt sich auf rd. 80 % Schwarzafrikaner, 9 % Weiße, 9 % entfallen auf Farbige und 2 % auf Asiaten, hauptsächlich indischer Abstammung. Die Hauptstadt ist Pretoria mit rd. 2,4 Mio. Einwohnern. Allerdings besitzen auch Kapstadt, mit dem Sitz des Parlaments sowie dem halbjährigen Sitz der Regierung von Januar bis Juni, und Bloemfontein, mit dem Sitz des obersten Berufungsgerichtes, eine Art Hauptstadtfunktion. Seit dem Ende der Apartheid zwischen 1990 und 1994, die nach dem Zweiten Weltkrieg eine strikte Trennung der Bevölkerung nach der Hautfarbe und eine große Einschränkung der Bürgerrechte für bestimmte Volksgruppen vorsah, ist die ANC (African National Congress) die bestimmende politische Kraft im Land.

Südafrika erwirtschaftete 2009 ein Bruttoinlandsprodukt (BIP) von rd. 283.000 Mio. US-$, dies ist weniger als das BIP von Österreich (415.000 Mio. US-$). Das BIP pro EW beträgt rd. 5.700 US-$, was dem BIP je EW von Serbien entspricht. Südafrika gehört, rein statistisch gesehen, zu den reichsten afrikanischen Staaten. Eine der größten Herausforderungen für das Land wird in Zukunft das Anheben des Bildungsniveaus des schwarzafrikanischen Bevölkerungsanteils sein und das Hintanhalten der Auswanderung der Weißen. Bislang kam es zu einer größeren Auswanderungswelle – speziell der weißen geistigen Elite des Landes, was wiederum Auswirkung auf den Bildungssektor und v.a. auf den Forschungsbereich hatte.

Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik
Nachdem das Land die Apartheid überwunden hatte, wurde es wieder zu einem anerkannten Partner in der Weltpolitik. Wichtigste Außenpolitische Zielsetzungen sind heute die Erhaltung und der Ausbau der guten nachbarschaftlichen Beziehungen und die guten Beziehungen zu den Mitgliedern der Afrikanischen Union. Als das international wirtschaftlich bedeutendste afrikanische Land gilt Südafrika in den internationalen Gremien als eine Art Sprachrohr für die Anliegen des Kontinentes Afrika.

Die Sicherheits- und Verteidigungspolitik ist ausgerichtet auf die Sicherstellung der Souveränität des Landes und auf die Hilfestellung bei der Krisenbewerkstelligung in afrikanischen Ländern durch Streitkräfte. Südafrika hat zu diesem Zweck fast 2.300 Soldaten im Rahmen von Einsätzen der Vereinten Nationen in der Demokratischen Republik Kongo und im Sudan sowie im Rahmen der Afrikanischen Union in Burundi.

Streitkräfte und Verteidigungsbudget
Die Streitkräfte Südafrikas wurden 1994 nach der Abschaffung der Wehrpflicht in ein Berufsheer umorganisiert. Heute beträgt der Personalstand rd. 64.000 Soldaten und 20.000 Reservisten. Die Streitkräfte, auch als South African National Defence Forces (SANDF) bezeichnet, sind die bestausgerüsteten und bestausgebildeten Streitkräfte im südlichen Afrika. Der Oberbefehlshaber ist Präsident Jacob Zuma, der Kommandant der Streitkräfte General Godfrey Nhlanhla Ngwenya. Rein organisatorisch gesehen, steht den Streitkräften ein Verteidigungsministerium vor, das auch das Streitkräfteführungskommando beinhaltet.

Die Armee verfügt über rd. 39.000 Soldaten und 12.500 Reservisten sowie rd. 6.500 Zivilisten. Die Großverbände der Landstreitkräfte sind eine mechanisierte Division, eine motorisierte Division und eine Brigade als rasche Eingreiftruppe. Die mechanisierten Verbände verfügen über 167 ältere Kampfpanzer der Type Olifant Mk 1 A und 1 B (Basis ist der britische Centurion), 176 Aufklärungspanzer (Rooikat-76) und rd. 1.200 Schützenpanzer verschiedenster Fabrikate (Ratel MkIII, Buffel Mk3) sowie 810 Allschutztransportfahrzeuge aus südafrikanischer Produktion (Casspir, Mamba 4x4). Die Artillerie verfügt über rd. 1.467 Geschütze und Granatwerfer aus heimischen Produktionsstätten. Handfeuerwaffen und Panzerabwehrwaffen stammen ebenfalls überwiegend aus heimischer Produktion, während die Fliegerabwehrwaffen zum Großteil aus Russland, China und der Schweiz angekauft wurden.

