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Im soldat zu gast

Obst Karl-Heinz Leitner

Viele Armeen beneiden uns

GenMjr Mag. Norbert Sinn, der mit Ende November in den Ruhestand übertritt, zieht Bilanz über seine Tätigkeit als Kommandant der Theresianischen Militärakademie, die zukünftige Gestaltung der Ausbildung und seine Mitarbeit beim AMI. Das Interview führte Chefredakteur Obst Karl-Heinz Leitner.


DER SOLDAT: Herr Generalmajor, wenn Sie die letzten Jahre in Ihrer Funktion als Kommandant der TherMilAk Revue passieren lassen – was ist Ihr Resümee?
GenMjr Sinn: Zuerst einmal, die Theresianische Militärakademie ist einzigartig. Ehrlich. Jeder Gast, jeder militärische Besucher ist in ihren Bann gezogen. Das muss uns allen bewusst sein. Betrachte ich die zahllosen Jahrgangstreffen, die an der Akademie stattfinden, dann kann ich nur bestätigen – die Militärakademie ist die Heimat aller Offiziere. Die größte Herausforderung war wohl, manchem Verantwortlichen im Ressort zu verdeutlichen, dass ein Fachhochschulstudiengang nicht der Feind im eigenen Bett ist. Vielen handelnden Personen war einfach nicht bewusst, dass man einen Vertrag, den man selbst entworfen hat und sich wünscht, dann auch einhalten muss. Oder einfach ausgedrückt: Wir – das Ressort – haben beim FH-Rat die Führung eines FH-Studiengangs nach dem geltenden FH-Recht beantragt. Und der FH-Rat hat einfach vorausgesetzt und erwartet, dass dieser Vertrag, um nichts anderes handelt es sich, auch eingehalten wird. Mit der aus der zu geringen Auseinandersetzung mit dem Fachhochschulrecht resultierenden inkonsistenten Position hätten wir beinahe Schiffbruch erlitten. Nach innen haben wir in einem zweijährigen Prozess für unsere TherMilAk unter Einbeziehung aller Angehörigen ein Leitbild kreiert, das weit in die Zukunft reicht, und das für mich die Leitlinie meiner Überlegungen und meiner Bestrebungen darstellt. V.a. wollte ich auch erreichen, dass alle Angehörigen die TherMilAk als Ganzes verstehen, und alle Lebensbereiche betroffen sind.

Erst gab es den Fachhochschuldiplomstudiengang für Militärische Führung im Rahmen der Offiziersausbildung und dann den Wechsel zum Bachelorstudiengang. Welche Herausforderungen stellt diese Umstellung für Sie und Ihre Mitarbeiter dar, und wie stellt sich das Ergebnis aus Ihrer Sicht dar?
Der Umstieg in das dreistufige Bologna-Modell hat die TherMilAk und unser Institut 1 vor große Herausforderungen und Belastungen gestellt. Nicht nur, dass der neue Studiengang vor Ort konzipiert wurde und dabei auch unterschiedliche Rahmenbedingungen zu beachten waren, erfolgte dann die Ausbildung bis zum Jahr 2011 parallel für den Diplomstudiengang und den neuen Bachelorstudiengang. Dazu kam die Problematik der äußerst intensiven Belastung der hauptberuflich Lehrenden in der Lehre selbst, die keinerlei Möglichkeit mehr ließ, den Forderungen des FH-Rechts, auch eigenständige Forschungsleistungen zu erbringen, nachzukommen. Inwieweit der Umstieg auf das dreistufige Modell in dieser Form der Weisheit letzter Schluss ist, kann noch nicht gesagt werden. Wir werden wohl zumindest einen Jahrgang zur Gänze durch dieses neue System gehen lassen müssen, ehe wir im Rahmen einer von mir festgelegten Evaluierung bewerten werden können, inwieweit Ausbildungsthemen stärker berücksichtigt werden sollen, allenfalls auch die militärische Ausbildung im allgemein infanteristischen Rahmen. Andere Akademien im Ausland legen hier durchaus noch ein Schwergewicht darauf, bzw. sind sich die Kommandanten der europäischen Akademien einig, dass eine gediegene infanteristische Basis auch in Zukunft zur Bewältigung v.a. der Auslandseinsätze notwendig ist.

