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Obst Michael Simlinger, MSD

„Tiefster Frieden“ und fundierte Schießausbildung – ein Widerspruch?

Schießen – Kernkompetenz des Soldaten
Im Hauptprozess des Österreichischen Bundesheeres, der Ausbildung, stellt die Schießausbildung einen Kernprozess dar. Schießen ist militärisches „Grundhandwerk“ und betrifft somit alle Soldaten sowie einen Teil der Zivilbediensteten in einem unterschiedl i chen Umf ang (1 - 80 Schießtage pro Jahr) und unterschiedlicher Intensität (Ausbildung, Fortbildung, Weiterbildung, Einsatz).


Qualitätssteigerung
In früheren Jahren hatte die Schießausbildung aufgrund der seinerzeitigen Bedrohungen eine andere Zielsetzung als heute. Damals ging es v.a. darum, im Fall eines Angriffs auf Österreich möglichst viele Feindkräfte durch eine hohe Feuerdichte kampfunfähig zu machen und somit einen hohen Abhalte-/ Abwehreffekt zu erzielen.
  Die Personalstärke des ÖBH betrug ein Vielfaches von heute. V.a. bei den periodisch stattfindenden Waffenübungen hatten viele Soldaten nach einer langen Zeit ohne Schießausbildung und in nur begrenzt verfügbarer Zeit ihre Schießübungen zu absolvieren. Diese Rahmenbedingungen hatten entsprechende Auswirkungen auf die Qualität der Schießausbildung und Schießleistung.
  Heutzutage geht es aufgrund der geänderten Bedrohungsszenarien um „angemessene“ Gewaltanwendung. Beim Schießen, dem gefährlichsten und meist letzten Mittel einer Gewaltanwendung, kommt dem gezielten (Einzel-)Schuss besondere Bedeutung zu. Dabei sind die rechtlich komplexeren Bedingungen (z.B. Einsatzrichtlinien), die Vermeidung von Kollateralschäden und deren unter Umständen zwischenstaatlichen Auswirkungen zu berücksichtigen.
  Ein Umdenken, eine Umplanung und neue Qualitätsstandards in vielen Bereichen der Schießausbildung wurden somit erforderlich.

Umdenken
Die Erfahrungen im Rahmen der Ausbildung, insbesondere des Schießausbilderlehrganges für Sturmgewehr und Pistole, zeigen bei den nun neuen Szenarien im Rahmen der Gewaltanwendung/Waffengebrauch, dass unsere Kadersoldaten die zu bewältigende Situation teilweise nicht einwandfrei rechtskonform beurteilen können und es daher auch zu einem ungerechtfertigten Waffengebrauch kommen könnte.
  Mit den laufenden Kaderfortbildungen im Bereich des „Interaktiven Szenarientrainings“ wird diesem Umstand bereits jetzt entgegengewirkt. Zusätzlich ist ab 2012 eine neue Ausbildung von „Szenarientrainern“ als Basis für eine Ausbildung der Truppe im Bereich der rechtskonformen (Waffen-) Gewaltanwendung geplant.

Umplanung
Früher war z.B. ein Schießen unter 10 m weder möglich noch gefordert. Um dies sicherzustellen, mussten Sicherheitsbestimmungen adaptiert, Vorschriften geändert, Schießanlagen umbzw. neu gebaut, neue Munitionssorten und Schutzausrüstungen eingeführt sowie neue Schießübungen erstellt werden.

Qualitätsstandards
Vormals war z.B. beim Schießen mit der Pistole das Ausbildungsziel erreicht, wenn der Schütze auf 10 m Entfernung eine Ganzscheibe (ca. 160 x 50 cm) mit zumindest drei von acht Patronen getroffen hat. Jetzt sind auf 10 m Entfernung fünf Treffer mit fünf Patronen (= kein Fehlschuss) auf eine ovale Scheibe in DIN A4 (ca. 30 x 20 cm) gefordert.
  Es wurde bei jenen Waffen, die am wahrscheinlichsten zum Einsatz kommen können, nämlich Sturmgewehr und Pistole, eine Grundschießfertigkeit als Mindestanforderung definiert, die bei vielen Truppenkörpern der Einsatzorganisation bereits jetzt erreicht ist und auch bei der Grundorganisation spätestens bis Ende 2012 erreicht werden soll.
  Ab 2012 stehen erstmals sieben neue Schießsimulatoren/Infanteriewaffen zur Verfügung. Diese sollen nach etwa einem halben Jahr Probebetrieb ab Sommer 2012 für die Truppe verfügbar sein und werden in weiterer Folge zur Unterstützung der Verbesserung der Schießfertigkeiten und eines rechtskonformen Waffengebrauchs eingesetzt.
  Auch andere moderne Ausbildungsmittel, wie z.B. das Zielweganalysesystem SCATT, stehen bereits teilweise den Verbänden zur Verfügung.