Die Luftwaffe verfügt über rd. 11.000 Soldaten und 1.000 Reservisten sowie rd. 2.150 Zivilisten. Die Organisationsstruktur der Luftwaffe ist stark zentralisiert. Die Luftwaffe besteht aus einem Geschwader Kampfflugzeugen, einem Geschwader Hubschraubern und einem Geschwader Transport- und Seeüberwachungsflugzeugen sowie einem Trainings- und Versuchsgeschwader sowie einigen besonderen technischen Einrichtungen. Verwendet werden 9 Gripen (weitere 17 werden bis 2012 geliefert) und 24 Hawk, 30 A 109, 39 Oryx und 4 Lynx, 8 C-130, 4 CASA C-212, 1 CASA CN-235M, 11 Douglas C-47TP.

Die Marine verfügt über rd. 6.900 Soldaten und 1.250 Reservisten sowie rd. 2.000 Zivilisten. Die Hauptaufgabe der Marine besteht im Schutz der rd. 2.800 km langen Küstenlinie und der Schifffahrtsrouten. Das Hauptquartier der Flotte liegt in Simon’s Town, weitere wichtige Marinebasen sind Durban und East London. Die Marine verfügt über 4 Fregatten, 40 Patrouillenboote und 3 Unterseeboote, hergestellt zum Großteil in deutschen und australischen Werften.

Südafrika besitzt keine strategischen Waffen, jedoch verfügen die Streitkräfte über operativ/taktisch einsetzbare Raketen und Lenkwaffen, etwa die Denel Raptor-2 Luft-Boden-Lenkwaffe mit einer Reichweite von rd. 120 km und Raketen und Lenkwaffen für Kampfschiffe mit einer Reichweite von 180 km.

Das Verteidigungsbudget der Streitkräfte betrug 2009 rd. 4,3 Mrd. US-$, dies entspricht etwa 1,5 % des BIP.

Die Rüstungsindustrie
Die Rüstungsindustrie von Südafrika war nach dem Ende der Blockkonfrontation Anfang der 90er Jahre besonders stark von der weltweiten Rezession betroffen. In der Hochblüte während des Kalten Krieges waren in der Rüstungsindustrie in Südafrika rd. 83.000 Personen beschäftigt, 2005 lediglich nur mehr 22.000. Die wichtigsten Abnehmer von südafrikanischer Rüstungstechnologie waren 2008 Indien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Thailand, Kolumbien, Kanada, Algerien, Malaysia, Spanien und Großbritannien.
Die wichtigsten Unternehmen, die heute Rüstungsgüter produzieren, sind der Staatsbetrieb Denel, BAE Land Systems South Africa, das Unternehmen Advanced Technologies and Engineering (ATE), Grintek und Reutech.

Denel ist mit seinen fast 10.000 Beschäftigten ein wichtiger Arbeitgeber im Land und erhält daher auch hohe Subventionen. 2006 erhielt das Unternehmen rd. 2 Mrd. Rand an Subventionen. Für das Überleben wurden auch strategische Partnerschaften eingegangen. Der Unternehmensbereich Denel Optronics kooperiert mit dem deutschen Konzern Zeiss (70 % Beteiligung) und der Teil Denel Aerospace mit dem schwedischen Rüstungsproduzenten Saab (20 % Beteiligung). Der deutsche Rüstungskonzern Rheinmetall wiederum beteiligt sich an Denel Munitions (51 % Beteiligung). Denel produziert Teile für das Kampfflugzeug Gripen und den Hubschrauber Agusta A-109, Laserentfernungsmesser, Teile für Lenkwaffen und Raketen sowie Handfeuerwaffen, hochbewegliche Gefechtfahrzeuge und Munition verschiedenster Kaliberklassen.

BAE Land Systems South Africa ist ein Rüstungsunternehmen, das zu 75 % zum britischen Konzern BAE gehört. Es produziert v.a. gepanzerte und ungepanzerte Militärfahrzeuge, bspw. den Casspir, ein allradgetriebenes Transportfahrzeug mit Minenschutz.

Advanced Technologies and Engineering (ATE) ist zu 20 % im Eigentum von BAE Systems. ATE entwickelt und produziert Cockpits und Waffensysteme für Starrflügler und Hubschrauber.

Grintek, früher bekannt als Grinaker Electronics, ist ein Anbieter für Elektronikprodukte und Avionik sowie Flugsicherungseinrichtungen. Die Abteilung Grintek Defence and Technology gehört zu 100 % dem Saab-Konzern.

Reutech ist das größte Rüstungsunternehmen Südafrikas, das sich im Privateigentum befindet. Reutech ist spezialisiert auf die Produktion von Kommunikationstechnologie, Feuerleitsystemen für Kampffahrzeuge, Radarsystemen und Minensuchsystemen.

DER SOLDAT-Ausgabe Nr. 11/2010 vom 9. Juni

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