Immer wieder taucht die Frage auf, ob die Ausbildung an der TherMilAk adäquat (in besoldungsrechticher Hinsicht bzw. der Postenwertigkeit) honoriert wird oder ob da Nachbesserungsbedarf besteht?
Hier sehe ich echten Handlungsbedarf. Wenn sich die Politik einig ist, dass z.B. Lehr-, Pflege-, Erzieherberufe etc. eine hochschulische Ausbildung benötigen, dann ist es unlogisch, dass ausgerechnet der Berufsoffizier, der Verantwortung für Menschen in Extremsituationen trägt, die dabei zur Gänze vom Offizier/Vorgesetzten abhängen, Millionenwerte zu verwalten und ständig einsatzbereit halten muss, nicht eine hochschulische Ausbildung benötigen soll. Die Fragen der Sicherheit unseres Landes werden meiner Meinung nach zu wenig beachtet, obwohl, man braucht ja nur Tageszeitungen zu lesen, die Probleme immer gravierender werden. Und jeder Berufsoffizier, aber auch Unteroffizier, soll die seiner Ausbildung und Verantwortung zukommende adäquate Entlohnung erhalten. Und unter diesen Aspekten ist die Bezahlung des Truppenoffiziers einfach nicht adäquat, weil zu gering.

Generalstabschef Gen Commenda hat als eines seiner Ziele „Ausbildung des Personals mit gesteigerter Effizienz gestalten“ formuliert. Dahinter verbirgt sich u.a. eine Reform der tertiären Ausbildung im Bundesheer. Könnten Sie sich vorstellen, in welcher Form diese Reform umzusetzen wäre, und welche Aufgabe sollte darin die Militärakademie spielen?
Ich kann mir nicht vorstellen, dass damit eine „Schmalspuroffiziersausbildung“ gemeint sein soll. Das würde all unseren Ausbildungsidealen und Traditionen widersprechen. Vorstellen kann ich mir durchaus, in einem ergänzenden Schritt, ähnlich wie der Neugestaltung des 4. Semesters, ein oder zwei weitere Schwergewichtsfächer einzurichten, um noch breitere Weiterbildungsmöglichkeiten zu eröffnen. Sicherlich ist aus meiner Sicht wünschenswert, den gesamten Fachhochschulbereich an der Theresianischen Militärakademie zu versammeln, einfach, weil es in sich schlüssig ist, unser Campus alle Möglichkeiten bietet und sich Kooperationsmöglichkeiten mit einer ganzen Anzahl weiterer Fachhochschulen eröffnen. Aufgrund meiner Erfahrungen im europäischen und außereuropäischen Umfeld kann ich festhalten, dass an allen Militärakademien eine gründliche sowohl hochschulische als auch berufspraktische militärische Ausbildung erfolgt, unabhängig davon, ob ein Offizier nach einem bestimmten Zeitraum die Streitkräfte verlässt oder seine gesamte Berufszeit als Offizier dient. Wir dürfen nie aus den Augen verlieren, dass es vorerst die jungen Offiziere sind, die in Auslandseinsätze entsandt werden, und daher benötigen sie diese gründliche wissenschaftlich fundierte, berufsfeldorientierte und berufspraktische militärische Ausbildung, um in ihren Aufgaben im internationalen und so komplizierten multikulturellen Umfeld bestehen zu können und als Offizier vorbildlich und erfolgreich wirken zu können.