Lebensgefährlicher Waffengebrauch
„Der Gebrauch von Patronen, Geschossen, Granaten und Kampfmitteln kann eine Gefährdung Ihres Lebens sowie des Lebens anderer Personen bedeuten, semper et ubique.“ Diese oder eine ähnliche Warnung, wie etwa auf Zigarettenpackungen, braucht nicht auf jeder Munitionskiste zu stehen. Die Gefahr im Umgang mit Waffen und Munition muss durch gediegene und verantwortungsbewusste Ausbildung in den Köpfen verankert sein, und das immer und überall. In Zeiten eines für Österreich „tiefsten Friedens“ muss es oberste Priorität sein, das uns anvertraute Personal unversehrt entweder aus Einsätzen wieder nach Hause zu bringen oder nach Ableistung des Wehrdienstes ins Zivilleben zu entlassen.
  In Umsetzung dieser Prämisse muss am Beginn jeglicher Schießausbildung allen Soldaten die Eigenverantwortung für jeden einzelnen Schuss bewusst gemacht werden. Während der Schießausbildung dürfen in Sicherheitsbelangen keine Abstriche gemacht werden. Die Auswertung von Schießunfällen der letzten Jahrzehnte hat gezeigt, dass grobe Fehler im Umgang mit Waffen und Munition (z.B. Finger am Abzug beim Ziehen der Pistole, Nichteinhaltung der Wartezeit bei Versagern) zwar selten vorkommen, meist jedoch zu schwerwiegenden Folgen geführt haben.
  V.a. bei nicht so routiniertem Personal kommen vermeintlich „kleine“ Fehler häufiger vor. Eine große Gefahr geht besonders bei einer Aneinanderreihung derselben aus, z.B. kein ordnungsgemäßes Entladen durch den Schützen, kein Überprüfen der Waffe bei Übergabe/nach dem Schießen (Zeitdruck, Dunkelheit, Wechsel des Sicherheitspersonals), keine Überprüfung des Zustandes der Waffe vor der Reinigung durch den Schützen. Diese „kleinen“ Fehler führten wiederholt zu unbeabsichtigten Schussabgaben mit allenfalls fatalen Folgen.

Komplexe Anforderungen für Ausbilder und Logistiker
Zusätzlich zu den rechtlichen und sicherheitsbezogenen Bereichen ist es eine Herausforderung für Planer und Umsetzer im Ausbildungs- und Logistikbereich, die richtige Munition zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort den jeweiligen Bedarfsträgern zur Verfügung zu stellen. Dies soll mit den folgenden Daten des Jahres 2010 verdeutlicht werden.

  • Es gab ca. 40.000 Bedarfsträger unterschiedlichster Funktionen und Waffengattungen, von der Einzelperson bis zum kleinen Verband/Kampfgruppe im In- und Ausland.
  • Die Schießausbildung erfolgte im Rahmen von nahezu 100 diversen Ausbildungsvorhaben (Lehrgängen, Kursen, Seminaren und Ausbildungsabschnitten).
  • Es wurde mit 30 verschiedenen Waffensystemen geschossen.
  • Es wurden mehrere Millionen Stk. Munition, unterteilt in 590 Munitionssorten, verschossen.
  • Es wurden etwa 100.000 Stk. Kampf-, Zünd- und Sprengmittel verbraucht.
  • Es kamen 25 Schießprogramme zur Anwendung, die bis zu 100 verschiedene Schießübungen (vom Schulschießen bis zum Kompaniegefechtsschießen) enthalten.
  • Die Schießausbildung stützte sich auf 5 Truppenübungsplätze und 2 externe Schießplätze, 17 Garnisonsschießplätze, 35 Schießbahnen, 245 Schießanlagen und 30 Sprengplätze im Inund Ausland ab.
  • Es kamen 125 Schießsimulatoren in 6 unterschiedlichen Systemen zur Anwendung.
  • Es wurden Dutzende Erprobungsschießen und Sonderschießen für die Implementierung von neuen Munitionssorten und neuen Schießverfahren durchgeführt.
  • Die Munition wurde in zahlreichen Munitionslagern sowie in etwa 1.000 Munitionskästen in den Kasernen gelagert.

Schlussbemerkung
Der oben angesprochene „tiefste Frieden“ kann für einen Soldaten, ähnlich wie bei einem Polizisten, in Sekundenbruchteilen zum „Krieg“ werden, wenn er durch einen Angreifer mit einer Waffe bedroht oder sogar unter Feuer genommen wird. Die qualifizierte Anwendung von Waffengewalt, als meist letztes Mittel der Gewaltanwendung, kann somit lebensrettend sein und bedarf daher einer fundierten Schießausbildung, „semper et ubique“. 

DER SOLDAT-Ausgabe Nr. 17/2011 vom 7. September

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