Werden Sie Ihrem Nachfolger die Stätte für die Aus- und Fortbildung der Offiziere des Österreichischen Bundesheeres „besenrein“ übergeben – oder gibt es doch noch die eine oder andere „Baustelle“, die Sie dem zukünftigen Akademiekommandanten zurücklassen müssen?
Also, besenrein geht vermutlich nirgendwo. Allein schon aufgrund der Tatsache, dass wir ja nur mehr von Transformation sprechen, also alle Projekte als fließend zu betrachten sind, und Änderungen ständig erfolgen. Denken Sie nur an die ständigen finanziellen und personellen Beschränkungen. Grundsätzlich bin ich aber überzeugt, dass die Theresianische Militärakademie mit dem Weg der Internationalisierung und Vergleichbarkeit auf europäischer Ebene, den sie in den vergangenen zehn Jahren eingeschlagen hat, ausgezeichnet aufgestellt ist und in vielen Belangen eine europäische Führungsrolle einnimmt. Um einmal auch das auszudrücken: Viele Armeen beneiden uns um UNSER Ausbildungssystem und den Weg, unsere jungen angehenden Offizier auszubilden. Ich denke, damit ist alles gesagt.

Herr Generalmajor, Sie sind neben Ihrer Funktion als Akademiekommandant der Präsident des Apostolat Militaire International (AMI), einer vom Heiligen Stuhl anerkannten internationalen katholischen Organisation. Welchen Einfluss hatte diese Funktion auf Ihre Arbeit im Rahmen des BMLVS bzw. ÖBH?
Das Apostolat Militaire International stößt genau in die Problembereiche, mit denen sich auch unser Ressort nun erstmals institutionalisiert auseinandersetzen will. Die Aufgaben des AMI sind die Verbreitung christlichen Verständnisses vom soldatischen Dienst und der Werte, die ihn charakterisieren, internationale Verständigung und Zusammenarbeit als Beitrag zum Frieden in der Welt, aber auch die Auseinandersetzung mit den geistigen, moralischen und gesellschaftlichen Problemen im militärischen Bereich. Aufgrund meiner Mitarbeit beim AMI in den vergangene zehn Jahren kann ich festhalten, dass die Probleme der Soldaten im militärischen Dienstbetrieb und die damit einhergehenden Probleme, die v.a. deren Familien mitberühren, ziemlich ausgeprägt, aber gleichzeitig ähnlich sind. Haltung, Moral, ethisches Verhalten, Führung sind daher die Themen, die AMI behandelt. Wenn man bspw. „Pacem in terris“ liest, erkennt man, welche Modernität und Aktualität ein 50 Jahre junges Dokument der Katholischen Kirche aufweist. Einfluss? Natürlich. Jeder Mensch sollte ständig dazulernen und Neues aufnehmen. Ich glaube schon, dass ich dies zumindest während meines bisherigen Lebens immer versucht habe – sonst wäre ich vermutlich auch nicht Generalstabsoffizier und zuletzt Kommandant unserer TherMilAk geworden. Und gerade die Arbeit in der Arbeitsgemeinschaft Katholischer Soldaten und dem AMI haben mein Bewusstsein in militärischer Hinsicht deutlich erweitert.

Werden Sie die Präsidentschaft des AMI auch nach Ihrem Übertritt in den Ruhestand weiter innehaben?
Ich bin bis Ende 2014 gewählter Präsident des AMI. Sollte diese internationale Vereinigung mit Mitgliedsstaaten von vier Kontinenten der Meinung sein, dass ich diese Aufgabe weiter ausüben soll, würde ich mich für eine zweite Funktionsperiode zur Verfügung stellen.

Nach mehr als 40 Jahren Dienst im Österreichischen Bundesheer treten Sie nun in den wohlverdienten Ruhestand über. Wie gedenken Sie, diese neue „Rolle“ anzulegen?
Wie für alle anderen ist auch für mich dieser Schritt ein einschneidendes Ereignis. Ich denke, dass meine Familie sehr froh ist, dass ich nach so vielen Jahren der Abwesenheit endlich nach Hause komme. Mir selbst ist es seltsam und ich habe einige Zeit benötigt, mich damit auseinanderzusetzen und darauf einzustellen. Schön langsam freue ich mich aber doch, mehr Zeit für meine Familie, unser Enkelkind und für meine bzw. unsere gemeinsamen Interessen verwenden zu können.

Herr Generalmajor, vielen Dank für das Gespräch. DER SOLDAT wünscht Ihnen alles Gute für Ihren weiteren Lebensweg.

DER SOLDAT-Ausgabe Nr. 22/2013 vom 20. November

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